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»Das Monster im Schrank«

Der Schauspieler Michael J. Fox über sein Leben mit der Parkinson-Krankheit, seine Filmrolle als Präsidentenberater und die Kriegspläne von George W. Bush
aus DER SPIEGEL 2/2003

SPIEGEL: Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass gerade Michael J. Fox, der ewige Teenager Hollywoods, die Krankheit alter Männer bekommt?

Fox: Man könnte es auch ironisch nennen, dass ein Schauspieler eine Krankheit bekommt, die seinen Verstand nicht berührt, aber seinen Körper zittern lässt und sein Gesicht einfriert. So habe ich auch eine Zeit lang gedacht. Als ich noch verzweifelt war, wütend und deprimiert. Aber es gibt auch weitaus weniger bekannte Menschen, die in jungen Jahren an Parkinson erkranken. Wenn es eine Ironie des Schicksals gäbe, hätten die keine Erklärung.

SPIEGEL: Einer von den unbekannten Parkinson-Kranken schrieb Ihnen, dass er sich freute, als er von Ihrer Erkrankung erfuhr. Können Sie das verstehen?

Fox: Na klar. Kranke wie Muhammad Ali und ich haben natürlich eine ganz andere Öffentlichkeit. Wir erreichen mehr Leute, uns hört man eher zu, wir haben mehr Einfluss. Daraus ergibt sich eine Verantwortung.

SPIEGEL: Reden Sie deshalb so offen über Ihre Krankheit?

Fox: Die Krankheit ließ sich nicht mehr verheimlichen. Ich bin Schauspieler, ich muss ständig vor Leute treten. Am Ende hatte ich bei Auftritten meine Hände immer länger in den Hosentaschen, ich lehnte mich an Wände, nur damit nicht auffiel, wie ich zittere. Es gab erste Gerüchte, und die Leute merkten, dass irgendwas mit mir nicht mehr stimmt. Ich hatte es sieben Jahre lang verheimlichen können. Ich stand mit dem Rücken zur Wand. Ich musste es erzählen.

SPIEGEL: Danach hatten Sie das Gefühl, Ihr Leben weggegeben zu haben. Wieso?

Fox: Ich begriff, dass man diese Geschichte nicht stückweise rauslassen konnte. Es gab nur alles oder nichts. Ich hätte es lächelnd erzählen können, leichten Herzens, aber letztlich bleibt immer die Nachricht: Fox hat Parkinson. Man kannte mich, man kannte den Krankheitsverlauf. Mir war klar, dass es nicht meine Geschichte sein würde, die ich später in »People« lesen würde, sondern die des Journalisten. Deswegen habe ich sie keinem dieser Drecksschreiber erzählt, sondern einem Freund. Das war die einzige Kontrolle, die ich noch hatte.

SPIEGEL: War das Schreiben Ihrer Autobiografie dann nicht noch eine viel größere Quälerei?

Fox: Nein, es hat Spaß gemacht. Es war eine Entdeckungsreise. Das Schreiben hat mich gezwungen, mich mit anderen auseinander zu setzen. Ich hatte ja immer nur über mich nachgedacht, jetzt erfuhr ich, was andere dachten. Ich habe es genossen. Ich habe Cola getrunken, Nachrichten geguckt und gewartet. Wer diese Krankheit hat, lernt Dinge zu ihrer Zeit zu tun. Ich kann sie nicht pushen. Ich musste meinen Frieden finden.

SPIEGEL: Und wo lag der?

Fox: Man könnte sagen: Ich musste warten, bis die Pillen wirkten. Aber es war mehr. Ich meine nicht irgend so einen kosmischen New-Age-Friedenstrip. Ich meine eher Ruhe, Stille. Ich wusste erst, was es bedeutet, still zu sein, als ich nicht mehr still sitzen konnte.

SPIEGEL: Sie haben von der Krankheit in einem Moment erfahren, als Ihre Karriere ins Trudeln geriet. Sie waren 30, niemand in Hollywood schien mehr so richtig zu wissen, was er mit dem Jungen aus »Teen Wolf« und »Zurück in die Zukunft« anfangen sollte. Haben Sie deswegen noch schnell einen Drei-Filme-Vertrag mit Universal unterschrieben, obwohl die eigentlich keine guten Bücher für Sie hatten?

