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FILMFESTSPIELE Das Jahr der starken Frauen

Zu seinem 60. Geburtstag zeigt sich das Festival in Cannes so düster und leidenschaftlich wie lange nicht. Als besonders stark erwies sich der deutsche Beitrag: Fatih Akins »Auf der anderen Seite« bietet Politik und Totschlag und die lesbische Liebe zwischen einer Deutschen und einer Türkin.
aus DER SPIEGEL 22/2007

Im mondänen Hotel du Cap auf der Halbinsel von Antibes lässt Angelina Jolie ihre unglaublich grünen Augen strahlen, ein ironisches Lächeln umspielt ihre in aller Welt berühmten Lippen. »Ich leiste nicht gern Gefolgschaft«, sagt sie im Interview. »Ich führe lieber.«

Einerseits meint sie ihre Rolle im Film »A Mighty Heart«, in dem sie die Ehefrau des US-Journalisten Daniel Pearl spielt, der 2002 in Pakistan von islamistischen Fundamentalisten entführt und vor laufender Kamera enthauptet wurde. Sie zeigt darin Anmut, Tatkraft und zähe Geduld.

Andererseits spricht sie von ihrem Lebensgefährten Brad Pitt, den sie auf der Pressekonferenz des Filmfestivals in Cannes zur Randfigur degradierte, als es um »A Mighty Heart« ging, bei dem Pitt Produzent war und Michael Winterbottom Regie führte. Während sie souverän und eloquent jede noch so schlichte Frage beantwortete, wirkte ihr Partner unsicher, verhaspelte sich und geriet ins Schwitzen.

Sie ergreife nun mal gern die Initiative, sagt sie, »aber ich würde Brad natürlich nie vorschreiben, was er zu tun hat«.

So war Cannes in diesem Jahr: ein Fest weiblicher Machtdemonstrationen und Triumphgesten. Und im vielleicht besten Fall, in »Auf der anderen Seite«, dem Beitrag des deutschen Regisseurs Fatih Akin, geriet dieser Energie- und Gefühlsausbruch so kühn und poetisch, dass fast die gesamte internationale Filmkritik morgens um halb neun den Rummel um rote Teppiche und glänzende Limos auf der Croisette vergaß und sich bezwingen ließ von einem Melodram, das zwischen Bremen und Istanbul spielt.

Nach zwei Stunden applaudierten die Kritiker hingerissen. Und Hanna Schygulla sagte auf der anschließenden Pressekonferenz, dass Fatih Akin sie sehr an Rainer Werner Fassbinder erinnere.

Sie ist nicht die Einzige. Fassbinders Zauber liegt schon über der Eingangsszene von Fatih Akins Film, in der unmöglichen Liebesgeschichte zwischen dem Witwer Ali und der betagten Prostituierten Yeter. Er verliebt sich. Und zwei Außenseiter dürfen einige Minuten lang von einem stillen Glück im Winkel der großen Politik träumen. Das Glück hält nicht.

Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilcay) lebt in Istanbul, von ihrer Mutter finanziell unterstützt; sie engagiert sich als politische Aktivistin und wird inhaftiert. Ihr gelingt die Flucht nach Deutschland. Dort trifft sie auf die hinreißende Lotte (Patrycia Ziolkowska). Und zwischen den beiden Studentinnen entspinnt sich eine himmelstürmende Romanze, die Sensation dieses Film, auch wenn sie nicht von Dauer ist.

Schwerelos führt Akin seine Stars durch die Zwischenwelt von Leidenschaft und Tod, von Sehnsucht und Heimkehr. Wie in Fassbinders »Angst essen Seele auf« finden

sich Liebende aus verschiedenen Kulturen zusammen. Anders als Fassbinder jedoch führt Akin vor, wie selbstverständlich solche Geschichten im Zeitalter der Globalisierung sind, vor allem in Deutschland, das sich längst als Einwanderungsland versteht.

Wie Fatih Akin stellten auch viele andere Regisseure dieses Festivaljahrs starke Frauen ins Zentrum dramatischer und politischer Verwirbelungen. Dabei war der Wettbewerb in Cannes, streng feministisch (und statistisch) betrachtet, auch in diesem Jahr eigentlich mal wieder eine schlimme Männermachtdemonstration.

