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Gabriele Wohmann über Saul Bellow: "Mr. Sammlers Planet" Dauernder Umgang mit dem Tod

Gabriele Wohmann, 39, schrieb Erzählungen, Hörspiele und Romane (1970: »Ernste Absicht") und für die Anthologie »Leporello fällt aus der Rolle -- Das Leben von Figuren der Weltliteratur weitererzählt« eine »Fortsetzung« von Saul Bellows »Herzog«. -- Saul Bellow, 56, erhielt sowohl für seinen Roman über den amerikanisch-jüdischen Intellektuellen Moses Herzog (1964) wie für das neue Werk »Mr. Sammlers Planet« (1970) den »National Book Award«, Amerikas prominentesten Literaturpreis.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Die Erde -- ein Bahnsteig, ein Einschiffungsort, und Mr. Sammler, der diesen »planetischen« Sachverhalt so für sich definiert hat, überredet sich dazu, »mit einem Angstminimum an die Abfahrt« zu denken. Er hat beinah täglich irgendeinen Kontakt mit der Ewigkeit, und doch will er nicht böse sein, »wenn nach dem Tod nichts käme«. Es wäre dann Schluß mit all den Informationen, die Sammlers seismographisch fein reagierendes Gehirn permanent empfängt, die »affenartige Ruhelosigkeit würde auf hören.

Mr. Sammler, polnischer KZ-Überlebender, der seine Frau selber begrub, mit der leicht psychotischen Tochter Shula ins Exil New York ging, wo er, ringsum Sippschaft, die ihn gebraucht, unwissend auch mißbraucht, bei der deutschen Nichte Margot wohnt, Arthur Sammler, zurückgezogen bei philosophischen Studien, aber immer wieder zur Daseinsanteilnahme provoziert, ist die erotischen Verfangenheiten und die Eifersuchts-Alpträume seines jüngeren Vorgängers Moses Herzog los.

Sammler erscheint mir oft als ein gealterter Herzog, entfernter von dessen emphatisch-verzweifelten physischen Engagements und Disengagements, unter denen also nicht mehr so vergrübelt gelitten werden muß; so bleibt der unermüdliche Kopf, wenn er gerade nicht vom Alltag beansprucht wird, freier für grundsätzliche menschliche -- und eben: planetische -- Phänomene. speziell für den dauernden Umgang mit dem Ereignis Tod, in nie abreißenden Selbstgesprächen, in einem beweglichen Bewußtseinsstrom, der zum Dialog wird, wenn sich Partner einfinden.

Keine Angst vor pathetisch-kosmischen Abstraktionen: Sammler findet nämlich, und das macht ihn sehr sympathisch, das macht seinen Humor sehr verzweifelt, daß man über »das Wesentliche fast nichts« sagen kann. Versucht wird es trotzdem. Der Anlaß: eine zugleich philosophische und humane Neugier, ein Überwachsein in der Realität dieser »merkwürdigen Gattung« Mensch auf dem »so ausgiebig« organisierten Planeten. Selbstverständlich ergibt sich aus solchem Überwachsein Verzweiflung über diese Realität, Trauer, Bewußtheit der ganzen komplizierten, gleichzeitig öden und vielfältigen Daseinsagonie und deren Paroxysmen von Sich-Freuen und Sich-Quälen. Aber Sammler ist dafür, »Zeichen zu machen«, und so vollzieht er quasi die Horkheimer-Erkenntnis von der Immanenz des Glücks und der Trauer; des Schönen, in dem, gerade weil es so schön ist, das Schreckliche nistet:

Ich sollte niemanden zum Verdacht zwingen, hier handle es sich um einen überwiegend aus Assoziations- und Denkmosaik zusammengesetzten Roman. Bellow gruppiert vielmehr um die liebenswerte Hauptfigur Handlungen mit sogar kriminalistischem touch und Personen, die in der gutmütigen Distanzierung der Beobachtungen Mr. Samm lers (Bellows also) lebendig werden, Dessen sensible Kopfdetektei ist integriert in so was, das man Fabel nennt. Jedes Detail ist definiert und auch verifiziert durch diese komplexe Person Sammler, die sich zum Beispiel, nur allzu verständlich, danach sehnt, eine »von der Natur und von der Alltäglichkeit freigegebene Seele« zu sein. Doch: »Darauf mußte Gott sicher noch lang warten.« In eine zärtlich-zynische Drehbewegung der Sprache weicht dies Bedürfnis aus, es weicht aus vor der eigenen Intensität: wieder eine Art von melancholischem, auch stolzem Selbstschutz.

Überhaupt macht sich als Motiv für die ironischen Brechungen, die sanften, selbstspöttischen Bewußtseinsschlenker die Angst erkennbar; Angst vor zuviel Emotion, Angst vor zuviel Sehnsucht nach dem erfüllbaren Richtigen, Angst vor der Erkenntnis des innerhalb menschlicher Denk- und Aktionsbereiche unkorrigierbaren Verkehrten, vor dem Ver- und Zerstörenden -- Angst. Angst-Aufmerksamkeit zwischen Lebewesen, von denen keines weiß, wann es abtreten muß. Sammler findet: »Es gibt Zeiten, wo es vernünftiger und anständiger ist aufzugeben, das Klammern ans Leben ist eine Schande.«

Insgesamt: Diesen Roman in die Reduktion einer Rezension zu zwingen, ist fast anmaßend. Womit, beim Berichtgeben, fängt man denn an, womit hört man denn auf beim Versuch zu sagen, daß ein Buch einen Leser weitergebracht hat, auch wenn es ihn eigentlich vorwiegend bestätigt hat.

Ich kann beispielsweise in meinen inneren Gehörgängen eine bestimmte Passage nicht loswerden, ich höre den kleinen, todtraurigen, schönen Dialog immer weiter: »Hallo. -- Ah du, endlich. -- Hallo.« Ein Telephonat. Etwas Belangloses. Aber so denkt sich Mr. Sammler, über den Broadway gehend, beim Geräusch einer Telephonklingel aus einer offenen Ladentür, seinen ersten Dialogkontakt mit dem Tod.

Ich weiß nicht genau, ob diese Dialogstelle vom Tod oder vom Betroffenen gesprochen werden soll. Beim Betroffenen wäre es eine geradezu erotische Einwilligung. Aber überlasse ich jenes »Ah du, endlich« dem Tod, dann zeigt der Tod sich mir doch zumindest ziemlich freundlich-zivilisiert. Ich höre, wie ich es auch mache, eine sehnsüchtige sanfte Erwartung. Die Wortwechselminiatur in meinen Gehörgängen, ein bißchen Telephongeräusch dazu, könnte ihn etwas abmildern, den »Zustand wahnsinniger Verlorenheit«.

Aber ich werde mich hüten, im Bellow-Kontext von Sachen wie Trost zu reden, ich habe es ja gelesen: »Gewiß würde ein Mensch trösten, wenn er könnte.« Doch: »Tröster können nicht immer aufrichtig sein.«

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