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"Der Beischläfer" auf Amazon Prime A bissel was geht noch

"Der Beischläfer" erzählt von zwei Hallodris in München, die es mit Mitte dreißig noch nicht besonders weit gebracht haben. Mit der Serie erneuert Anna-Katharina Maier die bayerische Lebenskünstlerkomödie.
aus DER SPIEGEL 23/2020
Markus Stoll (Harry G), Lisa Bitter, Daniel Christensen, Helmfried von Lüttichau – der Cast der Serie "Der Beischläfer"

Markus Stoll (Harry G), Lisa Bitter, Daniel Christensen, Helmfried von Lüttichau – der Cast der Serie "Der Beischläfer"

Foto: Michael Tinnefeld/ AGENCY PEOPLE IMAGE

München leuchtet nicht, es versinkt Straßenzug für Straßenzug in absoluter Finsternis. Durch eine Manipulation am Stromkasten knipst einer der Helden der Serie "Der Beischläfer" einmal kurzerhand das Licht aus in der Hauptstadt Bayerns – und natürlich ist das eine Frechheit mit symbolischer Bedeutung.

"Der Beischläfer" ist eine deutschsprachige Produktion des Streaminganbieters Amazon Prime. Erzählt wird in der nun startenden sechsteiligen Serie von zwei Hallodris, die es mit Mitte dreißig noch nicht besonders weit gebracht haben im Leben. Charlie Menzinger (Markus Stoll) ist ein Automechaniker, der in seiner Werkstatt meist Bier nuckelnd auf dem Sofa herumlungert, statt an Fahrzeugen zu schrauben. Sein Freund Xaver (Daniel Christensen) brütet schon ewig an dem Start-up-Plan, mit Agavenmaische aus Mexiko und Bierhefe eine bayerische Tequilaproduktion aufzubauen.

In die Gammlerexistenz der beiden Kumpane kommt Bewegung, als Charlie eines Tages zum Schöffendienst an einem Münchner Amtsgericht antreten muss. Fünf Jahre lang soll er helfen, Recht zu sprechen; und gleich in der ersten Folge der Serie erfährt das Publikum, dass Profijuristen ihre beisitzenden Laienrichter angeblich gern "Beischläfer" nennen, wegen deren Neigung zum Einnicken während der Gerichtsverhandlung – womit der Serientitel erklärt ist.

Klonversion zweier Dietl-Figuren

"Es gibt eine Sehnsucht nach leichten Figuren", sagt die Regisseurin Anna-Katharina Maier. Maier ist 36 Jahre alt und hat bisher unter anderem TV-Familienkomödien wie "Trauung mit Hindernissen" gedreht. Nun versucht sie sich an der Erneuerung eines Genres, von dem sie selbst sagt, es sei bislang "definitiv eine Männerdomäne". In durchaus schamloser Manier knüpft "Der Beischläfer" an die klassischen bayerischen Lebenskünstlerserien an, mit denen der Regisseur Helmut Dietl in den Siebziger- und Achtzigerjahren berühmt geworden ist.

Der Name des "Beischläfer"-Helden Charlie Menzinger klingt nach einer Klonversion zweier Dietl-Figuren; des vom Schauspieler Günther Maria Halmer gespielten Helden Tscharli aus "Münchner Geschichten" und des von Helmut Fischer verkörperten Polizeikommissars Franz Münchinger aus "Monaco Franze". Und wenn in "Der Beischläfer" ein steinreicher Bauunternehmer sich als Machtmensch aufspielt und behauptet, dass er sich weder von Politik noch Justiz noch sonst wem in seinen Geschäften herumpfuschen lasse, dann erinnert der Kerl stark an den in Dietls "Kir Royal" auftrumpfenden Bonzendarsteller Mario Adorf und dessen Satz: "Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld!"

Der 2015 verstorbene Regisseur Dietl erzählte nicht bloß von altmodischen Charmeuren und Draufgängern, sondern nebenbei auch von einem heute verklärten Lebensgefühl. Seine Helden schienen ihre Existenz als heiteres, tagtägliches Improvisationskunststück mit einem oft überraschenden Angebot von erotischen Möglichkeiten zu begreifen. "A bissel was geht immer", hieß das Motto des Protagonisten in "Monaco Franze" und der Titel von Dietls Autobiografie.

Ein Mann mit schwer lädiertem Frohsinn

Wie übersetzt man so eine Lebenshaltung in die heutige Zeit? Regisseurin Maier sagt, um ihre Figuren zeitgemäß und plausibel zu machen, habe es einer Dosis "emotionaler Tiefe" bedurft. Tatsächlich ist der "Beischläfer"-Titelheld ein Mann mit schwer lädiertem Frohsinn. Der Autoreparierer Menzinger begeistert sich zwar bald für die Richterin Kellermann (Lisa Bitter), mit der er als Schöffe zu Gericht sitzt. Zugleich jedoch trauert er seiner vor nicht allzu langer Zeit bei einem Autounfall tödlich verunglückten Ehefrau hinterher. Wenn er vor dem Grabstein der Gattin steht oder ihr im Traum begegnet, quält sich der Held mit Selbstvorwürfen.

Der oft vergnügliche Aberwitz der Serie entsteht allerdings eher aus der Unverschämtheit, mit der sie die Details der Rechtslogik ebenso ignoriert wie die Feinheiten der Psychologie. Ganz bei sich scheint Menzinger vor allem in den Momenten zu sein, in denen er mit Dackelblick in der Rolle des Münchner Vorstadtcasanovas aufgehen darf.

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Es gibt einen Mut zum Klamauk und zur Übertreibung in "Der Beischläfer", den man manchmal ein bisschen albern finden kann. In vielen Szenen hupt und pumpt eine wilde Blasmusikbegleitung, jeder größere Szenenwechsel ist vollgestopft mit schwelgerischen Postkartenbildern aus dem Münchner Stadtpanorama.

Die Kunst der Regisseurin Maier besteht darin, dass sie es stets den Zuschauerinnen und Zuschauern überlässt, ob sie dieses Bombardement an bayerischer Zünftigkeit als Zeichen der Begeisterung oder als Mittel ironischer Distanzierung werten wollen. Ihr Blick auf das Genre der Münchner Striezi-Komödie ist jedenfalls ein unbedingt analytisch gebrochener. Ein Lieblingsspruch des Regisseurs Dietl lautete: "Die Wahrheit ist hinter der Wirklichkeit."

Verfügbar bei Amazon Prime.

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