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»Der Gedanke, meine Seele zu retten ...«

aus DER SPIEGEL 43/1977

Aus den Tagebüchern von Thomas Mann Arosa, Freitag, den 17, III. 33

Dieser Morgen ist besser u. ruhiger als der gestrige, obgleich der Schlaf oft unterbrochen und ich früh wach war. Ich habe gebadet u. im Bett gefrühstückt. Im Laufe des gestrigen Tages wurden die Pläne ergänzt u. vorläufig festgelegt. Berufung Golos nach München. Medi kehrt dorthin u. zur Schule zurück, obgleich Franks aus Lugano Warnungen einschärften, die nach unserer u. des Kindes Überzeugung hinfällig sind. Lugano, Parkhotel, als nächsten Aufenthalt nach Lenzerheide in Aussicht genommen. Erörterungen mit K. (Katia Mann, d. Red.) wegen Umstellung des Haushaltes, die nicht überstürzt werden soll ... Feist, der von Eri brutalisiert worden war, mit Besorgung meines ablaufenden Passes, dem Transport meines Pelzes u. Verhandlungen wegen Überstellung von Geld in die Schweiz beauftragt.

Wir tranken zum letzten Mal Thee im Old India zusammen mit Eri u. Medi. Einkauf von Papier- und Toilette-Waren. Zu Hause den Koffer wieder gepackt ... Besprechungen über späteren Dauer-Wohnsitz in Locarno oder Zürich. Gespräch über die keß-sadistischen Propaganda-Pläne der deutschen Regierung, die angekündigte Niederwalzung und totale Uniformierung der öffentlichen Meinung, die Ausrottung jeder Kritik, die Zweckloserklärung jeder Opposition. Der widerlich modernistische Schmiß, das psychologisch Zeitgemäße darin, in Anbetracht der kulturellen, geistigen und moralischen Rückbildung. Das keß Moderne, Tempomäßige, Futuristische im Dienst der zukunftsfeindlichen Ideenlosigkeit, Mammutreklame für Nichts. Schauderhaft und miserabel. -- Der gesellige Abend physisch recht wohltuend.

Meldung vorn Verbot des »Tagebbuchs« und der »Weltbühne«. Besorgnis wegen der »Rundschau«. Ohne Zweifel besteht die Tendenz, der Nation möglichst alle Bildungsmittel abzuschneiden. Siehe Papen gegen die Volksschule. Bildung u. Denken ist selbstverständlich nicht erwünscht, sondern gewollt wird die Massenverdummung zum Zweck mechanistisch einförmiger Beherrschung mit Hilfe der modernen Suggestionstechnik. Schlimmster Bolschewismus, unter dem deutschen Gesichtspunkte gesehen, vom russischen aber unterschieden durch den Mangel jeder Idee. --

Falckenherg, der als »bolschewistischer Mittelsmann« verhaftet war, soll auf freiem Fuße sein. Beanspruchung der Giebse durch die Kammerspiele, die auf ihre Rückkehr dringen.

Lugano, Sonntag, den 2. IV. 33

Heute vor einer Woche zogen wir hier ein, und ich kann nicht umhin, Dankbarkeit für den freundlich schützenden Aufenthalt zu empfinden.

Blauer, kühler Morgen, Nordwind. Ziemlich kurzer, aber großen Teils ru-

* V. l.: Geschwister Klaus. Elisabeth ("Medi). Michael ("Bibi"), Ehefrau Katja, Tochter Erika ("Eri); 1932 in München.

higer Schlaf, Nach dem frühen Erwachen Gedanken über die Geistesverfassung der Menschen in Deutschland: dieses Geheime. Oskar Wassermann von der Deutschen Bank, der das Ausland belehrt, daß es den deutschen Juden gut gehe und von einer Revolution spricht, die im Verhältnis zu ihrer unvergleichlichen Größe höchst diszipliniert u. maßvoll Verlaufe; dieses Sozialdemokraten Wels. der wegen einer zornigen auswärtigen Kundgebung seinen Austritt aus der 2. Internationale erklärt; dieses Demokraten Prof. Hellpach, dem es nicht etwa die Stimme, das Wort verschlägt, sondern der ehrfürchtig angepaßte Artikel über »Neuen Heroismus« u. dergl. schreibt. Was ist das alles? Angst? Notgedrungene Unterwerfung? Oder Ergriffenheit, der sich zu entziehen über Menschen- und Verstandeskraft geht, wenn man im Lande ist? Der Ausgang könnte auf jeden Fall zerschmetternd sein, wie nach dem Volksorgiasmus von 1914.

Aber man fühlt sich nicht unbedingt wohl in Gesellschaft derer, die draußen sind, dieser Kerr, Tucholsky. etc. Auch Hauptmann ist draußen, aber ein größerer Trost ist mir das physische u. gesinnungsmäßige Außensein Hermann Hesses.

