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OSCARS »Das Lagerfeuer der Moderne«

Drehbuchautor William Goldman über die Oscar-Verleihung am Sonntag dieser Woche, die Krise Hollywoods und die Angst der Studio-Bosse
aus DER SPIEGEL 12/2001

SPIEGEL: Mr. Goldman, Sie behaupten, das letzte Jahrzehnt sei das schlechteste in der Geschichte Hollywoods ...

Goldman: ... ich würde sogar noch weitergehen. Das letzte Jahr war das schlechteste aller Zeiten. Ich hasse es, so zu stänkern, weil ich wie ein verknöcherter alter Knilch klinge, aber wenn Sie mit Leuten aus dem Filmbusiness reden, werden Sie merken: Die sind alle verzweifelt. Schauen Sie sich nur die fünf Filme an, die jetzt für den Oscar nominiert sind! Die sind alle ganz nett, aber nicht gerade die Sorte Film, die einem den Kopf wegbläst. »Gladiator« etwa: Die Spezialeffekte sind großartig, und Russell Crowe spielt fabelhaft, aber als ich im Kino saß, haben sich die Leute über den Schurken kaputtgelacht.

SPIEGEL: Wer sollte denn gewinnen?

Goldman: Ich mochte nur einen einzigen Film, ein winziges Geschwister-Drama namens »You Can Count on Me«, das natürlich nicht als bester Film nominiert ist. Normalerweise gehen die Oscars an größere Filme, die mehr Geld in die Werbekampagnen stecken können. Unter den Oscar-Kandidaten gibt es dieses Jahr wirklich kei-

nen Favoriten. Allerdings wundert mich, dass »Verschollen« mit Tom Hanks nicht auf der Liste steht, eigentlich wird jeder Film nominiert, in dem der Hauptdarsteller so viel abnimmt.

SPIEGEL: Vor einigen Monaten hat die Branche noch gejammert, aber seither haben Kassenerfolge wie »Der Grinch«, »Verschollen«, »Was Frauen wollen«, »Traffic« oder »Hannibal« die Zahlen nach oben schnellen lassen. Zumindest vor dem Bankrott scheint Hollywood nicht zu stehen.

Goldman: Das ist nur Hype. Um Weihnachten bringen die Studios immer Filme ins Kino, von denen sie glauben, dass sie die größten Chancen an der Kasse haben, denn dann haben die Leute frei. Aber erinnern Sie sich noch an den Herbst? Ich habe noch nie so viele gigantische Desaster in so kurzer Zeit erlebt, und ich bin seit Mitte der sechziger Jahre im Geschäft. Lauter Filme mit großen Stars und bekannten Regisseuren, Robert Redfords Golfdrama »Die Legende von Bagger Vance« mit Will Smith, die Komödie »Lucky Numbers« mit John Travolta, der neue Adam-Sandler-Klamauk »Little Nicky«, der Science-Fiction-Film »Red Planet« - die sind in den USA alle innerhalb weniger Wochen gestartet und haben jeweils wohl zweistellige Millionenbeträge verloren. Das ist verdammt viel Geld. Die da draußen in Hollywood haben Angst.

SPIEGEL: Warum machen sie nicht einfach bessere Filme?

Goldman: Als ich anfing, waren Filmstudios noch Filmstudios und die Bosse Männer, die davon lebten, dass ihr Studio erfolgreich lief. Die kannten sich aus. Heute gehören die Studios zu gigantischen Konzernen, und sie werden von Männern geleitet, die viel Ahnung vom Geschäft haben, aber sich einen Dreck für Filme interessieren. Sie verkaufen ein Produkt, und das Produkt sind zufällig Filme. Es gibt einen widerlichen neuen Begriff namens »slot«, und sie reden davon, dass ein Star einen Slot, einen Drehtermin, frei hat, um einen Film zu machen. Da geht es nur noch ums Geschäft, nicht mehr darum, dass jemand einen bestimmten Film unbedingt drehen will.

