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Theater »Den Killern ein Alibi«

Von Peter Zadek
aus DER SPIEGEL 4/1995

Zadek, 68, leitet zusammen mit Heiner Müller, Fritz Marquardt, Eva Mattes und Peter Palitzsch das Berliner Ensemble (BE). In Berlin geboren, emigrierte Zadek 1933 mit seinen Eltern nach England. Nach dem Krieg arbeitete er als Regisseur an diversen deutschen Theatern, von 1985 bis 1989 als Intendant am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. 1992 trat er in die Direktion des Berliner Ensembles ein.

Vor zwei Jahren, als ich die Generalprobe von Einar Schleefs Inszenierung von Hochhuths »Wessis in Weimar« in »unserem« Theater, dem Berliner Ensemble, vorzeitig verließ, wütend vor mich hinknurrend: »Faschismus-Scheiße«, lächelten intellektuelle Freunde wie Ivan Nagel und Heiner Müller. Ich übertriebe mal wieder, meinten sie, und außerdem handele es sich um eine großartige Kunstleistung. Ich erwiderte, mir sei es schnurz, wie groß die Kunstleistung sei, und ich sei der Meinung, daß die Spektakel, die Hitler in Nürnberg veranstaltet hätte, wahrscheinlich auch als beeindruckende Spektakel, vielleicht sogar als Kunstleistung eingeordnet worden wären.

Anschließend habe ich mich wiederholt dagegen gewehrt, daß sich diese »Kunstleistung« am BE wiederholt, und dieser Künstler seine Späße dort weitertreibt. Allerdings hat mir das viele Feinde gemacht - von Günther Rühle und Sibylle Wirsing, die in Schleef die Zukunft des deutschen Theaters zu sehen schienen, bis zu Heiner Müller, der meinte, daß es sich um Berufsneid handele (Schleef hatte mit dem Hochhuth-Stück einen großen - innerdeutschen - Erfolg) und sicher auch, daß ich einfach ein neurotischer Jude sei.

Nun bin ich sicherlich ein neurotischer Jude, aber Berufsneid kann man mir schwer vorwerfen, da ich mich immer wieder, manchmal mit Erfolg, bemühe, solche Meister des Regiepultes wie Grüber oder Bondy an mein Theater zu holen. Außerdem waren meine Aufführungen am Berliner Ensemble zumeist große Publikumserfolge. Nein, nicht Neid, sondern Angst packte mich.

Das war vor zwei Jahren. Und nun? Castorf, Strauß, Müller und andere bimmeln den neu-deutschen Nationalismus ein. Sie tun es mit der fröhlichen Verantwortungslosigkeit der Wissenschaftler, die als Nebenprodukt ihrer so wichtigen Recherchen die Atombombe erfinden. Immerhin, sie sind ja Wissenschaftler und nicht verantwortlich dafür, was andere damit machen.

Im SPIEGEL-Artikel über »Stahlgewitter« (Nr. 3/1995) gibt es ein Bild von zwei Skins, die den Hitlergruß genüßlich machen. Die haben bestimmt nie Müller gelesen, auch nicht Jünger und waren sicherlich noch nie im Theater. Aber auch die spüren, wohin es geht, die Stimmung, die ihren Schwachsinn zum Sinn macht, die ihnen ein Alibi verschafft zum Antisemitismus, zum Türken-Verbrennen und ähnlichen (von Intellektuellen verpönten) Scheußlichkeiten.

Aber darf ein deutscher - oder französischer oder japanischer oder simbabwischer - Intellektueller, der sich langweilt in dieser chaotischen Welt, in der Wirrnis sich mit bürokratischer Beklopptheit abwechselt, zur Vertreibung seiner Langeweile sich ein Stahlgewitter wünschen? Den Killern ein Alibi verschaffen? Unsere Linken im Theater - Theater heute, das heißt Becker, Wille und Merschmeier - haben leider falsch reagiert, nämlich eitel, humorlos und miefig.

Beckers Artikel zu dem Strauß-Thema (Botho, nicht Franz Josef, muß man ja heute anmerken) ist nicht nur hochmütig, sondern auch schlecht geschrieben und nur für Insider. Da sind die neuen Rechten besser. Sie wissen, welche Spießer sie erreichen müssen und, im Fall Castorf, welche halbgebildeten Halbstarken, und drücken sich plump, aber verständlich aus.

Ich lebe seit 1958 in der Bundesrepublik. Sehr bald nachdem ich hier ankam, wurde mir klar a), daß das linke Verbot des Konservativismus schlimme Folgen haben und b) der Philosemitismus einen schlimmen Antisemitismus unabwendbar machen würde. Also legte ich mich immer wieder mit meinen »progressiven« und auch meinen jüdischen Freunden an.

Aber jetzt, da die Folgen dieser beiden Dummheiten deutlich eingetroffen sind, dürfen wir nicht mehr plänkeln und so tun, als ob es sich wieder um einen kleinen Unfall handele. So dachten viele meiner Verwandten auch, bevor man sie nach Auschwitz brachte. Daß die ehemalige DDR und 40 Jahre Training einen Haufen »Rechte« (um noch ein zivilisiertes Wort zu gebrauchen) hinterläßt, ist klar. Es wäre schön, wenn Botho Strauß sich auf sein feinsinniges Boulevardtheater konzentrierte und Figuren wie Herrn Nolte keine Plattform verschaffen würde.

Als spaßiges Nachwort muß ich bemerken, daß die Medien, wie immer, den Schock an sich wichtiger finden (den Schock der neuen Rechten nämlich), als daß sie sich die Mühe machen, Gegenbewegungen aufzuspüren. Ein Vorschlag: Am Berliner Ensemble läuft gerade »Ich bin das Volk« von Franz Xaver Kroetz, ein Stück über und gegen die neuen und alten Rechten dieses Landes. Y

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