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SCHRIFTSTELLER »Das ist mein Staub«

Die amerikanische Autorin Erica Jong über die Gefühle der New Yorker nach der Katastrophe
Von Erica Jong
aus DER SPIEGEL 39/2001

Jong, 59, wurde mit ihrem autobiografischen Roman »Angst vorm Fliegen« (1973), einem Millionenerfolg, weltweit bekannt und lebt als Autorin in New York; in ihrem zuletzt erschienenen Roman »Seliges Angedenken« (1997) schildert sie unter anderem die Einwanderung ihrer russisch-jüdischen Vorfahren. -------------------------------------------------------------------

An manchen Septembertagen ist der Himmel in New York so blau wie die viktorianische Schürze von Alice im Wunderland. Jener Dienstag war so ein Tag. Die New Yorker wachten mit all ihren üblichen Liebessorgen, Geldsorgen, Immobiliensorgen auf, und dann wurden wir - mit einem brodelnd aufblitzenden, orangefarbenen Feuerball - daran erinnert, was wirklich zählt.

Kurz vor neun und kurz nach neun an einem Werktagmorgen schlugen zwei entführte Flugzeuge in das doppelte Phallussymbol des World Trade Center, vergewaltigten unsere Unschuld und ließen uns wissen, wie verwundbar wir tatsächlich sind. Seither ist das ganze New York, das überlebt hat, gedämpft, benommen, gespenstisch still. Von meinem Fenster im 27. Stock an der 69. Straße aus sehe ich immer noch gelbe Rauchschwaden, wo früher das World Trade Center stand.

Auf den Straßen im Norden und in der Stadtmitte sind die New Yorker schweigsam, höflich, hilfsbereit. Es wird nicht gehupt, nicht lauthals geflucht. Man sieht wenige Taxen, wenige Privatwagen. Viele Schulen und Büros sind geschlossen, und das Wetter bleibt herrlich - so ist der Central Park voller Menschen und Hunde, Kleinkinder und Eltern.

Aus dem südlichen Manhattan, dem so genannten Ground Zero, verbannt, verfolgen wir auch in dieser Stadt die neuesten Nachrichten im Fernsehen. Am Tag des Einschlags waren die Telefonleitungen in Manhattan größtenteils unzuverlässig. Mobiltelefone funktionierten überhaupt nicht, und selbst im Festnetz bekam man oft keinen Wählton.

Wir blieben in unseren Häusern und klebten am Bildschirm; und dann juckte es uns doch, und wir fanden einen Grund, hinauszugehen. Zwischen den gespenstischen Straßen im Norden und den grellen Fernsehapparaten, in denen der Augenblick des Einschlags ständig wiederholt wurde, gab es einen tiefen Bruch.

Am ersten Tag kannte jeder jemanden, der fast gestorben wäre. Bei mir war es eine junge Freundin, die aus ihrem Büro im nördlichen Turm 51 Stockwerke hinabstieg und sich so in Sicherheit brachte. Als ich mit ihr sprach, betrachtete sie die Ereignisse noch gelassen. Es war ihr noch nicht bewusst geworden, dass sie jetzt tot wäre, wenn sie nur fünf Minuten gezögert hätte. Es war ihre Entschlossenheit, die ihr das Leben gerettet hat. Sie hat nicht gewartet, bis sie evakuiert wurde. Sie ging einfach. Schade nur, dass mehr Menschen weniger entschlossen waren. Oder dass sie in höheren Stockwerken feststeckten. Oder, in einigen schrecklichen Fällen, angewiesen wurden, wieder in ihre Büros zurückzukehren.

Am zweiten Tag kannten die meisten New Yorker jemanden, der nicht nach Hause zurückgekehrt war. Die Fernsehnachrichten waren voll von Geschichten über Angehörige, die die Stadt durchstreiften, von einem Krankenhaus zum nächsten, auf der Suche nach ihren Verwandten. Diejenigen von uns, denen ein Volltreffer auf unser Leben vorläufig erspart geblieben war, zogen ebenfalls etwas ziellos umher. Wir versuchten, uns nützlich zu machen, indem wir uns in endlose Schlangen einreihten, um Blut zu spenden, uns freiwillig zu melden, wenn wir medizinische Kenntnis hatten, oder wir liefen einfach umher, um die Zeit zu vertreiben.