SPIEGEL: War es nicht immer so, dass in Hollywood das Geschäft weit vor der Kunst kam?

Goldman: Ja, aber heute leiten Angestellte die Studios. Und die wissen eines: Sie werden irgendwann gefeuert. Darum machen sie am liebsten Filme, bei denen sie sich absichern können. Hey, ich hatte Adam Sandler, ich hatte John Travolta, ich hatte Will Smith - es ist nicht meine Schuld, wenn der Film floppt. Wer hätte vorausgesagt, dass »Bagger Vance« ein Debakel werden würde? Die Studios machen ja nicht absichtlich Filme, mit denen sie Millionen verlieren. Jeder Top-Manager will sein Plätzchen am wärmenden Lagerfeuer sichern. Sobald er rausgeschmissen wird, verliert er seine Macht. Und diesen Tag will natürlich jeder herausschieben. Darum werden die Stars immer mächtiger, denn sie gelten als einzige sichere Bank - selbst dann, wenn ihre Filme an der Kasse versagen. Warum sonst sollte man Travolta 20 Millionen Dollar zahlen, obwohl seine beiden letzten Filme riesige Verluste eingefahren haben?

SPIEGEL: Sind die Fans ihren Stars nicht treu?

Goldman: Auf dem Buchmarkt gibt es ein Publikum, das jedes neue Buch eines Bestseller-Autors kauft. Wenn Sie John Grisham heißen oder Danielle Steel, dann können Sie sich darauf verlassen. Aber das Kinopublikum ist anders. Wo waren die Fans von Adam Sandler bei »Little Nicky«? Der Film ist verrissen worden, aber jeder Adam-Sandler-Film wird verrissen, die Kritiken sind völlig Wurscht. Die Fans blieben auf einmal weg. Der Einzige, dem das Publikum im Augenblick blind zu folgen scheint, ist Tom Hanks. Darum ist er der größte Hollywood-Star der Gegenwart, noch vor Tom Cruise, Mel Gibson, Jim Carrey oder Julia Roberts.

SPIEGEL: Hanks ist auch wieder als bester Hauptdarsteller - für seine Rolle in »Verschollen« - nominiert. Sind es die Academy-Mitglieder nicht langsam leid, immer für Mister Hanks zu stimmen?

Goldman: Schwer zu sagen. Es gibt Leute, die sagen: Wenn Hanks schon wieder auf die Bühne klettert und seinen Oscar entgegennimmt, werde ich wahnsinnig. Das ist das Meryl-Streep-Syndrom. Ich glaube, entweder Hanks oder der »Gladiator« Russell Crowe gewinnen dieses Jahr, die anderen haben nur Außenseiterchancen.

SPIEGEL: Die Oscar-Verleihung wird weltweit ausgestrahlt, es schauen über eine Milliarde Menschen zu. Wie schlimm kann die Hollywood-Krise sein, wenn die Popularität des Filmgeschäfts so ungebrochen ist?

Goldman: Es ist immer noch die Branche mit dem größten Sex-Appeal. Sie können Millionen im Internet scheffeln, aber wenn Sie sagen: Ich habe mit Gwyneth Paltrow zu Abend gegessen, dann ist das eine große Sache. In Hollywood ist jeder ein Starficker. Dass die Japaner vor einigen Jahren ins Filmgeschäft einstiegen, hat vor allem damit zu tun, dass sie scharf waren auf den Glamour und die Stars. Die wollten hier ihre Orgien feiern. Wenn jetzt die europäischen Filmfirmen mit ihren Schecks wedeln, wollen sie vor allem das gesellschaftliche Renommee. Die Leute lieben es, sich mit sexy Jungen und Mädchen zu umgeben. Solange sie sowieso Geld haben - warum nicht gleich nach Hollywood gehen?