Fox: Ja, bestimmt. Ich wusste doch nicht, wie viel Zeit ich noch hatte. Es gab keinerlei Erkenntnisse. Ein Arzt sagte mir: Du hast noch zehn Jahre. Aber das hat er geschätzt. Da hockte dieses Monster im Schrank und konnte jeden Moment rauskommen. Meine Frau hat mir geraten, eine künstlerische Herausforderung zu suchen. Aber ich habe gedacht: Take the money and run. Und habe natürlich drei Flops gelandet. Es war falsch, aber ich dachte damals noch, dass ich die Kontrolle über mein Leben zurückbekommen muss. Ich wollte auf Nummer Sicher gehen. Ich war ein Kontrollfreak, ich wollte alles immer in der Hand haben.

SPIEGEL: Für die Öffentlichkeit schienen Sie immer alles im Griff zu haben. Ein Mann, der erfolgreich und offen mit einer schweren Krankheit umgeht.

Fox: Das war auch ein Grund, warum ich das Buch schrieb. Ich wollte die Lücke füllen, die es zwischen dem Star und dem Parkinson-Kranken gab. In den elf Jahren, die ich von der Krankheit weiß, habe ich alle Stadien durchlaufen. Wut, Verleugnung, Depression, Gewöhnung. Ich habe getrunken, ich besuchte eine Therapeutin, ich ließ mich am Gehirn operieren. Ich habe das alles beschrieben. Ich wollte zeigen, dass es nicht so leicht war. Ich wollte erklären, wie ich durch die Krankheit ein neuer Mensch wurde. Und ich wollte mein neues Leben mit dem in der Hollywood-Blase vergleichen. Ich wollte zeigen, dass es Vorteile gibt.

SPIEGEL: Welche?

Fox: Ich fühle mich nicht mehr als das Zentrum des Universums. Das ist erleichternd.

SPIEGEL: Als Beispiel für Ihre Selbstbezogenheit beschrieben Sie, wie Sie Cher vor der Oscar-Verleihung im Parkdeck trafen. Sie streckten die Hand aus und sagten: »Hi, ich bin Mike Fox.« Cher sagte nur verächtlich: »Ich weiß schon, wer Sie sind«, und ließ Sie stehen. Redet Sie inzwischen mit Ihnen?

Fox: Ach, darum geht es nicht. Einige denken, ich wollte Cher anschwärzen. Aber ich wollte nur was über die Hollywood-Blase erzählen, in der ich damals lebte. Ich hatte jeden Realitätssinn verloren. Ich dachte: Hey, du bist ein Hollywood-Star, sie ist einer, also kennen wir uns. Aber Cher lebte offensichtlich nicht in meiner Blase.

SPIEGEL: Sie leben jetzt in New York. Haben Sie Los Angeles verlassen, um die Blase zum Platzen zu bringen?

Fox: Ich lebe in New York, weil ich nicht wollte, dass meine Kinder in Hollywood auf dem Spielplatz mit anderen Kindern darüber streiten, wessen Vater den erfolgreicheren Film im Kino hat. Ich wollte ihnen nicht ständig erklären müssen, dass es auch eine richtige Welt da draußen gibt, mit richtigen Menschen, die richtige Sorgen haben. In New York können sie das alles auf dem Schulweg sehen. Außerdem hatten wir ja nichts zurückzulassen. Meine Frau stammt aus New York, ich komme aus Kanada. Ich habe meine Serie »Spin City« einfach an die Ostküste verlegen lassen. Das war alles. Ich vermisse nichts.

SPIEGEL: Können Sie sich denn noch vorstellen, warum es Ihr sehnsüchtigster Wunsch war, als Teenager nach Los Angeles zu kommen?

