Zur Ausgabe
Artikel 64 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BUCHMARKT »Dem Taschenbuch den Kampf angesagt«

Helge Malchow, 53, Verleger von Kiepenheuer & Witsch, über das Bücherprojekt der »Süddeutschen Zeitung« ("SZ"), das seit einem Monat läuft und mit bereits 5,5 Millionen vorbestellten Titeln ebenso erfolgreich wie umstritten ist
aus DER SPIEGEL 18/2004

SPIEGEL: Herr Malchow, Ihr Verlag hat sich nicht an der Bibliothek der »Süddeutschen Zeitung« beteiligt, die ihr Umsatzziel von acht bis zehn Millionen Euro schon nach wenigen Wochen erreicht hat. Spüren Sie bereits Auswirkungen auf den Büchermarkt?

Malchow: Mein Eindruck ist, dass die Buchhandlungen nicht glücklich sind mit dieser Entwicklung. Und auch die Autoren sind betroffen, denn bei diesem Projekt sind die Honorare sehr niedrig - für eine Hardcover-Ausgabe lächerlich niedrig. Vor allem aber geht es gegen die Interessen der Taschenbuchverlage. Denn die »SZ« verkauft hochwertige Hardcover-Bücher für 4,90 Euro, und das liegt noch unter den Taschenbuchpreisen.

SPIEGEL: Welche Konsequenzen hat das für den Taschenbuchmarkt?

Malchow: Die Verlage schließen auch für ihre klassischen Autoren Taschenbuch-Verträge ab. Diese Taschenbuch-Verträge beinhalten zu Recht, dass die Ursprungsverlage keinerlei Ausgaben lancieren dürfen, die mit den Taschenbüchern konkurrieren. Aber genau das ist hier der Fall. Das heißt, hier wird ein Kampf gegen die Taschenbuchverlage eröffnet. Und das kann nicht im Interesse des Buchhandels liegen, weil er auf die Taschenbuchverlage

angewiesen ist.

SPIEGEL: Wird die Vielfalt und Qualität der Bücher darunter leiden, wenn dieses erfolgreiche Projekt Nachahmer findet?

Malchow: Ja, in gewisser Hinsicht. Es gibt immer Bücher, mit denen man Gewinne macht, und Bücher, mit denen das nicht gelingt. Ein gutes Beispiel ist Bölls »Ansichten eines Clowns«. Damit haben Kiepenheuer & Witsch und die Taschenbuchverlage jahrelang Geld verdient. Und dieser Gewinn wird weiterverwendet, um die editorische Arbeit an anderen Werken von Böll zu leisten, die sich weniger gut verkaufen. Wenn man also die Klassiker unter Wert verkauft, dann geht das nicht zu Gunsten der unbekannteren Werke aus.

SPIEGEL: Aber in Italien gelang der Zeitung »La Repubblica« genau das Gegenteil: Sogar vernachlässigte Bücher konnten in hoher Auflage unter die Leser gebracht werden.

Malchow: Auch in Italien waren die Buchhändler höchst unglücklich. Doch dort finden wir ein poröses und angeschlagenes Vertriebssystem für Bücher vor. Da sind die Zeitungen in eine Lücke gesprungen. In Deutschland hingegen haben wir das mit Abstand beste Vertriebssystem auf der ganzen Welt. Das heißt, was für Italien gut sein mag, schadet bei uns zumindest langfristig.

SPIEGEL: Aber kurzfristig ist die Bibliothek der »SZ« für die Käufer nützlich?

Malchow: Wäre sie repräsentativ, dann vielleicht. Wir haben hier aber eine Auswahl von Büchern, die nur vermeintlich als Bibliothek der klassischen Weltliteratur daherkommt. Es fehlen die Werke von Thomas Mann, Joseph Roth, Robert Musil und vielen mehr, ebenso wenig finden Sie auf der Liste »Die Blechtrommel« von Günter Grass, lediglich seinen Titel »Katz und Maus«.

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.