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Das Unfaßbare in Pablo Picasso

aus DER SPIEGEL 50/1948

Rastelli der Malerei

Nach weltstädtischen Plätzen wie New York, London, Paris und Amsterdam war Hannover an der Reihe: Die Kestner-Gesellschaft, wiedererstanden und wieder das Salz im sonst nicht übermäßig gewürzten Kunstleben der niedersächsischen Hauptstadt, zeigt 52 Picasso-Lithographien, Köpfe, Akte, Tiere, Phantasiegestalten, Variationen über ein Thema von Lucas Cranach.

Die Lithos stammen aus den letzten Jahren, und fast jede Formensprache ist zu finden, derer Picasso sich in der Vergangenheit bediente, um sich auszudrücken. Ein Leitfaden durch seine malerischen Dialekte, eine Sammlung künstlerischer Dokumente von unermüdlicher Vielseitigkeit.

Weit über ein Dutzend Biographen haben das Leben und die malerische Entwicklung Pablo Picassos beschrieben. Indessen hat man den Eindruck, daß jeder einen ganz anderen Menschen geschildert hat. Picasso ist einfach nicht faßbar.

»Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt. Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust«, sagt Goethe im »Faust« über Proteus, den akrobatischen Genius der Antike. Es sind weltweise Kniffe, über die Picasso verfügt und mit denen er die Welt in ständiger Spannung hält.

Er ist der vielseitigste und interessanteste und umstrittenste Künstler dieser Zeit. Auch unter seinen Verehrern sind einige, die sagen, erst die nächsten fünfzig Jahre würden entscheiden, ob er nicht ein Irrlicht sei. Die Gestaltungsfreiheit dieses Künstlers trage das Brandmal des Anarchischen und einer großartigen Gesinnungslosigkeit, sagen nicht nur die, die ihn ablehnen.

Dieser Spanier ergriff in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg das Szepter der Pariser Malerei. Er hat es bis heute nicht aus der Hand gelegt.

Pablo Picasso: ein kleiner Herr mit breiter Stirn, markanter Nase, braunen Rosinenaugen und stets sehr eigenwilliger Kleidung. Der Blick wahrt Abstand und wechselt zwischen Ironie, Begeisterung und Kälte. Die Hände sind ausgearbeitet, dabei kindhaft zierlich.

Nach fünfzig Jahren in Frankreich spricht Picasso das Französische immer noch mit dem harten, grimassierenden Akzent des Spaniers. Dieser »Rastelli der Malerei« heißt gar nicht Picasso, sondern eigentlich Pablo Ruiz. Picasso ist der Mädchenname seiner Mutter, einer gebürtigen Italienerin. Der Vater, der aus den baskischen Pyrenäen stammte, war Zeichenlehrer und schließlich Direktor der Kunstakademie von Barcelona.

Pablo, der 1881 in Malaga geboren wurde, verblüffte auf den Kunstschulen von Barcelona und Madrid ebenso durch seine Begabung wie durch seine Geistesgegenwart. Arbeiten, für die andere Schüler Wochen brauchten, vollendete er an einem Tag.

Die Unruhe trieb ihn 1900 nach Paris. Er begeisterte sich an den Impressionisten, besonders aber an Toulouse-Lautrec, dem zwerghaften Meister der Karikatur und des Plakats, der präzis und knapp zu gestalten wußte wie ein Ostasiate. Picassos »blaue Periode« begann. Um die sprunghafte und widerspruchsvolle Gestaltungsart Picassos fassen zu können, hat man sich daran gewöhnt, sein Werk in »Perioden« aufzugliedern.

In seiner »blauen Periode« ist Picasso ein einsamer und nachdenklicher Jüngling von ungewöhnlicher Sensibilität. Seine Liebe gilt den Armen, den Kranken und besonders den Gauklern, deren Elend und Armseligkeit er in den zartesten Kompositionen wiedergibt, wobei er die Blautöne bevorzugt.

Der wagemutige Kunsthändler Ambroise Vollard entdeckt den jungen Spanier und stellt ihn mit Geschick der Oeffentlichkeit vor. Picasso hatte das Glück, in Vollard und später in Paul Rosenberg Kunsthändler zu gewinnen, die geniale Meister der Reklame waren. Der Ruhm Picassos ist auch ein Ruhm seiner Manager. Stets haben die sonderbaren Entwicklungen Pablo Picassos im Scheinwerferlicht der Oeffentlichkeit gestanden.

Sehr bald setzen sich die spanische Härte und eine grausame Experimentiersucht durch und überwinden die jugendliche Sentimentalität. Gemeinsam mit Braque startet Picasso den Kubismus. Die Perspektive, die Gegenständlichkeit werden brüsk außer Kraft gesetzt.