19 von 22 Filmen, die um die Goldene Palme konkurrieren durften, waren von Männern gedreht worden. Einer, die Comic-Roman-Verfilmung »Persepolis« über eine Kindheit im iranischen Mullah-Reich, war das Werk eines Paares. Nur die Japanerin Naomi Kawase und die Französin Catherine Breillat hatten es mit allein verantworteten Regiearbeiten in den Kreis der Weltkino-Elite geschafft.

Die Auswahl der französischen Festivalchefs (natürlich zwei Männer) Gilles Jacob und Thierry Frémaux repräsentiert durchaus den Zustand der Kinobranche insgesamt. Weibliche Topkräfte auf Kinoregiestühlen sind fast so selten wie Karrierefrauen im Vatikan.

Auf der Leinwand aber war Cannes diesmal das Jahr der absoluten, oft glorreichen und manchmal brutalen Frauenpower.

Der Siegeszug der Amazonen begann relativ sanft mit einer tapfer durch eine Identitätskrise und die USA stapfenden Norah Jones in Wong Kar-wais Eröffnungsfilm »My Blueberry Nights«. Er setzte sich fort in dem von Kritikern gefeierten rumänischen Abtreibungs- und Vergewaltigungsdrama »4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage« des Regisseurs Cristian Mungiu, in dem ein schwangeres Mädchen und ihre Freundin gegen einen fiesen Sex-Erpresser antreten müssen. Und richtig drastisch geriet die Demonstration femininer Durchschlagskraft bei Quentin Tarantino, der in »Death Proof« eine Mädchenbande mit einem sehr bösen Killer abrechnen lässt.

Ein herausragender Film des Wettbewerbs war das österreichische Drama »Import/Export«. Regisseur Ulrich Seidl porträtiert zwei junge Wirtschaftsflüchtlinge: eine ukrainische Krankenschwester, die nach Wien aufbricht, und einen kahlköpfigen Prolltypen aus ebendiesem Wien auf Ostexkursion in der Slowakei. Zum finsterfaszinierenden Ereignis wird der Film gerade durch die störrische Energie, mit der sich Ekaterina Rak in der Rolle der zur Putzsklavin abkommandierten Ukrainerin Olga gegen die Scheußlichkeit der westlichen Glitzerwelt zur Wehr setzt, eine Märtyrerin mit Putzschwamm.

Gleich ganz direkt mit den Insignien und dem Strahlenkranz einer Heiligen inszenierte der Russe Andrej Swjaginzew in seinem Ehedrama »Die Verbannung« die stoisch-schöne schwedische Schauspielerin Maria Bonnevie: Die Heldin dieses archaischen Sittenstücks voller schwelgerischer Naturbilder und dröhnender Choräle verzweifelt an der Sprach- und Verständnislosigkeit der Männerwelt und sucht schließlich den Tod - was bezeichnenderweise gerade viele männliche Kritiker in Cannes mit höhnischem Gelächter quittierten. Tatsächlich

mussten die männlichen Zuschauer in fast allen Beiträgen des 60. Filmfestivals an der Côte d'Azur monströse Zerrbilder ihrer Geschlechtsgenossen ertragen: nur Sex-Strolche, Schurken, Mafiosi, Idioten und Opfer, wohin die vom Kinostress geröteten Augen auch blickten.

Bei Tarantino, in James Grays Thriller »We Own the Night« und in der grandios-skurrilen Gangster-Abschlachterei der amerikanischen Coen-Brüdern ("No Country for Old Men") wurden sie der Reihe nach abgeknallt. In Julian Schnabels Bestsellerverfilmung »Taucherglocke und Schmetterling« ist der Held gleich ein durch einen Schlaganfall komplett gelähmtes physisches Wrack. Und wer erhält den Kerl herzergreifend und aufopferungsvoll am Leben? Natürlich ein paar sagenhaft taffe Pflegerinnen.

Auffallend viele Filme im diesjährigen Festivalprogramm erzählen davon, wie Tod und Gewalt unvermittelt ins Leben einbrechen; was es bedeutet, den Verlust geliebter Menschen verkraften zu müssen. Die Wettbewerbsbeiträge »Les Chansons d'Amour« aus Frankreich und »Tehilim« aus Israel kreisten fast monomanisch um die Trauerarbeit ihrer Figuren.

Nun ist die Leinwand in Cannes traditionell kein Ort der Lebensfreude. An der Croisette herrscht ein verdrehter Eskapismus. Hier gehen die Menschen ins Kino, um anderen beim Leiden zuzusehen und hinterher möglichst schnell in die traumhaft schöne Wirklichkeit der Côte d'Azur zu flüchten. Und womöglich könnte man so viel geballtes Kino-Elend auch an keinem anderen Ort der Welt ertragen.

