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Literatur Das Trotzdemschöne

Von Martin Walser
aus DER SPIEGEL 31/1994

Das ist ein Ton. Aufrufend, anrufend. »Mein Hund, meine Sau, mein Leben": Man sollte das vielleicht nicht lesen wie einen Titel, der etwas bezeichnet. Das Begriffliche, das Abstrakte ist schneller zu fassen als das Konkrete. »Schuld und Sühne« oder »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit": das liest man schneller als »Mein Hund, meine Sau, mein Leben«. Ich habe das Gefühl, als müsse man nach jedem dieser Titelwörter zuerst einmal wieder Atem holen. Und damit wäre man schon im Rhythmus dieser Prosa.

Das zweite Kapitel des Buches beginnt so: »In einer Geschichte, die keine Notiz von uns nahm, wohnten wir in unserem Haus unter dem Strohdach mit dem Schmerz als Grundriß . . ."** Zwei Wörter sind die geheimen, des öfteren aber auch auftretenden Dirigenten dieser Prosa: Erinnerung und Schmerz. Ich habe, als ich dieses Buch gelesen hatte, sofort die zwei anderen Romane Arnold Stadlers noch einmal gelesen. Dieser Andrang von Echos. Stadlers dritter Roman ist das dritte Stadium einer epischen Entfaltung, die 1989 mit »Ich war einmal« begann und 1992 mit »Feuerland« fortgesetzt wurde.

»Ich war einmal«, das ist die Herbeschwörung von Kindheit, von untergegangener Vergangenheit. Dann »Feuerland": Der 35jährige reist aus seinem »Kuhdorf«, das keines mehr ist, nach Patagonien, zu einem Onkel, der, bis der Neffe hinkommt, schon tot ist. Das dritte Buch füllt jetzt zeitlich die Lücke zwischen Kindheit und Weltreise.

Es fängt an »im Bauch der Hoferbin«, erzählt, was dem Erzähler schon vor seiner Geburt angetan wurde, erzählt noch einmal Kindheit und Schulzeit, aber mitleidloser als im ersten Buch, und erzählt dann dazu den Aufbruch in die ** Arnold Stadler: »Mein Hund, meine _(Sau, mein Leben«. Residenz Verlag, ) _(Salzburg; 152 Seiten; 39 Mark. * In ) _(seinem Haus in Überlingen am Bodensee. ) Welt; diesmal ist es keine Reise, sondern eine Ausbildung, in Rom, als Seminarist des Päpstlichen Collegiums De Sacra Propaganda Fide. Bis zum Doctor Romanus. Bis zur Entlassung aus der Priesterlaufbahn, wegen einer Epilepsie, die keine ist. Bis zu seinem Verschwinden, das dem Erzählenden gelingt, weil er einen Charterflug der Air Congo, der im Mittelmeer oder in der Adria endet, nicht mitmacht.

So überlebt der Erzähler dieser drei Romane als jemand, der für die Welt als gestorben gilt.

Es ist ja doch der Stil, die Sprache, der Ton, der uns Geschriebenes wichtig macht. Mir ist der Ton alles. Er ist die Mitteilung. Und was er nicht mitteilt, das will ich auch auf keinem anderen Weg erfahren. Als ich in Berlin im Mai 1955 zum ersten Mal Günter Graß seine Gedichte lesen hörte, als ich die erste Zeile des Gedichts »Nächtliches Stadion« hörte ("Langsam ging der Fußball am Himmel auf") und dann die ersten drei Zeilen des Gedichts »Polnische Fahne«, da hatte ich meinen Lyriker, den Lyriker meiner Generation und Gegenwart im Ohr, aus dem ihn, wie ich merke, seitdem kein anderer Lyriker dieser Generation mehr vertreiben konnte.

Ich habe etwa die Begeisterung gebildeter Deutscher über den pompösen Humor aus Lübeck nicht recht mitmachen können, weil ich, als er für meine Generation erschien, gerade ganz belegt war von Kafka. Es gibt sogar Literaturprofis, die sind von einem bestimmten früheren Ton so belegt, daß sie ihr Leben lang nichts mehr mitkriegen. Und weil sie nichts mehr mitkriegen, glauben sie dann, da sei nichts mehr.

