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Literatur Das Große im Kleinen

Barbara Honigmann, Sproß einer Funktionärsfamilie der DDR, überrascht mit dem höchst lebendigen Porträt einer jüdischen Frau.
aus DER SPIEGEL 35/1996

In der Realität scheitert die jüdische Weltverschwörung daran, daß es in dem Augenblick, wo zwei Juden miteinander reden, mindestens drei Meinungen gibt - sagen viele Juden. In Barbara Honigmanns Erzählung »Soharas Reise« indessen funktioniert diese Verschwörung wider Erwarten ausgezeichnet*. Sie heißt hier - nach dem heiligen Text des Judentums - »Tora Connection«, verbindet Rabbiner aus aller Herren Länder und hat den Zweck, die sechs Kinder der Protagonistin aufzuspüren. Die sind nämlich von ihrem Ehemann Simon entführt worden.

Simon ist ein falscher Fuffziger, der einem aufklärerischen Pamphlet entsprungen sein könnte, ein frömmelnder Heuchler, ein Pseudo-Rabbiner, ein Betrüger, der angeblich Geld für Talmudschulen schnorrt und es in Wahrheit in die eigene Tasche steckt, und nun auch noch ein Kidnapper.

Zum Glück leistet die »Tora Connection« gute Detektivarbeit, eine chassidische Frau im Londoner Stadtviertel Stamford Hill gibt ihr den entscheidenden Hinweis, dann wird es spannend: Sohara setzt sich zum erstenmal in ihrem Leben in ein Flugzeug, fliegt nach England, wächst über sich hinaus und wird zu einer Art weiblichem James Bond.

Sohara gehört zu den »piedsnoirs« - mit diesem Spottnamen bedachten die Franzosen die Algerien-Franzosen -, und wie die anderen »pieds-noirs« wurde sie nach dem Desaster des Kolonialkriegs zurück in ein Mutterland vertrieben, das nie das ihre gewesen war.

Nur ist Sohara keine Französin, sie ist eine sephardische Jüdin, und ihre Leute haben schon in Algerien gewohnt, als es dort von Arabern noch keine Spur gab.

* Barbara Honigmann: »Soharas Reise«. Rowohlt Berlin Verlag; 120 Seiten; 28 Mark.

Nie wird Sohara die erzwungene Überfahrt übers Mittelmeer nach Frankreich vergessen, sie nennt sie wiederholt ihre »große Reise«, und es war ja auch eine - wenn auch nicht im Sinne des Romans von Jorge Semprún, der unter diesem Titel seine Fahrt mit dem Güterwagen ins KZ Buchenwald beschrieb. Solche Fahrten hat aber Frau Kahn mitgemacht, Soharas aschkenasische Freundin, die eine tätowierte Nummer auf dem Unterarm trägt und alle Deutschen - jawohl, ausnahmslos alle - für Kannibalen hält, ohne daß sie je von Daniel Jonah Goldhagen gehört hätte.

Sohara ist eine der liebenswertesten Figuren, denen in letzter Zeit der Odem der Literatur eingehaucht wurde. Wie haben wir es bisher nur ohne sie ausgehalten? Eine gottesfürchtige Frau mit Mutterwitz, die sich von keinem Mißgeschick unterkriegen läßt, kombiniert sie Aberglauben mit praktischer Vernunft und verfügt obendrein über einen gehörigen Schuß Selbstironie. Die Feministinnen werden aber wieder einmal nicht begreifen, welches Geschenk Barbara Honigmann ihnen da gemacht hat. Und Religionswissenschaftler lesen ja keine Belletristik, sonst würden sie staunen, wie subtil und entschieden hier eine praktizierende Jüdin gegen den Fundamentalismus anschreibt.

Marcel Reich-Ranicki äußerte vor zehn Jahren noch den Verdacht, Barbara Honigmann habe sich als typische Vertreterin ihrer Generation dem Irrationalismus in die Arme geworfen, zumal wenn er sich »in exotischem Kostüm« präsentiere. Sie habe die »Dogmen des Marxismus« gegen die »Gebote der mosaischen Religion« eingetauscht, und statt der roten Fahne leuchte ihr jetzt der Davidsstern.

Reich-Ranicki befand sich schon aus biographischen Gründen im Irrtum: Barbara Honigmann, Kind einer Funktionärsfamilie in der DDR, hatte zu keiner Zeit die Götter im Politbüro angebetet. Doch weit schlagender als durch ihre Biographie wird sein böser Verdacht nun in dieser Erzählung widerlegt.

Die Autorin stellt hier zwei Charaktere einander gegenüber. Auf der einen Seite steht der selbstgerechte Gangster Simon; sein Gegenpart ist Rabbi Hagenau, an den Sohara sich in ihrer Not wendet und der sofort die »Tora Connection« ins Leben ruft. Dieser orthodoxe Rabbiner sitzt in seinem Arbeitszimmer »wie ein Geschäftsmann in seinem Büro«, nebenan piept das Faxgerät, und auch sein Bart ist nicht so lang wie der von Simon, kurz: er hat keinen Funken Charisma, und als Hagenau hört, daß Soharas Mann sich immer tiefer in die Kabbala und das Buch Daniel vergraben hat, grummelt er mißbilligend: »ausgerechnet die Bücher, die keiner versteht«.

Mit diesem liebevollen Porträt schwimmt Barbara Honigmann bewußt im rationalistischen, dem antimystischen Mainstream des Judentums. Doch die Leistung ihrer Erzählung liegt ganz woanders. Im Kleinen und Gebrochenen, das nichts Exotisches hat, zeigt sie uns das Große und Ganze - das Allgemeinmenschliche, das keinem erspart bleibt.

Soharas Reise endet damit, daß ihre wiedergefundenen Kinder sie freundlich ins Schlafzimmer kommandieren: »Mama, ins Bett!« Vielleicht ist es nicht abwegig, darin eine Anspielung auf einen heiter-melancholischen Shakespeare-Vers zu sehen: » ... unser kleines Leben, abgerundet wird''s von einem Schlaf.«

* Barbara Honigmann: »Soharas Reise«. Rowohlt Berlin Verlag;120 Seiten; 28 Mark.

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