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Der Barde des weißen Sahib

SPIEGEL-Redakteur Gunar Ortlepp zur deutschen Neuausgabe der Werke Rudyard Kiplings _____« Nehmt auf des Weißen Manns Bürde - Gebt hin euer » _____« bestes Blut - Verbannt ins Exil eure Söhne, Den Gefangnen » _____« zu Dienst und Hut; Zur Wacht in schwerem Harnisch Über » _____« verschrecktes, wildes Gesind' - Eure neuen störrischen » _____« Völker, Halb Teufel und halb Kind. » *
aus DER SPIEGEL 36/1987

So beginnt jenes Gedicht, das 1899 in der Londoner »Times« erschien und bis heute unvergessen blieb als das Hohelied imperialen Wahns und kolonialherrschaftlichen Dünkels. Der Verfasser der Verse hieß Rudyard Kipling.

Ein berühmter, ein populärer Mann war Rudyard Kipling, als Britanniens Weltreich am mächtigsten schien. Ihm diente er mit Geist und Feder, von seiner Glorie und zivilisatorischen Mission kündete er in Reimen und Prosa. Getreu seinem Appell und nach dem Vorbild seiner fiktiven Helden zogen die stolzen Söhne Englands übers Meer, um in den fernen Kolonien östlich von Suez ihre Bürde zu tragen.

Er war der Prophet, Herold und romantische Sänger einer strengen, gerechten, segenbringenden Pax Britannica, und »diese kleine Gestalt mit Brille, Schnauzbart, wuchtigem Kinn«, mit wilden Schreien jungenhafter Begeisterung über effektive Macht«, voll »lyrischer Wonne über die Klänge und Farben und sogar Gerüche des Empire«, so erinnerte sich H. G. Wells, »wurde Mitte der neunziger Jahre beinahe zu einem nationalen Symbol«.

Als den »Schöpfer der imperialistischen Legende«, den Rhapsoden der »tragischen Don Quichottes imperialistischer Abenteuer« hat Hannah Arendt ihn im Rückblick auf die Genese abendländischer Kollektivpsychosen bezeichnet. Als »ordinären Flaggenschwenker« und »Dichter der Hurra-Schreier« schmähte George Orwell ihn übers Grab hinaus.

Doch er war auch, wie William Somerset Maugham ihm nachrühmte, »ein herrlicher, vielseitiger und origineller Geschichtenerzähler« von »reicher Erfindungskraft«, war der unschätzbare Chronist einer inzwischen lang versunkenen Welt, die ohne ihn, wie sein deutscher Bewunderer Carl Zuckmayer pries, »niemals ins Blickfeld der westlichen Hemisphäre gerückt, niemals Bestandteil und bleibender Besitz europäischer Literatur geworden wäre«.

Britisch-Indien im 19. Jahrhundert, zur Zeit, da gerade die ersten Eisenbahnen durch die Weiten dampften, da es noch keine Industriestädte gab und keine Automobile: Allein dank Kiplings Geschichten, denen auch Orwell eine »überschäumende, derbe Vitalität« zugestand, lebt es weiter im Pferdetrott und Marschtritt der Regimenter, in den Gestalten der weißen Sahibs mit Tropenhelm und Stöckchen, dem vielfarbigen Gewimmel der Mühseligen und Beladenen, den Monsunregen und treibhausschwülen Nächten, den exotischen Szenerien der Hindutempel und Moscheen, Opiumhöhlen und Basare.

Bei allem Wenn und Aber, allem liberalen Unmut zum Trotz, den er schon zu Lebzeiten heraufbeschwor, Jahrzehnte vorm letzten Zapfenstreich der Kolonialmacht England: Der seltsame Klassiker Rudyard Kipling, weltberühmt als Autor der (von Walt Disney vollends popularisierten) »Dschungelbücher« und des großen Romans vom kleinen Helden »Kim«, hat die Generationen robust überdauert - gerade erst, 50 Jahre nach seinem Tod, nach Erlöschen des Copyrights an seinem Werk, kam ein Schwall _(In der großen Felsengrotte auf der Insel ) _(Elefanta vor Bombay, zu Ehren des ) _(Prinzen von Wales, nachmals König Edward ) _(VII. )

neuer Kipling-Ausgaben auf den britannischen Markt.

