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Das Märchen vom Matriarchat

Marielouise Janssen-Jurreit über die feministische Menschheitsgeschichte der Marilyn French Marielouise Janssen-Jurreit, 44, hat 1976 das Buch »Sexismus« verfaßt. Sie lebt als freie Autorin in München. Gerade ist ihr Buch »Lieben Sie Deutschland?« erschienen. *
aus DER SPIEGEL 3/1986

Anfang der 70er Jahre begannen Frauen damit, ihre Geschichte zurückzugewinnen. Aus der »frauenlosen« männlichen Selbstinterpretation der Historie sollte eine Vergangenheit beider Geschlechter werden - das Bemühen um eine integrierte Weltsicht. »Nur eine Geschichte, die von dieser Einsicht ausgeht, die sich gleichermaßen mit Männern und Frauen befaßt und die sowohl der Errichtung als auch der Vergänglichkeit des Patriarchats nachgeht, kann für sich in Anspruch nehmen, im eigentlichen Wortsinn eine universale Geschichte zu sein«, schrieb damals die Wortführerin dieser Bewegung, die amerikanische Historikerin Gerda Lerner.

Nun legt die Schriftstellerin Marilyn French, bekannt durch zwei Romane, die in der ganzen Welt Bestseller-Auflagen erreichten, ein fast 1OOOseitiges Werk über die Geschichte des Patriarchats vor _(Marilyn French: »Jenseits der Macht; ) _(Frauen Männer und Moral«. Rowohlt ) _(Verlag, Reinbek bei Hamburg; 992 Seiten; ) _(68 Mark. )

. Ihr Resümee: entweder Weltuntergang oder eine moralische Revolution, in der sich das Patriarchat selbst entmachtet.

In ihrem ersten Roman »Frauen« hat diese Autorin mit großer Detailkenntnis und dokumentarischer Kraft die Leidensgeschichte von amerikanischen Mittelschichtfrauen in den 5Oer und 60er Jahren beschrieben und die Vorstellungen und Werte, die diese damals beherrschten, entmystifiziert. In ihrem neuen Buch versucht sie nichts weniger als die Sozialgeschichte der Menschheit vom Australopithecus bis heute. In einem fast manischen Aufzählungszwang, von offenkundiger Angst geplagt, Stichworte und Begebenheiten auszulassen, sprengt sie wie eine apokalyptische Reiterin durch die Weltgeschichte, vom alten Ägypten bis zur CIA, von den frühen Hominiden bis zu den multinationalen Konzernen, vom Sohnesopfer Abrahams zum »anarchischen« Verhalten von Teilchen auf subatomarer Ebene, in dem sie ein Vorbild für eine machtfreie Gesellschaftsorganisation sieht. Eine Idee, die selbst spekulativ veranlagten Physikern noch nicht gekommen ist.

Das längste Kapitel hat über 200 Seiten mit über 600 Anmerkungen. Aber bei der Lektüre der gewaltigen Lesemassen stellt sich bald Unmut und Unlust ein. Wie viele trostlose Fakten sie auch über die Säulen des Systems, die Ärzte Psychologen, Konzerne und Justiz mitzuteilen hat - am Ende wird keine Universalgeschichte daraus, sondern eher Erbauungsliteratur.

Nach French soll eine neue Moral von Lust und Liebe die Machtstruktur des Patriarchats auf zauberische Weise auflösen. »Sobald wir die Lust und menschliches Wohlbefinden ebenso hoch bewerten wie den Profit und die Macht, werden sich solche Strukturen scheinbar von selbst entwickeln.« Das Bedürfnis nach solchen schrecklichen Vereinfachungen hat bereits Scharen von Frauen in die Esoterik spiritualistischer Zirkel geführt, in denen das Frauenselbst geheiligt und jeder Kritik entzogen wird. Geschichtsverläufe werden rekonstruiert nach der Art, wie man sie aus dem Mythos von Adam und Eva kennt. Nur ist bei French Adam der Erbsünder und alleinige Anstifter, der Mann der ewige Übeltäter die Quelle alles Bösen in der Welt.

Nach French entstand das Patriarchat durch männliche Allmachtswünsche. Die Männer versuchten mit Jenseitsmächten in Kontakt zu treten und erfanden sich Gottheiten männlichen Geschlechts, für die sie sogar bereit waren, Kindesopfer zu bringen wie Abraham. Der Mann sah sich nicht mehr als Teil der Natur an, sondern versuchte, sich von ihr abzugrenzen und sie zu beherrschen. Ihn verlangte nach Unsterblichkeit, Transzendenz und Gottähnlichkeit. Sein Herrschaftsanspruch gegenüber der Natur fiel zusammen mit dem über die Frau, die er nun genauso ausbeutete wie seine Umwelt.