Bald werden wir alle jemanden kennen, der gestorben ist.

Auch am dritten Tag streifte immer noch eine verblüffende Anzahl fassungsloser New Yorker durch die Stadt. Jeder von uns trug eine Miene wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Der wirkliche Schock ist der, dass der Krieg unsere eigenen Ufer heimgesucht hat. Wir können es nicht fassen. Es ist, als hätte uns Gott Immunität zugesichert. All diese Türme, die in den Himmel emporragen - hätten wir sie denn so hoch gebaut, wenn wir geglaubt hätten, dass sie verwundbar sind?

New Yorker meinen, sie hätten ein Anrecht auf himmlische Aussichten, sofern sie sich solche leisten können. Himmlische Aussichten leugnen die Möglichkeit des Terrorismus. Im vergangenen Frühling fand unter dem East River ein Erdbeben statt, das auch das Hochhaus erschütterte, in dem ich wohne. Rückblickend erscheint es wie ein Omen. Die New Yorker haben eine gewisse Unbekümmertheit, von der bedächtige Europäer begeistert sind. Diese Unbekümmertheit kommt daher, dass wir in einem Land leben, das noch nie vom Krieg verwüstet worden ist und das nicht daran glaubt, der Krieg könne den Atlantik überqueren.

Am 11. September haben wir diese Unbekümmertheit verloren. Wir werden nie wieder dieselben sein. Wir haben uns zur verwundbaren menschlichen Rasse gesellt. Diese Veränderung fing an, in unser Bewusstsein einzudringen, als der Dunstschleier des gelben Rauchs anfing, in unsere Knochen einzudringen. Wir konnten das Schwelen der Stadt riechen.

Bis zum Mittwochabend brannten einem in ganz Manhattan die Augen. Der gelbe Rauch wehte nach Norden, erinnerte die Bewohner der Upper East Side daran, dass der Krieg zu ihnen nach Hause gekommen war. Panzer und Militärlaster ratterten die Fifth Avenue hinauf.

Der Himmel war gespenstisch still, bis auf einige Kampfjets, die über uns kreisten, als es nichts mehr auszurichten gab. Der Bürgermeister bestellte bei der Bundesregierung Leichensäcke, obwohl er wusste, dass man die Leichen, mit denen sie gefüllt werden sollten, vielleicht nie finden würde.

Keiner, der mit dem Flugzeug in Amerika herumgereist ist, wird sich wundern, dass vier Linienjets gleichzeitig entführt wurden. Unsere Flugsicherheitsmaßnahmen waren ein Witz. Die schlechtest bezahlten Arbeiter, oft ohne Sprachkenntnisse und mit einer Minimalausbildung, stellten den Fluggästen ein paar Fragen, kontrollierten ihr Foto und komplimentierten sie dann so schnell wie möglich weiter.

Wenn El Al unsere Flugsicherheitschecks überwachen dürfte, gäbe es keine Entführungen. Die Passagiere würden von ausgebildeten Sicherheitskräften verhört. Zwischen dem Cockpit und dem Passagierbereich gäbe es gepanzerte Türen, und es wäre Piloten streng untersagt, diese auch unter den äußersten Umständen zu öffnen. Wir würden die Sicherheit der Passagiere nicht den Passagieren selbst überlassen. In den Flugzeugen gäbe es Wachen. All das wäre mit Kosten verbunden, aber mehr

noch würde es eine Änderung in der Einstellung bedeuten.

Ich bin mir nicht sicher, ob Amerikaner in der Lage sind, ihre Einstellung zu ändern. Zwischen unserer Anbetung der Bilanzen und unserer narzisstischen »Ichmuss-ich-sein«-Religion à la Frank Sinatra erwarten wir, dass wir gewinnen werden, weil wir immer gewonnen haben. Wir wehren uns dagegen, paranoid zu werden. Aber vielleicht ist Paranoia in einer Welt des Terrorismus notwendig.

