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LITERATUR Das gute, beschissene Leben

Junge Autoren öffnen Plattenschränke und Diskothekentüren, um vom Zustand ihrer Generation zu erzählen. Die Berlinerin Judith Hermann schafft es - ganz ohne popmoderne Prahlerei.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Es geht ein Gespenst um im deutschen Literaturbetrieb, das sich wildbunt kostümiert hat, vor lauter Kraft und Jugendlichkeit kaum laufen kann und allezeit eine Menge Lärm macht - unter dem Namen Pop-Roman verbreitet es Mitleid und Schrecken im ganzen Leseland.

Der Pop-Roman ist eine Geistererscheinung, die schon seit einiger Zeit in den Hirnen von Verlegern und Kritikern spukt, eine Art kollektiver Nachtmahr, den die Verleger und Kritiker selbst aber für eine große Vision halten. Deshalb fragen sie unentwegt ins schreibende Volk hinein: Wie lebt der junge Mensch im Zeitalter von Techno und Popmoderne? Und wer nur kann uns das bitte alles mal aufnotieren?

Das Ergebnis dieser ausdauernden Fragerei sind Bücher, die »Relax« oder »Soloalbum« oder gleich »Gut laut« heißen*. Bücher, deren Autorinnen und Autoren sich in der Pose von heldenhaften Frontberichterstattern gefallen und beherzt von durchtanzten Nächten, mehr oder weniger exotischen Drogen und hektischer Triebbefriedigung berichten - schwer was los im deutschen Großstadtdschungel.

»Tanzen, Nebel, bunte Lichter, Musik«, das ist die Welt der Teilzeit-Berlinerin Alexa Hennig von Lange, 25, die in »Relax« eine Clique von irgendwie wilden Metropolenmenschen porträtiert, dazu gibt es Joints, Pillen, Kokain - und Sinnkrisen vom Kaliber: »Nee wirklich. Mein ganzes Leben wird sowieso von Zwängen bestimmt. Ich habe echt 1000 Zwänge.« Neben Drogen und Musik schafft nur eines vorübergehende Er-

* Alexa Hennig von Lange: »Relax«. Rogner & Bernhard, Hamburg; 312 Seiten; 25 Mark. / Benjamin von Stuckrad-Barre: »Soloalbum«. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten; 16,90 Mark. / Andreas Neumeister: »Gut laut«. Suhrkamp, Frankfurt am Main; 184 Seiten; 28 Mark.

leichterung: »Vielleicht könnte man ja zur Abwechslung jetzt mal ficken.«

Benjamin von Stuckrad-Barre, 23, derzeit Köln, plagt sich in seinem Debüt »Soloalbum« mit ähnlichen Sorgen, zumal dem Ich-Erzähler, einem Ex-Musikjournalisten, gerade die Freundin abhanden gekommen ist. Deshalb muß er jetzt ganz viel über Mädchen mit und ohne dicken Hintern nachdenken, über gute und schlechte Drogen und vor allem über die Musik seiner Lieblingsband Oasis: »Bin sehr einsam. Manchmal glücklich. Ich höre immer nur noch Oasis«, heißt es da. Denn: »Das Stück ,All Around The World'' dauert 10 Minuten, es ist wunderbar, das schönste Stück im Moment.«

Bei Andreas Neumeister, 39, geht es in »Gut laut« gleich quer durch die Musikgeschichte der siebziger bis neunziger Jahre, um »drogensüchtiges Verlangen nach immer mehr toller Musik«. Jede Erzählung von »Ausgehweltmeisterinnen« und autobiographischen Malaisen ("Nie wollte Vater Toningenieur werden") löst sich auf in musikbesoffener Schwärmerei am, vom und über den Musikstandort München, der hier immer nur »Mjunik« heißt. Bald ächzt ein Zwischenmotto »heavy rotation: der Rausch wird stärker«, und der Fachsimpel deliriert in letzten Fragen: »Wie hat der Gründer von Mute-Records gleich wieder geheißen? Wie hat der Hit von Daniel Millers The Normal gleich wieder geheißen?«

