Zur Ausgabe
Artikel 52 / 76

»Denken Sie an Karl-Eduard von Schnitzler«

Mit dem Vorwurf der Linkslastigkeit attackieren wieder mal Unionspolitiker den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Bundesrepublik. Neben sechs CSU-Abgeordneten, die eine »Abänderung der ARD-Verträge« fordern, neben Kurt Biedenkopf und dem CDU-Mediensprecher Hans Hugo Klein propagiert Heinrich Windelen, stellvertretender CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender, WDR-Verwaltungsratsmitglied und enragierter »Rotfunk«-Kritiker, eine »radikale Reform« in den Funk- und Fernsehanstalten, notfalls fordert er »privatwirtschaftliche Konkurrenz
aus DER SPIEGEL 6/1977

SPIEGEL: Herr Windelen, Sie sitzen seit April 1971 im Verwaltungsrat des WDR. Nach manchen Ihrer Äußerungen könnte man meinen, Sie beaufsichtigten da die Stimme der DDR.

WINDELEN: Generell kann man dem WDR nicht den Vorwurf der Einseitigkeit machen, etwa in der Unterhaltungsmusik oder im Schulfunk. Aber das WDR-Gesetz gilt für alle Programme, und es gibt immer wieder Sendungen, nach denen die Hörer mich fragen: Wird hier nicht Originalton Ost übertragen?

SPIEGEL: Sie attackieren aber generell »Journalisten mit polit-erzieherischem Sendungsbewußtsein« und »politisch unausgewogene Programme«.

WINDELEN: Ich beziehe mich ausdrücklich auf Zuschriften.

SPIEGEL: In den vier ARD-Anstalten südlich des Mains und im ZDF sind Mitglieder von CDU und CSU als Intendanten verantwortlich. Wo kommen denn all die angeblichen Rotlichter her?

WINDELEN: Es gibt, wie Sie andeuteten, das bekannte Nord-Süd-Gefälle, mit historischem Hintergrund. Der ehemalige NWDR, Vorläufer von NDR und WDR, wurde nach dem Krieg von einer britischen Labour-Regierung ins Leben gerufen. Wenn Sie daran denken, welch eine wichtige Rolle damals im NWDR ein Mann namens Karl-Eduard von Schnitzler spielte.

SPIEGEL: ... heute Chefpropagandist im DDR-Fernsehen...

WINDELEN: ... werden Sie verstehen, was ich meine. Dies hat sich fortgepflanzt, das ist eine Geburtsanlage. Es ist so, daß sich das Personal in den Funkhäusern gewissermaßen durch Knollen fortpflanzt: Die da sitzen, ziehen ähnlich Denkende nach. Dies fördert die Einseitigkeit. Deshalb auch mein Vorschlag, sich in den Sendern auf ein Minimum von Festangestellten zu beschränken und den Bedarf auf dem freien Markt zu befriedigen.

SPIEGEL: Was Ihnen den Vorwurf des Südwestdeutschen Journalistenverbandes eingebracht hat, Sie wollten Journalisten »durch brutalen Existenzdruck zu Wohlverhalten« zwingen.

WINDELEN: Was ich nicht verstehe. Der Verband müßte doch auch für die anderen Kollegen, die gern als freie Mitarbeiter einen Auftrag übernehmen möchten, sprechen.

SPIEGEL: Sie fordern eine »radikale Reform« des öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesens und als originellste Neuerung, daß nicht mehr die Parlamente, sondern die Gebührenzahler die Aufsichtsorgane besetzen sollen. Konkret: Wer soll die wählen dürfen?

WINDELEN: Jeder gebührenzahlende Teilnehmer.

SPIEGEL: Und wenn -- Regelfall Vater, Mutter und zwei Kinder für ein Gerät bezahlen?

WINDELEN: Man kann es technisch nur pro Gebührenzahler machen. Alles andere ist dann eine Frage der internen familiären Abstimmung.

SPIEGEL: Heikel. Und wer darf gewählt werden?

WINDELEN: Darüber habe ich mir noch keine detaillierten Vorstellungen gemacht. Aber ich habe als Vergleichsfall die Wahlen zu den Sozialversicherungen angeführt, wo man das ja auch nicht den politischen Parteien, sondern den einzelnen Versicherten überläßt. Sicher würde mein Vorschlag im Funkbereich zu ähnlichen Entwicklungen führen: daß sich Hörergemeinschaften bilden, die Repräsentanten benennen. SPIEGEL: Die Folge wäre, wie Ihnen Ihr Parteifreund Professor Klein bereits vorgeworfen hat, eine Art Wahlkampf um die Macht am Funk?

WINDELEN: Wettbewerb belebt. Da werden sich die unterschiedlichen Auffassungen schon durchsetzen, etwa die, die da sagen, mehr Unterhaltung, mehr Ablenkung. Da wird es sicher zu einer bunten Mischung kommen.

