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POP Dealer des Ruhms

Vielleicht ist Amy Winehouse die beste Sängerin der Welt. Doch auch das gehört zu ihr: Drogen, Alkohol, Schlägereien. Die Engländerin wird so zum Liebling der Paparazzi, sie zelebriert das sadomasochistische Verhältnis zwischen Star und Skandalpresse. Von Thomas Hüetlin
aus DER SPIEGEL 22/2008

Die Wohnung von Amy Winehouse ist nicht leicht zu finden. Sie liegt gut versteckt im Londoner Stadtteil Camden in einer engen Gasse. Früher waren hier Pferde und kleine Handwerker beheimatet. Heute leben Studenten und Künstler in einstöckigen Lagerhäusern. Die Gasse ist zugeparkt mit schweren Autos, Männer sitzen darin, die vor sich hin dösen. Sie warten. Ein, zwei, drei Stunden, manchmal bis zu zwei Tage lang darauf, dass Amy Winehouse die schwarze Tür zu ihrer Wohnung öffnet und etwas liefert, was sich verkaufen lässt.

Am besten Ware wie aus den vergangenen Tagen. An einem Dienstag hatte die Sängerin in einem Pub einen Marokkaner verprügelt, weil der sich geweigert hatte, ihr den Billardtisch zu überlassen. Stunden nach Mitternacht hatte sie in einer Bar Stühle umgeworfen und dann gerufen: »Ich bin eine Legende, schmeißt die Leute raus, ich will Drogen nehmen.« Um vier Uhr früh war sie auf dem Weg nach Hause gegen einen Laternenmast gelaufen. Am Mittwoch, den sie komplett verschlief, lehnte sie sich abends um sechs aus dem Fenster, um sich Feuer geben zu lassen. Am Freitag schließlich war sie auf der Polizeiwache wegen Körperverletzung verhört worden und musste die Nacht dort verbringen.

Es ist eine gespenstische Ware, vor allem weil Winehouse im Schein der Blitzlichter oft wirkt wie ein schillernder Fisch, der sich freiwillig einem Netz nähert. Neulich hat sie den Paparazzi nachts Tee und Kekse auf die Straße gebracht und gefragt: »Mit oder ohne Zucker?«

»Es ist sehr seltsam, aber sie schenkt uns immer ein Foto von sich«, sagt Jon Beretta, der sich »Paps« nennt, was so etwas ist wie die Kurzform von Paparazzo. Er ist blond, breitschultrig, jung und kennt sein Geschäft eigentlich ganz anders: als einen Job, in dem er von den Stars gehasst wird.

Amy, sagt Beretta, sei anders. Zum Beweis zieht er den »Daily Star« von gestern heraus. Winehouse trägt dort auf einem Foto ein schwarzes Unterhemd und zeigt auf einen Knutschfleck an ihrem Hals. »Da hat sie für uns vor dem Gefängnis posiert, in dem ihr Ehemann sitzt«, sagt Beretta. Sie habe damit zeigen wollen, dass sie ihn noch liebe.

Die Auflagen der britischen Boulevardblätter steigen sprunghaft, sobald sie Winehouse auf der Titelseite zeigen, und deshalb gibt es Fotografen wie Beretta, die kaum noch etwas anderes tun, als jeden Schritt der Sängerin zu überwachen. Manchmal stehen 50 Fotografen vor der Tür, es ist ein Kampf, den die Paparazzi nicht nur um die Sängerin führen, sondern auch gegeneinander.

»Amy watch« heißt diese Sorte Aufmerksamkeit im Slang der Paparazzi. Und seit dem 23. August letzten Jahres hat die Totalüberwachung ein bisher unbekanntes Ausmaß angenommen. In dieser Nacht verließ die Sängerin um drei Uhr früh ihre 500 Pfund teure Suite im Sanderson-Hotel und ging Camel Lights kaufen. Ein paar Blitzlichter flackerten. Am nächsten Tag war Winehouse in allen großen Boulevardzeitungen abgebildet, am Arm blutige Kratzer, die pinkfarbenen Ballerinaschuhe blutbefleckt.

