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Bücherspiegel Dem Wahnsinn entronnen

aus DER SPIEGEL 37/1993

Ein Erfolgsautor, den die eigenen Bestseller ärgern? Jawohl, Wilhelm Raabe, Verfasser so beliebter Kaiserzeit-Verschenkbücher wie »Die Chronik der Sperlingsgasse« und »Der Hungerpastor«, fand seine frühen Werke bald nur noch greulich. Leider aber sicherten ihm eben diese angeblich gemütvollen Stimmungsbilder durch ihre Massenauflagen sein Einkommen. So nahm er mit dem Image des verschmitzten Humoristen vorlieb - eine Fassade, die selbst Raabe-Kenner lange gepflegt haben.

Hinter ihr jedoch, so verdeutlicht Werner Fulds neues, spannendes Psychogramm, verbarg sich alles andere als ein behäbiger Volks-Entertainer. Fuld stellt den sperrigen, eigensinnigen Zyniker Raabe vor, der sich lebenslang verkannt fühlen sollte.

Vom ungeliebten Vater, einem pflichteifrigen Justizbeamten, als Versager und Träumer abgestempelt, hatte sich der schüchterne Junge in Schule und Buchhändlerlehre tatsächlich zum Träumer und Versager entwickelt - aus Trotz. Schreibend kurierte Raabe sich gerade noch rechtzeitig von dem, was sein Biograph »beginnende Schizophrenie« nennt.

In wahrer Fronarbeit - er hatte eine Familie zu ernähren - brachte es Raabe auf 67 Werke. Doch die grimmigen politischen Seitenhiebe, die er darin austeilte, nahm kaum einer wahr; die Verleger forderten leichtes Lesefutter. Wilhelm Raabe, der mit »Pfisters Mühle« (1883/84) sogar die Gewässerverschmutzung erstmals zum literarischen Thema machte, galt bislang als weltfremd und verschroben. Nun hat Werner Fuld das Gegenteil belegt.

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