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Jurek Becker über H. J. Schädlich: "Versuchte Nähe" Das ist ja der Poeten Amt

aus DER SPIEGEL 43/1977

Der Ost-Berliner Schriftsteller Jurek Becker, 40, international bekannt geworden durch seinen Roman »Jakob der Lügner, ist in diesem Jahr aus dem DDR-Schriftstellerverband aus Protest ausgetreten. Ein neuer Roman des Biermann- und Kunze-Sympathisanten, der in der DDR nicht erscheinen kann, soll 1978 bei Suhrkamp in Frankfurt herauskommen: »Schlaflose Tage. -- Hans Joachim Schädlich, 42, lebt ebenfalls in Ost-Berlin und hat seinen Erzählungen-Band »Versuchte Nähe« ebenfalls bislang nur in der Bundesrepublik veröffentlichen können.

Gewöhnlich gelangt man bei Lektüre

von Büchern irgendwann an einen Punkt, an dem man beschließt, die folgenden Seiten mit Sympathie zu lesen oder aber mit Skepsis. Dauert die Unentschiedenheit lange, bis tief in das Buch hinein, wandelt sie sich in den allermeisten Fällen zu Abneigung.

Das zu besprechende Buch besteht aus 25 Texten, deren erster mich zu der Meinung brachte, es sei außergewöhnlich. Ein frühgefälltes Urteil, das ich bis zum Schluß nicht zu bereuen brauchte. Schädlichs Prosa ist schön und auf erstaunliche Weise zutreffend, ich wage, das zu sagen, ich halte mich für einen Kenner der Zustände, die sie im Auge hat. Natürlich sind die Geschichten von unterschiedlicher Qualität, doch nicht von unterschiedlichster. Irgendwie scheint mir, das Buch würde zum Anfang hin immer besser.

Es durfte in der DDR, wo es unbedingt hätte erscheinen müssen, nicht erscheinen. Im Verlag hörte ich: es sei zu einseitig. Ganz abgesehen davon, daß einer der Vorzüge großer Literatur wohl in ihrer Einseitigkeit besteht, im Verzicht auf Ausgewogenheit, war die Auskunft, vermute ich, ungenau. Sie hätte lauten müssen: Das Buch ist zwar einseitig, doch auf die falsche Weise.

Schädlichs Versuch, seine Prosa im eigenen Land zu verlegen, ist daran gescheitert, daß er eine Fülle von Gewohnheiten außer acht ließ, auch die heimlichen Regeln, die nie laut verkündet wurden und doch unerbittlich gelten, und die von ihren Erfindern Verleumdung genannt werden, sobald einer öffentlich über sie spricht. Nur: Wenn ein Autor über etwas schreibt, worüber die Kollegen seines Landes lieber schweigen, so muß das nicht ihm angekreidet werden, sondern der Meute seiner Kollegen. (Ein wachsendes Problem: Die einen wissen, wie man sich zu benehmen hat, können aber nicht schreiben. Bei wenigen anderen ist es umgekehrt.)

Schädlich mochte die Umschweife und Ausreden der vielen nicht als verbindlich akzeptieren. Darum schreibt er über Zensur und Selbstzensur, über das Verlangen nach Bewegungsfreiheit, das ja nicht aufhört zu existieren, wenn es unterdrückt werden muß. Über den kleinen Lohn der Opportunisten, über Einsamkeit inmitten angeblichen Lebens. Über Traditionen, die leben und doch besser tot wären. Und über Resignation, doch nicht mit der Stimme eines Resignierten. Und fast immer schreibt er über jemanden, dem ich so ähnlich schon begegnet bin, im Leben andauernd und in Büchern selten.

Dann die Namensgebung. Schädlich unterzieht sich der großen Mühe, für alles zu Beschreibende sich eigene Namen zu suchen und nur solche zu verwenden, die den Maßstäben seiner übrigen Sprache standhalten. In der Regel sind das nicht dieselben Namen wie die amtlich verordneten, und aus dieser Differenz wachsen bei einem Leser wie mir Erstaunen und Abstand und Genuß und nicht selten das Begreifen von etwas, das als schon begriffen galt.

Bei Schädlich heißt es: »Ein Kommando der städtischen Polizei.« Richtig wäre: Genossen der Volkspolizei. Bei Schädlich steht: »Wenige Zeit vor den großen Festspielen » wo es richtig heißen müßte: Wenige Zeit vor den Weltfestspielen der Jugend und Studenten.

Bei Schädlich heißt es: »In kurzen Abständen ist hinter oder vor dem Seil Personal postiert, das zum Schutz dient und auch wie Schmuck ist. Die jungen Männer, uniformiert und leichtbewaffnet' werden für die Dauer des Vorbeizuges nicht ausgetauscht.« (Vor der Ehrentribüne nämlich, zur Demonstration an einem 1. Mai). Richtig müßten diese Sätze gestrichen werden, denn der Tatsache, daß auch in unserem Land die Notwendigkeit existiert, die Repräsentanten von Partei und Regierung zu schützen, wird öffentlich nicht Erwähnung getan, der Himmel weiß, welch eine Sorte Scham dahintersteckt.

Bei Schädlich steht: »Die Tätigen«, es muß aber heißen: Die Werktätigen. Und nicht »die Kraft der Lehre« muß es heißen, sondern: die Kraft des Marxismus-Leninismus' und nicht »Mitglied in freiem deutschem Gewerkschaftsbund«, sondern: Mitglied im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund.

