Zur Ausgabe
Artikel 97 / 143

DENKER UNTERM HIMMELSZELT

Glossen von entrückter Klugheit aus dem Nachlaß des Philosophen Hans Blumenberg
aus DER SPIEGEL 42/1997

Er hat die »Lesbarkeit der Welt« erkundet und »Höhlenausgänge« gesucht, »Arbeit am Mythos« geleistet und die »Legitimität der Neuzeit« überdacht - reichlich Stoff für ein Philosophenleben. Doch seine Schmöker zur Ideengeschichte scheinen Hans Blumenberg, dem Sprachkünstler der deutschen Nachkriegsphilosophie, nicht genügt zu haben. Ein Jahr nach seinem Tod ist nun einer von mehreren Bänden erschienen, die Blumenberg noch selbst für den Druck vorbereitet hat.

Die Kunst des Essay-Virtuosen funkelt darin hell wie eh und je - sogar buchstäblich: Seine kurzen, prägnanten Glossen handeln nämlich von Sternen, Kometen, Astronomie und dem einsamen Ort von Mensch und Erde im Weltall. Nachtwandlerisch sicher leitet Blumenberg, der Melancholiker, der tatsächlich während seiner letzten Jahre meist nachts lebte und schrieb, durch die stille kosmische Welt, mit einem Wissen, das alle Stars der Geistesgeschichte wie selbstverständlich zu umfassen scheint, von Epikur und Kant bis Casanova und Benn, von Kepler und Einstein bis zur Raumsonde Giotto.

»Der Mond von einst war runder« - an diesen nur scheinbar unsinnigen Vers von Paul Celan etwa knüpft der Philosoph ebenso eigensinnig-kluge Gedanken wie an die Geschichte des Sterns von Bethlehem. Keck wandelt er Ludwig Wittgensteins Grundsatz ab: »Die Welt ist alles, was der Fall ist, weil es in ihr gar nichts anderes geben kann als das, was fällt.« Und natürlich prüft er dann den Paradefall, ob tatsächlich ein vom Baum plumpsender Apfel Sir Isaac Newton zur theoretischen Begründung der Schwerkraft anregte.

Gewiß, praktische Ratschläge hat der Grübler unter den Gestirnen nicht zu bieten. Gerade deshalb jedoch werden seine versonnenen Selbstgespräche zum Dialog mit dem Leser. »Das Bewußtsein ist seiner Natur nach eng«, jeder Ausflug in Himmelsweiten also eine Entlastung vom Alltagsdenken. Blumenberg, für den Arbeit am Begriff stets ein Meditieren über Sprachbilder war, nutzt jede Gelegenheit zu solchem Absprung.

So ist es ihm nicht gleichgültig, wenn der junge Ernst Jünger ein »mokantes Lächeln« in fernen Himmelsregionen spürt oder Rainer Maria Rilke beim Elegien-Dichten »Signale aus dem Weltall« zu empfangen meint. Blumenberg nimmt es ernst, daß Hans Carossa schreibt: »Die Sterne stehn vollzählig überm Land« - weshalb vollzählig? Selbst eine Agenturmeldung von 1981, worin es hieß, die USA stellten die Suche nach außerirdischen Lebewesen aus Geldmangel ein, setzt bei ihm Zweifel in Gang, ob Informationen über Aliens wohl noch ins Terrain der Aufklärung fielen. Wenn einer das Faszinierende an solchen Fragen weiterzugeben verstand, dann war es Hans Blumenberg.

Neben anderen Büchern des Herbstes wirkt dieses zwar wie Mondgestein, verwittert und aus weiter Ferne. Aber wer es aufschlägt, entdeckt Sternschnuppen der Weisheit.

Johannes Saltzwedel

Zur Ausgabe
Artikel 97 / 143
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.