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Das Mittelmeer schrumpft

Nur eine Momentaufnahme ist das vertraute Bild der Erdkarte -- das haben die Geologen nun zweifelsfrei erkundet: Die Erdkruste bildet ein Mosaik aus kleinen und großen Platten, die unablässig in Bewegung sind. Vulkane und Erdbeben zeugen von der trägen Wanderung der Kontinente.
aus DER SPIEGEL 22/1973

Warum sollen wir zögern, die alte Anschauung über Bord zu werfen?«, lockte der Revolutionär, und er verkündete hoffnungsfroh: »ich glaube nicht, daß die alten Vorstellungen noch zehn Jahre zu leben haben«

Als »alte Anschauung« tat 1915 der deutsche Meteorologe und Polarforscher Alfred Wegener die gängige Vorstellung ab, daß die Erdbewohner festen Boden unter den Füßen haben. Die Erdteile seien vielmehr, so suchte Wegener in seiner Kontinentalverschiebungstheorie zu belegen, im Laufe der Erdgeschichte Tausende von Kilometern um den Erdball gedriftet wie Eisberge über den Ozean.

Es dauerte nicht zehn, sondern 50 Jahre, bis die Lehre von den ruhelosen Kontinenten allgemeine Anerkennung fand. Seitdem aber haben Geologen und Geophysiker, Paläontologen und Meeresforscher Entdeckungen gemacht, die Wegeners einst kühne These geradezu als Untertreibung erscheinen läßt. Denn heute ist erwiesen, daß nicht nur die Kontinente wandern, sondern auch die Erdkruste unter den Ozeanen ständig in Bewegung ist -- alles fließt.

Mit den jüngsten Erkenntnissen der Erdforscher ist eine wissenschaftliche Sternstunde angebrochen. Wie bei einem Puzzle sich plötzlich alle Teile ineinanderfügen, so verbinden sich nun zahlreiche Beobachtungen zu einem geschlossenen Bild.

Fast mit einem Schlage konnten die Geologen nun scheinbar einander widersprechende Tatsachen erklären und ein ganzes Bündel strittiger Fragen beantworten:

* warum sich die schweren Erdbeben in eng begrenzten Gebieten, sogenannten Erdbebengürteln, konzentrieren, während der übrige Teil der Erdoberfläche praktisch frei von Erdbeben ist:

* warum Vulkane nur in bestimmten Regionen aktiv sind, die zumeist mit den Erdbebengürteln übereinstimmen;

* welche Bedeutung die kilometertief in den Boden der »Tiefsee eingeschnittenen Gräben haben und warum sie alle unmittelbar vor dem Festland oder vor Inselketten liegen; > was es mit den gewaltigen Gebirgszügen auf sich hat, die sich auf dem Grund der Ozeane durch alle großen Meere ziehen; und

auf welche Weise die Hochgebirge der Erde entstanden sind und warum sie gerade dort liegen, wo sie liegen.

Das Lösungswort für die lange umstrittenen Geheimnisse der Erde heißt »Plattentektonik"**. Dieser Begriff steht für die Erkenntnis, daß die gesamte Erdschale. Kontinente ebenso wie Meeresboden, aus beweglichen Platten zusammengesetzt ist. Von mächtigen Kräften in der Tiefe angetrieben. driften die Erdkrustenschollen auseinander, prallen zusammen oder schrammen aneinander entlang -- lassen dabei die Erde beben, Vulkane ausbrechen oder türmen gar gewaltige Gebirge empor.

Lange hatten sich die Erdwissenschaftler gegen die Annahme gewehrt,

* Unten: Massiv des Mount Everest; Oben: auf der isländischen Insel Vestmannaeyjar

** Unter dem Begriff »Tektonik (nach dem lateinischen Wort tectum Dach) werden jene Bereiche der Erdwissenschaften zusammengefaßt, die sich mit den Lagerungsverhältnissen der Gesteine, ihren Veränderungen im Laufe der Erdgeschichte und den Ursachen für diese Veränderungen beschäftigen.

daß in der Erdkruste großräumige horizontale Verschiebungen vor sich gehen könnten. Dabei war Geographen die frappierende Übereinstimmung der Ostküste Südamerikas mit der Westküste Afrikas schon aufgefallen, als die ersten zuverlässigen Karten vorlagen.

