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ESOTERIK Demnächst im Kino

Weltweiter Wirbel um ein Enthüllungsbuch mit dem Titel »Der Bibel Code": Was wußte der Gott des Alten Testaments vom Mord an John F. Kennedy?
Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 23/1997

Der Euro droht, das Ozonloch wächst, und nun ist offenbar auch der liebe Gott nicht mehr, was er mal war.

Bekanntlich hatte er, vor über 3000 Jahren auf dem Sinai, dem Mose einen Teil der Bibel diktiert. Es entstanden die ersten fünf Bücher, der Pentateuch, all die Sachen mit Adam und Eva, Kain und Abel, der Sintflut, der Flucht aus Ägypten et cetera. Und jeder sah, daß es gut war.

Keiner ahnte aber bislang, welche Fülle von geheimen Botschaften und Voraussagen der HERR in die alten Texte geschmuggelt hatte: Kennedys Ermordung wie Clintons Präsidentschaft, die Mondlandung wie den Jupiter-Crash, Saddam Husseins Scud-Raketen auf Israel, die Ermordung Jizchak Rabins samt Namen des Täters; und, das soll in zehn Jahren stattfinden, einen »atomaren Holocaust«.

Nicht vorausgesehen hat der HERR aber offenbar, daß da einer kommen könnte, der den göttlichen Code knackt. Denn ein Buch mit dem Titel »Der Bibel Code« wurde bislang nicht als Bibel-Botschaft entschlüsselt,

* Michael Drosnin: »Der Bibel Code«. Deutsch von Elisabeth Parada. Wilhelm Heyne Verlag, München; 272 Seiten; 38 Mark.

und der Schreibtischtäter, ein US-Journalist namens Michael Drosnin, ist im Pentateuch, soweit bekannt, nicht avisiert*.

Erstaunlicherweise hat der Schöpfer auch vergessen, das sintflutmäßige Remmidemmi anzukündigen, mit dem Drosnins »Bibel Code« Ende letzter Woche über die Menschheit hereinbrach; in einer weltweit konzertierten und instrumentierten Aktion (PR-Losung: »Das wichtigste Buch für das nächste Jahrtausend") und mit der biblischen Verheißung: demnächst im Kino.

Ist das Ende nahe? Zumindest das Ende der Vernunft? Gemach. »Die Bibel ist nicht bloß ein Buch«, schreibt der Autor Drosnin, »sondern auch ein Computerprogramm.« Sie »wartete auf die Erfindung des Computers«, und nun »sind wir in der Lage, sie so zu lesen, wie es immer beabsichtigt war«.

Die himmlische Idee, das Buch der Bücher durch einen Computer zu drehen, hatte vor ein paar Jahren der israelische Mathematikprofessor Elijahu Rips, 48. Unter dem Titel »Konstante Buchstabenfolge im Buch Genesis« erstattete er darüber Bericht in der Zeitschrift STATISTICAL SCIENCE, und das Kopfschütteln begann.

Rips Code-Knackerei basierte, schreibt Drosnin, »auf der Aneinanderreihung jedes vierten, zwölften oder 15. Buchstabens zu einem Wort": Der Mann pickte also systematisch Lettern heraus, die formten dann Worte, und weil die Bibel »wie ein riesiges Kreuzworträtsel aufgebaut« ist, ließen sich die »verborgenen Botschaften« lesen, »vertikal, horizontal und diagonal«.

Nach dieser Methode, befand der US-Computerwissenschaftler Bruce David Wilner, könne man in jedem besseren chinesischen Text das komplette Rezept für »Ente à l''orange« entdecken. Und das Ganze erinnere ihn an die Prophezeiungen des Nostradamus, die »so vage sind, daß sie im Rückblick auf alles zutreffen«.

Zauberlehrling Drosnin, 51, hockte sich dann selber in Rips-Manier ans Gerät, sah Schlimmes auf Rabin zukommen und warnte ihn eindringlich; vergebens, wie bekannt. Die Bibel hat eben doch recht, und so ist »der Code zu einer Angelegenheit von Leben und Tod geworden«. Aber Frohbotschaft, herausgepickt: »Der Code wird retten.«

Zahlenmystik, Numerologie, das Buddeln nach geheimen Botschaften hat esoterische Zirkel immer schon in Schwung gehalten; unterfüttert mit Computertechnik kriegt die Spielerei für Gläubige Offenbarungscharakter, Fundamentalisten gibt sie ein Fundament: Gott lebt.

So als Computerhacker freilich wirkt er nicht sehr göttlich, und die ziemlich bescheuerte Art, sich in grotesken Kreuzworträtseln mitzuteilen, spricht nicht für Allmacht und Allwissenheit. Der Mensch - ein Ebenbild Gottes? Könnte, in diesem Falle, sein.

Aber das Buch wird seinen Weg machen, der Film Kasse, und der geneigte Leser dieser Zeilen kann nun die verborgene Botschaft des »Bibel Codes« knacken: Das Wort aus dem 14., 52., 61., 66., 72. und 86. Buchstaben des vorletzten Absatzes dieses Artikels ergibt die Lösung.

* Michael Drosnin: »Der Bibel Code«. Deutsch von ElisabethParada. Wilhelm Heyne Verlag, München; 272 Seiten; 38 Mark.

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