Der Stadler-Ton also. Der kann übrigens auch in einem Gedichtband ("Kein Herz und keine Seele«, 1986) kennengelernt werden. Dieser Ton entfaltet sich vom Aufrufen und puren Nennen zum lakonischen Konstatieren und zuletzt zum in allen Präzisionen blühenden Erzählen. Im ersten Buch, lauter kurze, herbeschwörende Kapitel, Präsens-Prosa. »Die Erinnerung fällt vom Fahrrad und bleibt liegen«, heißt das zweite Kapitel. Das erste Kapitel: »Schmerzensfreitag«. So heiße dort im Hochland der Freitag vor Karfreitag, an dem er geboren wurde. Wer wurde da geboren? Ich. »Die Erinnerung wird zum Ichfall. Ich war einmal.«

Was so herbeschworen wird, ist Kindheit. Kindheit schlechthin. Das, was immer war, aber wirklich nicht mehr ist. Daß es im Präsens erscheinen kann, dazu bedarf es ebendieser Sprache, die eher aufruft als erzählt. Namen, Plätze, Zeiten werden aufgerufen und erscheinen. Es werden keine Geschichten erzählt, sondern Hauptsachen aufgerufen.

Aber: Trotz dieses am liebsten aufrufenden Stils kommen noch Geschichten zustande. Es sind ja auch mindestens ebenso Anrufungen wie Aufrufungen. Die Erinnerung, die vom Fahrrad fällt, »begegnet Lisl, die mit dem Besen im Hof steht. Es ist Samstag gegen vier. Die Glocken läuten den Sonntag ein«.

Diese Lisl wird samt Mann Fritz und ohne ihn noch oft und oft auf- oder angerufen. Es handelt sich ja um eine Kuhdorfwelt, in der das Hauptwort von anrufen noch ganz telefonfremd Anrufung heißt. So entsteht Pathos, aber kein bißchen Schwulst.

Lakonisches Pathos. Kein bißchen Land- und Hinterlandromantik. Als ICH dann in Meßkirch ins Gymnasium geht, heißen die Mädchen alle schon Lizzy und Jane, es war die Zeit, »als die Lizzies schon APO-Groupies und noch Bravo-Leserinnen waren«. Der Turnlehrer war » . . . kein Nazi, sondern nur der Sohn eines Nazi, und das ist, nach allem, was ich weiß und wissen kann, das Allerschlimmste«.

Schmerz und Erinnerung sind die Dirigenten, die die Auferstehung der Kindheit in Prosa besorgen. Nicht noch eine Theorie oder Ideologie der verlorenen und per Kunst wiedergefundenen Zeit, sondern das, was der Schmerz kann: Vergegenwärtigung. Kindheit an sich und die Umstände und Wirkungen ihres Verschwindens. »Eine aus mehreren Gründen vergangene Welt. Einmal, weil so und so viel Zeit vergangen ist. Und dann, was mit der Zeit kam.«

Was mit der Zeit kam, ist dann dieser Art: »Ernstle bekam Geld vom Straßenbauamt, damit er sein Fachwerkhaus abreißen ließ. Es stand, vom Straßenbauamt aus gesehen, in einer Kurve.« Oder, wenn es im dörflichen Friedhof um die letzten zwei Engel geht, noch etwas härter: »Man soll sie stehen lassen, meinte das Komitee von ,Unser Dorf soll schöner werden''.«

Heidegger, der ja aus Meßkirch stammt, geistert sozusagen durch das ganze Buch. Durch alle drei Bücher sogar. Als der Erzähler 15 ist und, weil er nicht gern turnt und gegen die Bundeswehr ist, als Philosoph gilt, kommt Heidegger nach Meßkirch, seinen 80. Geburtstag zu feiern, kommt in die Stadthalle, »wo sonst die Körungen des berühmten Meßkircher Höhenfleckviehs stattfanden«.

