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HAUPTSTADT Das Tier lebt

Das Berliner Olympiastadion verfällt seit Jahren. Jetzt soll es aufwendig umgebaut werden, doch schon gibt es Proteste.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Viel hohles Pathos, ein animalischer Vergleich: »Es ist, als ob es atmete, als ob seine Flanken sich bewegten, als ob es murrte und stöhnte wie ein gewaltiges Tier. Über dem steinernen Gerippe liegt nun Fleisch und Blut, liegen Haare und Haut. Das Tier lebt.«

So beschrieben einst die Texter des vom Hamburger »Cigaretten-Bilderdienst« gesponserten Olympia-Jubelbandes das vollbesetzte Berliner Olympiastadion. 1936 kämpften dort unter der Schirmherrschaft von Adolf Hitler Sportler aus 49 Nationen um Medaillen.

Inzwischen leidet das Tier bedrohlich an Altersschwäche: Das Stadion, 1934 bis 1936 nach Plänen des Architekten Werner March erbaut, bröselt vor sich hin. Regen, Kirchentage und die Heimspiele der Hauptstadt-Kicker von Hertha BSC setzen dem denkmalgeschützten Bau zu. Wenn etwa, wie 1995, die Rolling Stones dort auftreten, entfernen besorgte Statiker vorher etliche Gesimsplatten, um die Zuschauer nicht zu gefährden. Renoviert wurde das Stadion zuletzt für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974.

Im Jahr 2006 soll, geht es nach dem Deutschen Fußball-Bund, wieder eine WM in Deutschland stattfinden, und dafür braucht man ein modernes Stadion in der Hauptstadt. Letzte Woche entschied nun der Berliner Senat, der das Problem jahrelang ignoriert hatte (SPIEGEL 52/1997), das Stadion aufwendig umzubauen: Für rund 540 Millionen Mark soll das Hamburger Architektenbüro von Gerkan, Marg und Partner (GMP), auch verantwortlich für den Lehrter Bahnhof in Berlin, die Arena WM-tauglich machen.

Dafür soll die Innenfläche um 3,5 Meter abgesenkt werden und das Stadion ein neues Dach bekommen. Außerdem, so der Plan, werden bei Fußballspielen zusätzliche Tribünen auf die Laufbahn gefahren. So fänden 77 800 Zuschauer im Stadion Platz, ohne die Zusatz-Tribünen passen nur 66 200 hinein.

Schon gibt es Kritik: »Ein für heutige Zeiten eher konventioneller Umbau, somit aber recht passend zum mediokren deutschen Fußball der Moderne«, höhnte die »Süddeutsche Zeitung«.

Auch die Mieter zeigten sich unzufrieden. Im GMP-Entwurf »finden wir uns als Hauptnutzer des Olympiastadions nicht wieder«, meckerte Hertha BSC; der Vorschlag sei »stark verbesserungswürdig«, insbesondere müßten mehr Logen her.

Tatsächlich können Profi-Clubs mit exklusiven Angeboten für zahlungskräftige Fans viel Geld verdienen; ein Logenplatz kostet etwa im Dortmunder Westfalenstadion bis zu 10 000 Mark pro Saison. Der Senat hat denn auch dem Architekten Volkwin Marg, der 23 Logen vorgesehen hatte, aufgetragen, bei den Promi-Plätzen nachzubessern. Marg ist dazu bereit, auch wenn er über die »Séparées wie zu alten ständischen Zeiten« spöttelt.

Unklar bleibt dennoch, wie das Nobel-Stadion finanziert werden soll. Zwar will sich der Bund mit 100 Millionen Mark an dem Bau beteiligen; Berlin wird wohl weitere 100 Millionen hinzubuttern. Der Rest aber soll von privaten Investoren kommen.

Doch die zieren sich. »Das rechnet sich nicht«, glaubt etwa Andreas Wankum, Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft Deuteron und am Neubau des Hamburger Volksparkstadions beteiligt. Was den Umbau des Olympiastadions so teuer mache, so Wankum, seien die Auflagen des Denkmalschutzes, aber »Denkmalpflege bringt keinen Pfennig Rendite«.

* Computersimulation nach einem Entwurf des Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner.

Tatsächlich bekäme man für 540 Millio-

nen Mark auch zwei Stadien: So wird gerade in Gelsenkirchen für 358 Millionen Mark eine neue Fußballarena errichtet; 150 Millionen würde eine einfache Sanierung des Berliner Olympiastadions kosten. »Nichts täte ich lieber, als ein neues Stadion zu bauen«, gibt Marg zu, »aber auf keinen Fall auf dem Reichssportfeld!«

Kein Wunder: Dort erinnert jeder Stein an das Dritte Reich. Nazi-Künstler wie Arno Breker haben das Stadion mit Herrenmenschen-Figuren ausstaffiert; der Bau selbst, von Werner March ursprünglich als elegantes Oval entworfen, erhielt letztlich von Hitlers Berater Albert Speer seine monumentalen Züge. Leni Riefenstahls Olympia-Film tat ein übriges, das Stadion für alle Zeiten als »Nazi-Arena« ("taz") zu brandmarken.

Doch auch Stadien mit besserem Image sind nicht vor Umbauplänen sicher: So taugt das Münchner Olympiastadion, »das wichtigste Denkmal der alten Bundesrepublik« ("Die Zeit"), nach Ansicht des FC Bayern nicht mehr für den Kommerzfußball. »Wenn ich''s nicht mache, kommt ein anderer Pfuscher«, sagte sich jetzt der Architekt der Anlage von 1972, Günter Behnisch, und legte selbst ein Modell für den Umbau vor.

Für das Berliner Olympiastadion ist eine solche Lösung allerdings ausgeschlossen: Das Tier lebt, doch sein Architekt Werner March ist seit 22 Jahren tot. MARTIN WOLF

* Computersimulation nach einem Entwurf des ArchitektenbürosGerkan, Marg und Partner.

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