Nach überstandenem Abwahlantrag Deniz Yücel tritt als PEN-Präsident zurück

Den Abwahlantrag seiner Gegner hatte Deniz Yücel knapp überstanden – trotzdem ist der Publizist nun als Präsident der Schriftstellervereinigung PEN zurückgetreten. Er wolle »nicht Präsident dieser Bratwurstbude« sein.
Deniz Yücel bei der Mitgliederversammlung in Gotha: »Ich habe es nicht nötig«

Deniz Yücel bei der Mitgliederversammlung in Gotha: »Ich habe es nicht nötig«

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Martin Schutt / dpa

Der Journalist Deniz Yücel ist überraschend als PEN-Präsident zurückgetreten. »Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein«, sagte Yücel am Freitag bei der Mitgliederversammlung in Gotha. Zugleich erklärte der Publizist seinen Austritt aus der Schriftstellervereinigung.

In einem langen Twitter-Thread begründete Yücel im Anschluss seinen Schritt. So habe er »das Gejohle«, das die geglückte Abberufung seines Vorstandskollegen Joachim Helfer begleitet habe, als »abstoßend« empfunden. »Wir mussten heute feststellen, dass unsere Versuche, den deutschen PEN zu einer modernen NGO zu machen und ihm in zeitgemäßer Form seiner alten Relevanz als Intellektuellenvereinigung zurückzugeben, von einer Mehrheit nicht gewollt ist«, schrieb Yücel. Der heutige PEN werde dominiert von »Spießern und Wichtigtuern Ü70«.

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Zuvor war ein Antrag auf seine Abberufung mit knapper Mehrheit abgelehnt worden. Von 161 abgegebenen gültigen Stimmen votierten 75 gegen die Abberufung, 73 dafür. Der 48-jährige Yücel war erst im vergangenen Oktober an die Spitze des PEN-Zentrums gerückt. Zu den Streitigkeiten innerhalb des Präsidiums sagte Yücel in Gotha: »Ich habe es nicht nötig – take it or leave it, PEN.«

Hitzige Debatte über Führungsstil

Der Führungsstil der Spitzenriege hatte zu heftigem Streit in der Schriftstellervereinigung geführt und diese entzweit. Dabei geht es unter anderem um Beleidigungen, Mobbingvorwürfe und den Umgangston. Die Vorwürfe beziehen sich auf einen umfassenden Mailwechsel im Präsidium. Der Führungsstil des Präsidiums wurde in Gotha hitzig und in sehr aufgebrachter Stimmung debattiert.

Mitglieder äußerten in Gotha die Sorge, dass die Grabenkämpfe das Image des PEN-Zentrums nachhaltig beschädigten. Yücel hatte in seinem in Gotha vorgelegten Bericht auch Fehler eingeräumt, sah den PEN trotz der Konflikte aber gut aufgestellt.

Bereits im März hatten fünf ehemalige Präsidenten des PEN-Zentrums den Rücktritt Yücels gefordert. In einem Brief an Yücel begründen sie dies damit, dass er sich bei der Eröffnungsveranstaltung des Literaturfestivals Lit.Cologne für eine Flugverbotszone in der Ukraine und somit für ein direktes militärisches Eingreifen der Nato ausgesprochen habe. Offenbar hatte Yücel aber bereits zuvor die Unterstützung von Teilen des PEN-Präsidiums verloren. Nach SPIEGEL-Informationen hatte er in einem Schreiben vom 20. Februar 2022  einige Mitglieder darum gebeten, Vorwürfe gegen zwei seiner Gegner zu sammeln.

Das PEN-Zentrum Deutschland mit nach eigenen Angaben 770 Mitgliedern ist eine der weltweit mehr als 140 Schriftstellervereinigungen, die im internationalen PEN vereint sind. Die drei Buchstaben stehen für die Wörter Poets, Essayists und Novelists.

sol/dpa