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Am Rande Der Durchknaller

aus DER SPIEGEL 39/2001

Die Welt hätte gewarnt sein müssen. Schon 1978 ließ der Neutöner Karlheinz Stockhausen in Bonn am Schluss seiner Tonschöpfung »Sirius« einen Luftballon platzen, aber niemand schöpfte Verdacht. Sechs Jahre später, bei der Premiere der Oper »Samstag aus Licht«, feuerte die Komponistentochter Majella selbst gebastelte »Pershing«-Raketen vom Klavier aus mittels Gummischleuder ins Publikum. Und 1988 montierte die »Licht«-Gestalt Stockhausen Hitlers historischen O-Ton ("Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen") zwischen eine »Geburtstagsarie« ("Papagei ai Wellensittich Wauwau!") und Evas »Befruchtung mit Klavierstück« ("frae dai dai vae"). Jetzt hat der Komponist, der auf dem 8,7 Lichtjahre entfernten Sirius zur Schule gegangen sein will, den New Yorker Terror-Crash als »das größte Kunstwerk« bezeichnet, »das es überhaupt gibt«, weil hier »Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben«. Stockhausens Durchknaller vom Größenwahn zum Großwahnsinn war allerdings schon vorher aktenkundig. »Ich bin nicht mein Körper«, hat der galaktische Neutöner vor Jahren erkannt, »mein Geist existiert außerhalb des Körpers, der ein Auto ist.« Keine weiteren Fragen.

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