Ende des vergangenen Jahrhunderts gerieten Erforscher der Südkontinente in Schwierigkeiten. als sie eine Erklärung dafür suchten, daß sich etwa in Afrika, Südamerika. Australien und Indien die Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt gleichlaufend vollzogen haben mußte.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bot erst die Theorie des österreichischen Geologen Eduard Sueß, daß in grauer Vorzeit eine riesige Landmasse, von den Anden über Afrika und Indien bis nach Australien reichend. fast die ganze südliche Halbkugel bedeckt habe. Erst als im Bereich des heutigen Südatlantiks und des Indischen Ozeans die Erdkruste absackte, sei dieser als »Gondwanaland« bezeichnete Riesenkontinent zerstückelt worden. Noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt erschien vielen Erdforschern diese ältere Hypothese plausibler als Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung.

Vertikale Bewegungen von Teilen der Erdkruste waren Geologen nämlich seit langem geläufig. Versteinerte Meeresmuscheln, die in vielen Gebirgen massenhaft zu finden sind, ließen keine andere Deutung zu, als daß sich das Gebirgsgestein einst am Grunde eines Meeres befunden haben muß. Horizontale Bewegungen von Krustenteilen hingegen vermochten sich die Geologen zwar als örtlich begrenzte »Überschiebungen« Vorzustellen, doch hielten sie weite Reisen ganzer Kontinente für ausgeschlossen.

In der Tat war es Wegener auch nicht gelungen, eine annehmbare Antwort auf die Frage zu finden, auf welche Weise die Kontinente sich ihren Weg durch die Erdkruste am Meeresgrund gebahnt haben sollen, die rund zehn Kilometer dick und außerordentlich hart ist.

Eine Erklärung für das Geheimnis der wandernden Erdteile zeichnete sich erst ab, nachdem die Wissenschaftler begannen, auch die Meeresböden systematisch zu erforschen.

Anfang der dreißiger Jahre hatte das deutsche Forschungsschiff »Meteor« auf dem Boden des Atlantischen Ozeans eine gewaltige Gebirgskette entdeckt, die sich etwa auf der Mittellinie des Atlantiks vom Nordmeer bis ins Südpolarbecken erstreckt. Spätere Untersuchungen anderer Meeresforscher zeigten, daß der »zentralatlantische Rücken« lediglich einen Abschnitt des unterseeischen Gebirgssystems darstellt, das alle großen Weltmeere durchzieht.

Die Unterwasser-Gebirge sind offenbar, wie der US-Geophysiker Harry H. Hess schon Anfang der sechziger Jahre mutmaßte, Nahtstellen in der Erdkruste, von denen aus der Meeresboden nach beiden Seiten davongleitet. Im Gebirgsbereich aufquellende Lava füllt ständig die Lücken.

Dieser Prozeß des »Sea-floor Spreading« (Ausbreitung des Meeresbodens) kann indes nur ablaufen. wenn es Stellen gibt, an denen entsprechende Areale von Meeresboden auch wieder ins Erdinnere hinabgedrückt werden. Solche »Krustenverschluckungszonen« seien, postulierte Hess, die Tiefseegräben. die vor allem an den Rändern des Pazifiks liegen.

Im Atlantik gibt es zwar kaum Tiefseegräben, aber auch dieser Mangel läßt sich plausibel erklären: Im Gegensatz zum Pazifik vergrößert sich der Atlantik noch ständig. Die Kontinente rechts und links, die ihre Fahrt einst am mittelatlantischen Rücken begannen. weichen immer weiter auseinander.

Allmählich kristallisierte sich als neue, alle Bewegungen der Kontinente und des Meeresbodens erklärende Theorie die Vorstellung heraus, daß die ganze Erdkruste aus treibenden Platten besteht, die an den unterseeischen Gebirgsketten wachsen und von Tiefseegräben verschluckt werden, im übrigen aber relativ starr sind und sich fortwährend geringfügig gegeneinander verschieben.

Die endgültigen Beweise fur diese Theorie mußten am Boden der Tiefsee zu finden sein. Wenn nämlich entlang der unterseeischen Gebirge ständig neuer Meeresboden entsteht und dann seitwärts fortrückt, muß das Alter des Meeresbodens mit der Entfernung zum Unterwassergebirge zunehmen. Tatsächlich fanden Forscher auf dem amerikanischen Spezial-Forschungsschiff »Glomar Challenger«, das seit 1968 Löcher in den Tiefseeboden aller Meere bohrt, diese Voraussetzung immer wieder bestätigt.