Was war geschehen? Nach einer Prüge-lei mit ihrem frischangetrauten Ehemann Blake Fielder-Civil, berichtete der »Daily Star«, »besuchte Amy ein paar Bars, schluckte einige Erdbeer-Daiquiris. Dann wanderte sie durch die Straßen wie eine Mischung aus einem verstoßenen Kind und einer Obdachlosen«. Die »Daily Mail« legte nach, sie gab vor, das Geheimnis der befleckten Schuhe zu kennen: »Angeblich hat sie Heroin zwischen ihre Zehen gespritzt.«

Danach schossen die Preise für Nahaufnahmen von Amy Winehouse in neue Höhen. Waren vorher 100, in besonderen Fällen 200 Pfund der übliche Satz, so durchbrach diese Augustnacht gleich mehrere Schallmauern: 40 000 Pfund zahlte jede der großen Zeitungen für ein Foto. Am Ende war einer der Paparazzi um 200 000 Pfund reicher. Eine Größenordnung, die früher nur für tote Prominente gezahlt wurde.

Vor dem 23. August war Amy Winehouse, immerhin, eine begnadete Sängerin, die von Kritikern mit Billie Holiday und Etta James verglichen wurde; eine Stimme, dunkel und komplex wie teurer Rotwein. Seit dem 23. August ist Amy Winehouse, vor allem, die berühmteste Drogensüchtige der Welt.

Das Tempo dieser Pop-Soap ist bizarr und halsbrecherisch, das Ergebnis einer neuen Paparazzikultur, die durch das Internet mit Bedeutung aufgeladen wird. Amy barfuß im roten Büstenhalter, torkelnd in einer kalten Dezembernacht - klick. Amy vor dem Gefängnis, in das ihr Gatte eingesperrt wurde - klick. Amy vor der Entzugsanstalt - klick. Von Janis Joplin, die sich 1970 zu Tode fixte, gab es nur ein Bild mit einer Flasche Southern Comfort - die Begleitmelodie der Medien damals klang noch unfreiwillig sanft, wie Kammermusik.

Vorbei - Pop heute ist wie »Big Brother«. Das Publikum will die Nähe zum Star und berauscht sich an einem Exhibitionismus, der zugleich ein immer neues Rätsel aufwirft: Gibt sich der Star freiwillig den Medien hin, um Ego, Ruhm und CD-Verkäufe nach oben zu treiben? Oder weicht er ihnen aus und wird, wie Prinzessin Diana im Tunnel von Paris, ins Verderben gehetzt?

Amy Winehouse, so viel steht fest, hatte es früh darauf angelegt, ganz vorn im Licht zu stehen. »Aber sie war ziemlich scheu anfangs, eher eine, von der man dachte, dass sie einmal eine Romanschriftstellerin wird«, sagt Sylvia Young, Direktorin der Sylvia Young Theatre School im vornehmen Londoner Marylebone. Young holt einen Aufsatz hervor, den Winehouse mit zwölf Jahren schrieb, bei der Aufnahmeprüfung. Die Direktorin liest daraus vor: »Ich will sehr berühmt werden und Lieder singen, die die Menschen für fünf Minuten ihren Ärger vergessen lassen.« Natürlich habe man das Mädchen sofort genommen.

Der schwärmerische Zugang zur Musik war ein Erbe ihres Vaters Mitch, eines schwer erschütterbaren Taxifahrers, der den Alltag mit Frank Sinatra und Ella Fitzgerald orchestrierte.

Musik schien für das Mädchen eine Zauberkugel zu sein, die ihre enge Welt verwandelte. Mit Musik war Amy nicht länger ein pummeliges, schüchternes Mädchen, dessen Eltern sich gerade getrennt hatten. Mit Musik war Amy ein Fabelwesen, dem die Welt zu Füßen lag. Ein Star.

Sie mochte die Songs in Moll, weniger die in Dur. Songs in Moll waren Balsam für ihre oft düsteren Stimmungen, ihre Anflüge von Depressionen, ihre Essstörungen. Irgendwann hatte sie genug davon. Irgendwann sagte sie: »Ich habe keine Lust auf ein Leben, in dem ich in einem Raum eingesperrt bin und schreiben muss - daliegen und weinen und den nächsten Song schreiben.«

Es ist heiß geworden im Jeep Cherokee von Jon Beretta. Die Sonne brennt auf das Leder seiner Sitze. Er wartet nun seit drei Stunden, aber die Tür von Winehouse ist immer noch geschlossen. Schläfrig lauert Beretta durch das Seitenfenster seines Autos. Sie müsse doch mal was essen, meint er. Manchmal bringe der Vater Tüten von Kentucky Fried Chicken vorbei, manchmal ziehe sie mit dem Tross aus Paparazzi zu McDonald's oder in einen Süßigkeitenladen. Beretta kennt die Details.