Das Dilemma all dieser Bücher ist nicht bloß ihr Offenbarungspathos, mit dem einer Leserschaft von Ausgeschlossenen (und, immer aufs neue, dem Club der Eingeweihten) das Lebens-Einmaleins im Hier und Jetzt nahegebracht wird. Was »Relax«, »Soloalbum«, »Gut laut« und ein paar ähnlich geartete neue Bücher zur Qual macht, ist die wortreiche Sprachlosigkeit ihrer Autoren: Es reicht nicht, mit einem Lebensgefühl hausieren zu gehen, man muß auch noch unfähig sein, es auszudrücken.

Denn all das Geschnodder und Geschwelge überrollt jedes Gespür für Satzbau und Melodie; um auch nur einen mickrigen Moment für eine akribische Beobachtung oder einen echten Gedanken innezuhalten, ist im Lärm des großen Pop-Rauschens keine Zeit und kein Ort.

Natürlich verfügt der idealtypische Autor eines Pop-Romans über ein möglichst von Authentizität gesättigtes Vorleben: Alexa Hennig von Lange etwa hat mal fürs Fernsehen gearbeitet, Stuckrad-Barre ist ein begabter Journalist, Neumeister ein Veteran der Münchner Nachtclub-Szene und nebenbei ein bereits mehrfach bei Suhrkamp publizierter Erzähler.

Und wenn es nach dem Pop-Hirngespinst der Verleger und Kritiker geht, dann müßte auch die Berlinerin Judith Hermann, 28, eine tolle Pop-Autorin sein: Sie treibt sich schon seit ein paar Jahren herum in der sogenannten Berliner Subkultur des Stadtviertels Prenzlauer Berg, kellnert bis heute in einer Kneipe und kennt Frank Castorfs Volksbühne von innen; sie hat ein paar Semester Musik studiert und war mal ein ganzes Jahr mit einer Berliner Popband namens Poems for Laila unterwegs.

In Hermanns Erzähldebüt werden dann tatsächlich Sängerinnen wie Polly Jean Harvey beim vollen Namen genannt, und die Autorin stellt ihrer Story-Sammlung ein Motto von Tom Waits voran: »The doctor says, I''ll be alright, but I''m feelin blue«.

In den Geschichten des Hermann-Bandes »Sommerhaus, später« aber herrscht eine Stille, die für Klarheit und Genauigkeit sorgt; manchmal dient sie auch dem Heraufbeschwören einer Bedrohung*: In der Erzählung »Hurrikan« etwa warnen Radiosprecher vor einem heranziehenden Wirbelsturm, während zwei junge deutsche Frauen ihre letzten Urlaubstage auf einer Karibikinsel verbringen. Die Gefahr der Naturgewalt überschattet das egozentrische Liebesabenteuer, zu dem sich eine der beiden Frauen am Abschiedsabend entschließt. Daß der Hurrikan die Insel dann doch verschont, ist typisch für die Welt, in der Hermanns Storys spielen: Es sind nicht die großen Tragödien, von denen hier erzählt wird, sondern Stürme, die vorüberziehen.

Auch Hermanns Sprache verzichtet auf alle Windmacherei. Die Anfangssätze ihrer Geschichten lauten »Stein fand das Haus im Winter« oder »Sonja war biegsam«, und einmal, ungewohnt gesprächig: »Mein erster und einziger Besuch bei einem Therapeuten kostete mich das rote Korallenarmband und meinen Geliebten.«

In diesem staunenswert sicheren, manchmal fast aufdringlich lakonischen Ton schildert die Autorin jeweils ein paar Momente aus dem Leben von leicht aus der Bahn geworfenen Gegenwartsmenschen: Einen jungen Maler reißt die Begegnung mit einem eigensinnigen, keineswegs besonders attraktiven Mädchen ("blaß im braunen Mantel und wirklich unwichtig") aus der Selbstzufriedenheit seiner Boheme-Existenz; eine junge Frau flirtet mit einem Theaterregisseur und landet statt im Bett des berühmten Mannes in

* Judith Hermann: »Sommerhaus, später«. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M.; 192 Seiten; 20 Mark.

dessen Küche, wo die Regisseurs-Ehefrau den Gästen bis zum Morgengrauen Blondinenwitze erzählt. Ein alternder Künstler hat sich im Oderbruch eine Landidylle geschaffen, in die ungebeten zwei junge Besucher eindringen - wodurch ihm erst bewußt wird, »daß es gut und beschissen zugleich war, so zu leben«.