Unter den Heidegger-Sätzen, die der 15jährige, der schon Gedichte schreibt, aufschnappt und zu Hause notiert, heißt einer: »Der Schmerz ist der Grundriß des Seins.« Aber ihm fällt auf: »Heidegger sprach selbst von der Heimat auf Hochdeutsch zu den anwesenden Landsleuten.« Während Stadler, wenn er Lisl, Fritz und anderen das Wort erteilt, unverminderte Mundart schafft. Geischd obaachd, ruft Lisl, kurz bevor sie stirbt, dem Steinmetz nach, bei dem sie für ihr Grab einen Engel bestellt hat, obwohl der Steinmetz gar kein Steinmetz mehr ist, sondern ein Grabsteinlieferer, in dessen Bestellkatalog - Triumph der Moderne - kein Engel mehr geführt wird.

Die Fähigkeit zur Kürze und die dadurch mögliche Härte der Fügung - das sind Bedingungen des Stadler-Tons. Jeder kurze Satz eine Sache. Eine Hauptsache. Eine Hauptsatzsache. Nur Sachen, die tausendmal passiert sein müssen, daß sie so einmalig Sprache werden konnten. »Im Waldweiher lerne ich schwimmen. Andrea stößt mich ins Wasser. Es stellt sich heraus, daß ich jetzt schwimmen kann. Ich komme aus dem Wasser. Andrea wirft mich zu Boden. Andrea möchte mich versohlen. Es stellt sich heraus, daß Andrea mich liebt. Ich höre mein Herz schlagen.« Und wenn er auf seinem Handtuch liegt, stellt sich heraus: »Das Gras wird nachts nicht naß im Juli.«

Auf der Schlußstrecke von »Ich war einmal« heißen drei Kapitel nacheinander so: »Kindstaufe«, »Namen nehmen«, »Große Namen«. Aber das ICH bringt es zu keinem Nachnamen. Erst im Feuerland-Buch kommt sein Name heraus. Die patagonischen Verwandten schleppen ihn schon am ersten Tag zum Grab des kurz vor seiner Ankunft gestorbenen Onkels. Friedhof ist aber auch eine Hauptsache des ersten Buches. Die patagonischen Verwandten können nicht mehr Deutsch, aber »unser Friedhof« können sie noch sagen. Es liegen auf diesem Friedhof nur Verwandte. Der Friedhof erinnert an den zu Hause, »den Heimatfriedhof, die Mutter aller Friedhöfe«.

»Es war seltsam, da oben meinen Namen zu lesen.« Als er zum letzten Mal mit seiner Cousine Rosa schläft - was immer auf dem Friedhof oder in einer prähistorische Figuren zeigenden Höhle stattfindet -, verrät er ihr, die auch nicht mehr Deutsch kann, was es mit seinem und ihrem Namen auf sich hat, er übersetzt es ihr: »Du heißt Rosa, Rosa Schwanz heißt du, nach deinem Vater, einem Schwanz wie ich.« Seine Ururgroßmutter »konnte es sich auf Grund ihres Erbes . . . leisten, einen schönen Mann« »herauszufischen«, das war ein Müllersknecht aus der Gegend von Schwaz in Tirol; durch ein Behördenversehen wurde daraus Schwanz.

Dieser Namensgebung erschreibt der Autor eine Art Selbstverständlichkeit. Was bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Nueva Alemania hieß, heißt seitdem Pico Grande. Auch das, bürgerlich gesprochen, eine Anzüglichkeit. Dagegen schreibt er an. Eine Sprache, die christliche Verbogenheit und bürgerliche Verlogenheit nicht einfach überspringt, sondern aufnimmt und austrägt. Hineingeboren in eine ebenso christlich verbogene wie bürgerlich verlogene Sprache und von aller bis dahin geschriebenen Literatur im Stich gelassen, muß er sehen, wo er bleibt.

