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BIOGRAPHIEN / ALEXANDRA KOLLONTAI Das Weib als Mensch

aus DER SPIEGEL 31/1970

Sie war die Tochter eines zaristischen Generals und wurde im Dezember 1917 in Lenins Revolutionsregierung Volkskommissarin (Ministerin) für soziale Fürsorge. Sie war mehr als zwanzig Jahre lang sowjetische Spitzendiplomatin und stritt für freie Liebe, Abschaffung der bürgerlichen Ehe und die Gleichberechtigung der Frau.

Alexandra Kollontai, deren revolutionäres Leben inzwischen in der UdSSR verfilmt wurde -- der Film läuft seit kurzem in Moskau -, veröffentlichte 1926 eine Selbstdarstellung: »Ziel und Wert meines Lebens«. Zum erstenmal erschien jetzt deren vollständige Fassung -- mit dem anregenden Titel »Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin"*. Es ist ein Buch, das paradoxerweise vorwiegend vom Gestrichenen lebt. Denn sein Herausgeber, der Frankfurter Marxismus-Kenner Iring Fetscher, hat die zahlreichen, von der Autorin eliminierten Stellen dem Text wieder einverleibt -- kursiv gedruckt. Wer freilich, vom Titel verführt, nach sexuellen Be-Kenntnissen der schönen Kommunistin sucht, bleibt unbefriedigt.

Zumindest im Rückblick rangierten bei ihr Liebe und Sexualität hinter dem Klassenkampf. Den aber führte sie intensiver, als dies ihre Notizen verraten; Iring Fetscher vermerkt in seinem Nachwort: »Selbst das, was durch unsere Rekonstruktion wieder sichtbar geworden ist, bleibt weit hinter dem zurück, was sie in Reden und Schriften zu Beginn der zwanziger Jahre geäußert hat.«

Was immer Alexandra Kollontai geäußert hatte -- den Genossen geriet es häufig genug zum Stachel im Fleisch. Schon 1905 war ihr aufgefallen, »wie wenig sich unsere Partei (die Sozialdemokraten) mit dem Schicksal der Frauen der Arbeiterklasse beschäftigte und wie gering ihr Interesse an der Befreiung der Frau war«. Und als sie Anfang der zwanziger Jahre über das Sowjet-Ehegesetz urteilte, es sei »nicht wesentlich fortschrittlicher als die gleichen Gesetze in anderen fortschrittlich demokratischen Ländern«, wurde sie »von vielen Parteigenossen und Genossinnen bitter bekämpft«. Kollontai: »In dieser Frage (einer neuen Sexual-Moral) bildete ich den radikalsten Flügel der Partei.«

Unbeirrt forderte sie sogar Lenin heraus, mit dem sie doch nach ihren Worten eine »enge Wesensgemeinschaft« verband. In einer Rede auf dem X. Parteitag der KPdSU 1921 kritisierte sie, mit der Auflösung der Arbeiter-Kontrolle und den Konzessionen der Neuen Ökonomischen Politik gegenüber Bauern und Händlern hätten »die Spitzen unserer Partei ... den

* Alexandra Kollontai: »Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin«. Herausgegeben von Iring Fetscher. Verlag Rogner & Bernhard, München; 104 Seiten; 6 Mark.

Pfad des wissenschaftlich marxistischen Denkens verlassen«.

Es war nicht gerade der Wille zur Macht, dem Alexandra Kollontai sich verschrieben hatte, eher schon einer Art »emanzipatorischem Idealismus« (Fetscher). Aber nachdem Lenin die einstige Emigrations-Genossin 1922 in die norwegische Gesandtschaft Rußlands weggelobt hatte, wurde sie auch darin vorsichtiger. Sie schrieb nicht mehr viel und unterwarf ihre 1926 in der aufdämmernden Ära Stalins verfaßte Autobiographie vorbeugender, vielleicht sogar vorahnender Selbstzensur. Jedenfalls entging sie als einzige Altkommunistin der Gruppe »Arbeiteropposition« allen Säuberungen und starb 1952 friedlich in Moskau.

