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Film Der Anfang am Ende

»Probezeit«. Spielfilm von Chris Menges. Großbritannien 1994.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Seit in Amerika immer mehr Kinder ohne Vater aufwachsen, sprießen und gedeihen dort im Fernsehen Vorabendprogramme, in denen sich fast perfekte Daddies fach- und hausmännisch um den Nachwuchs kümmern. Und während das TV den Ersatzpapa frei Haus liefert, bietet Hollywood, nach dem Muster von »Mrs. Doubtfire«, »Feel-Good«-Filme für Scheidungswaisen auf.

Am Ende ist dabei, nach ein paar Glyzerin-Tränchen, immer alles wunderbar. Keine kindliche Enttäuschung bleibt in den Familienidyllen hängen, schon gar kein Trauer- oder Haßgefühl. Die nächste Folge (oder der Fortsetzungsfilm) darf ohne schmerzhaften Ballast anfangen.

Hätte irgendein Hollywood-Routinier die Geschichte von »Probezeit« zusammengekleistert, wäre auch dieses neue Vaterund-Sohn-Drama als tragikitschige Nichtigkeit ausgegangen. Allein schon seine Handlung: Einsamer Postbeamter nimmt elfjährigen Heimjungen auf und wird ihm, trotz etlicher Rückschläge, allmählich zum Vertrauten.

Aber »Probezeit« ist ein britisches Werk, gedreht vom ehemaligen Kameramann Chris Menges ("The Killing Fields"). Und in Großbritannien wissen die Kinomacher immer noch, daß Geschichten nur dann erzählenswert werden, wenn sie nicht von Anfang an darauf zulaufen, daß alles prima endet.

Darum betrachten Filmerzähler wie Ken Loach, Stephen Frears oder Bill Forsyth - für die Menges, 53, jeweils mehrere Male die Kamera geführt hat - sehr viel aufmerksamer den Weg, den ihre Handlung nimmt, und nicht allein deren Endpunkt. Darum nehmen sie ihre Charaktere ernster. Und die Wirklichkeit, in der diese leben. Der britische Film blickt auf den Alltag des Landes, statt Traumwelten zu erschaffen.

Menges nun versteht sich auf Bilder besser als auf Worte. Und wie alle, die den Worten nicht recht trauen, erklärt er oft eher zuviel als zuwenig. Doch die Genauigkeit der Bilder bringt den Film wieder ins Lot. Nach und nach entdeckt er das Einzigartige an seinen unscheinbaren Hauptfiguren: Witz, Verletzlichkeit, verborgene Wut und unerwartete Kraft.

Der walisische Dorfpostvorsteher Graham (William Hurt), ein Mann Anfang 40, wirkt wie ein ziemlicher Versager, häßlich, fad, trostlos gekleidet, unbeholfen und vom Leben an den äußersten Rand gedrängt. Wie ausgerechnet er auf den Gedanken verfällt, ein Kind adoptieren zu wollen? Ganz genau weiß Graham das anfangs wohl auch nicht, und erst recht ist es dem verschlossenen, schwierigen Jungen James (Chris Cleary Miles) unbegreiflich, der ihm von Amts wegen zugewiesen wird.

James verehrt seinen echten Vater, einen Kleinkriminellen, der im Knast sitzt, so leidenschaftlich als Helden, daß er entschlossen ist, nie einen anderen an seine Stelle treten zu lassen - schon gar nicht jenen Junggesellen, der ihm zaghaft seine Zuneigung entgegenbringt.

Die Annäherung kostet beide fast ihre ganze Kraft, und aus dieser Erfahrung wird bei James und Graham etwas hängenbleiben, wovon keine »Family Values«-Fabel Hollywoods auch nur eine Ahnung zu geben vermag. Sie haben Verletzungen überstanden, voneinander gelernt, einander ertragen. Am Ende kennt jeder den anderen. Und das ist eigentlich erst der Anfang. Y

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