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STRAHLENTOD Den Drachen gekitzelt

aus DER SPIEGEL 31/1965

Robert Peabody war allein im dritten

Stock des Fabrikgebäudes. In den Plastikflaschen und Stahltanks, die dort aufgereiht standen, lagerte jene Substanz, der die Vernichtungsgewalt von Atombomben innewohnt: Uran 235.

Peabody, ein 38jähriger Arbeiter bei der »United Nuclear Corporation« im US-Staat Rhode Island und Vater von neun Kindern, suchte nach einer leeren Kunststoff-Flasche von besonders hoher und schlanker Form, die zum Auffangen uranhaftiger Rückstände benötigt wurde.

Im Lager fand er nichts Passendes. So entschloß er sich, den Inhalt einer gefüllten Flasche in einen der bereitstehenden Spezialtanks umzufüllen. Es war am 24. Juli 1964 kurz nach 18 Uhr, als Peabody den Inhalt der ofenrohrförmigen, 1,20 Meter hohen Plastikflasche in den Stahltank laufen ließ.

Plötzlich zuckte ein bläulich-weißer Lichtblitz empor. Wie eine Säule schoß die Flüssigkeit aus dem Stahltank dreieinhalb Meter hoch gegen die Decke. Alarmglocken schrillten, Peabody wurde zu Boden geschleudert. Einen Augenblick lang lag er benommen, dann raffte er sich auf und stürzte die Treppen hinunter. Noch im Laufen riß er sich die strahlenverseuchten Kleider vom Leibe, Hemd, Hose, Unterwäsche. Als er bei der knapp 200 Meter entfernten Sanitäts -Baracke ankam, war er nackt.

Robert Peabody war Augenzeuge und Opfer einer atomaren Explosion geworden.

Zwar scheuen sich die Physiker, eine nur Sekundenbruchteile währende atomare Kettenreaktion dieses Ausmaßes schon als Explosion zu bezeichnen. Sie sprechen von einer Selbsterregung«, vom »Durchgehen« der atomaren Reaktion. Gleichwohl war Peabodys Körper bei dem Unfall einer Strahlendosis ausgesetzt, wie sie - außer in Nagasaki und Hiroshima - niemals zuvor ein Mensch hatte erdulden müssen.

Der Zwischenfall bei der United Nuclear Corporation, über dessen Hergang und medizinische Folgen jetzt Dr. Joseph S. Karas in dem US-Fachblatt »New England Journal of Medicine« berichtete, war das erste Atomunglück, das sich in der privaten amerikanischen Kern-Industrie zutrug. Die Ursache dafür war eine typische Eigenschaft des Kernbrennstoffs Uran, die an magische Riten mittelalterlicher Alchimie erinnerte: Das Elixier Uran 235, dessen atomare Energie in dem schlanken, hohen Gefäß gezähmt war, spie Feuer, als es sich beim Umfüllen für Bruchteile einer Sekunde in einer verhängnisvollen Form zusammenballte.

Wo immer eine gewisse Menge des radioaktiven Urans 235 lagert, begibt es sich von Zeit zu Zeit, daß einer der Uran-Atomkerne zerfällt. Dabei werden jeweils zwei Neutronen (elektrisch neutrale Kernteilchen) freigesetzt. Treffen solche Neutronen auf andere Urankerne, so werden auch diese zerspalten, es werden abermals Neutronen freigesetzt und so fort - eine Kettenreaktion setzt ein.

Derart unkontrollierte Kettenreaktionen vermögen die Atom-Techniker auf verschiedene Weise zu unterbinden. Entweder sie umgeben das Uranmaterial mit Schutz-Substanzen (etwa Graphit oder Schwerwasser), in denen die freigesetzten Neutronen abgebremst und damit unwirksam gemacht werden. Oder sie lagern das Uran in so kleinen Mengen, daß nahezu alle etwa freiwerdenden Neutronen sogleich aus dem Uran entweichen, ehe sie auf andere Urankerne auftreffen.

Die Ingenieure bei der United Nuclear Corporation erzielten diesen Effekt, indem sie die Uranlösung in besonders schlanken Plastikflaschen oder in Tanks lagerten, in denen ein Rührwerk die Lösung fortwährend so in Bewegung hält, daß sie - wie Milch im Mixbecher einer Küchenmaschine - als eine nur dünne Schicht gegen die Außenwand gepreßt wird.

Als Peabody das Urangemisch in den Tank füllte, ballte es sich einen Augenblick lang zusammen - dieser Moment genügte, eine kurzzeitige Kettenreaktion in Gang zu setzen.