SPIEGEL: Viele deutsche Filmfirmen sind in den letzten Jahren an die Börse gegangen und haben ihr Geld dann gleich wieder für Deals mit Hollywood ausgegeben ...

Goldman: ... und die Studios haben es mit Kusshand genommen. Die Kosten sind so explodiert, dass jeder auswärtige Finanzier gern gesehen wird. Angesichts der ganzen Flops müsste es in Europa ein Blutbad geben. Hier sind die Studios dazu übergegangen, sich die Kosten für manche Filme zu teilen, weil das Risiko so gestiegen ist. Es ist tragisch, dass man automatisch beim Geld landet, wenn man über Filme reden will, aber im Moment dreht sich alles darum. Es kostet um die 35 Millionen Dollar, einen Film ins Kino zu bringen, allein die Werbung und die Kopien, und wenn der Film dann am ersten Wochenende abstürzt, ist dieses Geld auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

SPIEGEL: In den nächsten Monaten droht Hollywood ein großer Streik der Autoren und Schauspieler. Wird das die Filmindustrie zur Vernunft bringen?

Goldman: Im Gegenteil. Im Moment produzieren die Studios wie verrückt Filme, die sie sonst nicht machen würden, damit sie genügend Ware haben, um den Streik zu überstehen. Gerade drehen sie einen 90-Millionen-Dollar-Film, für den es ein paar Monate zuvor noch nicht einmal ein fertiges Drehbuch gab. Solche halb garen Projekte sind derzeit die Regel.

SPIEGEL: Drehbücher scheinen sowieso immer unwichtiger zu werden. Blockbuster wie »Matrix« leben nicht von ihrer Geschichte, sondern ihren Spezialeffekten. Geht die Entwicklung dahin, Filme immer mehr als optische Spektakel anzulegen?

Goldman: Vielleicht werden Filme in Zukunft nur noch aus einem Blizzard von Bildern bestehen. Aber als Drehbuchautor kann ich mir nicht erlauben, das zu glauben, schon gar nicht in meinem Alter. »Matrix« hat tolle Spezialeffekte, aber auch die werden in ein paar Jahren alt aussehen. Gute Geschichten dagegen überdauern - sehen Sie sich etwa »Chinatown« an.

SPIEGEL: Entscheidet die Videoclip-Ästhetik mehr und mehr darüber, welche Geschichten überhaupt erzählt werden?

Goldman: Das Interessante an MTV und den anderen Videokanälen ist, wann sie aufgekommen sind. Wäre MTV in den dreißiger Jahren entstanden, dann wären dort Musikstars wie Fred Astaire und Ginger Rogers aufgetreten, etwas später vielleicht Gene Kelly, Bing Crosby oder Frank Sinatra, lauter hoch begabte Performer. Aber MTV kam Anfang der Achtziger auf und musste sich mit Leuten wie Elton John begnügen. Um zu verstecken, dass Elton John ein pummeliger Typ mit reichlich Make-up ist, der nicht tanzen kann, fingen sie an, wie wild auf die Klaviertasten, die Backup-Musiker und die Mädchen zu schneiden. Der MTV-Stil entstand, um zu vertuschen, dass die Talente heute kein Talent mehr haben.

SPIEGEL: Eine kühne These. Trotzdem prägen ehemalige Videoclip- und Werbefilm-Regisseure heute Hollywood.

Goldman: Hollywood liebt billige junge Regisseure, darum werden diese Jungs angeheuert. Aber trotzdem muss noch jemand eine Geschichte erzählen, wir müssen uns für die Figuren interessieren. Das ist das Herzstück des Filmemachens. Es muss heute nur alles schneller gehen, denn die Zuschauer sind viel versierter. Heute haben die Jugendlichen schon Hunderte von Filmen gesehen. Sie langweilen sich schnell - und darauf muss ich als Drehbuchautor reagieren, indem ich das Tempo anziehe.

SPIEGEL: Demnächst werden neue Filme im Internet zu sehen sein. Ist das der Tod des Kinos?