SPIEGEL: Oder zu heillosem Durcheinander?

WINDELEN: Ich bin überzeugt, daß sich der Wille der Teilnehmer rasch strukturieren und organisieren wird. Daß heute zum Beispiel in den Sendern die Hörerpost nicht systematisch ausgewertet wird, halte ich für eine Mißachtung der Volkssouveränität, die sich keine Partei und keine Zeitung leisten kann.

SPIEGEL: Selbst wenn Ihr Vorschlag realistisch wäre -- würde seine Verwirklichung nicht Jahre dauern?

WINDELEN: Es gäbe eine Zwischenlösung: die Programmbeiräte zu stärken, die die Intendanten beraten.

SPIEGEL: Aber solche mit vielerlei Interessenvertretern besetzte, gesetzlich verankerte Beiräte gibt es doch längst.

WINDELEN: Aber sie beraten nur, ihre Position ist zu schwach. Es wäre anders, wenn sie sich auf ein echtes Mandat berufen könnten.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß die à la Windelen mit Gebührenzahlern besetzten Gremien beispielsweise die von Ihnen attackierten Fernseh-Krimis ablehnen würden, in denen nach Ihrem Wort nur »wohlstandsgestörte reiche Familien« auftauchen und der »Klassenkampf des vorigen Jahrhunderts mit den technischen Mitteln von heute« betrieben wird?

WINDELEN: Das waren Beispiele. Aber wenn Sie den WDR-Fernsehspiel- und Unterhaltungschef Rohrbach und andere hören, dann wissen Sie, daß das gewollt ist: Unterhaltung mit einer gesellschaftsändernden Komponente zu versehen. Würde man die Zuschauerwünsche berücksichtigen, käme die klassenkämpferische Note aus der Unterhaltung heraus.

SPIEGEL: Polit-Programme echauffieren Sie nicht so?

WINDELEN. Ich werde Merseburger ertragen wie andere, zähneknirschend, Löwenthal. Ich hätte nur gern, daß auf jeden Merseburger, Bott, Casdorff, Rohlinger auch ein Löwenthal käme. In der ARD gibt's da keinen.

SPIEGEL: Und »Report« mit CDU-Alt und dem Konservativen Stephan?

WINDELEN: Nach der Repräsentativbefragung von Frau Noelle-Neumann rechnen 39 Prozent der Zuschauer »Report« der SPD/FDP zu, aber nur 16 Prozent der CDU.

SPIEGEL: Die SPD nennt Ihre Vorschläge »Pressionsversuche«. Haben Sie für Ihre Reformpläne eigentlich eine Mehrheit in Ihrer Partei?

WINDELEN: Diese Dinge sind bei uns noch gar nicht rational durchdiskutiert. Meine These: Die politischen Fernsehsendungen haben uns um das eine Prozent bei der Bundestagswahl gebracht, das zur Mehrheit fehlt. Solch knappe Margen wird es auch in Zukunft geben. Da die elektronischen Medien die Wahlen entscheiden können, bekommen sie eine überdimensionale Bedeutung. Ich hoffe, daß meine Partei das bald einsieht und beginnt, diese Dinge systematisch zu durchleuchten.

SPIEGEL: Ihre Pläne sind, wenn überhaupt, nur durch Gesetzesänderungen in allen Bundesländern zu verwirklichen. Glauben Sie, daß CDU und CSU in den süddeutschen Ländern, wo sie ihre Meinung in den Funkgremien ja ganz nett zu nutzen wissen, nun auf ihre Positionen freiwillig verzichten und das Fernsehvolk an die Macht lassen würden?

WINDELEN: Ganz sicher nicht. Schon deswegen wird das Ganze nicht einfach sein. Aber da die Gremienmitglieder sich ja nicht selbst wählen, werden diejenigen, die sie wählen, eben fragen, ob die jetzige Konstruktion optimal ist. Wenn nicht, wird man mit Rücksicht auf die übergeordneten Interessen ein Änderung herbeiführen.

SPIEGEL: Schlimmstenfalls drohen Sie mit privatem Rundfunk. Ihr Parteifreund Klein hält sogar ein deutsches Radio Luxemburg als Alternative nicht für schädlich. Steht Klein in der CDU/CSU damit allein?

WINDELEN: Keineswegs. Ich würde die Pluralität lieber im jetzigen System sichern, wo sie nach Meinung meiner Parteifreunde aber nicht gegeben ist. Sollte sich das nicht ändern, muß man die Pluralität durch den Wettbewerb der Medien sichern.

SPIEGEL: Die Unionschristen also für Luxemburger Tingeltangel?

WINDELEN: Subsidiär kann man Radio Luxemburg recht gut ertragen. Es bietet Kontrast. Ich bin für Kontrast.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.