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Zeitschriften Daumen runter

John Fairchild, Chefredakteur von Women's Wear Daily, ist der mächtigste Modejournalist Amerikas. Jetzt will er auch Europas Kioske erobern.
aus DER SPIEGEL 10/1991

Der Mann scheint deutlich fehl am Platz: Weißhaarig und seriös im grauen Zwirn sitzt er zwischen den schwarz oder schrill gekleideten Modeleuten und sieht sich die Präsentationen der internationalen Designer in London, Mailand und Paris an.

Je länger eine Show dauert, desto tiefer sackt sein Doppelkinn auf den exakt gebügelten Hemdkragen, und seine blauen Augen schließen sich zu Schlitzen. Gleich wird er einnicken.

Doch mangelnde Aufmerksamkeit wäre das letzte, was man John Fairchild vorwerfen könnte. Schnell, selbstsicher und mit einem in über 30 Berufsjahren geprägten Stilempfinden analysiert er durch die halbgeschlossenen Lider, was an Fashion über den Laufsteg geht. »Fääschen« sagt er, in breitem US-Slang.

John Fairchild, 64, ist Modejournalist und im Zirkus der Haute Couture der Cäsar: Daumen rauf, Daumen runter, richtet er über Gedeih und Verderb einer Kollektion - und des dazugehörigen Designers. Denn Fairchild ist nicht nur Schreiber, sondern auch Chefredakteur und Herausgeber von Women's Wear Daily (WWD), der einzigen Modezeitung der Welt, die täglich erscheint. Was für Börsianer die Financial Times, ist WWD für die Textilindustrie.

Das Blatt wird im DIN-A3-ähnlichen Format und auf ordinärem Zeitungspapier gedruckt, die Auflage des in den USA erscheinenden Blattes wirkt mit 67 000 Stück pro Tag eher mickrig. Doch die Gazette, eine im Boulevardstil aufgemachte Mischung aus Fakten, Neuheiten und Society-Klatsch, ist Pflichtlektüre aller Modeleute, einerlei, ob sie in Bombay oder Bielefeld sitzen.

1960 wurde John Fairchild Herausgeber des angestaubten Fachorgans, das sein Großvater 50 Jahre zuvor gegründet hatte. Mit Trendberichten, ersten Fotos von brandneuen Kollektionen und einem »kultiviert-oberflächlichen Schreibstil, der wie ein Pfeil ins Schwarze trifft« (Karl Lagerfeld über WWD) verwandelte Fairchild das Erbstück in jenes meinungsbildende Blatt, das heute aus Kleidern kommerzielle Erfolge macht.

Sein Hang zu polemischer Kritik hat Fairchild den Spitznamen »Un-Fairchild« eingetragen. Wer allerdings in WWD und dessen elegantem Ableger W, der seit 19 Jahren in Farbe wöchentlich in den USA erscheint, überhaupt nicht erwähnt wird, kann seine Klamotten gleich wieder einpacken.

Auch die Europäer sollen nun Fairchilds Botschaften aus Mode und Gesellschaft empfangen: mit einer Extra-Ausgabe von W für den alten Kontinent. Deren Inhalt ist speziell für Europa zusammengestellt und wird in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch gedruckt, Gesamtauflage: vorerst 60 000 Stück. Das Abonnement für die ersten zehn Ausgaben kostet 70 Mark.

Die Fairchild-Gruppe macht jährlich 120 Millionen Dollar Umsatz und gehört seit 22 Jahren zum amerikanischen Unternehmensgiganten Capital Cities/ ABC. Start und Lancierung des Ablegers wurden drei Jahre lang vorbereitet und kosteten fünf Millionen Dollar. Das deutsche Redaktionsteam sitzt in München. Die Europa-Premiere wird hingegen während der Modemesse Igedo in Düsseldorf gefeiert. 1000 Gäste hat John Fairchild zum festlichen Dinner am 11. März geladen, um die deutsche Ausgabe zu begießen.

W Europe bietet die bewährte Mischung, die dem großen Bruder in den USA immerhin eine Auflage von 239 000 Stück beschert. Für Wirtschaftsleute Schlüsselinformationen: Europas 100 größte Textilunternehmen. Für Voyeure den Schlüssellocheffekt: die Reithalle der US-Milliardärsgattin Carolyne Roehm-Kravis en gros und en detail, dazu Neuigkeiten nach »Leo's« In- und Out-Manier, in einem Sprachkauderwelsch, das hemmungslos Anglizismen mit französischen, italienischen und russischen Wortbrocken mengt.

Die Eindeutschung ursprünglich in heiterem englischen Plauderton geschriebener Artikel scheint den Blattmachern besondere Schwierigkeiten zu machen: »Tagsüber geht Jung-Hollywood inkognito als Schlampensternchen.« Doch wen scheren Grammatik, Satzbau und Kommata, wenn es um Weltanschauliches geht: »Schuhe? Das ist Klassenkampf in München. Nie würde es einer jungen Aristokratin einfallen, hohe Absätze im Büro zu tragen.«

Die Couturiers sind von Fairchilds neuestem Produkt unverzüglich hingerissen. Die Fanpost seiner Schäfchen trägt Fairchild in seiner Brusttasche mit sich herum wie ein Pennäler die ersten Liebesbriefe. »Ich bin so glücklich, Chanel auf dem Titel zu haben«, schrieb Chanel-Designer Karl Lagerfeld an den »lieben John«. Handschriftlich erging er sich über den »tollen Mix« von W Europe. Der eitle Zopf ließ sich gar zum Verzehr eines ordinären Würstchens animieren, damit das Blatt einen werbewirksamen Fotogag bekam.

Fressen und gefressen werden - in der Mode gelten für Fairchild eindeutig »die Gesetze des Dschungels«. Frauen vergleicht er mit Tierweibchen, »die sich heraushübschen, um andere auszustechen und schneller einen Mann zu bekommen«. Balzgehabe macht er jedoch auch bei den Designern aus: »Jeder will der Erste und Beste sein.«

Umgeben von all diesen »schicken Wilden«, hat er nur einen Trost: »Ich bin der Wildeste von allen.«

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