Fox: Natürlich. Ich werfe auch keinen Stein zurück. Ich war ein kanadischer Junge aus einfachen Verhältnissen, der in die große weite Welt aufbrach. Für die meisten Schauspieler ist es einfach praktischer, in Los Angeles zu leben. Aber ich habe es nicht mehr nötig. Ich will nicht mehr weggeschlossen sein. In meiner Wohnung gibt es nichts, was darauf hindeutet, dass ich aus dem Filmbusiness bin. Meine Emmys und Golden Globes stehen im Büro. Ich will normal leben. In New York drängeln die Leute, und wenn du jemandem auf den Fuß trittst, ruft der: Nimm deinen beschissenen Fuß weg. Die typische Auseinandersetzung im Verkehr von Los Angeles ist eine Schießerei auf dem Freeway. Näher kommen sich die Leute dort überhaupt nicht. Sie leben in ihren Kunstwelten. Vielleicht ist John Lennon nicht der beste Zeuge, aber er hatte Recht, als er sagte: In einer Stadt wie New York wirst du am ehesten als Mensch wahrgenommen. Als Nachbar.

SPIEGEL: Hat der 11. September das nicht verändert?

Fox: Finde ich nicht. Ich war damals in Los Angeles, um mit Charlie Sheen zu reden, der meine Rolle in »Spin City« übernahm. Kurz nach sechs Uhr morgens klingelte das Telefon. Meine Kinder waren in der Schule, meine Frau war im achten Monat schwanger, und ich war so weit weg. Es war schrecklich. Ich habe kein Flugzeug bekommen, auch kein Charterflugzeug. Ich konnte ein paar Leute überreden, mich nach Osten zu fahren. Wir haben nicht mal 48 Stunden gebraucht. Wir kamen nachts an, wir überquerten die George Washington Bridge und sahen den Staub, rochen den Qualm. Wir haben natürlich darüber nachgedacht, ob wir unsere Kinder in dieser Stadt großziehen können, ob wir hier weiterleben wollen. Wir blieben erst mal. Anderthalb Monate später hat meine Frau unser viertes Kind geboren. Wir mussten nicht sonst wohin fahren. Die Klinik ist nur sechs Straßen von unserem Wohnhaus entfernt. Und dann standen wir Anfang November mit unserer neu geborenen Tochter am Fenster und sahen den Zehntausenden Marathonläufern im Central Park zu. Dieser Moment fasst es eigentlich zusammen. Es ist eine wunderbare Stadt.

SPIEGEL: Sind Sie inzwischen amerikanischer Staatsbürger?

Fox: Ja, aber erst seit ein paar Jahren. Ich habe ein paar Dinge nachgeholt, als ich ein neuer Mensch wurde. Mein High-School-Diplom zum Beispiel. Mitte der Neunziger wurde ich dann auch Bürger. Die letzte Präsidentenwahl war meine erste Wahl überhaupt.

SPIEGEL: Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Als Sie sich auf Ihre Rolle in dem Film »Hallo, Mr. President« vorbereiteten, trafen Sie sich mit Präsident Clinton, mit dessen früherem Berater George Stephanopoulos sind Sie befreundet.

Fox: Ich bin Demokrat. Ich habe Bush nicht gewählt. Es stört mich sehr vieles, was im Augenblick passiert. Aber um ehrlich zu sein, bin ich sehr verwirrt. Ich weiß nicht, wie viel Bush dort überhaupt zu sagen hat. Ich weiß nicht, ob das gesamte System Fehler hat. Gelegentlich komme ich mir vor wie in einem Orwell-Roman. Ich versuche,

mich zu informieren, ich lese viel, sehe viel fern. Aber ich habe nicht den Eindruck, ich erfahre wirklich etwas. Ich glaube, die Mitte Amerikas empfindet im Moment dieses Unwohlsein. Keiner will so richtig in diesen Krieg gegen den Irak. Amerikaner sind vielleicht ein bisschen naiv, aber sie sind nicht dumm. Wenn sie begreifen, dass es nicht um unsere Sicherheit geht, sondern nur um Politik und Weltmacht, werden sie sich wehren.

SPIEGEL: Sie waren 1995 im Weißen Haus, als Clinton einen Angriff auf den Irak in Erwägung zog. Sie wollten Informationen für Ihre Präsidentenberater-Rolle in »Hallo, Mr. President«, er musste den harten Präsidenten spielen, der einen Diktator mit Bomben bedroht. Schreckt Sie die Vorstellung, dass ein Einzelner über das Leben von Zehntausenden Menschen entscheidet?