So erlebt jede Generation aufs neue ihren Ausdrucksbedarf. Was überliefert wird, ist, wenn es um das Wichtigste geht, immer ein alter Hut. Peter Handke hat sein Erscheinen in der deutschen Sprache jahrelang genußvoll zelebriert mit einer nicht aufhörenkönnenden Steigerung der Ausdrucksgenauigkeit. Jahrelang hat er alles Stoffliche geradezu herabgewürdigt zum Demonstrationsmaterial für seine Ausdrucksetüden. Die waren dann auch spannend genug. So entstand der Handke-Ton.

Am elendesten ist unsere Sprache immer noch, wenn Geschlechtliches auszudrücken ist. Ich glaube nicht, daß es generell schon hilfreich ist, wenn einer wie Henry Miller demonstrativ ungeniert im Sexualwortschatz herumturnt und so tut, als gäbe es gar keine Probleme. Und was den bloßen Wortgebrauch angeht, so beweisen heute Schülerzeitungen, daß sie derartige Literatur als Schrittmacherin nicht mehr brauchen. Viele führen sich jetzt sehr emanzipiert auf. Wer aber die Bücher von Uwe Timm, Hermann Kinder, Joseph von Westphalen und Arnold Stadler liest, sieht zumindest, daß es literarische Antworten gibt auf diesen immerwährenden Mangel, die seriöser und vielleicht hilfreicher sind - sie tun nicht mehr so, als sei da kein Problem.

Ich verstehe auf jeden Fall die Wut, mit der Hermann Kinder das Geschlechtliche dekliniert, und ich bin dankbar für die siebenmal gebrochene und immer noch lebendige Frechheit, mit der Joseph von Westphalen das Sexualwortfeld zerpflügt. Und ich fühle mich gefühlssynchron mit Arnold Stadler, wenn er diese Ausdrucksnot als solche zur Sprache bringt.

Was passiert denn da andauernd, daß Philipp Otto Runge schließlich Egon Schiele heißt? Und damit hört es ja nicht auf. Jetzt heißt er Horst Janssen. Kommen wir dadurch einer Sache näher? Unserer menschlichen Verfassung vielleicht? Oder sind alle Bewegungen im Ausdrucksbereich nur kreisläufige Illusion? Das möchte ich lieber nicht glauben. Ich sehe doch eine Ausdrucksbewegung in eine erwünschte Richtung, wenn ich im Feuerland-Buch lese: »Richtig gelacht wurde aber erst, als zum ersten Mal das Wort ficken fiel. Ein aufgekratztes, Empörung spielendes Gelächter auf der Frauenseite . . . Rosa beobachtete mich, während sie am lautesten mitlachte. Doch ich konnte darüber nicht lachen, ich war elektrisiert. Meine Ekstasen waren nie mit einem Gelächter verbunden.«

Das kommt mir vor wie Vermittlungsarbeit. Und weil zum Stadler-Ton nicht nur die poetische Maßnahme gehört, sondern auch der Schrei, deshalb heißt, glaube ich, das Ich Schwanz. Im dritten Buch geht er mit diesem Namen um wie Proust mit dem der Guermantes.

Er will nicht bei der »Schwanz-Saga«, nicht beim »Schwanz-Mythos« enden. Er fängt lieber wieder bei dem Kind an, das schon im ersten Buch am Schmerzensfreitag geboren wurde. Er läßt es jetzt in Gefahr geraten durch eine pikarisch anmutende Intrige der Schwackenreuter Verwandtschaft gegen ihn, als er noch in der Mutter schwamm. »Und darauf, auf diesen Schrecken, führe ich meine Muttermale und überhaupt alles, angefangen mit dem In-die-Hose-Machen als meinem In-der-Welt-Sein (sage ich mit Heidegger) zurück . . . Mit zehn war ich noch nicht stubenrein!«

Aber schon mit sieben sagte er, daß er Papst werden wolle. Schon der Cousine Rosa in Patagonien hatte er erzählt, daß er, als er kein Kind mehr war, aber noch eins sein wollte, einen Plan ausarbeitete zur Bekehrung Mao Tse-tungs.