»Sie isst fast nur Junk-Food«, sagt er, mit einem Gesicht dazu, das aussieht, als würde es sich Sorgen machen. »Sie tut mir leid«, sagt Beretta. Es ist ein Mitgefühl, das in seinem Geschäft keinen Platz haben darf. Beretta blickt auf den Müllsack vor der Haustür von Amy Winehouse. »Wenn da jetzt eine Spritze drin wäre oder eine Crack-Pfeife, müsste ich ein Bild davon machen.«

Vor vier Jahren verschwand Winehouse in der Pub- und Drogenszene des Londoner Boheme-Viertels Camden. Als sie zurückkehrte, war sie schwer wiederzuerkennen. Das war nicht mehr das Mädchen, das nach dem Abwasch mit dem Hund rausgeht und über die »Fuck Me Pumps« anderer Frauen lästert, die im Leben Ausschau nach reichen Fußballern halten. Die neue Amy Winehouse sah aus, als wolle sie von einer Harley-Davidson aus die Stadt anzünden: schwarzes Leder, tätowiert mit dickbusigen Frauen, die Haare zu einem Bienenkorb getürmt. Texte, die promisken Sex und Drogenexzesse feierten. Innerhalb von drei Monaten stand sie auf Nummer eins der englischen Charts.

Die Stadt brannte jetzt. Winehouse verspottete ihre Kollegin Kylie Minogue als »süßes Pony«, sie fiel Bono ins Wort und sagte, er solle die Klappe halten. »Niemanden interessiert der Quatsch.«

Bei wem sie sich noch entschuldigen müsse, fragte der »Guardian«. Und sie antwortete: »Bei meinem Freund, weil ich ihn so oft verprügle.«

Aber wer war eigentlich der neue Typ mit dem schwefeligen Grinsen an der Seite von Amy Winehouse? Und warum sah man ihn schon morgens mit einem Drink in der Hand? Gehörte er auch zum neuen Image? Oder war der echt?

Vor der Wohnung von Winehouse ist es immer noch still, und Jon Beretta wird langsam unruhig. Er vermutet, dass die Sängerin zu Freunden aufs Land gefahren ist. Sicher sei er nicht. Er dreht den Zündschlüssel um und steuert eine Drogenentzugsklinik an, das Capio Nightingale Hospital.

Vor der Klinik blühen pinkfarbene Stiefmütterchen in Blumenkästen. Alles ist still. »Wenn Amy hier wäre, stünden hier mindestens 40 Paparazzi«, sagt Beretta. In solchen Momenten stellt er sich die Frage nach dem Sinn seines Berufs. »Manche Agenturen«, sagt er, »haben zehn bis zwölf Paparazzi. Sie machen 24 Stunden Winehouse, rund um die Uhr.«

Vor drei Jahren hatte es noch ein paar Tage gedauert, bis herauskam, wer der Typ neben der Sängerin war. Er hieß Blake Fielder-Civil und hatte, so sagte es sein Vater, »ein Drogenproblem, seit er mit zwanzig nach London gezogen war«. Nach ein paar Aushilfsjobs verbrachte er seine Tage nun damit, in den Pubs von Camden auf Frauen zu warten, die für ihn bezahlten.

Eine davon war Amy Winehouse. Sie hatten eine Affäre, er beendete sie schließlich wegen einer anderen. Weil Winehouse den Kummer, den er ihr bereitet hatte, mit dem Album »Back to Black« aber inzwischen millionenfach verkaufte, hielt sich Blake plötzlich für eine Muse. Im Frühjahr 2007 machte er der mittlerweile reichen Frau einen Antrag. Die Zeremonie in Miami kostete 135 Dollar, das Hochzeitsessen kam vom Roomservice: Fritten und Burger.

Danach ging es bergab. Die Geschichten über Amy Winehouse wanderten von den Feuilletons der seriösen Zeitungen auf die Titelseiten des Boulevards.

»Amys 3-Tages-Tour: Kokain, Ecstasy, Pferdebetäubungsmittel, Wodka, Whiskey« titelte die »Sun«, nachdem Winehouse in einem Londoner Krankenhaus der Magen ausgepumpt worden war. Im Herbst wurde Fielder-Civil eingesperrt, weil er versucht hatte, einen Barkeeper, den er zusammengeschlagen hatte, mit 200 000 Pfund zu bestechen, um der Strafverfolgung zu entgehen. Ein Paparazzo hatte ihn bei der Aktion gefilmt.

