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Das war der wilde Osten

Vor 40 Jahren schrieb ein junger Ostdeutscher einen Arbeiterund Abenteurerroman, den die DDR-Oberen öffentlich verdammten. Jetzt erscheint Werner Bräunigs »Rummelplatz« endlich komplett: ein toller literaturhistorischer Fund.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Ganz weltrevolutionsfromm könnte man manchmal werden beim Lesen dieses Buchs, so schwelgerisch wird hier für die gerechte sozialistische Schweißarbeit gefochten.

»Die Arbeit überkam ihn wie ein Rausch. Er setzte den Meißel an und stemmte ihn mit aller Kraft in den Berg, der Druck der Pressluft schüttelte seinen Körper«, heißt es da über die Erlösung durch körperliche Plackerei. »Der Rückschlag lief wie ein Schauder durchs Fleisch.« So muss es sein, wenn der Heilige Geist einen armen Sünder durchfährt. »Und er spürte den Berg nicht mehr und die Dunkelheit nicht und nicht die Einsamkeit. Er war ein Anderer. Die Fremdheit war in sich selbst zurückgefallen für diese Nacht.«

Der Mann, der hier den Uranbergbau im Erzgebirge beschreibt, hieß Werner Bräunig. Er war ein hoffnungsvoller Autor von 31 Jahren, als er sein erstes Romanmanuskript hinwuchtete, ein Buch, das »Arbeit in einem neueren Sinn« als »Erfüllung, Spiel und Schöpfung« anpries.

Dieser Werner Bräunig muss absolut überrascht und gerade deshalb in Herz und Hirn verstört gewesen sein, als ausgerechnet sein Buch (nach einem auszugsweisen Vorabdruck) plötzlich als volksverderberisch am Pranger stand: Über »Schweinereien« schäumte der oberste DDR-Staatslenker Walter Ulbricht; gegen Ergüsse, »die mit unserem sozialistischen Lebensgefühl nichts gemein haben«, ereiferte sich sein Musterschüler Erich Honecker.

Das war Ende 1965. Um Zucht und Ordnung herzustellen, korrigierten die DDR-Oberen in dieser Zeit ihre bis dahin relativ liberale Kulturpolitik, verboten einige Defa-Filme wie »Spur der Steine«, verhängten ein Auftrittsverbot gegen Wolf Biermann und maßregelten den Schriftsteller Bräunig.

Für »Spur der Steine« und Biermann war dieser Unterdrückungsakt des Arbeiter-und-Bauern-Staats der erste Schritt zum großen Ruhm. Für Bräunig bedeutete er den Absturz ins Vergessen, das Desaster seines Lebens. Er schrieb danach kaum noch und flüchtete sich in den Suff. 1976 starb er, mit 42 Jahren.

Bräunigs umstrittener Roman »Rummelplatz« aber erschien nicht - und wurde, wie nun der Berliner Aufbau-Verlag behauptet, »der berühmteste ungedruckte Roman der Nachkriegszeit«. Das ist dick aufgetragen, weil es mit dem Ruhm von Werner Bräunig schon länger nicht mehr weit her war; und weil 1981 in einem Erinnerungsband an den bereits damals kaum mehr bekannten Autor ein 170-Seiten-Auszug von Bräunigs 700-Seiten-Manuskript nachzulesen war.

Aber egal: Bräunigs »Rummelplatz« ist trotzdem ein literaturhistorisches Ereignis - und ein Hammer von Roman.

Christa Wolf schreibt in einem kurzen Vorwort: Wer über die Bewohner der DDR wissen wolle, »wie wir gelebt haben«, wer »ihre Hoffnungen und die Ziele ihrer oft übermäßigen Anstrengungen« ergründen wolle, der finde in diesem Buch eine Chance für »Verständnis und Anteilnahme«.

