Tobias Becker

#allesdichtmachen Lagerdenken

Tobias Becker
Ein Einwurf von Tobias Becker
»Beifall von der falschen Seite«: Der Vorwurf trifft längst nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler in den Debatten unserer Tage. Worum geht es dabei? Um die Sache? Oder nur noch darum, dass das eigene Team gewinnt?

Was müssen Schauspielerinnen und Schauspieler mehr fürchten als Buhrufe? Beifall von der falschen Seite.

Das hat die Aktion #allesdichtmachen in den vergangenen Tagen gezeigt. Unabhängig davon, dass manche der Videos, die unter dem Hashtag gepostet wurden, tatsächlich grotesk misslungen waren, fiel auf, wie viele Leute die Videos allein damit erledigen wollten, dass sie die unterstützenden Stimmen »von der falschen Seite« aufzählten: Coronaleugner und »Querdenker«, die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar und der CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind seither vor allem bemüht, sich von dieser »falschen Seite« zu distanzieren. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet fast nicht statt.

Und ja, doch, mit einigen der Videos würde sich das tatsächlich lohnen. Mit diesem zum Beispiel: »Mein Name ist Jens Wawrczeck«, hebt der Schauspieler Jens Wawrczeck an. »Ich bin Schauspieler und ich habe Angst vor Beifall...« An dieser Stelle macht er eine kleine Pause. »...von der falschen Seite«. Wenn er Theater spiele, dürfe im Zuschauerraum in der rechten Hälfte niemand sitzen. »Dann kommt der Beifall nur von links.« Wawrczeck überlegt – und ihm fällt auf, dass das aus der Perspektive des Zuschauerraums ja dann genau andersherum sei, dass also alle Leute nur rechts sitzen. Sein Schluss: Besser das Theater bleibt künftig ganz leer. »Dann kommt kein Beifall von der falschen Seite, und dann fühle ich mich sicher.«

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Das Video ist eine gelungene Satire, die im allgemeinen Skandalgeschrei leider unterging – und die allein darin ihre Bestätigung findet. Denn »Beifall von der falschen Seite«: Das ist ein Vorwurf, der längst nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler trifft in den Debatten unserer Tage. Sahra Wagenknecht zum Beispiel kann davon ein Pionierliedchen singen. Sie kritisiert in ihrem neuen Buch die Identitätspolitik sogenannter Lifestyle-Linker – und bekommt dafür Applaus auch aus der AfD. Allein das genügt manchen, um ihre Positionen und Argumente zu diskreditieren.

Gefährlicher als kluge Gegner, so scheint es, sind heute falsche Freunde.

»Manche Informationen haben vielleicht schädliche Wirkungen«, hat der Philosoph Julian Nida-Rümelin kürzlich gesagt, »aber wenn ich Gründe habe, die Informationen für richtig zu halten, dann habe ich eine Pflicht, sie auch zu vermitteln. Wir dürfen das, was wir mitteilen, nicht unter strategischen Gesichtspunkten auswählen.«

Es gehört zum Wesen des Witzes, dass er nicht konstruktiv ist, sondern anarchisch.

Gilt das, was für Informationen gilt, auch für Meinungen? Sollte man sich lieber selbst zensieren, wenn man die Gefahr wittert, dass die eigene Meinung von dunklen Mächten im Meinungskampf missbraucht werden könnte? Oder verlangt der demokratische Wettstreit der Ideen danach, dass die Menschen alles rauslassen, was ihnen gerade durch die Rübe rauscht, auch das Unausgegorene, Spinnerte, Abseitige?

Die Frage lässt sich sicher nicht pauschal für jeden Einzelfall beantworten, aber ein liberaler, wahrhaft demokratischer Geist wird immer mehr Sympathien für die zweite Alternative haben. Argumente müssen raus, an die frische Luft, angstfrei.

Die Meinungen, die gern die abweichenden genannt werden, sind in einer Demokratie die wertvollsten. Nicht unbedingt die sympathischsten, die durchdachtesten, die besten – aber die wertvollsten. Denn noch die unvernünftigsten Widerworte helfen der Vernunft dabei, ihre Position zu schärfen.

Man hat den Schauspielerinnen und Schauspielern vorgeworfen, ihr Humor sei nicht konstruktiv. Mal abgesehen davon, dass es zum Wesen des Witzes gehört, dass er nicht konstruktiv ist, sondern anarchisch – wäre es nicht konstruktiv gewesen, die Videos nach den gelungenen Momenten zu scannen statt nach den misslungenen, also primär zu schauen, was bedenkenswert ist, klug, inspirierend, statt primär zu schauen, was sich skandalisieren lässt?

Der Philosoph Robert Pfaller hat beklagt, dass derzeit ein entscheidendes Prinzip demokratischer Debattenkultur verloren gehe: »Nämlich, dass man versuchen muss, das Stärkste und Vernünftigste an der Position des jeweils anderen hervorzukehren. Sonst hat man ja keine Chance, in der Auseinandersetzung mit dem Gegner klüger zu werden.«

Das erste Opfer des Krieges, so heißt es, ist die Wahrheit. Das gilt auch für den Meinungskrieg.