Unterdes haben Geophysiker auf der Erdoberfläche sieben große Platten ausgemacht. die nach seismologischen Untersuchungen jeweils etwa 70 Kilometer dick sind (siehe Graphik). Mehr als ein Dutzend kleinerer Platten ergänzen das Mosaik.

Zu den großen zählen etwa

* die eurasische Platte -- sie umfaßt die östliche Hälfte des Nordatlantiks, Europa und Asien außer der Türkei, Persien und Indien -- oder > die afrikanische Platte -- zu ihr gehört ganz Afrika, die östliche Hälfte des Südatlantiks sowie ein Teil des Indischen Ozeans.

Besonders zerstückelt sind Balkan und Naher Osten, wo adriatische, hellenische, türkische, arabische und persische Platte gegeneinanderdrängen.

Daß beispielsweise Jugoslawien. Griechenland, die Türkei und Persien zu den erdbebenreichsten Gebieten der Erde zählen, ist denn auch kein Zufall. Die dramatischen Ereignisse der Erdgeschichte, so erkannten die Erdwissenschaftler, spielen sich überwiegend an Plattengrenzen ab.

Unauffällig vollzieht sieh das Grenzgeschehen an den unter dem Meeresspiegel liegenden Hinterkanten der großen Platten. Die Erdbeben, die im Bereich der unterseeischen Gebirgszüge auftreten, gefährden niemanden, und die Vulkanausbrüche, mehrere Tausend Meter tief unter dem Meeresspiegel, bleiben in der Regel gar völlig unbemerkt. Eine einzigartige Ausnahme bildet ein Abschnitt des mittelatlantischen Rückens, der aus dem Meer ragt: Island. Auf der ganz aus Vulkangestein bestehenden Insel können Geophysiker verfolgen, wie der über dem Meeresspiegel liegende »Meeresboden« von einer schmalen, mit aktiven Vulkanen besetzten Zone nach beiden Seiten auseinanderweicht.

An den Seitenfronten, wo Platten aneinander vorbeigleiten, brechen zwar selten Vulkane aus, aber Erdbeben erschüttern diese Grenzzonen häufig und bedrohlich. Eine der am meisten gefürchteten Plattengrenzen dieser Art zieht sich durch Kalifornien. Diese »San-Andreas-Spalte« läuft unmittelbar am Rand von San Francisco entlang, und alles spricht dafür, daß der Stadt am Golden Gate ein ähnliches Desaster wie das Erdbeben von 1906 auf die Dauer nicht erspart bleiben wird.

Häufige und schwere Erdbeben sowie Vulkanausbrüche kennzeichnen die Vorderkante einer Platte. Besteht die Platte aus Meeresboden, so biegt sie an dieser Grenze in steilem Winkel nach unten ab und rutscht, einen Tiefseegraben erzeugend, unter die Nachbarplatte. Aber die Platte verschwindet nicht reibungslos, sondern verursacht immer wieder Erdbeben und heftige Vulkanausbrüche.

Nahezu unbedeutend aber erscheinen alle diese Ereignisse im Vergleich zu den Geschehnissen beim Zusammenstoß zweier Platten, die Kontinente tragen: Bei solcher Kollision falten sich Gebirge auf. Das eindrucksvollste Resultat eines kontinentalen Zusammenpralls ist der Himalaja: Er ragt dort auf, wo sich vor 40 Millionen Jahren Indien, einst ein selbständiger Erdteil, unter die eurasische Platte zu schieben begann.

Das vertraute Bild auf dem Globus, daran bestehen heute keine Zweifel mehr, ist in der Geschichte der Erde nur eine Momentaufnahme. Unablässig sind die Platten in Bewegung. Der Atlantik wird immer noch größer, der Pazifik kleiner, und auch das Mittelmeer schrumpft, weil die afrikanische Platte unter Europa drängt. Hingegen wächst mit dem Roten Meer ein neuer Ozean heran.

Und doch signalisiert jedes noch so zerstörerische Erdbeben, jeder Vulkanausbruch nur eine winzige Bewegung im steten Plattenspiel, das Meere entstehen und vergehen, Tiefseegräben einsinken und Gebirge aufsteigen läßt. Denn die Geschwindigkeit der Platten beträgt nur wenige Zentimeter pro Jahr -- Jahrmillionen sind nötig, um Berge zu versetzen.

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