Hauke Goos

Bestsellerautor Marc-Uwe Kling Weißt du übrigens, was das Känguru so erfolgreich macht?

Hauke Goos
Die Deutschkolumne von Hauke Goos
Je mehr wir reden, desto weniger verstehen wir uns. Das weiß jeder, der mal bei einem Elternabend war - und Marc-Uwe Kling: In den »Känguru-Chroniken« läuft genau das schief, was im echten Leben auch nicht klappt.
Kino-Film »Die Känguru-Chroniken« mit Dimitrij Schaad (r.)

Kino-Film »Die Känguru-Chroniken« mit Dimitrij Schaad (r.)

Foto: X Filme

»Weißt du übrigens, was rauskommt, wenn man Amazon rückwärts buchstabiert?«, fragt das Känguru.

»Nee«, sage ich und überlege kurz. »N, O, Z, A, M, A?«

»Genau!«, sagt das Känguru.

»Und?«, frage ich.

»Schon mal was von Nozama bin Laden gehört?«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich will gar nichts sagen«, sagt das Känguru. »Ich gebe nur Denkanstöße.«

Marc-Uwe Kling, »Die Känguru-Chroniken«

Es gibt Menschen, die finden, dass auf der Welt immer noch zu wenig geredet wird. Dass wir uns mehr austauschen sollten, jederzeit, über alles. Weil reden hilft. Weil wir doch über alles reden können. Weil das, was gesagt werden kann, auf jeden Fall gesagt werden muss.

Weil man Dinge aussprechen muss. Bücher (und Filme), die diesem Konzept folgen, sind ein wenig dialoglastig, was fast immer eine Konzentrationsübung und mitunter sehr komisch ist.

Denn es ist ja ein großes Missverständnis: dass wir uns umso besser verstehen, je mehr wir miteinander reden. Dass wir nur sagen müssen, was ist, damit der Weltfrieden sich endlich einstellt.

In Wirklichkeit hilft Reden nicht weiter, das weiß jeder, der mal bei einem Elternabend war. Verständigung ist eine Illusion. Weil Menschen, selbst wenn sie dasselbe sagen, trotzdem oft völlig unterschiedliche Dinge meinen. Und weil es ohnehin nahezu ausgeschlossen scheint, in Worte zu fassen, was einen so umtreibt.

Es gibt sogar die Theorie, dass Verständigung zwischen zwei Menschen grundsätzlich unmöglich sei, jedenfalls mittels der Sprache. Dass jedes Wort sofort zu Missverständnissen führt. Dass Sprache verwirrt, Sachverhalte aber kaum je klärt. Worüber man nicht reden kann, hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein gesagt, darüber müsse man schweigen, bevor er sich in die irische Einsamkeit zurückzog.

Komik entsteht, sobald zwei Menschen miteinander reden. Weil Dinge nicht zusammenpassen, und weil eine Lücke klafft zwischen Soll und Haben, Schein und Sein.

Was sagt die Frau am Nebentisch, als Meg Ryan dem verblüfften Billy Crystal in einem voll besetzten Restaurant ausführlichst einen Orgasmus vorspielt, 1989, in dem überhaupt sehr lustigen Film »Harry und Sally«?

»Ich will genau das, was sie hatte.«

Meg Ryan in "Harry und Sally" (1989)

Meg Ryan in "Harry und Sally" (1989)

Foto: Columbia Pictures / Everett Collection / picture alliance / dpa

Manchmal kippt die Komik auch in Verzweiflung, wenn das Aneinander-Vorbeireden, das Nicht-auf-den-Punkt-kommen-Können kein Ziel mehr findet, ein ewiger Elternabend sozusagen, wie bei Samuel Beckett.

ESTRAGON: Lass uns gehen!

VLADIMIR: Das können wir nicht.

ESTRAGON: Warum nicht?

VLADIMIR: Wir warten auf Godot.

ESTRAGON: (verzweifelt) Ah!

Marc-Uwe Kling, ein mäßig erfolgreicher Kleinkünstler, wurde berühmt, als er ein Buch über einen mäßig erfolgreichen Kleinkünstler schrieb, bei dem ein Känguru einzieht.

Das Känguru ist Kommunist und mag Schnapspralinen; der Rest besteht aus Dialogen und ist sehr, sehr komisch.

»Weißt du übrigens«, so fängt es meist an. »Weißt du übrigens, was rauskommt, wenn man Amazon rückwärts buchstabiert?«

Wobei das herrlich beiläufige »übrigens« jeden Dialogpartner in eine Falle zieht, aus der er sich nicht mehr befreien kann; ganze Verschwörungstheorien gründen solide auf einem scheinbar achtlos hingeworfenen »übrigens«. Eine banale Beobachtung also, eine Fährte (»N-O-Z-A-M-A«), eine Bestätigung, die keine ist. »Genau.«

In einer gerechten Welt wäre das Gespräch hier zu Ende. Deshalb ist es natürlich unbedingt notwendig, dass an dieser Stelle weitergeredet wird. Wie im richtigen Leben auch.

Weil einer das Schweigen nicht aushält. Oder weil reden hilft, wobei auch immer.

»Und?«

Genau hier fällt Kling die erste von zwei ziemlich guten Pointen ein. Und gerade dass beide Pointen vollkommener Blödsinn sind, macht eben ihre Schönheit aus.

»Schon mal was von Nozama bin Laden gehört?«, will also das Känguru wissen. Marc-Uwe fragt daraufhin, was jeder fragen würde, der sich innerhalb einer Logik wähnt: »Was willst du damit sagen?«

Worauf das Känguru das antwortet, was jemand antwortet, der außerhalb jeder Logik lebt – und zu einer großartigen, zeitlos gültigen Pointe ansetzt. »Ich will gar nichts sagen«, sagt also das Känguru. »Ich gebe nur Denkanstöße.«

Ein halber Rückzieher, ein halber Schritt nach vorn, hin zum nächsten Gespräch, das ebenfalls im Absurden versanden wird, weil das Leben anders nicht auszuhalten wäre.

Schöner Schreiben - die Deutschkolumne

Unser Kolumnist zeigt an Beispielen aus der Literatur, wie kraftvoll die deutsche Sprache sein kann.

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Übrigens.

Das ist lustig, ein Trost ist es auch. Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus. Franz Kafka hat das geschrieben, auch er ein großer, verzweifelter Komiker.

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