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»Das Maul aufgesperrt«

aus DER SPIEGEL 36/1995

SPIEGEL: Was treibt Sie auf artfremdes Terrain. Geldnot?

Kujau: Quatsch. Die Liebe zum Rock'n'Roll. In den fünfziger Jahren war Bill Haley mein Idol. Seinen Hit »Rock Around the Clock« kann ich auswendig.

SPIEGEL: Wie ist denn die Stuttgarter Band »Rock & Roll Junkies« auf den pinselnden Kujau gekommen?

Kujau: Die finden mich gut, weil ich nie ein Blatt vor den Mund genommen habe und ihre frechen Lieder gut vortragen kann. Mir hat vor allem unser »Rebellen«-Song gefallen.

SPIEGEL: Wovon handelt denn der?

Kujau: Vom ewigen Neid in der Kunstszene. In Bayreuth zum Beispiel läuft jetzt eine Ausstellung von mir. Und prompt kommen die ganzen Heimat-Maler angerannt und mäkeln gleich los: Dieser Kujau kann doch nix. Das sind alles Arschlöcher, die selbst keinen Strich führen können.

SPIEGEL: Ist alles echt an Ihrer Platte?

Kujau: Was denken Sie! Ich spiele Gitarre und singe selbst mit meiner rauhen, versoffenen Stimme, die mir nach einer Kehlkopfoperation geblieben ist.

SPIEGEL: Sie intonieren aber einen »Fälscher-Blues«.

Kujau: Klar, echten Hardrock: »Ich bin der von dem Skandal aus der Zeitung.«

SPIEGEL: Wird aus dem Schriftkünstler Kujau nun ein Popstar?

Kujau: Nee, obwohl ich gar nicht unbegabt bin. Die Jungs von der Band hatten sich auf zwei Aufnahmetage mit mir eingerichtet. Aber ich war nach zwei Stunden schon fertig. Die haben Maul und Ohren aufgesperrt.

SPIEGEL: Wo bleibt der Fälscher Kujau?

Kujau: Er lebt. Kürzlich hab' ich sogar Wagner-Partituren gefälscht.

SPIEGEL: Muß die Musikgeschichte nun neu geschrieben werden?

Kujau: Ich plagiiere ganz harmlos Passagen aus dem »Ring«, verändere aber die Tonhöhe. Die Experten, denen ich das zeige, krächzen erschüttert: »Wo haben Sie das denn her?« Ich gestehe aber sofort meine Missetat, sonst drehen die gleich wieder durch.

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