Und auch auf deutsch bringt nun, da die Rechte frei sind, der Zürcher Verleger Gerd Haffmans eine neue Kipling-Edition heraus, die Besseres und sehr viel mehr zu bieten verspricht als die unvollständigen »Gesammelten Werke« des Paul List Verlags aus dem Jahr 1925, übersetzt unter anderen vom »Golem«-Autor Gustav Meyrink und dem Thomas-Mann-Freund Hans Reisiger.

Auf 38 Bände ist die Zürcher Ausgabe geplant, und den ganzen Kipling soll sie erstmals enthalten, neu übertragen, kommentiert und herausgegeben von Gisbert Haefs. Drei Bände, darunter »Kim« und das erste »Dschungelbuch«, sind bereits erschienen, das »Zweite Dschungelbuch« folgt im Oktober. Auch ein »Kipling Companion« liegt vor, mit Photos und Dokumenten, biographischen Daten, Bibliographie und einem Haefs-Essay über des Dichters Leben und Wirken. _(Rudyard Kipling: »Werke«, Neu übersetzt ) _(und herausgegeben von Gisbert Haefs: ) _("Kim«. 408 Seiten; 35 Mark.- »Das ) _(Dschungelbuch«. 200 Seiten; 20 Mark. - ) _("Vielerlei Schliche«. 400 Seiten; 35 ) _(Mark. - Gisbert Haefs: »Kipling ) _(Copanion«. 144 Seiten; 20 Mark; ) _(Haffmanns Verlag, Zürich. )

»Was wissen die von England, die nur England kennen«, schrieb dieser schwierige Zeitgenosse, dessen wahre Heimat das Empire war, der sich in Britannien nie recht behaglich fühlte, schon gar nicht in London, das ihn anwiderte »von Shepherd''s Bush bis Bow«. Dieser Fremde aus Indien war viel unterwegs, hat mit der amerikanischen Ehefrau Caroline lange im US-Staat Vermont gelebt und später oft Südafrika besucht, wo ihm der Diamantenkönig Cecil Rhodes, zeitweilig Premierminister der Kapkolonie, auf seiner Domäne »Groote Schuur« bei Kapstadt ein Haus hatte bauen lassen. Kipling, schrieb G. K. Chesterton, »kennt England, wie ein intelligenter englischer Gentleman Venedig kennt. Er ist sehr oft in England gewesen. Aber er gehört England nicht an,noch sonst einem Ort.

In Britisch-Indiens Handelsmetropole Bombay wurde er 1865 geboren, dort hat er die ersten fünf wonnigen Jahre seiner Kindheit verbracht, ein kleiner Sahib aus der Mittelschicht, verwöhnt von ergebener Dienerschaft. Um so fürchterlicher wurden dann die Jahre drüben im englischen Ort Southsea, unter der Obhut einer despotischen Pflegemutter im »Haus der Trostlosigkeit«. Kaum 17jährig, nach der Schulzeit im Mutterland, kehrte er zurück zu den Eltern nach Lahore (im heutigen Pakistan); und im exotischen Reich der britischen Queen und indischen Kaiserin Victoria, als Redakteur bei der »Civil & Military Gazette«, begann bald auch schon Kiplings stürmische Schriftsteller-Karriere.

»Lakonische Meisterwerke eines genialen Jünglings« hat Jorge Luis Borges seine frühen Erzählungen genannt, die virtuosen Schilderungen von Offizieren und Civil Servants mit Eton-Schliff und rauhbeinigen Tommys mit Cockney-Akzent, von sündigen weißen Ehefrauen und glutäugig-dunklen Konkubinen, von Stolz und Vorurteil, von Bewährung und Scheitern und gespenstischen Abenteuern im Land der Mirakel und Mysterien.

Es sind dramatische Sittenbilder aus dem Zeitalter des Radsch, wie Kipling ihn sah mit romantischem Blick, einer britischen Herrschaft, die keine Kinderheiraten, keine Witwenverbrennungen mehr duldete, die Straßen und Brücken errichten und Eisenbahnstrecken legen ließ, die für Gesetz und Ordnung bürgte mit fester Hand und ankämpfte gegen Elend und Hungersnot im riesigen Bauernvolk, während die westlich erzogenen Söhne der Brahmanen ihren Haß schürten gegen die fremden Gebieter. Es sei »bezeichnend«, meinte George Orwell, »daß Kipling so wenig wie ein gewöhnlicher Soldat oder Kolonialbeamter verstanden zu haben scheint, daß das Empire _(Links: Gemälde von Sir Philip ) _(Burne-Jones, Kiplings Vetter (1899); ) _(rechts: mit Lord Kitchener (l.). )

im Grunde ein finanzielles Unternehmen ist«.

