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EXPO-THEATER Der das Unmögliche begehrt

Was als Gipfel-Ereignis gewollt war, erlitt in Hannover eine unsanfte Bauchlandung: Das 22-stündige Marathon mit Goethes »Faust«, inszeniert von Peter Stein, war laut und bunt und ziemlich leer. Von Urs Jenny
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 31/2000

Ein Künstler tut, was er tut, um seiner selbst willen. Goethe hat den »Faust« um seiner selbst willen geschrieben, und um seiner selbst willen hat Peter Stein diesen »Faust« nun, alles in allem 12 111 Zeilen lang, in Hannover inszeniert.

Natürlich können sich ureigene Erfindungslust, Spielfreude, Formkraft in einem solchen Werk verausgaben bis zur Erschöpfung, und ebenso wollen persönliche Eitelkeit, Hybris, Rechthaberei und Ruhmsucht befriedigt sein, nicht zu reden von Sendungsbewusstsein, messianischem Wahn und dem Verlangen nach wenigstens einem Rockzipfel der Schimäre Unsterblichkeit. An alledem fehlt es weder Goethe noch Stein, und ihre kreative Schwerarbeit hat, für den einen wie für den anderen, vielleicht als innersten Antrieb das rumpelstilzchenhafte Vergnügen daran, dass niemand je entschlüsseln wird, was alles man in die Unternehmung hineingeheimnisst hat.

Ach, was wäre das Expo-Kulturprogramm für eine flockige, flusige Allerweltssache geblieben, hätte sich da nicht im rechten Augenblick die Chance aufgetan, den seit Jahren wolkig über dem mitteleuropäischen Kulturbetrieb flottierenden Peter-Stein-Traum von einem welttheatralischen Total-»Faust« auf den Boden der Tatsachen herunterzuholen und festzunageln auf die Machbarkeit, Finanzierbarkeit, Fixierbarkeit einer Vision.

Also hat die Expo (in Person ihres Kulturmanagers Tom Stromberg) mit den ersten Millionen den Start finanziert, die Deutsche Bank ordentlich draufgesattelt und mit Erfolg ihre Großkunden zu Spendabilität ermuntert, der Bund dann das noch Fehlende zum 30-Millionen-Etat des Spektakels zugeschossen. Vor elf Monaten, sinnfällig zu Goethes 250. Geburtstag, konnte der Arbeitsbeginn für die gut 80köpfige Truppe aus Künstlern, Handwerkern und Technikern verkündet werden, und auf der Website »www.faust-stein.de« bekam das work in progress, »sponsored by DaimlerChrysler«, bald das Etikett »Jahrtausend-Tragödie«. Nun ist das Traumschiff gelandet: ein rekordverdächtiges Weltkultur-»Event« auf plattem Terrain, an banalem Ort, in einer riesigen hannoverschen Messehalle ohne Aura, Glamour oder gar Magie.

Am vorletzten Wochenende war die Marathon-Premiere: Samstags von 15 Uhr an »Faust I« in 8 Stunden, sonntags von 10 Uhr an »Faust II« in 14 Stunden, und alles in der wortwörtlichen Vollständigkeit der 12 111 Verse sowie einiger mitdeklamierter Regie-Anweisungen. Ein paar Zuschauer wollen überdies, in der Szene in Auerbachs Keller, das Wort »Arsch« gehört haben, das Goethe-Kennern eigentlich nur aus dem »Götz von Berlichingen« geläufig ist.

Und wie war''s? Tja. Es gibt ja keine Dichtung, die größer und großartiger als Goethes »Faust« das Wischiwaschi-Weltausstellungsmotto »Mensch-Natur-Technik« erfüllen könnte. Nur leider ist dieser »Faust«-Aufführung, wie der Expo insgesamt, beim ideal gedachten ideellen Bogenschlag von der Butzenscheibe zum Videoscreen nicht mehr als eine honorige Bauchlandung gelungen. Peter Stein mit seiner souveränen Leck-mich-Attitüde hatte in einem Interview angekündigt, sein Kunstziel sei nicht ein Mirakel, sondern eine stinknormale »Stadttheateraufführung«. Dass ihm aber das Resultat am Ende Recht gab, kann er nicht gewollt haben.