In diesem Festspieljahr waren die Filme besonders morbide. In »Atem«, dem surrealen Werk des Südkoreaners Kim Ki-duk, sucht eine junge Frau just in der Todeszelle Erlösung aus der Ehehölle. Sie verliebt sich in einen Delinquenten, der auf seine Exekution wartet, tapeziert mit Blümchentapete die Zellenwand, die zur Projektionsfläche unerfüllter Sehnsüchte wird. Am Ende des Films wird die neue Liebe kaltherzig hingerichtet.

Wie die amerikanischen Regiekollegen Coen und Tarantino erzählt auch David Fincher in seinem Wettbewerbsfilm eine Serienkiller-Story. »Zodiac«, der schon am Donnerstag in Deutschland anläuft, nimmt sich einen authentischen Fall vor: Um 1970 sorgte ein Killer in San Francisco für Schlagzeilen und Panik. Mal tötete er Teenager beim ersten Rendezvous, dann ein Liebespaar auf Ausflugstour oder einen Taxifahrer. Mit einer telefonischen Live-Schaltung schaffte er es sogar ins Fernsehen. Trotzdem wurde er nie gefasst.

Fincher möchte »Zodiac« nicht als Thriller verstanden wissen, sondern als Zeitungsfilm. Und tatsächlich zeigt »Zodiac«, wie geschickt der Killer sein Spiel mit den Medien treibt. Er schickt ihnen Briefe und kündigt ihnen seine Morde an. So entsteht ein fast parasitäres Verhältnis zwischen der sensationshungrigen Presse und einem Psychopathen, der nach Ruhm giert.

»Es war eine Symbiose«, sagt auch Fincher, »die Medien wurden zu Mittätern.« Der Killer war ein Star geworden, und die Blutspur, die er durch das Land gezogen hatte, war sein roter Teppich. Irgendwann riss die Mordserie unvermittelt ab.

»Zodiac« ist ein kunstvolles, aber auch bedrückendes Werk, typisch für das diesjährige Cannes-Programm. Mitunter schien es, als legte sich die Tristesse, die auf der Leinwand herrschte, auch über das wirkliche Leben. Wüst gefeiert wurde an der Croisette eher selten.

Gut, bei einer »Playboy«-Party zechten Jude Law und James Blunt wild mit blonden Mädchen, auf der Festivaltreppe lärmte ein paar Minuten die Rockband U2, im Pressesaal beschimpfte Roman Polanski die versammelte Filmjournaille lustig als Idiotenpack - aber sonst? Gerade die Stars aus Hollywood zeigten sich diesmal häufig mit sorgenzerfurchten Gesichtern.

Leonardo DiCaprio warnte in einem von ihm produzierten und von zwei Regisseurinnen gedrehten Dokumentarfilm namens »The 11th Hour« vor den Folgen der Klimaerwärmung. George Clooney und Brad Pitt warben für ihren neuen Blockbuster »Ocean's Thirteen«- und protestierten gegen den Massenmord in Darfur. Immer öfter gefallen sich die Stars in Cannes in einer neuen Rolle: Sie spielen moralische Leitfiguren. »Es ist nicht die Aufgabe von Schauspielern, Politik zu machen«, sagt dagegen Angelina Jolie beim Gespräch im Hotel du Cap. »Die meisten von uns haben weder Jura noch Politik studiert, die meisten von uns verfügen nur über sehr begrenzte Kenntnisse unserer eigenen Geschichte oder gar der anderer Länder. Wir haben eine Meinung. Leider reicht das aber nicht aus, um wirklich Politik zu machen.«

In »A Mighty Heart« spielt Jolie eine Titanin der Selbstbeherrschung, die sich trotz Schwangerschaft und größter Verzweiflung kaum einen Gefühlsausbruch gestattet. »Das mochte ich so an dieser Figur«, sagt die Schauspielerin. »Sie reißt sich zusammen, weil sie Ziele hat, die sie unbedingt erreichen will. Sie will ihren Mann lebend zurückbekommen, und sie will ihr Kind zur Welt bringen. Es gibt Momente, da muss man einfach nur funktionieren.«

LARS-OLAV BEIER,

ANDREAS BORCHOLTE, WOLFGANG HÖBEL, FRANK HORNIG, MATTHIAS MATUSSEK

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