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Literatur Das Rettungslose der Liebe

aus DER SPIEGEL 6/1996

Meret und Anton begegnen einander in einer Berliner Nacht kurz vor dem Fall der Mauer. Beide sind Journalisten, der Deutsche und die Israelin. Doch kaum sind sie sich nähergekommen, verblassen die historischen Staatsaktionen um sie herum. Plötzlich befinden sie sich in der ganz eigenen Welt ihrer Passion füreinander. Dieser Ort ist der alleinige Brennpunkt in Ulrike Kolbs Erzählung »Eine Liebe zu ihrer Zeit«.

Meret bekennt sich nämlich ebenso zu ihrem Mann wie zu den leidenschaftlichen Intermezzi mit ihrem Liebhaber. Der geschiedene Anton hingegen hätte sie gern ganz für sich.

Nach einer Liebesnacht in Paris, wo Meret als Europa-Korrespondentin israelischer Zeitungen residiert, beobachtet Anton mit Schmerz Merets harmonisches Verhältnis zu ihrem Gatten. Bei einem Stelldichein in Tel Aviv wagen sich die Liebenden aus Furcht vor Entdeckung kaum noch aus dem Hotelzimmer.

Merets und Antons Horizonte sind schon lange nicht mehr offen. Was fangen sie an mit ihren Sehnsüchten, mit den geheimen Augenblicken der Leidenschaft, der Überraschung, der Spontaneität?

Das ist das zentrale Thema von Ulrike Kolb, die im vergangenen Jahr zu den Preisträgern beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gehörte. Subtil werden die Empfindungen und Reaktionen der Liebenden nachgezeichnet: Lust, Eifersucht, Geduld und Verständnis.

»Die Probleme unserer Beziehung«, so Anton, »die vor allem in Merets Ehe lagen, waren nichts gegen das Ungreifbare, das Rettungslose unserer Liebe an sich.« Wie eine Insel hebt sich dieses Ungreifbare aus den Strömungen des Alltags heraus und wird schließlich von ihnen wieder überspült.

Der Autorin gelingt es, die leise Dramatik einer an sich ganz unspektakulären Liebesgeschichte sichtbar zu machen.

Ulrike Kolb Eine Liebe zu ihrer Zeit Rowohlt Verlag, Reinbek; 144 Seiten; 10,90 Mark

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