Jetzt, im dritten Buch, wird hauptsächlich die Einsamkeit dieses gerade noch mit dem Schrecken und Muttermalen davongekommenen Kindes erzählt. Verglichen mit diesem Einsamkeitsgrad nehmen sich auch die härtesten Fügungen in den zwei anderen Büchern fast traulich aus.

Das ist das Nacheinander dieser drei Bücher: die Entfaltung des Schreibens. »Unsere Heimat war immer schwarz, auch im Sommer, wenn es blühte. Auch die Erwachsenen waren so. Doch sie wissen sich zu helfen, können es wenigstens versuchen, sie haben den Most, der Himbeergeist tröstet sie. Auch können sie ihr Leben verfluchen und ihm ein Ende machen. Was aber tut ein Kind, was fängt es mit seiner Schwermut an, wenn es noch nicht einmal Mutter sagen kann?«

Und als er dann sprechen konnte? »Von wegen Muttersprache. Meine erste Sprache, die Sprache meiner Mutter, war ja meine erste Fremdsprache.« Das ist eine Antwort auf Heidegger, der seinen Vetter, den Viehhändler Naze, beauftragt hat, auf den Höfen die ältesten Wörter zu sammeln, »das Ur-Alte, Heile-Welt-Wörter, das Habermus«. Der Philosoph, »der ja nie auf dem Lande lebte, immer nur zu Besuch kam«, sagt, »wir seien noch gesund«.

Dem widerspricht der Erzähler. Sein Befund: krank. Die Muttersprache ausgestorben wie die Indianer. Sein Befund: »Sprachlosigkeit«. »Kein Wort für Liebe in meiner Sprache . . .« Dann - zur Steigerung seiner Einsamkeit - drei Todesfälle: Caro, sein Hund, durch ein Auto, und zwar vor seinen »Kinderaugen«; Gigi, seine Katze, durch ein Auto; _(* Mit Ehefrau Elfriede, 1969. ) Frederic, seine Sau, durch einen Onkel, einen von der widrigen Schwackenreuter Seite (Le cote de Schwackenreute), Mostonkel genannt; einer, der mit offenem Hosenladen in die Totenmesse kommt, trotzdem: eine große Bauerngestalt, kein bißchen denunziert; ein rotes Mostgesicht, ein Wortschatz von hundert Wörtern, nebenher Metzger. »Als ich nach Hause kam, hieß es, die Nachtfrau habe Frederic geholt.«

Inzwischen weiß er: »Man hat mir Frederic damals auch noch auf den Tisch gestellt, als Wurstsuppe . . .« Und Frederic war nach Gigi und nach Caro sein liebster Freund gewesen.

Damals müsse er den Verstand verloren haben, »denn unmittelbar darauf begann ich zu dichten«. Aber »dieser gehäufte Tod war wohl auch der Grund für mein späteres Theologiestudium«.

So kommt er aus der Gegend der steinigen Äcker - »Das Frühjahr war so spät bei uns, daß es immer erst im nächsten Jahr blühte« - nach Rom, wohnt auf dem Aventin, mit Blick über die Stadt, wird von Monsignore Franz Sales Obernosterer, Titularbischof, Mesner des Papstes und Kardinalsanwärter, ins geistlich-gesellige Leben Roms eingeführt, wird eingeladen nach San Isidoro, »eine der feinsten Adressen für geistliche Vespern«, und ins L''eau vive, wo die hohen geistlichen Herren speisen und nur von Nonnen, vorzüglich indischen, bedient werden. Als Seminarist des Päpstlichen Collegiums trägt er ein purpurnes Oberteil und unten schwarz, hört Uneingeweihte hinter sich hersagen: »So jung und schon Kardinal.«

Und wie er das genießt! Als Fastnochkind wollte er Mao Tse-tung bekehren, jetzt will er, zusammen mit seinem Monsignore Franz Sales, die englische Königin entführen und dazu zwingen, daß sie auf den Titel Defensor fidei verzichte. Die Schlußuntersuchung durch den Jesuiten-Arzt besteht er nicht, eine eher harmlose Ohnmacht wird als Epilepsie gewertet, er muß zurück nach Deutschland. Aber er meidet eben die abstürzende Air-Congo-Maschine.