Mit dem Spanier Picasso und dem Russen Strawinsky brechen vom Außenrand Europas Kräfte ein, die sich der europäischen Tradition nicht mehr verpflichtet fühlen. Es ist bezeichnend genug, daß in konservativen Ländern wie England eine Picasso-Ausstellung noch vor zwei Jahren als eine Art Herausforderung empfunden wurde: ehrenwerte Ladies liefen mit ihren Regenschirmen Sturm gegen die Bilder des 65jährigen Spaniers.

Inzwischen hatte Pablo Picasso sich in der Kunst und in der Entfaltung seines Ichs vielfältig ausgelebt. Er hatte sich an keine Grenze, an keine Verpflichtung von Sitte und Gewöhnung gehalten, sondern mit einem künstlerischen Fanatismus ohnegleichen das verwirklicht, was ihm seine seltsam vorurteilsfreie Natur eingab.

Nach der »Atomzerspaltung« des Bildes in seinen kubistischen Experimenten, die er selbst als »Fingerübungen« bezeichnet hat, wurde er sogleich wieder gegenständlich und überraschend traditionell: er wertete die großen Vorbilder europäischer Malerei mit Lässigkeit aus und modernisierte sie. Und kehrte danach zu neuen, unruhvollen Experimenten zurück.

Picasso streute mit vollen Händen aus. Er hat alle Richtungen der Gegenwartskunst beeinflußt, ob sie sich nun »abstrakt« nennen, »surrealistisch« oder »neoklassizistisch«. Aber er hielt nichts von Versuchen, seine Entwicklungsstufen in ».. ismen« festzulegen.

Im persönlichen Leben gibt sich Picasso mit der gleichen Großzügigkeit. Das Geld fließt ihm zu, aber es verschwindet auch sogleich. Bittsteller wissen seine offene Hand zu schätzen. Picasso ist Kommunist. Aber die Moskauer Kritik verurteilt ihn und bezeichnet ihn als einen »verfaulten und degenerierten Bourgeois«. Dieses Urteil hat die französischen Kommunisten nicht gehindert, die Spenden des Genossen Picasso als wertvollen Beitrag für Streiks zu betrachten.

Es ist nicht lange her, daß Pablo Picasso wieder in Paris von sich reden machte, nachdem er den Sommer auf den Antillen-Inseln verbracht hatte. Er veranstaltete zwei Ausstellungen. In der einen zeigte er eine Fülle zauberzarter Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen, in denen die Lyrik und die Rosatöne vorwiegen.

Die zweite Ausstellung führte die Versuche vor, die Picasso auf den Antillen auf dem Gebiet der Töpferkunst angestellt hat. Die Pariser Kritik ist mehr amüsiert als begeistert. Sie meint, man müsse dem genialen Maler solche Altersversuche verzeihen.

1917 heiratete er die russische Tänzerin Kokholova. Er lernte sie kennen, als er für Diaghilew, den Meister der russischen Ballettkunst, Dekorationen entwarf, die Paris auf den Kopf stellten.

Die Mutter der Tänzerin zeigte sich über das Verlöbnis sehr beunruhigt. Sie fragte Diaghilew: »Ist ein Maler nicht etwas sehr unsolides?« - »Nicht weniger unsolide als eine Tänzerin.« - »Aber wird er meine Tochter ernähren können?«

Bald darauf brachte eine Zeichnung Picassos mehr als dreißigtausend Francs ein.

Der Pariser Boulevard-Klatsch spricht von Picasso gern im Zusammenhang mit Françoise Gillot. Man erzählt sich, die blonde, blauäugige Mademoiselle Gillot, selbst mit einigem Talent malend, habe Picassos Interesse erregt, als sie das Grün auf einem seiner Bilder kritisiert habe. Jedenfalls sieht man beide stets zusammen, und im Sommer veröffentlichten die Illustrierten Bilder von Picasso und seinem kleinen Sohn, der ihm ähnlich sieht und dabei sehr niedlich ist.

Zu Picassos häuslicher Umgebung gehört eine Eule, die er verkrüppelt fand. Er, der Vögel liebt, hat sie in Variationen dargestellt. »Life« erzählte, die Eule habe sich geweigert, sich auf den Bildern wiederzuerkennen, und fügte hinzu, klügere Köpfe hätten das auch getan.

Wenn Picasso, wie er es oft tut, bis spät in die Nacht hinein gearbeitet hat, sieht er erst nach seiner Eule, bevor er schlafen geht. Er sagt, die Eule und er verstünden sich großartig.

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