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GEDÄCHTNIS Denken mit Drogen

aus DER SPIEGEL 4/1966

Zwei Rudel Ratten demonstrierten, daß ein Menschheitstraum in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden könnte: der Traum, normal begabte Menschen mittels Pillen in Super-Einsteins zu verwandeln.

Die Nager stammten aus der Versuchs -Herde des amerikanischen Chemie-Konzerns Abbott in Chicago. Abbott-Pharmakologe Dr. Nicholas Plotnikoff sperrte die Ratten einzeln in hölzerne Käfige, durch deren Gitterboden ein elektrischer Stromstoß geschickt werden konnte. Der Strom-Schock sollte die Tiere dazu bringen, den einzig möglichen Fluchtweg ausfindig zu machen und zu nutzen: eine Öffnung 28 Zentimeter oberhalb des Käfigbodens.

Vor Beginn der Versuchsreihe waren alle Ratten gleichermaßen einmal im Käfig geschockt und in die Flucht getrieben worden. Doch als die Tiere dann erneut in Einzelhaft genommen wurden, verhielten sie sich unterschiedlich.

Die Ratten der einen Versuchsgruppe schienen, kaum daß sie wieder in den Käfig gesetzt wurden, im voraus zu wissen, daß ihnen ein quälender Stromstoß drohte. So rasch wie möglich - durchschnittlich nach 14,7 Sekunden - entsprangen sie dem Verlies.

Die zweite Gruppe schien demgegenüber aus der ersten Schock-Erfahrung nichts gelernt zu haben. Träge blieben die Ratten auf dem Gitterboden sitzen, bis sie der Schock aufschreckte. Erst als sie siebenmal (so der Mittelwert) den Stromstoß-Schmerz durchlitten hatten, zeigten sie sich gelehrig und vermieden ihn durch rechtzeitige Flucht.

Als Dr. Plotnikoff jüngst vor einem Wissenschaftler-Gremium in Berkeley (Kalifornien) von seinen Rattenversuchen berichtete, verriet er auch, warum die eine Nager-Gruppe durchschnittlich siebenmal so schnell Strom- und Fluchtkenntnisse erworben hatte wie die andere: Die Ratten des gewitzten Rudels waren zuvor mit winzigen Mengen einer chemischen Substanz gefüttert worden. Name der eßbaren Gedächtnishilfe: Magnesium-Pemolin.

Plotnikoffs Versuche sind die jüngsten in einer Reihe von Forschungsunternehmen, die klären sollen, auf welche Weise Tiere und Menschen Erfahrungen sammeln und das Gelernte in ihrem Gedächtnis speichern. Erst seit wenigen Jahrzehnten beginnt der Mensch jene Funktionen seines Gehirns zu verstehen, die ihm das Ablesen der Uhrzeit, das Wiederfinden des Heimwegs, aber auch so komplizierte Operationen wie das Steuern eines Raumschiffes erlauben,

Bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hatte ein britischer Wissenschaftler namens Thudicum vermutet, daß die Gehirntätigkeit auf chemischen Veränderungen im Innern der Gehirnzellen beruht. Die experimentelle Bestätigung dieser Hypothese erbrachte indes erst 1959 der schwedische Neurobiologe Holger Hydén: bei Versuchen mit Ratten, die er aufs Seiltanzen dressierte.

Hydén fand, daß sich bei seinen Versuchstieren in denjenigen Gehirn- und Nervenregionen, die durch die Drahtseil-Übung besonders stark beansprucht worden waren, eine Substanz merklich angereichert hatte, die seither von vielen Wissenschaftlern als chemische Inkarnation von Erinnerungen angesehen wird. Es ist jene Substanz, von der die Biochemiker seit einiger Zeit wissen, daß sie beim Aufbau aller Zellen und lebenswichtigen Eiweißstoffe im Körper als Steuersubstanz und chemischer Befehlsüberbringer beteiligt ist: die Ribonukleinsäure (RNS).

Jetzt konnten die Wissenschaftler eine Modellvorstellung davon entwickeln, wie der Mensch im Gedächtnis zu behalten und zu lernen vermag, was ihm die Sinne übermitteln. In Form von elektrischen Impulsen, so mutmaßen die Forscher, gelangen Sinneswahrnehmungen über die Nervenbahnen ins Gehirn und verändern dort - jeweils auf ganz charakteristische Weise - die Anordnung der chemischen Bausteine in den kettenförmig aufgebauten RNS-Gedächtnismolekülen.

Auf dem Kongreß in Berkeley verkündeten nun Wissenschaftler der Michigan-Universität in Detroit, daß sie dies kühne Denkmodell erneut bestätigen und sogar fortführen konnten - in einer Versuchsreihe mit Goldfischen.

Die Michigan-Forscher Roger Davis, Bernard Agranoff und John Brink hatten die Zierfische darauf dressiert, auf ein Lichtsignal hin eine Hürde zu überschwimmen. Als sie die Schwimmübung einmal beherrschten, vermochten die Fische das Kunststück fortan ohne neuerliche Dressur zu wiederholen.

Anders war es bei einer Gruppe von Goldfischen, denen die Forscher ein Medikament namens Puromycin injiziert hatten - ein Mittel, das im Organismus die Produktion bestimmter Eiweißkörper hemmt. Die so behandelten Fische lernten zunächst ebenfalls das Hürdenschwimmen, wußten aber schon nach drei Tagen das Lichtsignal nicht mehr zu deuten;, offenbar hatte die Droge sie das Gelernte wieder vergessen lassen.