Tatsächlich spielt »Rummelplatz« nicht nur im Osten Deutschlands, sondern auch am Rhein in Adenauers BRD, in den Allgäuer Alpen und sogar in Moskau. Die mitreißendsten Kapitel allerdings handeln allesamt vom Arbeits- und Liebesleben in den Stollen und Barackenlagern der erzgebirgischen Wismut - und das in einer Art, dass es oft scheint, als werkelten nicht nur die Helden mit schwerem Gerät, sondern als hätte auch der Autor seine Sätze mit dem Presslufthammer gemeißelt.

»Da war der Berg, da war die Arbeit, das war alles. Prometheus war an den Fels geschmiedet. Sisyphus wälzte den Stein bergauf. Es hatte sich nichts geändert.« So pathetisch besingt Bräunig die Felsbohrerei.

Die Wismut, ein Bergbaugebiet unweit von Chemnitz, war in der jungen DDR eine Art Staat im Staate. Bis zu 210 000 Menschen bauten dort unter sowjetischer Militärleitung Uran ab, bestimmt allein für das Brudervolk der ruhmreichen Sowjetunion, das Atombomben fertigte, um die Amerikaner in Schach zu halten. »Die Welt hatte Hiroshima erlebt«, schreibt Bräunig, deswegen hänge ihr Schicksal nun »für eine Ewigkeitssekunde von der Produktion der deutschen Urangruben ab«.

Im Schlamm und in den Stollen und den Baracken der Wismut verstaubten die Arbeiterlungen und verrohten die Sitten, radioaktive Strahlung und endlose Schichtarbeit zermürbten die Knochen.

Dafür gab's gute Bezahlung, ordentliches Essen und für junge Bürgersöhne wie einen der Bräunigschen Protagonisten die Hoffnung auf einen Studienplatz: »Warum geht es ausgerechnet mir so dreckig?«, klagt der junge Mann, bester seines Abiturjahrgangs, mit Blick auf seine munter an der Universität wurstelnden Ex-Mitschüler, dann aber beschließt er, es ihnen »zu zeigen, was er aus eigener Kraft erreichen würde. Ich werde es euch beweisen!«.

So brav sind nicht alle in Bräunigs Roman. Die jungen Helden dieses Buchs haben eine riesige Wut auf die Älteren, die ihnen eine kaputte Welt hinterlassen haben, auf alte Nazis, die sich in neuen Verhältnissen arrangieren, auf Phrasendrescher. Zudem begegnet man in »Rummelplatz« hirnlosen Totschlägern und gutherzigen, aber versoffenen Russen, einer zupackenden Arbeiterfrau mit Karrieregeist und Nutten ohne Mitleid. »Auf ein Mädchen kamen sechs oder sieben Männer«, deshalb sollen in der Männerwelt der Wismut die Vergnügungen des titelgebenden Rummelplatzes für Ablenkung sorgen.

Der Literaturkritiker Walter Ulbricht erregte sich genau darüber. »Wie sie saufen, wie sie mit den Frauen umgehen, sich Krankheiten beschaffen«, klagte er nach der Lektüre eines Kapitels, »als ich das las, habe ich mich gefragt: Wem nützt das?«

Dabei beschrieb Bräunig einfach, was er kannte. 1934 in Chemnitz geboren, begann er nach dem Krieg eine Schlosserlehre und landete wegen Schwarzmarktschiebereien im Erziehungsheim. Im Alter von 16 Jahren schlug er sich in Hamburg und Hannover als Gelegenheitsarbeiter durch, bald kehrte er nach Chemnitz zurück und schuftete 1953 für ein paar Wochen in den Schächten der Wismut. Kurz darauf sattelte er um auf Journalist, studierte am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher und wurde zu einem Vorzeigetalent; wie geschaffen für den berühmten Aufruf der 1. Bitterfelder Konferenz im Jahr 1959 unter dem Motto »Greif zur Feder, Kumpel!«

Bräunig sah gut aus und hatte Charme. Es fiel ihm, wenn man den Zeitzeugen glaubt, wunderbar leicht, Frauen und Schriftstellerkollegen für sich zu begeistern. Ein Hallodri, toller Hecht und begabter Hund, der immer eine Zigarette im Mundwinkel trug. Fünf Kinder hatte er mit seinen beiden Ehefrauen, doch die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er trinkend in einer Winzwohnung in Halle-Neustadt.