Für die Weltöffentlichkeit um 1922 freilich war die frisch ernannte Diplomatin damals schon abgestempelt. Nicht genug damit, daß zum erstenmal in der Geschichte eine Frau zur »Gesandten« avanciert war: Es handelte sich ja um eine kommunistische Revolutionärin die überdies der freien Liebe emanzipierter Frauen das Wort geredet hatte. So wurden ihre Ideen zu einer Sexual-Moral in das Klischee der Glas-Wasser-Theorie umgegossen: Man unterstellte ihr die Behauptung, sexuelle Bedürfnisse sollten ebenso ungezwungen gestillt werden wie der Durst mit einem Glas Wasser.

Anstößig war vor allem, daß die Kollontai ihre veränderte Sexual-Moral auch noch selbst praktizierte. Sehr jung hatte sie ihren Vetter geheiratet und einen Sohn geboren; drei Jahre später verließ sie ihre Familie, studierte Nationalökonomie und trat in die illegale Sozialdemokratische Partei Rußlands ein. Sie wurde zur Propagandistin einer Revolution der Frau, die sie -- im Gegensatz zur »bürgerlichen Frauenbewegung« -- nur als »Resultat des Sieges einer neuen Gesellschaftsordnung« für möglich hielt.

Bei Friedrich Engels hatte sie gelesen, daß »Familie und Ehe historische Übergangsformen sind«. Folgerichtig erklärte sie auch für sich selbst die Liebe zu einer »unglaublichen Vergeudung unserer Seelenenergie, einer Herabsetzung unserer Arbeitskraft« und klagte, diese habe in ihrem Leben eine »viel zu große Rolle« gespielt.

Tatsächlich geriet sie noch als 45jährige Volkskommissarin auf dem Höhepunkt der Revolution in einen späten Liebesrausch zu dem hünenhaften Matrosen Dybenko, der 1917 zum ersten Volkskommissar für die Rote Flotte avanciert war. Sie heiratete ihn und verließ Ministerium und ZK zugunsten ausgedehnter Flitterwochen auf der Krim. Lenin hatte Mühe, die Genossen daran zu hindern, beide wegen Desertion zu bestrafen; sarkastisch verurteilte er sie zu fünfjähriger gegenseitiger Treue.

Wenige Jahre nach diesem -- in der Autobiographie verschwiegenen -- Rückfall ins Eheleben analysierte die Kollontai in ihrem Buch »Die neue Moral und die Arbeiterklasse« die »sexuelle Krisis« des Jahrhunderts. »Die Einsamkeit inmitten volkreicher Städte«, schrieb sie, »erweckt in dem heutigen Menschen eine krankhafte Gier, sich an die Illusion einer »verwandten Seele« zu klammern.« Dabei werde das bürgerliche Besitzstreben verinnerlicht; der andere erscheine schließlich als »Alleinbesitz«.

Der traditionellen Übertragung von Besitzkategorien auf das Liebesleben konfrontierte die Kollontai eine veränderte Moral: »Die neuen Frauen wollen nicht Alleinbesitz, wo sie lieben. Da sie Achtung fordern vor der Freiheit des eigenen Gefühls« lernen sie diese auch anderen zuzugestehen.«

Aber die anfängliche »Romantik der Revolution« (Kollontai) wich bald der Angst vor neuer »Verbürgerlichung« und damit vor neuen Hindernissen auf dem Weg zum »Weib als Mensch«. Bereits 1921 hatte Alexandra Kollontai deren Ursachen gegeißelt -- vor allem den Zentralismus der Parteibürokratie: »Die Einmannleitung ist die höchste Weisheit des bürgerlichen Denkens. Die Bourgeoisie glaubt nicht an die Kraft des Kollektivs.«

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