Von da an betete er die Macht als obersten Wert menschlichen Lebens an. Über Hunderte von Seiten wird der Begriff der Macht dämonisiert und der Trieb danach nur dem Mann zugeschrieben. Erst auf Seite 726 taucht die Vorstellung auf, daß das Patriarchat ein Ungleichgewicht in der gesellschaftlichen Machtverteilung darstellt. Es sei lebenswichtig für die Frauen von heute,

»zweckorientierte Macht in Besitz zu nehmen«, um sich selbst zu behaupten. Das verblüfft, denn auf den Seiten davor kannte die Frau keinen Machtanspruch, war nur Spenderin von Geborgenheit, Fürsorge, Liebe, Nestwärme, Solidarität und Trägerin aller guten menschlichen Werte.

Aber das ist nicht die einzige Überraschung, mit der sie aufwartet. Jahrelang kämpften Feministinnen gegen die Vorstellungen von der völligen Andersartigkeit der Frau und entlarvten die Behauptung von der ewigen Geschlechterpolarität als typischen Bestandteil patriarchalischer Weltbilder. Dagegen erhebt Marilyn French die angeblichen Gegensätze im Fühlen und Denken der Geschlechter erneut zum gesellschaftsgestaltenden Prinzip. Die säuberliche Zuschreibung von geschlechtsbedingten Eigenschaften wird von ihr bekräftigt und vertieft:

»Alles, was festlegt, festschreibt, Struktur in scheinbar fließende Natur bringt, ist ''männlich''... das Streben nach Unsterblichkeit und alles, was Unsterblichkeit zu verleihen verspricht, ,männlich'': das Schreiben eines Buches, die Begründung einer Institution oder einer Dynastie, das Erbauen einer Brücke...« (Unerfindlich, warum eine Transporterleichterung wie eine Brücke aus Gründen der Unsterblichkeit ihrer Erbauer konstruiert werden sollte. Oder haben Frauen etwa das Bedürfnis, jeden Bach oder Strom zu durchschwimmen?) »,Weiblich'' sind alle flexiblen, fließenden Lebensäußerungen - Spontaneität, Lust am Spielerischen, Kreativität.«

Aus dieser Auffassung von Weiblichkeit als Fließend-Unstrukturiertem erklärt sich wohl die Neigung der Autorin, uferlos, unpräzise und ungenau eine Flut von Fakten vor das irritierte Auge ihrer Leserschaft zu spülen, in der man vergeblich nach irgendeinem Halt in Form eines theoretischen Gerüsts oder nach Spuren von gedanklicher Substanz sucht. Nur teilweise gelingt es ihr, komprimiert Ereignisgeschichte zu erzählen. Häufig ist es nur eine Mitteilung von Trivialitäten: »In den Straßen der großen Städte blüht die Kriminalität, in den Wohnungen nicht minder, und selbst auf dem Land ist man nicht mehr vor ihr sicher.«

Daß es eine lange Tradition der Fehlinterpretation von naturwissenschaftlichen Beobachtungen gibt, in der aus Schädelmessungen und Gewichtbestimmungen des Gehirns der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Intelligenz herausgelesen wurde, hindert die Autorin nicht, den gleichen Fehler zu machen. Aus Unterschieden im Gebrauch der beiden Gehirnhälften, die bei Männern und Frauen gefunden wurden, liest sie kategorische Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Denken ab. »,Weibliches'' Denken ist meditativ,

assoziativ und zirkulär und findet sich gelegentlich auch bei männlichen Dichtern. ,Männliches'' Denken ist rational . . .«, heißt es bei French.

Nachdem in den 70er Jahren Feministinnen zu Recht kritisiert haben, daß die marxistische Theorie die Unterdrückung der Frau nur als Nebenwiderspruch in der Entwicklungsgeschichte der Produktivkräfte abhandelt, versuchen Autorinnen wie French (sie ist leider nicht die einzige) es jetzt mit der umgekehrten Methode. Geschichte wird nur noch als Religionsgeschichte und Mythen-Interpretation verstanden.

