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KÖRPERKULT Das Schauspiel des Schmerzes

Der französische Kulturkritiker Roland Barthes über die Zeichensprache des Catchens
aus DER SPIEGEL 28/2001

Die Stärke des Catchens ist es, ein übersteigertes Schauspiel zu sein. Man findet darin eine Emphase, wie sie in den antiken Theatern geherrscht haben dürfte. Catchen ist ein Freilicht-Schauspiel. Wesentlich daran ist zunächst der dichte und vertikale Lichteinfall: Noch von den hintersten Rängen der schmierigsten Pariser Säle hat das Catchen Anteil an der Natur der großen Sonnenschauspiele: des griechischen Theaters und der Stier-

kämpfe. Hier wie dort erzeugt ein schattenloses Licht eine rückhaltlose Emotion.

Manche Damen und Herren halten Catchen für einen unwürdigen Sport. Catchen ist kein Sport, sondern ein Schauspiel, und es ist nicht unwürdiger, einer Darstellung des Schmerzes beim Catchen beizuwohnen als den Leiden des Arnolphe (in Molières »Die Schule der Frauen") oder der Andromache.

Echtes Catchen, unzutreffend Amateurcatchen genannt, spielt sich in zweitklassigen Sälen ab, in denen das Publikum spontan in die schauspielhafte Natur des Kampfes einstimmt, wie es das Publikum eines Vorstadtkinos tut. Dieselben Damen und Herren entrüsten sich anschließend, dass Catchen ein getrickster Sport sei (was ihm übrigens etwas von seiner Schändlichkeit nehmen müsste). Das Publikum schert sich jedoch keinen Deut darum, ob der Kampf getrickst ist oder nicht, und es hat Recht: Nicht darauf, was es glaubt, kommt es ihm an, sondern darauf, was es sieht.

Dieses Publikum weiß Catchen sehr genau vom Boxen zu unterscheiden; es weiß, dass Boxen ein jansenistischer Sport ist, der auf der Vorführung einer Vortrefflichkeit fußt. Auf den Ausgang eines Boxkampfs kann man wetten, beim Catchen hätte dies keinen Sinn. Der Boxkampf ist eine Geschichte, die sich vor den Augen der Zuschauer entwickelt; beim Catchen ist ganz im Gegenteil jeder einzelne Augenblick für sich erfassbar, nicht der Zeitverlauf als ganzer. Der Zuschauer interessiert sich nicht für den Aufstieg einer Fortune, er erwartet eine Momentaufnahme bestimmter Leidenschaften.

Das Catchen erfordert also eine unmittelbare Lektüre der nacheinander folgenden Bedeutungen, ohne dass es notwendig wäre, sie miteinander zu verknüpfen. Der verstandesmäßige Fortgang des Kampfes interessiert den Fan des Catchens nicht, wohingegen ein Boxkampf stets ein Wissen um die Zukunft einschließt. Catchen ist eine Summe von Schauspielen, von denen keines einer Funktion gehorcht: Jeder Augenblick erzwingt die totale Erkenntnis einer Leidenschaft, die geradewegs und alleine entsteht, ohne je auf die Krönung eines bestimmten Ausgangs zu zielen.

So besteht die Funktion des Catchers nicht darin, zu siegen, sondern exakt die Gesten zu vollführen, die man von ihm erwartet. Es heißt, im Judo ist ein geheimer Anteil an Symbolischem enthalten; selbst die Kampfkraft wird nur sparsam, durch präzise, kurze Gesten angedeutet, gleichsam ohne Volumen. Das Catchen dagegen bietet übersteigerte, bis zum Paroxysmus ihre Bedeutung ausreizende Gesten.

Die Funktion der Emphase ist durchaus die gleiche wie im antiken Theater, dessen Triebfeder, Sprache und Requisiten (Masken und Kothurne) zur überdeutlich sichtbaren Erläuterung einer Notwendigkeit beitrugen. Die Geste des besiegten Catchers, der der Welt seine Niederlage zeigt, die er beileibe nicht kaschiert, sondern zur Schau stellt und nach der Art eines Orgelpunktes anhält, entspricht der antiken Maske, deren Aufgabe es war, den tragischen Ton des Schauspiels zu bezeichnen. Beim Catchen wie auf den Bühnen des Altertums schämt man sich nicht seines Schmerzes, man versteht zu weinen, hat Sinn für die Tränen.