Die ersten Unfälle dieser Art hatten sich bereits 1945 und 1946 in der amerikanischen Atombombenfabrik Los Alamos ereignet. Die Opfer, die Atomphysiker Harry Daghlian und Louis Slotin, waren beide mit dem gleichen gefährlichen Experiment befaßt gewesen: Sie hatten zwei Halbkugeln aus radioaktivem Plutonium auf dem Labortisch Millimeter um Millimeter einander angenähert, um jenen kritischen Abstand zu ermitteln, bei dem die Neutronen von der einen auf die andere Halbkugel übergreifen und die Kettenreaktion in Gang setzen würden.

Es war am 21. August 1945, als Daghlian für einen Augenblick die Kontrolle über die beiden Plutonium-Halbkugeln verlor und den Atomblitz auslöste. Einen Monat später starb der Wissenschaftler an den Folgen der Strahlung.

Als Louis Slotin damals am Krankenbett des Verunglückten Wache hielt, prophezeite ihm ein Kollege: »Wenn du mit diesem Experiment weitermachst, bist du in spätestens einem Jahr selber dran.« Die Alamos-Physiker belegten das gefährliche Experiment mit einem Beinamen: »Den Drachen am Schwanz kitzeln« ("tickling the dragon's tail").

Bei Louis Slotin, der mit Hilfe dieses Experiments bereits Anfang 1945 die kritische Masse der ersten amerikanischen Atombombe bestimmt hatte, war es dann im Mai 1946 nur ein winziger Ausrutscher mit dem Schraubenzieher, der den atomaren Drachen überreizte. Slotin besaß noch die Geistesgegenwart, in den blauweißen Blitz hineinzugreifen und die Plutonium-Halbkugeln wieder auseinanderzureißen. Das war die Rettung für sieben weitere Wissenschaftler, die im selben Raum arbeiteten. Sieben Tage nachdem Slotin ins Krankenhaus eingeliefert worden war, verlor er das Bewußtsein. Zwei Tage danach starb er.

880 Röntgen war die Strahlungsdosis, der Slotins Körper ausgesetzt gewesen war. Robert Peabody, der Arbeiter in der Atomfabrik in Rhode Island, mußte 8800 Röntgen erdulden - das Zehn- bis Zwanzigfache der Strahlungsmenge, die hinreicht, einen Menschen zu töten.

Schon in der Sanitätsbaracke der Fabrik klagte Peabody über Magenkrämpfe und Kopfschmerzen. Er erbrach sich und litt unter blutigem Durchfall. Eine Stunde und 43 Minuten nach dem Unfall wurde er in das Rhode Island Hospital der Küstenstadt Providence eingeliefert.

Obwohl sich Peabody seiner radioaktiv verseuchten Kleider sogleich entledigt hatte, war sein Körper so stark mit Radioaktivität durchsetzt, daß er nun selber für alle Menschen in seiner Umgebung zu einer gefährlichen Strahlenquelle geworden war. Die Mediziner in Providence wiesen den Kranken in eine Isolierstation ein.

Vier Stunden nach dem Unfall war Peabodys Blutdruck schon stark gefallen. Der Kranke klagte über fast unerträglichen Durst. Er litt unter Schweißausbrüchen und Schüttelfrost. Am nächsten Morgen waren seine linke Hand und der linke Unterarm stark geschwollen (mit diesem Arm war er dem Atomblitz am nächsten gewesen). Sein linkes Auge war blutunterlaufen. Aber den ganzen Tag lang war Peabody noch bei Bewußtsein; er konnte sprechen und Zeitung lesen.

»Am Morgen des zweiten Tages«, so berichtete Dr. Karas, »ging es dann mit ihm rapide bergab.« Die Schwellungen nahmen zu. Ruhelos wälzte sich der Patient im Bett. Er litt unter Atemnot, sein Sehvermögen schwand. Schließlich konnte er auch drei Zentimeter hohe Druckbuchstaben nicht mehr lesen. Die Untersuchung einer Probe aus seinem Rückenmark zeigte, daß es fast völlig zerstört war. Um die Mittagszeit sank

der Patient in Dämmerschlaf. Gegen Abend, 49 Stunden nach dem Unfall, starb er. Die Leichenöffnung ergab: Die atomare Strahlung hatte alle Organe seines Körpers angegriffen und zerstört.

Atomopfer Peabody

Tod noch 49 Stunden ...

Mediziner Karas

... durch atomare Strahlung

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