Es mag ja von vornherein illusorisch gewesen sein, bei einem Riesenwerk, das sein Schöpfer selbst »inkommensurabel« zu nennen liebte, auch eine Aufführung zu erhoffen, die inkommensurabel wäre. Dass sie aber nichts Unerhörtes und nichts Niegesehenes wagte, dass sie keinen Rausch oder Jubel hervorzurufen vermochte, keinen Moment des Entsetzens, der das Herz stocken ließe, und keinen Augenblick verzückten Staunens, dem man hätte zurufen mögen: Verweile doch, du bist so schön! - das bedeutet eine schwere Ernüchterung.

Bei Goethes »Faust« handelt es sich bekanntermaßen um ein unhandliches Werk. Der erste Teil zwar mit dem Teufelspakt und der Gretchen-Tragödie ist nicht nur zwingendes Abiturpensum, sondern trotz des abrupten Endes ein unverwüstliches Repertoirestück. Der zweite Teil hingegen gilt als eigenbrötlerisch ideenlastiger, in obskuren Nebenhandlungen ausufernder Textkoloss, von dem man gemeinhin nur weiß, dass er mit Fausts Himmelfahrt endet und mit dem Satz: »Das Ewig-Weibliche / zieht uns hinan.«

Dies können nun die hannoverschen »Faust«-Premierenpilger (und alle, die ihnen nachfolgen) aus erster Hand bestätigen. Das Werk hat leider keinen Titelhelden, den man als Sympathieträger ansehen möchte, dafür aber einen Schurken, der durch Witz für gute Laune sorgt; es hat ferner eine Menge verschiedenartigster Schauplätze und mindestens 600 Sprechrollen, darunter vielerlei Kleinvieh, Geister- oder Fabelwesen. Doch wenn man als Theatermacher diese Erschwernisse in Kauf zu nehmen gewillt ist, spricht nichts gegen die Idee, den ganzen »Faust« auf die Bühne zu bringen.

Allerdings: Goethe selbst hielt nichts davon oder hat sich weiter keine Gedanken darüber gemacht. Er scheint wohl, nachdem er im Jahr vor seinem 60. Geburtstag den »Faust I« endlich hatte drucken lassen, auch eine Inszenierung erwogen zu haben. Mehr aber nicht, und als es dann im Jahr seines 80. Geburtstags an einigen Theatern tatsächlich zu »Faust I«-Aufführungen kam, hat er daran keinen Anteil genommen. Er war damit beschäftigt, den »Faust II« zu einem Ende zu bringen, doch dann nicht einmal mehr darauf erpicht, das Werk publiziert zu sehen - offenbar erwartete er nicht, bei seinen Zeitgenossen Verständnis dafür zu finden.

Auf einem Hügel über dem Dorf Dornach im schweizerischen Kanton Solothurn steht ein bemerkenswert schiefwinkliger, buckliger Kuppelbau, den man als Kunsttempel eigener Art ansehen darf: das Goetheanum. Auf dessen Bühne wird seit 1938 alle paar Jahre, zuletzt im Juli 1999, von einer eurythmisch hochgestimmten Laienspielerschar nach den ästhetischen Maßgaben ihres Vordenkers Rudolf Steiner der »Faust« aufgeführt, vom ersten bis zum letzten seiner 12 111 Verse.

Dieses Oberammergau der »Faust«-Pflege wollte Peter Stein natürlich durch Show-Power und Professionalität weit hinter sich lassen, doch gemeinsam ist beiden Unternehmungen die fixe Idee der absolut »ungekürzten Originalfassung«. Die Idee hat, wenn man so will, für sich, dass sie objektiv ist, denn wer 10 Zeilen streicht, kann ebenso gut 100 streichen oder 1000 oder auch 2000, es ist noch lange mehr als genug da.

