Sibylle Berg

Westeuropäische Angst Der Albtraum, die Gewohnheiten zu verlieren

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Am Ende dieses seltsamen Sommers ist die Sehnsucht groß nach der heilen Welt. Und umso größer die Furcht vor dem Verlust der Gewohnheiten. Doch die Zeit des "Das haben wir immer so gemacht" ist vorbei.
Schlafender: Haben wir alle die gleichen Albträume?

Schlafender: Haben wir alle die gleichen Albträume?

Foto: Cavan Images / Getty Images

Die Albträume in der Nacht, unterscheiden sie sich bei allen Milliarden auf der Welt? Oder werden nur ein paar Standard-Horrorträume bereitgestellt, die in die Hirne gesendet werden? Nackt durchs Dorf laufen, im Flugzeug ins Trudeln kommen, die nicht bestandene Prüfung, das Sterben, immer sterben, oder das Haus brennt, der Wald brennt, das Wasser kommt oder die Mutter geht.

Bricht man all die schlechten Träume, die Ängste meinen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter, so bleibt die Wahrheit: Nichts fürchten die meisten mehr als den Verlust von Gewohnheiten. Das kleine geschundene Wort: Gewohnheit, das klingt nach schweigenden Ehepaaren an Restauranttischen, nach Vorgärten und Weihnachten. In diesem kleinen Wort steckt das, was das Leben vieler ausmacht. Die Routine, die Tradition, der Alltag. Dinge machen, wie man sie schon immer machte. Das Sonntagsfrühstück mit der Familie, die leisen Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner unter der Bettdecke.

Der Tag besteht aus Millionen kleiner Gewohnheiten, sie bilden das Mosaik, aus dem das Sein besteht, und wehe, wenn sie einem genommen werden. Die Welt, die sich gerade rasend schnell verändert, die Unwetter, die Pandemien, das Sichtbarwerden der Ausbeutung, in der sich die meisten Arbeitnehmenden befinden, all das bedroht das Gewohnheitsrecht, das viele zu haben meinen. Ein Leben als irgendwem überlegener Westeuropäer.

Als würde man sich auflösen in der Feindlichkeit des Lebens

Viele Westeuropäer haben sich an die Abwesenheit eines Krieges so sehr gewöhnt, dass sie es für ihr eigenes Verdienst halten. So wie sie sich an den Wohlstand gewöhnt haben oder an die Angst, die zum Bedrohungsmechanismus des Kapitalismus gehört. Streng dich an, verkaufe deine Lebenszeit, sonst verlierst du den Job, die Wohnung, die Daseinsberechtigung.

Diese für wenige wunderbare Erfindung des Wettbewerbs, aus dem fliegt, wer nicht leistet. Und nur wer leistet, kann sich irgendein Zeug leisten, was dann herumsteht. Und die Angst befeuert, es wieder zu verlieren. Egal, die Angst ist vertraut, die Arbeit wird nicht hinterfragt, so ist es eben. Nichts soll sich verändern, von außen. Vermutlich ist der größte Albtraum der meisten, Gewohnheiten zu verlieren. Als würde man auseinanderfallen, keinen Boden, kein Geländer, keine Sicherheit mehr haben, und sich auflösen in der Feindlichkeit des Lebens.

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Sibylle Berg

GRM: Brainfuck. Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 640
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06.12.2022 19.44 Uhr

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Apropos auflösen, der Sommer ist vorbei, dieser kurze, seltsame Sommer in einem Jahr, das alles, was Gewohnheit bedeutet, für die meisten einfach aufgelöst hat. Und nichts scheint besser. Draußen marschieren schon wieder Nazis. Die Klimakatastrophe holt weiter zum großen Kollaps aus, 150 Tierarten sterben jeden Tag aus, und fast alle ahnen, dass die Zeit des "Das haben wir schon immer so gemacht" vorbei ist. Kaum einer weiß, wie es nun weitergehen soll.

Ein paar Komplettpfosten in der Wirtschaft produzieren dumpf und klimazerstörend weiter vor sich hin, von der Allmacht der Märkte lallend, und die größten Teile der Lohnarbeitnehmenden, der selbstausbeutenden Freiberuflichen wollen einfach zurück in eine Zeit, die es schon lange nicht mehr gibt, außer in reizenden alten Filmen. Ohne Staus, Dreck, Lärm, steigenden Meeresspiegel, steigende Mieten und schmelzende Gletscher.

Um es kurz zu machen: Wir sind alle am Arsch

Vielleicht wäre es hilfreich, sich vorzustellen, dass es fast allen genauso geht wie einem selbst, mit all der Nervosität, der Sehnsucht nach Ruhe und Beständigkeit, dem großen Wunsch nach einer heilen Welt und dem riesigen, unbestimmten Gefühl des Verlustes. Der betrifft uns alle.

Die Jugend verliert eine halbwegs intakte Natur, die Älteren die Sorglosigkeit, die Nichtinformiertheit mit sich bringt. Um es kurz zu machen: Wir sind alle am Arsch. Und wenn man sich das ein paarmal sagt, kann man schon fast wieder gute Laune bekommen. Und damit einen gut gelaunten, wunderbaren Abend in die Runde.

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