Goldman: Das glaube ich nicht. Hollywood ist das Lagerfeuer der Moderne, jener Ort, wo sich die Menschen versammeln, um sich Geschichten erzählen zu lassen. Es gibt ein menschliches Bedürfnis nach Gemeinsamkeit. Im alten Griechenland sind die Menschen in die Amphitheater geströmt, heute gehen sie ins Kino. Eine Komödie ist nur halb so gut, wenn man sie alleine sieht, man will zusammen mit anderen lachen.

SPIEGEL: Zum Lachen sind die meisten Hollywood-Filme nicht, eher zum Weinen. Fehlt es an Talenten?

Goldman: Historisch gesehen, scheinen sich große Talente immer zu ballen: Es gab die Blütezeit der Dramatiker im alten Griechenland, die Blüte der Romanciers im Russland des späten 19. Jahrhunderts und so weiter. Im Moment sehe ich in Amerika nirgendwo außerordentliche Talente, nicht im Theater, nicht in der Kunst, nicht im Tanz und auch nicht im Kino. Wir sind in einer Dürrephase.

SPIEGEL: Woran liegt es?

Goldman: Wenn ein junger Regisseur heute einen halbwegs brauchbaren Film gedreht hat, stürzen sich sofort alle Medien auf ihn und reden ihm ein, er sei ein Genie. Machen wir uns doch nichts vor: Die meisten Typen im Unterhaltungsgeschäft sind in der Schule nicht mit dem Cheerleader ausgegangen, sie waren nicht die tollen Hechte, nicht einmal die Schauspieler, die damals auch noch nicht so fabelhaft aussahen. Darum sind alle empfänglich dafür, wenn sich Schmarotzer an sie hängen und ihnen schmeicheln. Das ruiniert die jungen Leute.

SPIEGEL: Und früher war alles besser?

Goldman: Früher gab es diesen unglaublichen Hype nicht, Regisseure konnten sich in Ruhe entwickeln. Heute bringt es kaum noch ein Nachwuchstalent zu einer anständigen Karriere. Schauen Sie sich Quentin Tarantino an: Nach »Pulp Fiction« hat er nur noch einen einzigen Film gemacht, und der war eine ziemliche Enttäuschung. Und das in sieben Jahren! Tarantino sollte jedes Jahr einen Film machen.

SPIEGEL: Lieber sieben schlechte als einen guten?

Goldman: Ich glaube nicht, dass man sich mit jedem Film selbst übertreffen muss, und ich mag keine Regisseure, die sich so wichtig nehmen, dass sie sich jahrelange Pausen gönnen. Die meisten Regisseure sind mit 60 am Ende; entweder weil sie den Job physisch nicht mehr schaffen oder weil sie so reich und berühmt sind, dass sie sich nicht mehr die Mühe machen müssen. Wenn sich also ein 45-Jähriger fünf Jahre ausklinkt, dann verpasst er eine wichtige Phase seiner Laufbahn. Das ist doch traurig. Nein, ich bewundere Typen, die einfach immer weitermachen, Niederlagen wegstecken und nach vorn schauen.

SPIEGEL: So wie?

Goldman: Clint Eastwood. Der ist wirklich etwas ganz Besonderes, über siebzig und immer noch einer der größten Stars.

SPIEGEL: Sie haben einen Satz geprägt, der in Hollywood bei jeder Gelegenheit zitiert wird: »Nobody knows anything« - keiner hat eine Ahnung, wie das Filmgeschäft funktioniert. Gilt das noch?

Goldman: Mehr denn je. Der Satz hat sich in Hollywood durchgesetzt, weil er so simpel und zugleich so wahr ist. Ein Film wird ein Hit, weil die Leute ihn sehen wollen. Ein Film wird ein Flop, weil sie ihn nicht sehen wollen. Alles andere ist Quatsch.

INTERVIEW: SUSANNE WEINGARTEN

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