Am Anfang der Weltgeschichte stand demnach eine wunderbar harmonische Frauenkultur - French nennt sie matrizentrisch -, in der weiblich-mütterliche Dominanz so unmerklich gerecht, so ohne Druck, Macht und Konflikte praktiziert wurde, daß sich alle geborgen fühlten. In einem wundervoll ausgewogenen ökologischen Kosmos bauten Frauen Korn und Pflanzen an, feierten Frauenfeste und huldigten der großen Muttergöttin.

Schon seit Jahren pilgern Frauen aus allen Teilen der Welt nach Malta, Kreta und Anatolien, um die Spuren der alten Frauenreiche zu entdecken. Aber während sich in den feministischen Regalen Kopien und Ansichtskarten von Fruchtbarkeitsstatuetten aus dem Neolithikum ansammelten und Demeter- und Diana-Rituale neu in Mode kamen, blieben die grundlegenden Fragen nach der Entstehung des Patriarchats weiterhin ungeklärt.

Welche Beziehungen bestehen zwischen Geschlecht und Geschichte? Ist die Bilanz der Geschlechterbeziehungen in allen bekannten Gesellschaften wirklich die Unterdrückung der Frau, wie die ethnologische Forschung sagt? Wodurch wird das Patriarchat konstituiert? Marilyn French hat dazu folgende, nicht gerade neue These: Nach einer matrizentrischen Periode der Menschheit, in der sich Männer spontan Müttergruppen anschlossen, in denen es keine Herrschaft gab, wurden die Männer gewahr, daß sie ihren Anteil an der Zeugung hatten. Daraus entwickelten sich männliches Selbstbewußtsein und Überlegenheitsgefühle.

Diese Behauptung, die schon Friedrich Engels aufstellte, läßt sich weder verwerfen noch belegen. Alle Naturvölker kannten zum Zeitpunkt ihres Kulturkontakts mit der westlichen Zivilisation den Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft, auch wenn einige von ihnen diesen nicht für allein ausreichend hielten. So mußte sich bei australischen Stämmen der Vater des zukünftigen Kindes im Traum dessen Seelenkeim aneignen.

Die Jäger- und Sammlergesellschaften und das Leben in den frühzeitlichen Dörfern waren nach Ansicht von French durch Gleichberechtigung und Frieden gekennzeichnet. Dann wurden sie zerstört und »von Feinden überflutet«. Woher die Feinde kamen und wann und warum diese schon vorher die patriarchalischen Werte Herrschaft, Aggression und Frauenunterdrückung entwickelt hatten, bleibt unerwähnt. Die Evolution des Patriarchats verlief wie die Ausbreitung einer Infektionskrankheit:

»Dieses Machtdenken breitete sich wie ein Lauffeuer über die ganze alte Welt aus und brachte Eroberer, Götter auf Erden, hervor. Gleichzeitig schuf es die ersten Sklaven: das unterdrückte Geschlecht der Frauen (und vermutlich auch der meisten Männer).« Die Autorin macht sich nicht einmal die Mühe, ein theoretisches Modell zu entwickeln, das ihre These von der guten Gesellschaft am Anfang und der durch bösen Männerverstand um ihr Heil gebrachten Welt verständlich machen konnte.

Aus »fluktuierenden Gruppierungen von Individuen, die sich dort, wo sie waren, wohl fühlten«, entwickelte sich zunächst gegen den anhaltenden Widerstand vieler Männer das Patriarchat. »Viele Kulturen übernahmen die neue Moral nur widerwillig«, berichtet die Autorin. »Die große Mehrheit der Männer«

habe sich »jahrhundertelang dagegen gesträubt«.

Marilyn French ist nicht die erste, die sich als Reporterin der Altsteinzeit betätigt und über Gefühlslagen und Widerstandsbewegungen längst ausgestorbener Menschengruppen Bescheid zu wissen glaubt, wo andere immer wieder an die Aussagegrenzen archäologischer Funde stoßen.

Wenn man dagegen aus der Feldforschung der Ethnologen Rückschlüsse auf frühere Gesellschaften ziehen will, kann man nur deprimierende Erkenntnisse über das Verhältnis der Geschlechter gewinnen. Auch in vielen primitiven Gesellschaften kontrollieren Männer schon die Produktionsmittel wie Feuer und Fernwaffen (Speere, Pfeil und Bogen), besitzen die primitiven Verkehrsmittel Schlitten und Boote.