Mit 23, als er Abschied nahm vom geliebten Indien, war Kipling ein bekannter Autor. Mit 30 wurde er weltweit gefeiert als Dichter der zwei »Dschungelbücher« voll märchenhafter Geschichten aus tropischem Zauberwald - vom Menschenkind Mowgli, das die Wölfe hegen, und seinen Freunden und Feinden im Kampf ums Dasein: dem Bären Baloo, dem Panther Bagheera und der Pythonschlange Kaa, dem tückischen Tiger Shere Khan und jenem zuchtlos gegen das »Gesetz des Dschungels« verstoßenden Affenvolk der Bandar-log, in dem Kipling-Exegeten eine gewisse Ähnlichkeit mit liberalen Intellektuellen zu erkennen vermeinten.

Zu wahrer Vollendung aber entfaltete sich Kiplings »absolut unheimliches Talent« (Henry James) im Roman vom irischen Waisenknaben Kimball O''Hara dem »kleinen Freund aller Welt« aus den hinteren Winkeln von Lahore, der an der Seite eines alten Lama Nordindien durchpilgert vom Pandschab hinunter nach Benares, bis er dann »zivilisiert« und ausgebildet wird fürs »Große Spiel« des Secret Service.

In »Kim« offenbart sich Kiplings Indien, das Leben seiner Dörfer und Städte, Bauern und Händler, seiner Rassen und Kasten, in schönster Fülle. Kein anderes Buch, rühmte Mark Twain, sei vom »tiefen und subtilen und faszinierenden Zauber Indiens so durchtränkt« wie dieser Roman. Und wenn auch, schrieb Jahrzehnte später der Bengale Nirad C. Tschaudhuri, »Kims« Autor ein sturer Angelsachse und arroganter Imperialist gewesen sei: »Wir Inder werden niemals aufhören, Kipling dankbar dafür zu sein, daß er uns die vielen Gesichter unseres Landes in all ihrer Schönheit, Kraft und Wahrheit gezeigt hat.«

Um die Jahrhundertwende hatte Rudyard Kipling den Gipfel des Ruhms erreicht. Er gehörte zu den erlauchten Geistern des Athenaeum Clubs, bald sollte er die Ehrendoktorwürden von Oxford und Cambridge empfangen und den Nobelpreis für Literatur.

Doch längst auch erregte er den Widerspruch der Kritiker und das Befremden von Zunftgenossen wie Henry James, der ehedem von »diesem kleinen schwarzen Satan« so Großes erhofft hatte: »In seiner Frühzeit dachte ich, er enthielte vielleicht den Samen zu einem englischen Balzac; das habe ich aber in dem Maße aufgegeben, wie er vom thematisch Simplen zum immer Simpleren heruntergekommen ist.«

Der literarische Entdecker Anglo-Indiens, Poet kerniger Soldaten-Balladen (aus denen sich später der junge Bert Brecht plagiierend und imitierend manches herausnahm für »Mann ist Mann« und die »Dreigroschenoper"), war in neue Terrains der Fiktion vorgedrungen. Wunderbare Märchen für Kinder hatte er erdacht, abenteuerliches Garn für Jungen gesponnen und Erzählungen aus dem Internatsleben verfaßt, Storys von heranwachsenden Empire-Erbauern, denen man einen »albernen Schuljungenhumor« nachsagte.

Und in vielen Geschichten und Gedichten kündete er von Pflichterfüllung Mannesmut, Tatkraft und Verantwortungsbewußtsein, beschwor er »die Romantik der Arbeitsteilung und der Disziplin aller Berufe« (G. K. Chesterton), verherrlichte er die perfekt organisierte Welt der Schiffe und Maschinen und der Maschinisten, Ingenieure und Seeleute bei hartem, heroischem Dienst.

Die puritanische Ethik und der Geist des Imperialismus: In Rudyard Kipling zeigten sie sich wahrlich vereint in reiner Inkarnation. »Fast nichts Zivilisiertes außer Dampf und patriotischer Gesinnung« sah Henry James im Werk des früheren Freundes, der unter den Literaten Englands kaum einen Freund mehr hatte, der einen ganz anderen Umgang pflegte - mit illustren Wahlverwandten wie dem ultrakonservativen Zeitungs-Lord Beaverbrook, dem amerikanischen »Rauhreiter« Theodore Roosevelt und vor allem dem kühnen Träumer eines britisch dominierten Afrika vom Kap der Guten Hoffnung bis hinauf nach Kairo: dem hochverehrten Cecil Rhodes, Wegbereiter zum Burenkrieg (1899 bis 1902).