»Mein Vater war ein ruhiger Typ«, erinnert sich Claus Bräunig, einer der Söhne, in einem Interview. »Meine Mutter wollte nicht, dass ihre Kinder in Gegenwart eines Alkoholikers aufwachsen, der auch noch stark depressiv ist. Er ist einfach ein paar Straßen weiter gezogen, so dass mein Bruder und ich ihn immer wieder besuchten. Er war freundlich und lieb und sehr still.«

Werner Bräunig starb an einer Lungenentzündung, ohne jemals laut aufzubegehren: Begrabt sein Herz an der Biegung des Bitterfelder Wegs.

Anna Seghers und Christa Wolf hatten sich nach der Verdammung von »Rummelplatz« immerhin für Bräunig und sein Buch eingesetzt - ohne Erfolg.

Ob wirklich die heute oberharmlos wirkenden Schlägerei-Schilderungen ("Eins übern Schädel, und dann ab. Und auch noch von hinten, die Schweine"), sexuellen Zoten und kritischen Grummeleien aus Volkes Bauch ("verschandelte Landschaft") schuld waren oder bloß ein dummer Zufall, dass ausgerechnet »Rummelplatz« ins Visier der Zensoren geriet? Das Nachwort der Herausgeberin Angela Drescher über den »Fall Werner Bräunig« bietet dazu eine Menge klug aufbereiteten Diskussionsstoff. Und enthüllt auch, dass seit 1989 mehrere Verlage das Buch herausbringen wollten und zurückschreckten. Offenbar hofft man jetzt auf neues Interesse an den Nöten und Sitten im sozialistischen Deutschland: Wie fühlte sich das Leben der anderen wirklich an?

Bräunig fehlt die kluge Sprachskepsis und reflektierende Kühle von Böll, Koeppen oder auch Brigitte Reimann. Er erzählt die Unschulds- und Aufbaujahre der DDR zwischen dem Herbst 1949 und dem Aufstand des 17. Juni 1953 aus faszinierend und manchmal lästig parteiischer Nähe. Es gibt eine schwer erträgliche sozialistische Heiligenfigur namens Hermann Fischer im Wismutschacht, die zum Märtyrer wird. Es gibt westliche Verschwörer und ewige Nazis, die im Osten die Wirtschaft sabotieren und ihre Schläger am 17. Juni in den Osten schicken (was historisch windig ist). Und es herrscht bei aller Kritik ein markiger Pioniergeist in Bräunigs Roman: »Der Sozialismus muss gemacht werden, mit den Leuten, die nun mal da sind - oder gar nicht.«

Dabei ist der Befund aus der historischen Rückschau klar: Die Wismut war ein perfektes Sinnbild des gesamten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staats. Ein finsteres Verlies mit verwinkelten Gängen, in denen übel geschuftet und schlechtgelaunt gefaulenzt wurde. »Die Menschen hier hungern nach Helligkeit verzweifelter als anderswo«, heißt es im Buch. Ein Unort der Mangelwirtschaft, des lustlosen Herumgevögels und der hohlen Parolen. Die Hölle auf Erden also: Aber seltsamerweise fühlten sich viele, die sich erst mal an sie gewöhnt hatten, darin ganz wohl. Genau davon handelt der Roman.

Das kleine Glück finden die Helden in »Rummelplatz« eben »beim Wodka, an der warmen Haut eines Mädchens«. Und wenn sie übermütig werden, probieren sie in der Schiffschaukel aus, wer mehr Überschläge zustande kriegt. »Du steigst in die Schaukel und du schwingst dich hoch über den toten Punkt, aber du kommst immer wieder herunter, und es ist alles so, wie es vorher war. Das ist dann alles.«

Viel ist das nicht. Aber doch ein beschissenes, schönes, sozialistisches Leben.

WOLFGANG HÖBEL

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