So kann er als Grabredner in Freiburg kümmerlich existieren und kann sogar an seinem 40. Geburtstag aus einem Versteck im Dachboden über dem Saustall die Versteigerung des Hofes so vieler Vorfahren miterleben. Seit 1609 hatten sie hier gelebt.

Aus der vatikanisch-kultivierten, fast liebenswürdig grotesken Geselligkeit in die Einsamkeit, »die Einsamkeit, deren wahren Namen wir nicht kennen«. Im Supermarkt kauft er zwei Schnitzel, um vorzutäuschen, er lebe nicht allein. Und er ißt beide Schnitzel, weil er auch sich selbst täuschen will, muß. »Dann sitze ich wieder auf meinem Bett, fast neben mir, neben meiner Einsamkeit. Da finde ich mich in einem Gedicht wieder . . .«

Den Schluß findet er mit Hilfe des Dichters, der schon seit dem Feuerland-Buch durch die Seiten geistert: Adalbert Stifter. Der bringt Licht in sein Leben, »dunkles Licht": »Ich hatte einen Selbstmörder als Lebenshilfe.«

Drei Stadien einer Ausdrucksentfaltung also. Vom Nennen und Feiern zum Erzählen als Selbstrettung. Viel härter kann ein Leben nicht verlaufen als das so erzählte.

Aber nirgends empfinde ich das hier erzählte Leben als Misere. Der Ausdruck läßt nichts Stoffliches als solches übrig. Auch im elendesten Augenblick erlebt man zuerst und vor allem die Ausdruckskraft des heute 40jährigen Autors. Das heißt, es ist immer alles trotzdem schön. Das Trotzdemschöne zeigt, woraus es ist, was es gekostet hat.

Auf keiner Seite regiert der schwarze Mutwillen eines Autors, der Welt und Länder und Menschen einfach zum Unglücksfall der Zell- oder Seinsgeschichte macht und sich selber glorios ausnimmt. Wenn mir ein Buch gefällt, denke ich beim Lesen öfter, daß ich das gern geschrieben hätte. Tatsächlich ist das doch von Anfang an die wichtigste und schönste Wirkung eines Buches, daß wir beim Lesen empfinden, wir läsen gar nicht mehr in einem anderen Leben, sondern im eigenen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Der Heimatroman *

deutscher Sprache hat sich längst vom nationalsozialistischen Schollen-Sentiment befreit - etwa in der eindringlichen Erinnerung an vorindustrielle Einfachheit (Anna Wimschneider) oder im regionalistischen Trotz gegen die Euro-Uniform (Ludwig Harig). Die ebenso komischen wie melancholischen Heimatromane des badischen Erzählers Arnold Stadler, 40, kreisen um den Schwarzwaldort Meßkirch, die magische Sprachherkunft des Philosophen Martin Heidegger: »Ich war einmal« (1989), »Feuerland« (1992), »Mein Hund, meine Sau, mein Leben« (1994). Der Schriftsteller Martin Walser, 67, ist ein überzeugter (Bodensee-) Regionalist. Indem Walser sich, mit einem ungewöhnlichen Porträt-Plädoyer, so nachdrücklich für den jüngeren Kollegen einsetzt, schreibt er, zum Teil im Erzählton, auch über den eigenen Literaturbegriff. Dabei gerät ihm der noch kaum bekannte Autor Stadler fast zu einer Walser-Figur.

** Arnold Stadler: »Mein Hund, meine Sau, mein Leben«. ResidenzVerlag, Salzburg; 152 Seiten; 39 Mark. * In seinem Haus inÜberlingen am Bodensee.* Mit Ehefrau Elfriede, 1969.

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