Jedes Zeichen des Catchens ist demnach mit totaler Klarheit ausgestattet, weil alles jederzeit auf Anhieb zu verstehen sein muss. Sobald die Gegner im Ring stehen, kennt das Publikum die Rollen. Wie im Theater ist jeder Körpertypus ein übersteigerter Ausdruck der Stellung, die dem Kämpfenden zugewiesen wurde. Thauvin, ein feister 50-Jähriger kurz vor dem Zusammenbruch, der in einer Art geschlechtsloser Scheußlichkeit stets zu weiblichen Spitznamen anregt, verkörpert in seinem Fleisch die Kennzeichen des Unwürdigen, denn seine Rolle ist die Darstellung dessen, was sich im klassischen Begriff des »Schweins« (ein Schlüsselbegriff jedes Catchkampfes) als organisch widerwärtig anbietet. Der durch Thauvin bewusst erzeugte Ekel geht deshalb sehr weit in der Ordnung der Zeichen. Hier dient die Hässlichkeit nicht nur dazu, das Niederträchtige zu bezeichnen, sondern diese Hässlichkeit ist auch in einer besonders abstoßenden Eigenschaft der Materie gebündelt: der fahlen Schlaffheit eines Stücks Fleisch.

Erster Schlüssel des Kampfes ist mithin der Körper des Catchers. Ich weiß von Anfang an, dass Thauvins Taten, seine Verrätereien, seine Grausamkeiten und Feigheiten das erste Bild, das er mir vom Unwürdigen vermittelt, nicht enttäuschen werden. Ich kann mich darauf verlassen, dass er alle Gesten einer bestimmten unförmigen Niedertracht intelligent und bis zum Letzten vollführt und damit restlos das Bild des fiesesten Schweins überhaupt ausfüllt: das der Hyäne.

Die Physis der Catcher legt also ein Grundzeichen fest, das im Keim den ganzen Kampf enthält. Allerdings entfaltet sich dieser Keim, denn in jedem Augenblick des Kampfes, in jeder neuen Situation übermittelt der Körper des Catchers dem

Publikum das wunderbare Vergnügen einer Gemütsverfassung, die sich auf natürliche Weise mit einer Geste verbindet. Die verschiedenen Bedeutungsstränge erhellen sich wechselseitig und bilden das einleuchtendste aller Schauspiele.

Oberhalb der Grundbedeutung seines Körpers verfügt der Catcher über die episodischen, aber stets angebrachten Erläuterungen, die durch die Gesten, Haltungen und Mimiken, in denen die Absicht zur höchsten Evidenz gebracht wird, fortwährend zur Lektüre des Kampfes beitragen. Einmal triumphiert der Catcher mit einer widerlichen Fratze, während er auf dem sportlichen Guten kniet; ein andermal bedenkt er das Publikum mit einem süffisanten Lächeln, das die bevorstehende Vergeltung ankündigt; noch ein andermal ist er festgeklammert und schlägt heftig mit den Armen auf den Boden, um allen die Unerträglichkeit seiner Lage zu bedeuten; wieder ein andermal schließlich wendet er ein komplexes Zeichengefüge an; es gibt zu verstehen, dass er mit gutem Recht das immer wieder unterhaltsame Bild des Miesmachers verkörpert, der unentwegt von seiner Unzufriedenheit faselt.

Es handelt sich also um eine regelrechte »Menschliche Komödie«, in der die stärksten gesellschaftlichen Schattierungen der Leidenschaft (Überheblichkeit, gutes Recht, raffinierte Grausamkeit, Gespür fürs »Bezahlen") triumphierend bis in die hintersten Ecken des Saales gelangen. Catchen ist eine unmittelbare Pantomime und unendlich viel wirksamer als die theatralische Pantomime, denn die Geste des Catchers bedarf keinerlei Erzählung, keines Dekors, mit einem Wort: keinerlei Übertragung, um wahr zu erscheinen.

Was dem Publikum somit geliefert wird, ist das große Schauspiel von Schmerz, Niederlage und Gerechtigkeit. Das Catchen vergegenwärtigt den Schmerz des Menschen mit der ganzen Verstärkung der tragischen Masken: Der Catcher, der unter der Auswirkung eines als grausam geltenden Griffes leidet (einem verdrehten Arm, einem eingeklammerten Bein), bietet eine übersteigerte Figur des Leidens; gleich einer frühen Pietà bietet er sein durch eine unerträgliche Drangsal übertrieben verzerrtes Gesicht der Betrachtung dar. So leuchtet ein, dass beim Catchen Scham nicht angebracht wäre, da sie dem gewollt ostentativen Charakter des Schauspiels zuwiderläuft, jener Ausstellung des Schmerzes, die der Zweck des Kampfes selbst ist. Deshalb sind alle Schmerz erzeugenden Handlungen besonders spektakulär, wie die Gebärde eines Zauberers, der seine Karten weithin sichtbar vorzeigt: Man verstünde keinen Schmerz, der ohne einsichtige Ursache wäre; eine heimliche, tatsächlich grausame Geste überträte die ungeschriebenen Gesetze des Catchens und hätte keinerlei soziologischen Effekt, gliche einer irren oder fehlgeleiteten Geste. Nicht nur müssen alle erkennen, dass der Mann leidet, sondern auch und vor allem, warum er leidet.