Worum geht es in unseren politischen Debatten? Um die Sache? Oder nur noch darum, dass das eigene Team gewinnt?

Manchmal hat man den Eindruck, dass nicht nur im Parlament eine Fraktionsdisziplin herrscht, sondern im ganzen Land: in den Redaktionen, den Uniseminaren, den Facebook-Freundeskreisen.

Wird eine Wahrheit unwahr, wenn der falsche ihr applaudiert? Und was richtet den größeren Schaden an: ein Argument, das der falschen Seite in die Karten zu spielen scheint – oder ein unterdrücktes Argument?

In einer Demokratie kann die Antwort doch eigentlich nur eine sein: Schweigen ist Blech, reden Gold. Selbst, wenn nur Blech geredet wird.

#allesdichtmachen-Screenshots: Um was geht's eigentlich?

#allesdichtmachen-Screenshots: Um was geht's eigentlich?

Foto: dpa

Wer hingegen argumentiert, dass das Argument eines anderen »Beifall von der falschen Seite« provozieren könnte, der wähnt sich nicht in einer Debatte, sondern in einem Kampf, der bewertet jede Idee, jede Information, jede Irritation nur danach, ob sie ihm einen Bodengewinn beschert oder den anderen.

Das erste Opfer des Krieges, so heißt es, ist die Wahrheit. Das gilt auch für den Meinungskrieg.

Nun werden einige aufheulen und sagen, es dürfe doch jede Kritik zur Sprache kommen. Ja, das ist richtig. Aber frei seine Meinung zu äußern, das bedeutet nicht nur: sie äußern zu dürfen, frei von staatlicher und privater Zensur. Das bedeutet auch: sich innerlich frei genug zu fühlen, sie zu äußern.

Auch wenn man das für sich persönlich bejaht, so wie der Verfasser dieses Kommentars, muss man doch zur Kenntnis nehmen, dass das manchen anderen inzwischen offenbar anders geht. Ist das allein ihre Schuld?

Im Interview mit dem Deutschlandfunk beklagte die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, dass es »keinen Raum mehr für legitime Kritik« an den Anti-Corona-Maßnahmen gebe . Jede Kritik werde sofort von rechts vereinnahmt, und deswegen trauten sich wenige überhaupt noch in die Öffentlichkeit. »Die ganze Diskussion ist vermint.«

Und auch der Philosoph Robert Pfaller diagnostizierte einen »Verfall an Diskussionskultur und eine postdemokratische Propaganda des Gehorsams.« Es sei beunruhigend, »dass fast alle, die Kritik äußern, sehr schnell als rechte Spinner dargestellt werden«.

Es lohnt sich, sich einen alten Aufsatz zum Thema durchzulesen, geschrieben von Hans-Magnus Enzensberger  im Jahr 1962. Es war die Zeit des Kalten Krieges und der Kubakrise. »Daran, wie viele Ansichten von der Realität möglich seien, bleibt von vornherein kein Zweifel«, schrieb Enzensberger. »Nur bis zwei darf gezählt werden.«

Klingt das nicht wie ein Text, den auch jemand unter #allesdichtmachen hätte einsprechen können?

»Die Rede vom falschen Beifall«, fuhr Enzensberger fort, »bezieht sich auf eine streng symmetrische Welt, aus der die Farben verbannt sind; auf immer dasselbe Feld, das weiße, versucht sie den Kritiker zu ziehen. Dort mag er reden, solange er will. Seine Parteigänger haben keine Zeit, ihm zuzuhören. Sie sind vollauf damit beschäftigt, im schwarzen, im feindlichen Feld nach Anzeichen des Beifalls Ausschau zu halten. Auf diese Weise machen sie ihre Feinde zu Schiedsrichtern ihres eigenen Redens. Unerheblich, was an den Worten ihres Sprechens wahr oder unwahr ist.«

Enzensberger hielt Kritik, die sich taktisch auf solche Spielregeln einlässt und sich ihnen beugt, nicht nur für austauschbar. Sondern für gefährlich. »Was dem Gegner nützt, muss unterbleiben: Worauf dieser Satz hinausläuft, das wird in seiner Umkehrung klar: Was der eigenen Seite nützt, geschieht. Die Struktur beider Sätze ist totalitär.«

Man muss die Totalitarismus-Keule nicht schwingen; die schwingen sowieso schon zu viele zurzeit. Und doch sollte man feststellen, dass schon dem Begriff »Beifall von der falschen Seite« das Lagerdenken eingeschrieben ist, das viele Debatten so vergiftet zurzeit.

Der Vorwurf ist diskursfeindlich, weil in seinem Gefolge nur noch taktisch diskutiert wird, nicht mehr mit echtem Erkenntnisinteresse.

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