Inzwischen bekommt man in New York das Gefühl, der amerikanische Altruismus und die Unschuld hätten eher zu- als abgenommen. Cafés und Feinkostläden schicken den Blutbanken kostenloses Essen, als Verpflegung für die Mitarbeiter und die Spender. Ein Geschäft, das Turnschuhe verkauft, hat kostenlos Schuhe an Frauen verteilt. Die Menschen reißen sich darum, sich als freiwillige Rettungsarbeiter zu melden. Niemand scheint seine Wohnung abzuschließen und mit Sack und Pack nach Kanada zu fahren. Wir reagieren auf Notlagen, indem wir mehr wir selber werden, nicht weniger. Vielleicht wird das unser Untergang sein.

In der Zwischenzeit warten wir auf die Worte unseres Führers. George W. Bush mit seinem affenartigen Grinsen hat seine Kiefer zusammengepresst, in der Hoffnung, »präsidentenhaft« auszusehen. Er stolpert wie immer über seine eigenen Worte - bis auf das roboterhafte »God Bless America«.

Im Vergleich zu ihm sind unsere New Yorker Politiker geradezu eloquent. Senatorin Hillary Clinton, Gouverneur George Pataki und Bürgermeister Rudolph Giuliani haben ihre Sache allesamt gut und bewegend gemacht.

Mehr noch: New Yorker sind regelrecht gutmütig miteinander umgegangen. Aus unserer normalen Hassliebe zu unserer Stadt ist gänzliche und ständige Liebe geworden. Die Stadt drückt sich selber an ihre eigene verwundete Brust. Wir lecken uns gegenseitig die Wunden, statt Salz in sie zu reiben, wie man es von New Yorkern erwarten würde. Das ist das Eigenartigste an New York: Die New Yorker lieben ihre staunenswert schreckliche Stadt tatsächlich. Wir haben so auf diesen Volltreffer mitten in unsere Insel reagiert, als wäre er ein Volltreffer in unsere Herzen gewesen.

Selbst als das südliche Manhattan abgeriegelt, verboten, für gefährlich erklärt wurde, konnten viele von uns der Versuchung nicht widerstehen, sich in das Kriegsgebiet zu schleichen, um die gewaltigen Krater, die Trümmerberge mit unseren eigenen, brennenden Augen zu sehen. Es war, als brauchten wir einen Beweis dafür, dass es sich nicht lediglich um einen weiteren Katastrophenfilm handelte.

Es war viel schlimmer, als das Fernsehen angekündigt hatte. Staub hing noch in der Luft, der Brandgeruch war höllisch, der Himmel dunkel. Die Rettungsarbeiter sahen immer noch gespenstisch aus, hinter ihren Masken. Ihre Hände und Gesichter waren grau gepudert, mit Gips und Asbest. Sie atmeten das Gift ein, während sie sich mit Schutt gefüllte Eimer reichten, Eimer, in denen sich pulverisiertes Baumaterial, verbogene Metallteile und gelegentlich ein hochhackiger Schuh befand.

Ich dachte an die sich windenden Gestalten, die in Pompeji von der flüssigen Lava eingeschlossen wurden; ich dachte an die Brandbombenangriffe auf Dresden, an Hiroschima und Nagasaki.

Auch hier waren Menschen verdampft, und man würde sie niemals finden. Ihre Angehörigen würden von einem Krankenhaus zum nächsten ziehen, von einem Leichenschauhaus zum nächsten und schließlich nach Hause gehen, ohne so recht zu wissen, wie sie trauern sollen. Die Feuerwehrmänner und Polizisten würden die Suche nach menschlichen Überresten erst einstellen, wenn die Erschöpfung sie zu Boden streckte. Plötzlich schien es mir obszön, zu den Glücklichen zu gehören, die verschont blieben.

Ich wollte in die Trümmer kriechen und anfangen, sie mit zu durchforsten, um zu beweisen, dass ich ein echter New Yorker bin. Ich wollte mich in die Trümmer hineinbegeben und einen Überlebenden finden oder mich in Luft auflösen. Ich wollte mit meinen Füßen in diese einzelnen, verwaisten Schuhe hineinschlüpfen.

Seit Jahren habe ich Katastrophen im Fernsehen verfolgt, ohne wirklich zu begreifen, was eine Katastrophe ist. Nun sind mir Vietnam, Ruanda und Bosnien unter die Haut gegangen. New Yorks schreckliche Trümmer sind ein Teil von mir. Das ist mein Staub. Während er mir durch die Finger rieselt, weiß ich, dass ich sterben werde.

* Am 12. September.Aus dem Amerikanischen von Daniel Bullinger.

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