Daneben gibt es eine noch spektakulärere Figur als den Griff, und zwar die »Manschette«, jenes große Aufklatschen der Unterarme, jener verkappte Faustschlag, den man der Brust des Gegners verpasst, einhergehend mit einem dumpfen Geräusch und übertriebenem Zusammensacken des besiegten Körpers. In der »Manschette« wird die Katastrophe zum Höchstmaß der Evidenz gebracht, und zwar in solchem Grad, dass die Geste im Zweifelsfall nur noch als ein Symbol erscheint.

Die Catcher geben vor den Augen des Publikums ein totales Bild der Niederlage. Die Weichheit der großen weißen Körper, die auf einen Schlag zu Boden gehen oder mit wedelnden Armen in den Seilen hängen, die von den vielen elastischen Flächen des Rings erbärmlich widergespiegelte Trägheit der massigen Catcher - nichts kann deutlicher und leidenschaftlicher die exemplarische Demütigung des Besiegten zeigen. Jeden Antriebs beraubt, ist das Fleisch des Catchers nurmehr eine über den Boden ausgebreitete grässliche Masse, die allen Ingrimm und allen Jubel auf sich zieht.

Im Gegensatz zum Judo ist beim Catchen die Niederlage kein Schlusspunkt: Sie ist kein Ende, sondern ganz im Gegenteil eine Dauer, eine Ausstellung; sie greift die alten Mythen des Leidens und der öffentlichen Demütigung auf: das Kreuz und den Pranger. Der Catcher wird gleichsam im hellen Licht, vor aller Augen gekreuzigt.

Was das Catchen jedoch vor allem darstellen soll, ist ein rein moralischer Begriff: die Gerechtigkeit. Die Idee des Bezahlens ist dem Catchen wesentlich, und das »Lass ihn leiden« der Menge bedeutet in erster Linie ein »Lass ihn bezahlen«. Es handelt sich um eine immanente Gerechtigkeit. Je niedriger das Handeln des »Schweins«, desto mehr Freude bereitet dem Publikum der ihm gerechterweise heimgezahlte Hieb; wenn der Verräter - der naturgemäß ein Feigling ist - hinter den Seilen Zuflucht nimmt und mit dreistem Mienenspiel auf sein fälschliches Recht pocht, wird er gnadenlos zurückgeschleift, und die Menge jubelt darüber, die Regel zu Gunsten einer verdienten Bestrafung verletzt zu sehen. Für einen Catchfan gibt es nichts Schöneres als die rachlüsterne Wut eines verratenen Kämpfers, der sich mit Leidenschaft nicht auf einen glücklichen Gegner, sondern auf das krasse Bild der Illoyalität wirft. Naturgemäß kommt es hier sehr viel mehr auf den Gang der Gerechtigkeit an als auf ihren Inhalt: Catchen ist in erster Linie eine quantitative Reihe von Vergeltungen (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Dies erklärt auch, weshalb es für das Fanpublikum eine Art moralische Schönheit hat, wenn sich das Kampfglück wendet.

Man wird also begreifen, dass von fünf Catchkämpfen vielleicht ein einziger nach den Regeln verläuft. Einmal mehr gilt es zu verstehen, dass die Regelhaftigkeit hier, wie im Theater, ein Rollenmuster oder ein Genre ist: Die Regel macht keineswegs einen echten Zwang aus, sondern bildet den konventionellen Schein von Regelhaftigkeit.

Umgekehrt existiert die Regelverletzung nur durch ihre übersteigerten Zeichen: dem Besiegten einen heftigen Fußtritt versetzen, sich hinter den Seilen verschanzen unter ostentativer Berufung auf ein rein formelles Recht, die Weigerung, vor oder nach dem Kampf dem Partner die Hand zu geben, die offizielle Pause dazu benutzen, dem Gegner verräterisch in den Rücken zu fallen, ihm, wenn der Ringrichter nicht hinblickt, einen verbotenen Schlag versetzen (ein Schlag, der naturgemäß Wert und Zweck nur deshalb hat, weil die Hälfte des Saales ihn durchaus sehen und sich darüber empören kann).