Dennoch gibt es einige Hinweise, die auf einen hohen Status von Frauen in prähistorischer Zeit deuten könnten. Schon aus der Altsteinzeit gibt es Funde von brust- und gesäßbetonten Venus-Idolen. Aus den Anfängen des Neolithikums existieren reichliche Funde von Fruchtbarkeitsstatuetten, Idolen und weiblichen Tonfigürchen. Besondere Beachtung verdienen diese Funde im Mittelmeerraum, das als Kultgebiet der Magna Mater, der großen Muttergöttin, gilt. Ob aus diesen Funden auf eine matrizentrisch geordnete Gesellschaft geschlossen werden kann, wie French meint, darüber dreht sich die Diskussion seit Jahrzehnten im Kreis.

In den von Ethnologen untersuchten Gesellschaften, die weibliche Gottheiten und damit verbundene Kulte besitzen, steht dieses ebensowenig in Zusammenhang mit Frauenmacht, wie die Anbetung der Madonna ein Indiz für matriarchalische Züge unserer Kultur ist. Auch patriarchalische Kulturen bringen eine Vielzahl übermächtiger idealisierter Frauenabbildungen hervor. Die Freiheitsstatue ist kein Hinweis auf ein Land, in dem Frauen frei sind, die Statue der Justitia kein Anhaltspunkt für die rechtliche Gleichstellung von Frauen. Die meistangebetete Göttin im vorkommunistischen China war die Kuan yin: Daß die Chinesen eine matrizentrische Kultur besaßen, wird deswegen keine Historikerin behaupten.

Marilyn French idealisiert, wo sie genauer hinschauen müßte. Ihr Buch ist ein gutgemeintes Propaganda-Buch für die Sache der Frauen, aber es bringt keinen neuen Erkenntnisschritt. Matrizentrische Gesellschaften sind für sie nichtkriegerisch, nicht grausam und nicht hierarchisch; sie haben Züge einer geordneten Anarchie.

Als Beispiel zitiert sie die Irokesen. Dieser nordamerikanische Indianerstamm gilt als das klassische ethnologische Beispiel für einen hohen Status der Frau. Das Eigentum am Boden und an den Häusern lag, in den Händen der Frauen, die auch politische Entscheidungen trafen. Aber die Irokesenmänner waren angriffslustige Krieger, die ihre Feinde mit ausgesucht grausamen Torturen am Marterpfahl zu Tode quälten.

Da es bei der geringen Zahl matrilinearer _(Vererbung in der mütterlichen Linie. )

und noch geringeren Zahl matrilokaler _(Wohnsitzregel (nach der Heirat bei der ) _(Familie der Ehefrau). )

Gesellschaften, die den Ethnologen und Historikern (z. B. Sparta) bekannt sind, sich häufig um extrem kriegerische Völker handelt, wurde von dem amerikanischen Anthropologen Divale die These aufgestellt, daß möglicherweise in der Antike im Mittelmeerraum Gesellschaften existierten, die an der Schwelle zur staatlichen Organisation mit ausgedehnter Kriegführung beschäftigt waren und deshalb ihren Besitz von ihren Schwestern verwalten ließen.

Eine solche Deutung ließe sich vereinbaren mit den Vorstellungen Bachofens, für den die von ihm behauptete Periode des Mutterrechts gleichzeitig ein Heldenzeitalter voller stolzer Krieger war. Der hohe Status der Frauen und die Verantwortung für die Produktion, d. h. die Loyalität der Frauen aus der eigenen Familie, war Vorbedingung für ausgedehnte Kriegszüge, die lange Abwesenheit der Männer erforderte. Ähnlich erhöhten sich der Status der Frau und ihr Aktionsradius während der Weltkriege dieses Jahrhunderts.

Von French werden solche Thesen nicht erörtert, weil sie das Bild von der guten, weiblichen, unaggressiven Gesellschaft stören würden. Da es ihr genügt, dem Mann einen unersättlichen Machtwunsch zu unterstellen, um von der Urgesellschaft bis zu den multinationalen Konzernen alles Geschehen der Welt zu erklären, ignoriert sie, daß Menschen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken machen. Die ökologischen Krisen der Menschheit begannen nicht in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts, sondern sind erst zu diesem Zeitpunkt deutlicher ins Bewußtsein gerückt worden.

Die Menschen der Steinzeit haben ihre relativ angenehme Lebensweise nicht aufgegeben, um Macht anzusammeln, sondern weil die Klimaveränderungen nach der Eiszeit dazu führten, daß die großen wildreichen Steppengebiete, in denen Bisons und Mammuts gejagt wurden, sich allmählich bewaldeten und die Zahl des Großwilds zurückging. Eine Reihe von Wildarten wurde, da das Verhältnis von Bevölkerungszahl und Wild sich drastisch veränderte, in kurzer Zeit ausgerottet. Die ersten Ackerbaukulturen entstanden aus Gründen der materiellen Existenzsicherung, kaum deswegen, weil sich der Mann den Trieb zur Naturbeherrschung nicht versagen wollte.