Die Forscher interpretierten dieses Versuchsergebnis so: Normalerweise werden Erfahrungen - wie bei den Goldfischen der Reflex »Bei Licht über die Hürde schwimmen« - zunächst in einer Art Kurzzeit-Gedächtnis gespeichert: in den Strukturen der RNS-Moleküle. Sodann werden sie in einem zweiten Schritt auf das Langzeit-Gedächtnis übertragen: auf Eiweißmoleküle im Gehirn, die ihrerseits nach den Befehlen der RNS-Moleküle aufgebaut werden. Bei den vergeßlichen Goldfischen war offenbar dieser zweite Schritt der Speicherung nicht mehr vollzogen worden - die Droge hatte den Aufbau der Gedächtnis-Eiweiße verhindert.

Diese neuesten Erkenntnisse der biochemischen Gehirnforschung scheinen denn auch jene sensationellen Versuchsergebnisse zu bestätigen, die der amerikanische Gedächtnisforscher Dr. James V. McConnell, gleichfalls von der Michigan-Universität, vor einigen Jahren mit der primitivsten Tierart erzielen konnte, die noch einen Lernvorgang zu bewältigen vermag: mit Plattwürmern (Planarien).

McConnell dressierte eine Gruppe solcher Würmer, auf einen Lichtblitz hin zur Seite auszuweichen. Dann zerschnitzelte der Forscher die gelehrten Tiere und verfütterte das Wurm-Gehackte an noch undressierte Plattwürmer. Erfolg: Die ungelehrten Würmer ließen sich nach ihrer kannibalischen Mahlzeit wesentlich leichter auf die Blitz-Aufgabe dressieren: Sie lernten die gleiche Lektion doppelt so schnell.

McConnell folgerte daraus: Wissen ist eßbar. Die Plattwürmer hatten offenbar die RNS-Moleküle aus den Nervenzellen der Futter-Planarien mitsamt den darin niedergelegten Gedächtnisinhalten in ihre eigenen Nervenzellen aufgenommen. Das angesehene »Journal of the American Medical Association« malte sich schon die letzte Konsequenz dieser Befunde aus: »Möchten Sie gern intelligent sein? Dann verspeisen Sie einen Professor zu Abend.«

Bislang ist freilifch zweifelhaft, ob RNS-Moleküle wirklich unverändert den Prozeß der Verdauung, selbst wenn er so primitiv ist wie bei Plattwürmern, überstehen können. Einige Kollegen des Planarien-Forschers mutmaßen denn auch, daß die Würmer nicht etwa die Blitz-Kenntnisse direkt mit der Mahlzeit übernahmen. Vielmehr rühre wahrscheinlich ihre größere Dressur-Bereitschaft daher, daß ihnen mit der Gelehrten-Nahrung zusätzliche RNSBauteile und damit die Fähigkeit zu schnellerem Lernen einverleibt wurden.

Daß die Zufuhr von RNS in der Tat Lernfähigkeit und Gedächtnisleistung steigert, konnte inzwischen Dr. Leonhard Cook, Direktor der psychopharmakologischen Abteilung der Smith Kline & French Laboratories in Philadelphia (US-Staat Pennsylvania), auch ohne den Umweg über den Verdauungstrakt nachweisen. Cook gab Ratten mehrere Wochen hindurch täglich eine RNSSpritze. Resultat: Die Tiere ließen sich danach auffallend leicht dressieren.

Der gleiche biochemische Mechanismus, der Cooks Ratten anregte, befähigte auch die Nager in den Abbott-Laboratorien zu dem erstaunlichen Lerntempo bei dem Elektroschock-Versuch. Ihnen war die zusätzliche RNS nicht von außen her verabreicht worden. Aber die ihrem Futter beigemengte Droge, das Magnesium-Pemolin, hatte den Organismus der Ratten veranlaßt, die RNS-Produktion zu steigern. Die Abbott-Forscher haben nun auch schon damit begonnen, die Wirkweise der gedächtnisfördernden Droge (amerikanischer Markenname: »Cylert") beim Menschen zu untersuchen. Daß sich das Klugheits-Elixier schon als die lang erträumte Intelligenz-Pille erweist, ist jedoch kaum zu erwarten.

Ein Medikament, dessen Wirkstoff mit dem des »Cylert« identisch ist, wird schon seit Jahren - rezeptpflichtig - in westdeutschen Apotheken feilgeboten. Markenname: »Tradon«.

Klugheitszuwachs haben die Hersteller des Medikaments, die Hamburger Pharma-Werke Beiersdorf, bei »Tradon«-Konsumenten bislang nicht beobachten können. Die Hamburger Firma wünscht sich im Gegenteil von den US -Versuchen mit »Cylert« zu distanzieren. Beiersdorf-Sprecher Dr. Günter Neumeyer zum SPIEGEL: »Lassen Sie uns aus dem Abbott-Unternehmen heraus.«

Das deutsche Pendant zur US-Denkdroge ist laut Beipackzettel nützlich gegen Konzentrations-, Antriebs- und Leistungsschwäche, bei Depressionen und Wetterfühligkeit. Nach Firmenauskunft wird es jedoch auch als Wachhalte-Mittel im liebedienenden Gewerbe hoch geschätzt.

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