Doch der Anspruch auf Vollständigkeit ist für die Wirkung des Werks die schwerste Bürde. Denn zwischen Passagen von betörender Sprachmacht und Bilderfülle gibt es Strecken, wo diese phänomenale Versifizierungsmaschine namens Goethe den poetischen Singsang ungebremst fluten und fließen lässt, und es gibt Dutzende von Figuren und Auftritten, zu deren Verständnis eine Menge akademischer Fußnoten nötig ist.

Andererseits enthält das Werk Teile, die auch nach der Meinung von geduldigen Experten im »Faust« nichts zu suchen haben, und es verwirrt durch Handlungslücken, die Goethe nie überbrückt oder geschlossen hat. Da überall wird das Ziel der kritiklosen Textvollständigkeit zur Fata Morgana. Ein anderes Inszenierungsziel aber, eine andere Zentralidee oder Vision hat Peter Stein offenbar nie gehabt. Es ist nicht Gott, der sagt: »Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.«

Vor bald 30 Jahren, am Tag seines Triumphs mit dem »Peer Gynt« an der Berliner Schaubühne, war Peter Stein der Größte, der junge Genius, dem mit seinem eigenen Theater alle Himmel offen standen, und als Verheißung in der Ferne war, eigentlich schon seit diesem Tag unabweisbar, der »Faust« zu ahnen. Das neue Schaubühnen-Haus, das die Berliner dann für Stein - wen denn sonst? - am Lehniner Platz bauten, hätte sich mit seinen (bis heute nie wirklich genutzten) Raum-Möglichkeiten erst ganz durch ein Projekt von »Faust«-Format legitimiert.

Alle Kräfte dafür wären vorhanden gewesen, doch da hatte Stein merkwürdig rasch die Lust an seinem Riesenspielzeug verloren, dachte vielleicht auch (wie einst König Lear), er könne dem Thron entsagen und dennoch Alleinherrscher bleiben - und als er dann endlich, Anfang der neunziger Jahre, mit all seiner Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit den »Faust« in Angriff nehmen wollte, schallte ihm aus der Schaubühne, die nun nicht mehr seine war, entgegen: Zu spät! Zu spät!

Seitdem grollt und schmollt er in der Rolle des Verschmähten und stets Verrissenen, hat auch seit 1991 nicht mehr in Deutschland inszeniert und nur noch gelegentlich als Rezitator im Alleingang seine »Faust«-Begeisterung weitergetragen. Welcher Jammer, dass er nun in Hannover ein Theater aus dem leeren Boden stampfen musste, um endlich doch zu seinem »Faust« zu kommen - nun auch für ihn selbst zu spät und an einem Ort, der ihm nichts und dem »Faust« nichts bedeutet.

Dieser Ort und die Umstände zwangen ihn auch, seine »Faust«-Arbeit nicht sinnvoll schrittweise zu präsentieren, sondern nach den Marktregeln einer Show-Sensation auf einen Schlag. So konnte dieses »Faust«-Theater nur ein Abglanz ferner Schaubühnen-Herrlichkeit sein und hätte auch nicht wirklich mehr sein können, wenn sich nicht - großes Unglück! - Steins wichtigster Partner, sein faustisches Alter Ego Bruno Ganz, nach einem Probenunfall, bei dem er sich das Becken brach, von dem Projekt hätte verabschieden müssen.

