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Daumiers Barbar Napoleon sucht das Weite

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aus DER SPIEGEL 6/1986

Sind Europäer doch die schlimmeren Wilden? Honore Daumier, französischer Karikaturist, mußte es so sehen und auf seinen Lithographien Landsleute als Fremde maskieren, um sie trickreich zu demaskieren. Das zeigt eine Ausstellung »Die Rückkehr der Barbaren« in der Bielefelder Kunsthalle (bis 9. Februar, später in Hannover, Freiburg, Mülheim) an Daumier-Motiven seit 1851: Der Graphiker, berühmt durch seinen Spott über den birnenförmigen Bürgerkönig Louis Philippe, sah sich unter Napoleon III. durch strenge Zensur an innenpolitischen Kommentaren gehindert, fand aber Wege, heimische Verhältnisse in ausländischen zu spiegeln. Mit grotesken Szenen zwischen westlichen Herrenmenschen und Afrikanern oder Chinesen ironisierte er Kolonialherrentum und entdeckte zugleich im nichtfranzösischen Europa vertraute Mißstände. Unbehelligt durfte er zeigen, wie in Rom die Fackel des Freidenkertums ausgepustet werden soll oder den armen Spaniern das Wahlrecht beschnitten wird. Ausdrucksvollste Symbolfigur jedoch: Soulouque, Kaiser von Haiti mit napoleonischem Helmbusch, der etwa, unter Mitnahme von einem Haufen Geld, von seinen Untertanen vertrieben wird (1859) - so wie, auf einem früheren Daumier-Blatt, der Bürgerkönig ins Exil entwichen war. Würde so auch der Kaiser der Franzosen das Weite suchen?

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