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Kultur Das Leben ist ein Gasherd

Nahaufnahme: Besuch in Paris beim amerikanischen Erfolgsautor David Sedaris, der die Peinlichkeit zur großen Kunst erhoben hat.
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 45/2008

Bosheit ist sein literarisches Kerngeschäft. Es läuft bestens. Und so, wie man sich einen Fachmann für Hinterhältigkeit vorstellt, tritt der Schriftsteller David Sedaris auch auf: klein von Wuchs, schmächtig, nicht ganz gerade Zähne, dünnes Haar und eine helle, quäkend-schnarrende Stimme.

Giftzwerg wäre eine erste, unschöne Beschreibung dieses Typs Mann, der als Junge auf dem Schulhof sicherlich immer gehänselt wurde und sich mit dem ätzenden Witz der Notwehr über Wasser hielt.

Aber Sedaris, 51, ist ein ausgesucht höflicher und geduldiger Gastgeber. Er wohnt mit seinem Lebensgefährten Hugh, einem Maler, abwechselnd in London, in einem Landhaus in der Normandie und in Paris. Hier hat das Paar ein Apartment im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés. Es ist ruhig, beunruhigend aufgeräumt und traditionell möbliert. Staubfreie, klassische Gemütlichkeit. Ein Anflug von Zwanghaftigkeit liegt über dem Interieur.

Gerade ist Sedaris von einer Lesetour aus Australien zurückgekommen. Die Reise war ein Erfolg, natürlich. In englischsprachigen Ländern liest der Satiriker in Aulen und Hallen vor Tausenden Fans und signiert im Anschluss stundenlang seine Bücher. Manchmal verschenkt er Fläschchen mit Duschgel und Bodylotion aus den Luxushotels, in denen er wohnt.

Sein Geschichtenband »Nackt« (1999) war auch in Deutschland mit über 300 000 Exemplaren ein Überraschungsbestseller - überraschend deshalb, weil Sedaris in seinen Büchern eigentlich nur aus seinem Leben plaudert, und das verläuft im Wesentlichen auch nicht viel aufregender als das anderer Leute. Er macht nur mehr daraus. In »Nackt« verriet Sedaris hauptsächlich Absonderlichkeiten aus seiner Familie, Peinlichkeiten, die andere Menschen um jeden Preis verheimlichen würden. Etwa, dass er als Kind mit Wonne Lichtschalter abzulecken pflegte.

Als Autor lebt Sedaris von Peinlichkeiten. Und das hat er perfektioniert. So wie pubertierende Jungs ihre Mofas frisieren, damit sie noch etwas lauter knattern und schneller fahren, tunt er seine Geschichten auf Höchstgeschwindigkeit, bis er ihren komischen Kern blankgelegt hat.

In seinem neuen Buch »Schöner wird's nicht« (Karl Blessing Verlag) offeriert Sedaris erneut drastische Alltagsdramen. In dem Stück »Per Anhalter unterwegs« berichtet er davon, wie er als schüchterner 20-Jähriger zum ersten Mal unter Schock zugeben muss, schwul zu sein.

Eines Abends sucht er eine Mitfahrgelegenheit. Ein Cadillac mit einem älteren Ehepaar hält an. Die Frau auf dem Beifahrersitz trägt seltsamerweise ein Negligé. Sedaris steigt dennoch ein. Unvermittelt fragt der Fahrer: »Hättest du Lust, meiner Frau die Muschi zu lecken?« Für den jungen Sedaris liegt die Rettung vor dem Undenkbaren in dem bis dahin nie gewagten Bekenntnis: »Ich bin homosexuell.« Der Wagen hält, Sedaris steigt aus.

Es ist das Prinzip Sedaris: ein Leben für die Pointe. Doch solche Geschichten haben bei ihm eine zweite Ebene. Sie sind nicht nur brüllend komisch, sondern auf sonderbare Weise rührend, aufgeladen mit zarter Tragik. Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid.

Der Autor sitzt auf seinem Sofa, bietet ein weiteres Mineralwasser an und beginnt einen Exkurs über sein Reiseleben. Er hat in Japan gelebt, sich dort das Rauchen abgewöhnt und in Tokio seiner Leidenschaft fürs Shoppen gefrönt. Doch nicht nur Bücher und Kleidung bringt er von seinen Trips zurück. Inzwischen bieten wildfremde Menschen Sedaris auf seinen Reisen ihre eigenen Erlebnisse zum Gebrauch an, so wie Pfefferminzbonbons.

Ab und an bekommt er auch mal eine bizarre Lebensweisheit geschenkt. Eine Geschäftsfrau verriet ihm, für sie sei das Leben wie ein vierflammiger Gasherd. Die vier Flammen seien Familie, Freunde, Arbeit und Gesundheit. Um wirklich erfolgreich zu sein, müsse man zwei Flammen abdrehen. Sie habe sich für Familie und Gesundheit entschieden.

Bei Sedaris kam das gar nicht gut an. Seine Familie ist seine beste Quelle. Die Geschichten über die Eltern und die fünf Geschwister, mit denen er im provinziellen North Carolina aufwuchs, sind meist die witzigsten in seinen Büchern. Müsste er wählen, würde er auf Freunde und Gesundheit verzichten.

Und nie und nimmer auf sein wichtigstes Möbelstück, das in einem kleinen Zimmer in der Pariser Wohnung steht: einen alten, sehr schönen Vitrinenschrank.

Darin stehen ordentlich und sehr gleichförmig seine Tagebücher aufgereiht. Eine Batterie schwarzer Kladden. Die Einbände hat Hugh, der Malerfreund, mit Collagen verziert. Innen sind sehr säuberlich Texte eingeheftet, die Sedaris fast täglich aus seinen handschriftlichen Notizen in seinen Computer überträgt und dann für dieses Kladdenarchiv ausdruckt. Dazwischen sind Postkarten, Zettel, Fahrkarten und andere Erinnerungsstücke eingeklebt. Das Ganze sieht aus wie eine Ansammlung von Poesiealben besonders pusseliger Backfische.

Doch David Sedaris, der Buchhalter des Besonderen, verzeichnet darin keine Sinnsprüche, sondern die Absurditäten des Alltags. Wie seine zufällige Begegnung mit dem Inder, der ihm erzählte, dass er überall für einen Teil der Umgebung gehalten werde: Stehe er als Käufer in einer Buchhandlung, würden ihn die Leute nach einer Leseempfehlung fragen, halte er sich in einer Autowerkstatt auf, komme prompt ein Kunde und bitte ihn um einen Kostenvoranschlag für eine Reparatur.

So ein merkwürdiger Mensch, der sofort mit seiner Umgebung verschmilzt, der überall ein anderer ist, damit er gleich bleiben darf, scheint auch Sedaris zu sein.

Zumindest in seinen Geschichten.

JOACHIM KRONSBEIN

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