Mit Drogen, nicht mit Musik, blieb Amy Winehouse im Gespräch, bis heute. Nach mehreren Entziehungskuren ist ihrem Vater vor kurzem ein neuer Ausweg eingefallen: Er will seine Tochter zwangseinweisen lassen in die Psychiatrie.

Ein Lieferwagen hält von der Haustür der Sängerin, er unterbricht den Dämmerschlaf von Jon Beretta. Zwei Männer steigen aus, gehen hinein und kommen nach zehn Minuten wieder heraus, mit einem sandfarbenen Sofakissen unterm Arm. An dem Kissen ist nichts zu erkennen, keine Spuren von Exzessen, nichts. Beretta drückt trotzdem ab. Man kann nie wissen, sagt er.

»Ich will, dass man mich im Gedächtnis behält, als Schauspielerin, als Sängerin von ausverkauften Konzerten und Broadway-Shows. Dafür, dass ich einfach ich selbst war«, schloss Winehouse damals ihren Bewerbungsaufsatz für die Theaterschule.

Neulich, erzählt Jon Beretta noch, hörten seine Kollegen hier die Sirene eines Rettungswagens. Keiner sagte etwas, fast alle hofften, dass der Wagen vor der Wohnung von Winehouse halten würde.

Das Geräusch verzog sich wieder, und seitdem ist Beretta klar, dass er ein Bild niemals verpassen darf - das von Winehouse auf der Trage: tot oder lebendig. »Das wären 100 000 Pfund pro Zeitung, mindestens«, sagt Beretta. »Wenn man es exklusiv hat.«

Wohl deshalb heißt »Amy watch« unter den Kollegen seit ein paar Wochen auch »suicide watch« - Selbstmord-Wache.

Ein schwarzer BMW zwingt sich jetzt an der Wohnung von Amy Winehouse vorbei.

Mit einem Satz springt Beretta hinter das Steuer seines Jeep Cherokee. »Los geht's«, ruft er. »Das war Lily Allen« - die Popsängerin.

Es vergeht keine Minute, er ist nur noch ein paar Meter von ihrer Stoßstange entfernt. Das Mädchen im Auto stoppt, öffnet den Kofferraum, wirft eine weiße Ledertasche voller Klamotten hinein. »Hallo Lily«, ruft Beretta, »geht es dir gut?« Dazu rattert der Motor seiner Kamera.

Lily Allen grinst, erzählt, dass sie einen neuen BMW habe und das Dach nicht aufkriege. Wind bläst unter ihren blauen Rock, es ist so ein Moment wie bei Marilyn Monroe in Billy Wilders Film »Das verflixte 7. Jahr«. Beretta hält voll drauf, Lily Allen posiert, fährt weiter.

Noch vor einem Jahr hätte es Lily Allen nicht nötig gehabt, einen Paparazzo vor der Wohnung von Amy Winehouse abzustauben. Sie verfügte selbst über so viele, dass sie es sich leisten konnte, die lästigen Knipser mit Kung-Fu-Tritten zu begrüßen. Ihr Album stand in den Charts knapp hinter dem von Winehouse, Karl Lagerfeld nannte sie seine Inspiration.

Dann verschlechterte sich die Stimmung von Allen. Auf ihrer MySpace-Seite schrieb sie: »Ich bin fett, hässlich und sehe beschissener als Winehouse aus.« Jetzt wird ihre CD in den Läden verramscht.

Aus ihrem Fenster schnippt Allen mit frischlackierten rosa Nägeln Asche von ihrer Zigarette. Sie beschleunigt, dann wartet sie wieder. Sie hat den Paparazzo im Visier.

So geht es fast eine Stunde. Bei einem weiteren Stop fragt Beretta: »Lily, was tust du eigentlich?«

»Ich habe morgen Geburtstag«, sagt sie, »und jetzt kaufe ich mir ein Kleid dafür.« Sie verschwindet in einer Boutique. Beretta knipst durch die Fensterscheibe, bis es anfängt zu regnen.

Am nächsten Tag verkauft er die Bilder für 1000 Pfund. Er ist sich jetzt sicher. Sicher, dass es zurzeit in London keinen besseren Ort gibt als das Pflaster vor der Tür von Amy Winehouse.

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