Da das Böse das natürliche Klima des Catchens bildet, hat der regelgemäße, sozusagen höfliche Kampf den Wert einer Ausnahme; das Publikum wundert sich darüber und begrüßt ihn beiläufig als eine unzeitgemäße und leicht sentimentale Rückkehr zur sportlichen Tradition ("Die halten sich ja ganz schön an die Regeln"); es fühlt sich mit einem Mal gerührt angesichts der allgemeinen Güte der Welt, stürbe aber zweifellos vor Langeweile und Gleichgültigkeit, kehrten die Catcher nicht rasch zur Orgie der bösen Gefühle zurück, die allein einen guten Catchkampf ergeben.

Manche Kämpfe, und zwar solche der gelungenen Art, sind durch ein finales Getümmel gekrönt, so etwas wie eine zügellose Fantasia, in der Reglements, Gesetze der Gattung, kampfrichterliche Zensur und Grenzen des Rings abgeschafft sind, aufgehoben in einer triumphierenden Unordnung, die auf den Saal übergreift und die Catcher und Betreuer, den Kampfrichter und das Publikum in einem Wirbel mit sich reißt.

Die Catcher als Männer mit reicher Erfahrung verstehen es vollendet, die spontanen Episoden des Kampfes auf das Bild hinzubiegen, das sich das Publikum von den großen betörenden Themen seiner Mythologie macht. Ein Catcher mag verärgern oder abstoßen, enttäuschen wird er nie, denn er vollzieht über eine fortschreitende Verdichtung der Zeichen stets bis zum Ende, was das Publikum von ihm erwartet. Im Catchen existiert alles nur zur Gänze, es gibt keine Anspielung, alles wird erschöpfend gegeben; die Geste lässt nichts im Schatten, sie schneidet jeden störenden Nebensinn ab und präsentiert dem Publikum eine reine und volle Bedeutung, die rund ist wie etwas Naturgegebenes.

Diese Emphase ist nichts anderes als das populäre, uralte Bild von der vollkommenen Erfassbarkeit der Wirklichkeit. Was das Catchen vortäuscht, ist ein ideales Verständnis der Dinge, ist eine Euphorie der Menschen, die für eine Weile aus der konstitutiven Mehrdeutigkeit des Alltags herausgehoben und in die panoramahafte Sicht eines eindeutigen Naturzustands versetzt werden, worin die Zeichen endlich den Ursachen entsprechen, ohne Hindernis, ohne Schwund und ohne Widerspruch.

Wenn der Held oder das Schwein des Dramas, der Mann, den man ein paar Minuten zuvor von moralischer Wut besessen zur Größe einer Art metaphysischen Zeichens herangewachsen sah, den Ort des Kampfes verlässt, gelassen, anonym, mit einem Köfferchen in der Hand und seiner Frau am Arm, kann niemand ahnen, dass das Catchen die Wandlungskraft besitzt, die dem Schauspiel und dem Kultus eigen sind. Im Ring und selbst in der Tiefe ihrer gewollten Schmach bleiben die Catcher Götter, weil sie für ein paar Augenblicke der Schlüssel sind, der die Natur öffnet, die reine Geste, die das Gute vom Bösen trennt und das Angesicht einer endlich verständlichen Gerechtigkeit entschleiert.

Körpereinsatz

gilt unter Geistesmenschen als das Tabu schlechthin - vielleicht sind Intellektuelle gerade darum so oft von harten Handgreiflichkeiten fasziniert. So ist der Lyriker Wolf Wondratschek Box-Fan, die US-Erzählerin Joyce Carol Oates ebenso, auch der Hamburger Mäzen und Philologe Jan Philipp Reemtsma. Nun bekommen die vielen Ring-Enthusiasten Gesellschaft von einem, der Besseres kennt als das Boxen: Der französische Zeichentheoretiker und Essayist Roland Barthes (1915 bis 1980), bis heute verehrt als Leitfigur des Strukturalismus, schrieb in den fünfziger Jahren eine Analyse des Catchens. Sie erscheint jetzt erstmals auf Deutsch, im Catch-Bildband »Exquisite Mayhem« des Fotografen Theo Ehret im Kölner Taschen Verlag. Der SPIEGEL druckt Auszüge.

Aus dem Französischen von Stefan Barmann.

Roland Barthes
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