Zum Tod von Peter Marxen Das Herz von Onkel Pö

Al Jarreaus Weltkarriere begann hier, und Udo Lindenberg ersang sich lebenslanges Freibier: Um die Hamburger Szenekneipe Onkel Pö ranken sich Legenden. Dahinter steckte Peter Marxen, ein unvergleichlicher Jazzfan und Wirt.
Ein Nachruf von Hans Hielscher
Peter Marxen 2007

Peter Marxen 2007

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Reto Klar

"Pö-Jahre sind wie Hundejahre, die zählen siebenfach", sagte der von Alkohol und selbstausbeuterischem Arbeitspensum geschlauchte Wirt bei der Übergabe des Lokals an seinem Nachfolger. Peter Marxen hatte "Onkel Pö's Carnegie Hall", die Eckkneipe im Hamburger Stadtteil Eppendorf, zum international bekannten Szenetreff gemacht. Udo Lindenberg bekam lebenslang Freibier, weil er den Laden im Hit von der "Rentnerband, die im Onkel Pö Dixieland" spielt, besang.

In dem rauchigen Raum sind Otto Waalkes und Herbert Grönemeyer - "noch 'n Schauspieler, der singt" -  aufgetreten. Marxen kannte die Hamburger Kulturszene. Zu ihm als Saufkumpan und Seelentröster kamen Opern- und Theaterkünstler. Der stämmige Bartträger wusste genau, dass ein doppelter Jägermeister gewünscht wurde, wenn sich Michael Naura an die Theke begab und "flüssige Scheiße" verlangte.

Die Sängerin und Schauspielerin Evelyn Künneke 1984 vor dem Onkel Pö.

Die Sängerin und Schauspielerin Evelyn Künneke 1984 vor dem Onkel Pö.

Foto: Helmut Reiss/ United Archives/ Getty Images

Die Freundschaft mit dem Piano spielenden Chef der NDR-Jazzredaktion und mit Label-Managern wie Siegfried Loch vom damaligen WEA-Konzern machte möglich, dass Marxen seine große Liebe ausleben konnte: Er holte Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Chet Baker, Art Blakey, Chic Corea und Pat Metheny in seine für maximal 300 Gäste zugelassene "Karnickelhöhle" (Marxen). Geld für die Gagen brachten Rundfunkmitschnitte und Einnahmen aus Auftritten von nur lokal bekannten Musikern.

Marxen erinnerte sich gern an den "Tag, an dem die Bierhähne stillstanden": Hingerissen von der Musik des bis dahin völlig unbekannten Amerikaners Al Jarreau vergaßen die Leute zeitweilig das Trinken. Plattenmacher Loch, Radiomann Naura und Kneipier Marxen hatten den schmächtigen 35-Jährigen aus Milwaukee nach Hamburg geholt, der wie mit einem Orchester in der Kehle Töne von Bongotrommeln und Saxofonen produzierte. In fünf Tagen im Onkel Pö begann Al Jarreaus Weltkarriere. Fortan wurde das Ecklokal auch Anziehungsort für Konzert- und Festivalveranstalter.

Marxen wurde an der Ostsee am Weißenhäuser Strand geboren und schlug sich zunächst als Seemann und freier Grafiker durchs Leben. Im damals im Stadtteil Pöseldorf existierenden Onkel Pö arbeitete er als Kellner, als ihm die Idee kam, die Kneipe zu übernehmen. Er genoss von Herzen, dass sie Auftrittsort von Künstlern wurde, die er von Platten kannte und verehrte. Nach vier turbulenten Jahren verabschiedete sich Marxen ausgelaugt aus Hamburg und übernahm das Feinschmecker-Restaurant "Forsthaus Hessenstein" in Ostholstein. Dort erinnerten Jazz aus Lautsprechern und Bilder von Ernst Kahl an seine musischen Vorlieben.

Peter Marxen starb, wie erst jetzt bekannt wurde, am 10. Juni im Alter von 80 Jahren.

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