Fox: Wenn es der Richtige ist, der die Macht hat, ist es auszuhalten. Es ist kein Spiel. Aber ich bin auch sehr dagegen, alles auf andere zu schieben. Auf die Mächtigen. Wir haben alle eine Stimme, wir haben eine Verantwortung. Wir können wählen. Ich war auf der Trauerfeier für den demokratischen Senator Paul Wellstone. Das war ein einzigartiger Politiker. Der war nur seinem Gewissen verpflichtet. Er war der einzige Politiker, der gegen die Resolution stimmte, die Präsident Bush zum Irak-Krieg ermächtigt. Es ist schlimm, dass der nicht mehr lebt. Da waren 20 000 Leute auf der Trauerfeier. Es war ein Ereignis, und am nächsten Tag regen sich die Republikaner auf und sagen: Das wäre eine politische Kundgebung gewesen. Sie seien ausgebuht worden. Ja und? Statt darüber nachzudenken, wofür sie ausgebuht wurden, beschweren sie sich. Das ist so typisch. Es herrscht so eine Verantwortungslosigkeit. Die meisten denken, es wird sich schon irgendwie fügen. Aber das passiert eben nicht.

SPIEGEL: Haben Sie nie darüber nachgedacht, sich öffentlich gegen den Krieg zu stellen wie Ihre Kollegen Sean Penn oder Martin Sheen?

Fox: Nein. Sehen Sie, mein Kumpel Woody Harrelson hat einen großen Artikel für den Londoner »Guardian« geschrieben. Ich finde es gut, dass er sich einmischt. Aber ich habe einfach nicht genug Ahnung, und ich glaube auch, dass es mein politisches Engagement in der medizinischen Forschung kompromittieren würde. Wer sich für zu viele Sachen engagiert, dem hört man nicht mehr zu. Ich habe mich dieser Sache verschrieben. Ich sammle Geld für die Parkinson-Stiftung, ich sitze in Komitees, ich mache Lobby-Arbeit, ich setze mich mit Pharmakonzernen auseinander, ich sage vor Untersuchungsausschüssen aus. Ich kämpfe da gegen Bush, weil er die Anzahl der Institute begrenzt hat, an denen geforscht werden darf. Aber es gibt auch Republikaner, die auf unserer Seite stehen, die will ich nicht verschrecken. Es ist leider nicht so einfach.

SPIEGEL: Sie sagen, dass es innerhalb von zehn Jahren Lösungen für die Parkinsonsche Krankheit geben wird.

Fox: Nicht ich sage das. Wissenschaftler sagen es. Es passiert so viel in der Stammzellenforschung, der Gentherapie. Und wenn man Parkinson versteht, wird man auch andere Krankheiten wie Alzheimer und Multiple Sklerose verstehen lernen. Es kann die Türen öffnen. Und das Schöne ist, viele von den Errungenschaften, über die jetzt berichtet wird, hat unsere Stiftung finanziert. Zum Beispiel ein Co-Enzym, das den Verlauf von Parkinson verlangsamt. Ob es nun in 5 oder in 15 Jahren eine Lösung gibt, wir werden irgendwas damit zu tun haben. Das ist ein gutes Gefühl.

SPIEGEL: Werden Sie jemals wieder spielen?

Fox: Oh, es müsste schon die richtige Rolle sein und der richtige Film, und ich kenne Hollywood gut genug, um zu wissen, dass die selten sind. Ich kriege eine Menge Angebote, um Regie zu führen. Aber zurzeit mag ich das Schreiben am liebsten. Mein Verlag hätte gern einen Roman. Ich glaube, ich fange jetzt damit an.

SPIEGEL: 1990 begann an einem Morgen nach einer durchzechten Nacht in einem Londoner Hotelzimmer Ihr kleiner Finger plötzlich zu zittern. Sie hatten keine Ahnung, was das ist. Inzwischen haben Sie viel gelernt. Wissen Sie, wie es weitergeht?

Fox: Die Krankheit friert mich ein. Ich weiß seit elf Jahren, dass ich sie habe, und ich habe sie seit vielleicht 15 oder 16 Jahren. Es ist ein Wunder, dass die Tabletten noch wirken. Wenn das nicht mehr so ist, kann man operieren. Das ist riskant. Aber ich bin eigentlich zuversichtlich, dass ich noch leben werde, wenn man die Lösung findet. Ich habe gelernt zu warten.

SPIEGEL: Herr Fox, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Alexander Osang in NewYork.* Mit Christopher Lloyd.

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