Judith Hermann ist selber aufgewachsen in einem Künstlerhaushalt im (West-) Berliner Stadtteil Neukölln. Als sie diese Geschichten aufschrieb, hatte sie, so jedenfalls berichtet sie heute, »die Angst, daß das alles viel zu altmodisch ist«.

Zuvor hatte sie, fast nebenbei, »vor allem, weil das Ganze nur 15 Monate dauerte«, eine Ausbildung an einer Berliner Journalistenschule absolviert; nach einem halbjährigen New-York-Aufenthalt bewarb sie sich mit einer ersten Kurzgeschichte - erfolgreich - um einen Stipendiatsaufenthalt im ehemaligen Günter-Grass-Anwesen in Wewelsfleth an der Elbe, wo »Sommerhaus, später« in den ersten Monaten des vergangenen Jahres entstand.

Zu denen, die Judith Hermanns Talent erkannten, gehören die Schriftstellerinnen Monika Maron und Katja Lange-Müller, trotzdem machten sie die Kritiker-Reaktionen auf ihr Buch »einfach fassungslos": Marcel Reich-Ranicki nannte sie im »Literarischen Quartett« des ZDF »eine hervorragende neue Autorin«, Hellmuth Karasek schwärmte vom »sehr traurig machenden Sound einer neuen Generation«.

Viele jugendbewegte Leser mögen das als Lob von der falschen Seite werten, Judith Hermann jedenfalls will nicht die Klassensprecherin ihrer Altersgenossen sein: »Ich habe über mich geschrieben und über ein paar Menschen um mich herum«, beharrt sie trotzig. Zur Selbstverständlichkeit (und zum Selbstbewußtsein) ihres Erzählens gehört es, daß sie, anders als die meisten jüngeren Kollegen, ihre Figuren nicht erklärt: Wenn sie keine Lust auf viele Worte haben, sagen sie »Es ist schwierig zu erklären« - und lassen es einfach.

Vom Irrsinn des Pop-Wahns blieb Judith Hermann trotzdem nicht verschont. Weil sie in einer ihrer Geschichten von einem alten Mann namens Hunter Tompson erzählt, der in einem New Yorker Hotelzimmer auf den Tod wartet, erkannte das Magazin »Focus« messerscharf: Hier werde die US-Pop-Ikone Hunter S. Thompson demontiert, Hermann schildere die »seelischen Verheerungen der amerikanischen Reporterlegende in bestechenden Sequenzen«.

»Eigentlich sollte man solche Dinge gar nicht aufklären«, sagt Hermann, »aber mit dem Reporter Hunter S. Thompson hat meine Geschichte leider überhaupt nichts zu tun. Ich habe das alles so ähnlich erlebt - und der Mann in dem New Yorker Hotel hieß nun mal einfach Hunter Tompson«.

In Hermanns Welt der alltäglichen Fluchten und merkwürdigen Zufälle ist Pop nicht mehr als ein weiteres kleines Mißverständnis ohne Bedeutung. WOLFGANG HÖBEL

* Alexa Hennig von Lange: »Relax«. Rogner & Bernhard, Hamburg;312 Seiten; 25 Mark. / Benjamin von Stuckrad-Barre: »Soloalbum«.Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten; 16,90 Mark. / AndreasNeumeister: »Gut laut«. Suhrkamp, Frankfurt am Main; 184 Seiten; 28Mark.* Judith Hermann: »Sommerhaus, später«. Fischer TaschenbuchVerlag, Frankfurt a. M.; 192 Seiten; 20 Mark.

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