Dann die vielen vernichtenden Sätze, die ein Dichter zwar nach Belieben benutzen dürfen müßte, sofern sie ihm bei der Hand sind, die aber in Schädlichs abstinenter Umgebung wie gotteslästerlich wirken, oder wie unerlaubter Waffenbesitz.,, Verstöße gegen behördlichen Schönheitssinn.« Über das Verhältnis eines Politikers zur Bühnenkunst: »Hauptsächlich zieht ihn an gesungenes Handeln oder handelnder Gesang. Denen zu lauschen, die dem Wort zweifachen Klang verleihen und also zweifache Kraft!« Über einen Herrscher: »Klarheit ging ihm vor Schönheit; ohne Scheu wiederholte er sich, wenn es die Sache erforderte.« Über das Unglück einer jungen Frau: »Muß für Weite gelten lassen die kleine Klarheit des Sees vor der Stadt, den Hügel ansehen für einen Berg.«

Vor kurzer Zeit, auf einer Versammlung des Schriftstellerverbandes in Berlin, erhob eine Person die Forderung, Schädlich möge als Kandidat des Verbandes gestrichen werden oder aber, was besser wäre, mit einem letzten Rest von Anstand seine Kandidatur selbst zurückziehen. Die Anwesenden, sofern sie nicht eine ähnliche Meinung äußerten, schwiegen bedächtig.

Es muß unbedingt gefragt werden, welchen Sinn es hat, die Auswanderung von Schriftstellern aus der DDR zu beklagen, wenn nicht zuvor beklagt wird, daß ihre Bücher schon lange vor ihnen ins Exil getrieben werden. Falls es nicht eine bloße Schutzbehauptung ist, daß unsere Gesellschaft die Sensibilität der Dichter braucht, muß der Kampf, sie auch nutzbar zu machen, endlich geführt werden. Sonst hat das Land in seinen Poeten nur ein paar Fresser mehr, die ständig im Wege stehen, immer schlechter Laune sind und einen großen Teil ihrer Begabung aufs Überleben verwenden müssen.

Daß literarische Erzeugnisse den Betrieb eines Landes so beeinflussen können, wie es bei uns offenbar der Fall ist

sonst wären die heftigen staatlichen Reaktionen unerklärlich -, halte ich nicht für einen Nachteil, sondern eher für erfreulich. Der Vorgang scheint zwar ein Indiz für mangelnde Konsolidierung zu sein, und vielleicht ist eine solche Wertung auch nicht falsch, doch mit besserem Grund und auch mit Hoffnung sehe ich darin ein Zeichen, daß die Erstarrung noch nicht eingetreten und daß Beruhigung möglich ist.

Das könnte Zuversicht rechtfertigen. Unsere Behörden sollten Gott danken. daß sie nicht nur die Dichter haben, die sie sich wünschen. Allerdings darf es nicht mehr allzu lange beim bloßen Danken bleiben, sonst tritt der poetische Ernstfall doch noch ein. Und dann wird es Bücher wie die »Versuchte Nähe« nicht mehr geben.

Ich will das Loblieb auf Hans Joachim Schädlich nicht beenden, ohne ein Wort über den Ort zu verlieren, an dem es gesungen wird. Dieser Ort ist nicht so sehr der SPIEGEL wie der Westen, der gute alte Westen, der im Notfall immer einspringt.

Ich stelle mir vor: Ein bundesrepublikanisches Buch verstört die kleine oder große Koalition so sehr, daß sie es verbietet. Wie dann die DDR-Verlage, stelle ich mir vor, und die DDR-Zeitungen zur Verfügung stehen und ganz bereitwillig sind; wie genau das geschieht, was jetzt hier stattfindet mit unseren füsilierten Büchern, seitenverkehrt.

Man wird mir entgegenhalten, und ich weiß es ja selbst: Deine Hypothese hinkt vorne und hinten, denn dieser Fall tritt nicht ein, wir sind ein freiheitlicher Rechtsstaat, bei uns kann jeder seins sagen und schreiben. Mein Gott, wie wahr das ist. Doch auf eine Weise wahr, die bestimmt nicht nur vorzüglich genannt werden darf. Was gehen die kleine oder große Koalition Bücher an? Ihr könnt euch hier jedes Buch leisten, weil Bücher euch nichts anhaben können. Und das ist nicht die Schuld der Bücher. Am Grad der Konsolidierung liegt es, von der die Ignoranten sagen, es sei die reine Festigkeit, und sehen nicht die Komponente Unempfindlichkeit darin.

Wie hei uns in der DDR die wenigen Werke der Dichter so traurig oft auf der Strecke bleiben, weil der Staat so ängstlich ist und im Zweifelsfall immer den Notgroschen Verbot aus der Tasche zieht, so zerschellen sie anderswo an den vielen tauben Ohren. Dabei muß bedacht werden, daß fast ein jeder mit intakten Ohren zur Welt kommt. Die fraglose westliche Annehmlichkeit, bei Ablehnung eines Mamiskripts zu einem anderen Verlag gehen zu können und nicht gleich den Staat wechseln zu müssen, ist nicht eben billig erkauft. Sie hat zur Bedingung, daß Geschriebenes nichts ausrichtet, oder fast nichts, jedenfalls viel zu wenig. lind wenn Literatur nicht ausschließlich als ein Akt der Selbstbefreiung des jeweiligen Autors verstanden wird, und nicht nur als ein Ding, das hin und wieder einen Fachmann mit der Zunge schnalzen läßt, dann ist die Frage nach ihrem günstigsten Standort nicht so leicht beantwortet, wie mancher meint.

Nur an die nackte Existenz sollte es den Dichtern nicht gehen. Schädlich läßt einen von ihnen, während eines Verhörs, im Jahre 1590 sagen: »Das ist ja der Poeten Amt, daß sie das Üble mit Bitterkeit verfolgen.« Das müßte doch einzusehen sein.

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