Die Erfindung der Schrift, des Rades und des Pfluges, die Anlage von Bewässerungssystemen und die Kodifizierung des Rechts, die French als Vermännlichung beklagt, hingen zusammen mit dem ständigen Druck, die Nahrungsmittelproduktion zu intensivieren und kollektive Arbeit zu organisieren.

Der Grund dafür war das ständige Bevölkerungswachstum, das die neue Produktionsweise sowohl ermöglichte wie auch erforderte, denn die landwirtschaftliche Produktion brauchte einen größeren Einsatz menschlicher Arbeitskraft und längere Arbeitszeiten, als es beim Jagen und Sammeln der Fall war. So hatte sich die Bevölkerung im Mittleren Osten nach Schätzungen im Zeitraum

zwischen 8000 und 4000 v. Chr. vervierzigfacht. Auch damals gab es Bodenerosion und Abholzung von Wäldern.

Die Hierarchiebildung in komplexen Gesellschaften, die French nur als Ausdruck männlicher Machtwünsche betrachtet, war eine Folge des Zwanges zu kollektiver Arbeitsorganisation. Der Bevölkerungszuwachs führte zu einer Militarisierung der menschlichen Gesellschaft, zu systematischer Kriegführung und Verteidigung. Diese Grundzüge der Gesellschaftsentwicklung, die die extremen Formen des Patriarchats erst ermöglichten, werden von French nicht einmal erwähnt.

Sie stellt keinerlei Zusammenhänge her zwischen den Bedingungen der materiellen Existenz, zwischen Überlebenszwängen und der Unterdrückung der Frau. Exogamie, Heiratsvorschriften, Normen für Sexualität und Fruchtbarkeit, weibliche Kindestötung, Erbrecht, Jungfräulichkeitszwang, Einehe, Polygamie, Witwenverbrennung, Brautpreis, Mitgift, Recht an den Kindern, demographische Entwicklung und das Verhältnis von Produktionsweise, Ressourcen und Bevölkerungszahl - alle diese Phänomene, die überhaupt erst die Unterdrückung und Entrechtung der Frau ausmachen, werden von ihr entweder gar nicht diskutiert oder außerhalb ihrer realen Zusammenhänge gesehen. Dadurch wird das Böse als Triebkraft des gesellschaftlichen Geschehens in die männliche Seele hineingelegt.

Aber das Patriarchat ist nicht die immer neue Erfindung des einzelnen Mannes, sondern Ergebnis von langen historischen Entwicklungen, in denen weibliche Fruchtbarkeit und männliche Kriegführung ein interdependentes Geschehen bildeten, ohne daß diese Zusammenhänge dem einzelnen Individuum bewußt waren. Der Krieger des 4. Jahrtausends vor Christus konnte nicht ahnen, daß der Krieger des 20. Jahrhunderts Atomwaffen besitzen würde, und die Frau, die um Fruchtbarkeit flehte und acht Kinder gebar, von denen vier am Leben blieben, konnte nicht ahnen, daß die Bevölkerungszahl ein paar Jahrtausende später vier Milliarden Menschen betragen würde.

Diese neuen Tatsachen verlangen zwingend ein Umdenken in allen Bereichen, da hat Marilyn French recht, und notwendigerweise ein Abschiednehmen von patriarchalischen Wertvorstellungen. Der Feminismus hat den Trend der Geschichte auf seiner Seite, falls wir überleben wollen.

Störend an Frenchs Buch ist nur die Naivität, mit der sie gesellschaftliche Vorgänge und Strukturwandel beschreibt. »Wer feministischen Ideen anhängt, fühlt sich wohler, was seine Anziehung auf andere nicht verfehlt.« Ganz so harmlos und unkompliziert sind die letzten 15 Jahre, wenn ich mich recht erinnere, für Feministinnen nicht abgelaufen.

Marilyn French: »Jenseits der Macht; Frauen Männer und Moral«.Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 992 Seiten; 68 Mark.Vererbung in der mütterlichen Linie.Wohnsitzregel (nach der Heirat bei der Familie der Ehefrau).

Marielouise Janssen-Jurreit
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