Da steht nun allein Christian Nickel, 31, der mit größter Standfestigkeit und Geistesgegenwart die ganze Faust-Rolle trägt (deren »ältere« Hälfte eigentlich Bruno Ganz verkörpern sollte), ihr aber nur Umriss, nicht Tiefe und Glanz zu geben vermag. Ihm gegenüber stehen als Mephisto abwechselnd Johann Adam Oest (der volkstümliche Theaterteufel) und Robert Hunger-Bühler (der diabolische Verführer), und ihm gegenüber stehen Dorothee Hartinger als herb-inniges Gretchen und Corinna Kirchhoff als klassizistisch hochtönende Schöne Helena. Es liegt nicht an ihnen und nicht an der großen Kleindarstellerschar, dass die Aufführung selten über ein kostümiertes Schaulaufen, einen nicht enden wollenden Mummenschanz hinaus zu sich selbst kommt.

Stein illustriert so unermüdlich wie kleinmütig Detail um Detail. Er bringt all das putzige Getier, das im Text vorkommt - Ratte, Motte, Fledermaus -, nach pseudonaiver Kindertheatermanier auf die Bühne, und ebenso Mephistos Siebenmeilenstiefel, wohl gute drei Meter hoch. Stein bedient ohne Scheu vor der Lächerlichkeit sogar die Regieanweisung »Faust, Mephistopheles auf schwarzen Pferden daherbrausend«, indem er zwei Pferdeköpfe aus der Kulisse blicken lässt und die beiden Schauspieler stocksteif davor stellt. Wo es sich machen lässt, gibt es Revue-Remmidemmi, die Meerkatzen tummeln sich, und der Pudel ist echt und macht anmutig Männchen.

Es gibt wohl einen allerinnersten Grund, weshalb keine »Faust II«-Inszenierung wirklich gelingen kann: Der Begriff der »Natur«, der im sinnlich-konkretesten wie im pantheistischsten Sinn für dieses Werk von zentraler Bedeutung ist, entzieht sich dem grob theatralisierenden Zugriff: Theater kann fast alles Mögliche sein, nur eben nicht Natur.

Der alleräußerste Grund aber, weshalb Peter Stein nichts Zwingenderes zu Stande gebracht hat, ist seine hagestolzhafte Geringschätzung der theatralischen Hilfskünste: Weder die banale Untermalungsmusik noch die klobigen Szenerien, noch die Kostüme haben eine eigene Kunst-Qualität; letztlich ist nichts davon für Goethes »Faust« gut genug, und so kann sich das Stückwerk nie zu einem höheren Ganzen zusammenfügen.

Wer einen Achttausender erklommen oder den Atlantik auf einem Tretboot überquert hat, verdient allen Respekt (und es gibt da nicht, wie beim Eiskunstlauf, eine Extranote für Grazie und Eleganz der Durchführung). Diesen Respekt verdient die »Faust«-Truppe ganz ungeschmälert, und der Sinnfrage kann sie wie der Atlantikschwimmer mit dem Satz begegnen: Auch Gott tut, was er tut, um seiner selbst willen.

Wenn die Expo längst vom Winde verweht ist, wird Steins »Faust«-Ensemble noch lange zusammen sein, bis in den Dezember 2001, und an seiner Aufgabe wachsen. Den ganzen kommenden Winter lang wird in Berlin dieser »Faust« (abwechselnd als Sechs-Abende-Zyklus oder als Wochenend-Marathon) zur kulturellen Grundversorgung der Hauptstadt gehören, dann wohl auch mit Bruno Ganz und zum kulanten Preis von etwa 17 Mark pro Theaterstunde. Und danach kommt der Sommer in Wien.

Für alle Ungläubigen aber gibt es eine Alternative. Der ganze »Faust II«, im Alleingang rezitiert von Peter Stein, erscheint im August als Kassettenpaket im HörVerlag. Da ist die Schwerkraft aufgehoben und das ganze Elend des Theatralisierungszwangs weggewischt, da missrät die klassische Walpurgisnacht nicht zur Love-Parade einer Amateurtanztruppe auf Inline-Skates, denn da öffnet sich vor unseren inneren Augen die grenzenlose Bühne der Phantasie. Und auf ihr der Größte ist noch immer Peter Stein, wer denn sonst.

* Mit Christine Oesterlein (Phorkyas).

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