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»Der Fluß ist serviert, Sir«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Naura, 57, leitet die Jazz-Redaktion des NDR. McLaughlin, 50, ist zur Zeit auf Welttournee.

Was man liebt, das nimmt man mit ins Bett. Der Knabe, der in den Kissen sein vor Begeisterung glühendes Gesicht an die Gitarre drückte, war John McLaughlin. Er war damals elf Jahre alt.

Heute ist der Engländer McLaughlin einer der Achttausender in der Gitarrenlandschaft unseres Jahrhunderts. Vergleichbar mit Fernando Sor und Mauro Giuliani, die im 19. Jahrhundert die Gitarre zu bis dahin ungehörter Virtuosität geführt hatten.

Das sei McLaughlins Achilles-Ferse, sagen seine byzantinischen Neider. Diese Hypertrophie der Technik, heulen sie und widersprechen damit Andres Segovia, der eine »Beherrschung der technischen Grundlagen« fordert, »die allein ein wohlklingendes flüssiges Gitarrenspiel ermöglichen«. Sie nennen ihn den Gitarristen mit der Lichtgeschwindigkeit, mit dem bengalischen Feuer, mit der Einspritzpumpe, mit dem schnellen Getöse. Und sie irren sich.

Klar, John McLaughlin spielt flüssig, als wolle er William S. Burroughs' Worte aus »Naked Lunch« in Klang verwandeln: »Der Fluß ist serviert, Sir.« Aber auch wenn er gelegentlich wie ein Überschall-Gitarrist wirkt, etwa bei Duellen mit Gitarrenathleten wie Al Di-Meola (Spötter nennen ihn wegen seines Populismus Aldi und Cola) und Paco de Lucia, so ist doch auch der stille McLaughlin unüberhörbar und höchst eindrucksvoll. Er läßt Musik bis in die Tiefen der Seele sinken, besänftigt das Herz und vermittelt »intellektuelle Askese und höchste Bewußtheit«, wie sie Albert Camus für das Schreiben verlangt.

Eine geduldige Musik. Und schön ist sie. Nichts ist da von diesem »treppauftreppab, ein wenig sentimental, ein wenig forsch, schrumm-schrumm - und schon ist es vorbei«, mit dem einst ein Kritiker dem Gitarristen Anton Diabelli am Zeuge flickte.

John McLaughlin hat »die Sonne im Bauch, mit tausend Strahlen«, von der Andre Breton schreibt. Oder, um es mit Muddy Waters zu sagen: »He was born for good luck.« Das Glück bescherte ihm einen Erfolg nach dem anderen.

Seine sozusagen galvanische Periode, die er mit Lifetime, der Gruppe des Trommlers Tony Williams, eröffnete, gab dem ermatteten Jazz eine rhythmische Schärfe zurück, die in den Fusionsexzessen seines Mahavishnu-Orchesters bis ins Mark der Zuhörer fuhr. Laut und erfolgreich, war dieser Rock-Bastard ein Dorn im Auge der Puristen.

Und als McLaughlins Fähigkeiten zur Mimikry fast magische Züge annahmen und der Meister aus Europa mit indischen Musikern die Gruppe Shakti gründete, da hatte der entwicklungsfrohe Gitarrist erneut einen gewaltigen stilistischen Haken geschlagen.

Mittlerweile hat der eklektische Megastar McLaughlin wieder heimatliche Gefilde erreicht. Als er letzte Woche in Paris spielte, brachte er den Klub »New Morning« zum Kochen. Eine Sardinendose für 450 Personen in der Rue des Petites Ecuries, wo gegenüber alte Algerier in trüben Trester stieren.

Gleich vornean in der tiefdeckigen Höhle des Jazz begrüßt die Gäste Billie Holiday, aus Gips, mit dickem Arsch. In der rechten Hand hat sie einen blauen Lappen wie das Schweißtuch der Heiligen Veronika. Sie scheint zu sagen: »Kommet zu mir, die Ihr mühselig herangekrochen seid durch die stinkende Hitze der Stadt, ich will Euch befeuchten.« Klima: Kongo; Musik: Bongo.

Von oben tropft Kondenswasser auf die Leute. Die Besatzung eines U-Boots auf großer Nachtfahrt, hedonistisch und ohne die Kummerfalten der Freejazz-Masochisten, erwartet Charisma-John, den aberwitzig begabten indischen Perkussionisten Trilok Gurtu (intern: Ticktock Nudelmeier, seit er die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt) und die französische Baßgitarren-Eminenz Dominique Di Piazza.

Das Interaktionstrio funktioniert nach dem Prinzip des Otto-Motors. Da dehnt sich was aus an der Gitarre, explodiert und setzt den Trommelkolben in Bewegung. Das Trio nimmt Fahrt auf, die Musik ist gezündet. Ihr Material ist, bei Vermeidung von Migräne-Jazz, eine Klangmythologie aus der Melancholie der Schwarzen, der Raserei des Flamenco, der Sexualität des Rock und der Intelligenz des Jazz.

John McLaughlin schmiedet aus diesen Materialien Neues, das diesen verdammten Pariser Raum wie mit blauem Stahl-Licht erfüllt, als hätte der Gitarrist Arthur Miller beherzigt: »Aber die Wahrheit, die erste Wahrheit, ist vermutlich, daß wir alle miteinander verbunden sind und einander beobachten. Selbst die Bäume.«

Das kann man vor allem von Trilok Gurtu behaupten, dem die westliche Notenkultur noch immer etwas fremd ist und der sich ganz auf seine hochgespitzten Ohren verlassen muß. Wie eine Mischung aus Jagdhund auf der Pirsch und einem Tabla-Guru hockt er zwischen Becken, Gongs, Trommeln, Rasseln und einer Schüssel mit Wasser, der er auch Klang abgewinnt.

Dem Wach-Wesen Gurtu, diesem Reaktionsgenie, entgeht nichts. Jede emotionale Bewegung seiner Mitspieler setzt er sofort in kinetische Energie um. Er rotiert und swingt. Seine große Stunde ist gekommen, als er seine Zunge mit den komplexen Rhythmen der jahrtausendealten Trommelkultur Indiens belegt. Bombay-Scat auf höchster Ebene. Gatdadadamrrrdagamdatdadababadatdhunsamsam datjorkathak.

Das Volk von Paris hört eine Musik, die über ihre Ufer tritt wie Hochwasser. Der Klub ersäuft in einem Strudel aus abgeworfenen Fesseln auf dem Podium und der Begeisterung des mit einem Schweißfilm überzogenen Publikums. Danach sagt ein erschöpfter junger Franzose: »J'en ai assez, je vais pisser.« Für zwei Stunden waren alle weg. Aus dem Häuschen. Jetzt hat die Banalität sie wieder. Die Blase meldet sich. Sie sind wieder gelandet.

Michael Naura
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