Doch kein Cecil Rhodes, kein Lord Beaverbrook verfocht die imperiale Sache so wortgewaltig und fanatisch wie Rudyard Kipling. Keiner warnte wie er so leidenschaftlich düster vor Hochmut und »wahnsinniger Prahlerei« und ermahnte zu Manneszucht und Wachsamkeit. Keiner zog wie er vom Leder gegen die vaterlandslosen Gesellen, die Liberalen, Sozialisten. Individualisten und Pazifisten, die Britanniens Macht bedrohten mit Anarchie und Chaos.

Die größte aller Gefahren jedoch für England und dessen Weltzivilisierungsmission sah Kipling schon zwei Jahrzehnte vorm apokalyptischen Stahlgewitter im jungen Deutschen Reich, in den verteufelten »Hunnen«, die ihm dann 1915 seinen Sohn umbrachten auf den Schlachtfeldern Flanderns, und wohl keinen Menschen auf Erden hat er inniger gehaßt als Kaiser Bill - eine hämische Ode, gegen Ende des Ersten Weltkriegs gedichtet, malt genüßlich aus, wie Wilhelm II. an Kehlkopfkrebs stirbt, delirierend und qualvoll röchelnd.

Als der Sieg über den Feind errungen war, hatte das Empire bedeutend an Macht und Herrlichkeit verloren. »Die Klassen, die Kipling besang«, schreibt George Orwell, »hatten die großen Eigenschaften eingebüßt, die Jugend war hedonistisch oder uninteressiert, der Wunsch, die Weltkarte rot zu malen, war verschwunden«, und »Kipling verbrachte den späteren Teil seines Lebens in Groll«.

Vorbei alles Flaggenschwenken, die Politik war nicht mehr Kiplings Metier. Er reiste viel, vorzugsweise in Frankreich, zu dem er eine späte Liebe entdeckt hatte. Im übrigen lebte er zurückgezogen auf dem Landsitz in Sussex, behütet von der energischen Frau Carrie, heimgesucht von schweren gastritischen Anfällen, in ewiger Furcht vor Krebs. Aber allen Ängsten und Depressionen zum Trotz wahrte er seine stoische Haltung und tat weiter seine Schriftsteller-Pflicht. Komplexe, rätselhafte Erzählungen von psychologischer Tiefe und mystischem Dunkel hat er in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht, poetische Experimente von hoher Kunstfertigkeit, doch den Einblick in die eigene Seele, in die Abgründe seines so widersprüchlichen Wesens, hat er sich und seinen Lesern stets verweigert.

Rudyard Kipling starb 1936, kurz nach seinem 70. Geburtstag, elf Jahre vor der Unabhängigkeit Indiens. Männer der Tat, ein General, ein Admiral und der Premierminister Seiner Britischen Majestät, trugen ihn zu Grabe. Kein Literat hat ihn begleitet.

In der Westminster-Abtei aber liegt er dort, wo die großen Dichter ruhen, gleich neben Charles Dickens.

Nehmt auf des Weißen Manns Bürde - Gebt hin euer bestes Blut -

Verbannt ins Exil eure Söhne, Den Gefangnen zu Dienst und Hut; Zur

Wacht in schwerem Harnisch Über verschrecktes, wildes Gesind'' - Eure

neuen störrischen Völker, Halb Teufel und halb Kind.

In der großen Felsengrotte auf der Insel Elefanta vor Bombay, zuEhren des Prinzen von Wales, nachmals König Edward VII.Rudyard Kipling: »Werke«, Neu übersetzt und herausgegeben vonGisbert Haefs: »Kim«. 408 Seiten; 35 Mark.- »Das Dschungelbuch«. 200Seiten; 20 Mark. - »Vielerlei Schliche«. 400 Seiten; 35 Mark. -Gisbert Haefs: »Kipling Copanion«. 144 Seiten; 20 Mark; HaffmannsVerlag, Zürich.Links: Gemälde von Sir Philip Burne-Jones, Kiplings Vetter (1899);rechts: mit Lord Kitchener (l.).

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