Sibylle Berg

Menschen, die viel riskieren Denkt an die Heldinnen und Helden, die unter uns sind

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Whistleblower, AktivistInnen, KlimaschützerInnen, JournalistInnen: Sie setzen ihr Leben aufs Spiel für die gute Sache. Von toten Vorbildern tragen wir T-Shirts – doch die lebenden brauchen Unterstützung.
Che-Guevara-T-Shirts: Menschen lieben HeldInnen, am liebsten gefallene oder tote

Che-Guevara-T-Shirts: Menschen lieben HeldInnen, am liebsten gefallene oder tote

Foto: Roberto Machado Noa / LightRocket / Getty Images

Apropos Fest der Liebe. Die Menschen lieben HeldInnen. Am liebsten gefallene. Oder tote, die man auf T-Shirts drucken kann.

Die Leute, die Bewegungen das Gesicht geben oder sie begonnen haben, es sind immer wieder einzelne Menschen, die für oder gegen etwas kämpfen. Nenn es Besessenheit, Gerechtigkeitssinn oder Irrsinn. Denn am Ende sind sie doch allein.

Edward Snowden, der die Überwachung durch Staaten und Geheimdienste aufzeigte und damit so gut wie nichts erreichte; na ja, außer dass jetzt hektisch fast überall gesetzliche Grundlagen für die Aushöhlung der Privatsphäre  zusammengeklebt werden: Er kann nie mehr in das Land zurückkehren, in dem er geboren wurde.

Julian Assange, der mit seinen KollegInnen, anderen Whistleblowern, eine journalistische Plattform entwickelt hat; ein Gefäß zur demokratischen Offenlegung von Fakten, die jeden steuerzahlenden Menschen betreffen: Assange stirbt vor den Augen der Öffentlichkeit .

In beiden Fällen war das Interesse an den Helden zu ihren aktiven Zeiten groß. Nach ihrer Flucht, ihrem Fall, ihrem Ende, interessierten sich noch vereinzelte Menschenrechtsorganisationen, UnterstützerInnen oder Anwälte für die beiden.

Und was haben wir alle für einen Tag Spaß an den Cum-Ex-Aufdeckungen gehabt! Die Namen, Banken und Anwälte studiert, die sich an der Bevölkerung bereichert haben. Im Rahmen des Gesetzes. Allein stand gerade wieder einer der Aufdeckenden der Cum-Ex-Schweinereien (ist das schon strafbar oder noch Meinungsfreiheit?) vor Gericht .

Das Gesetz ist neutral, außer man hat es mitverfasst, und natürlich ist es das faire Recht jeder Bank, sich zu verteidigen. Ruiniert wird aber auch in diesem Fall – statt der Steuerfüchse – das Leben der wenigen, die aufdeckten, was als Betrug gelesen werden kann.

In Griechenland steht unterdessen, neben anderen, eine junge Frau vor Gericht, die sich der Lebensrettung strafbar gemacht  hat. Ruben Neugebauer, einer jener Aktivisten, die der absurden Ansicht sind, dass Menschenleben einen Wert haben, dass das Ersaufenlassen von Menschen, das Verreckenlassen von Menschen, nicht in Ordnung ist, und der Sea-Watch, CivilFleet, die Humanitarian-Pilots-Initiative und die Kabul-Luftbrücke mitinitiierte, lebt genauso gefährlich wie die KapitänInnen, die Menschen retten, wie die Helfenden an Land. Sie sind so gefährdet wie europäische (!) JournalistInnen, die in Demokratie und unbedingten Informationen keinen Widerspruch sehen.

Sie können inhaftiert werden wie der Journalist Deniz Yücel, der heute als Vorsitzender des Pen-Clubs versucht, andere HeldInnen zu unterstützen, die für eigentlich vollkommen normale Aufklärungsarbeit ihr Leben riskieren. Und das am Ende allein verantworten müssen. Fast als wäre mit dem Fall der HeldInnen, ihrer Verurteilung, die Last des Nichthandelns von den Schultern der Gutmeinenden genommen worden.

Sie haben recht behalten, sich nicht auszusetzen, zu schweigen, uff, noch mal Glück gehabt. Denn die Lektion, die Whistleblower, AktivistInnen, KlimaschützerInnen, JournalistInnen immer deutlicher für die schweigende Mehrheit lernen, ist: Du kannst dein demokratisches Grundrecht auf Protest und Widerstand ausüben. Aber du musst bereit sein, es mit deinem Leben zu zahlen.

So, und jetzt noch ein friedlicher Link zum Fest der Liebe . Die Regierung Berlins sorgt sich um die Gesundheit der Obdachlosen.

Wenn Sie in dieser kalten Jahreszeit im Rahmen des Gesetzes etwas tun möchten, spenden Sie etwas Geld oder Zeit .

Oder nicken Sie, wenn Sie einverstanden sind.