Wie seltsam, daß man in Deutschland gegen die wahrhaft schweinischen Mittel, mit denen diese »Volksbewegung« gesiegt hat, offenbar nicht die Empörung, den Ekel aufbringt, den ich empfinde! Ist meine Rolle nur die eines Erasmus im Verhältnis zu einem neuen Luthertum? Große Revolutionen pflegen um ihrer blutigen u. leidensvollen Generosität willen die Sympathieen der Welt, Mitleid u. Bewunderung auf sich zu ziehen. Das war und ist bei der russischen nicht anders als bei der französischen, von der alle lebendigen Geister der Welt ergriffen waren. Was ist es mit dieser »deutschen«, die das Land isoliert, ihm Hohn und verständnislosen Abscheu einträgt ringsum? Die nicht nur die Kerr und Tucholsky, sondern auch Menschen u. Geister wie mich zwingt, außer Landes zu gehen?

K. telephonierte nach dem Frühstück mit Franks. Die Frau ist per Flugzeug, ohne Unbedenklichkeitsvermerk, zurückgekehrt. Der Wirrwarr soll unbeschreiblich sein. Niemand weiß, was gilt und was nicht. Depression u. Ratlosigkeit im Grunde trotz national-antijüdischer Festivität u. Beflaggung. Weit verbreitet das Gefühl, daß den halbnärrischen Führern, wie Goebbels, dessen wüstes Rundfunkgekeif die Welt abstößt' die Zügel mehr u. mehr entgleiten, daß Blutvergießen bevorsteht und eine Militärdiktatur, die Ordnung stiften müßte, sich vorbereitet. Die Verfassung des Hitler, der natürlich längst eine Puppe ist wie Hindenburg, machtlos, kompromittiert, dementiert, sei einigermaßen verzweifelt -- wie die seiner konservativen Verbündeten schon lange.

Übrigens soll, was mich betrifft, ein vorsichtiges u. gewissermaßen verschämtes Schweigen herrschen. Ich werde nicht beschimpft, mein Austritt aus der Akademie wird nicht gefeiert. Mein Außenstehen scheint eine gewisse Dämpfung, eine leichte Verlegenheit zu bedeuten. Es scheint, daß man mich lieber im Lande hätte -- in gewissen Kreisen wenigstens, deren Empfinden freilich nicht meine Verhaftung hindern würde, wenn ich morgen zurückkehrte.

Es ist darum sehr töricht u. leichtsinnig von Bertram, wenn er heute auf Ansichtskarte aus Friedrichshafen schreibt, nichts könne und »dürfe« meiner Heimkehr im Wege stehen ...

Spannung, ob heute die Kinder ihre Grenzüberschreitung melden.

Mittags kurzer Spaziergang mit K. Nach dem Lunch auf der Terrasse Kaffee getrunken, was mir jetzt besonders schädlich ist. Tolstoi-Lektüre auf dem Zimmer u. kurze Ruhe. Dann mit K. zur Stadt, wo wir bei Huguénin im Freien Thee tranken. Besuch bei Franks im Palace, wo wir die Massary und ihre Schwester trafen. Längere Unterhaltung über die üblichen Gegenstände. Vielfach wird in Deutschland mit einem Eingreifen der Reichswehr und Militärdiktatur gerechnet, namentlich wenn ein wirtschaftliches Débacle kommt -- wie fast unvermeidlich ...

Die Kürzung des bisher geschriebenen ägyptischen Joseph liegt mir im Sinn.

Lugano, Montag, den 10. IV. 33

Bedeckter Morgen, doch will es sich aufklären.

Gestern Abend Stimmung für die Neugestaltung der Reise durch Ägypten. Schreibe etwas an einer neuen Formung ...

Im »Völk. Beobachter« Vorschlag eines Arztes, die Juden zu sterilisieren. Munteres Regierungsblatt.

Die Frankf. Zeitung bekämpft zwar nicht ohne Mut den dogmatischen Rassenkampf (einen Mut, der sich immer nur, wie auch anderwärts, auf diesen einen Punkt konzentriert), feiert dann aber die radikale Reichscentralisierung, die wenig Respekt vor geschichtlicher Tradition und »Stammeseigenart« bekundet, als große historische Tat. Der tausendjährigen Zersplitterung der Deutschen sei mit einem Schlag ein Ende gemacht. Ob nicht allerlei andere Zersplitterung an die Stelle tritt? Bisher galt die Entpolitisierung u. Entmachtung der Länder für undeutsch und marxistisch-gemütlos. Eine Ansprache des Reichsinnenministers Göring an Arbeiter schlägt in die gleiche wacker marxistische Kerbe. Welche Komik!

Aber geht dennoch Bedeutendes und Groß-Revolutionäres vor in Deutschland? Die Juden ... Daß die übermütige und vergiftende Nietzsche-Vermauschelung Kerr's ausgeschlossen ist, ist am Ende kein Unglück; auch die Entjudung der Justiz am Ende nicht. -- Geheime, bewegte, angestrengte Gedanken. Widrig-Feindseliges, Niedriges, Undeutsches im höheren Sinn bleibt auf jeden Fall bestehen. Aber ich fange an zu argwöhnen, daß der Prozeß immerhin von dem Range derer sein könnte, die ihre zwei Seiten haben ...

Basel, Dienstag, den 2. V. 33

Gestern Diner im Hotel, sehr gut, mit Bermanns und Annette, die mein sehr angegriffenes Aussehen feststellte. Man hielt sieh nachher in einem großen, zurückgelegenen Salon auf, Annette spielte auf dem schlechten Piano eine schöne, vertraute Melodie von Chopin, und wir tranken Lindenblütenthee mit einer Citronenscheibe.

Während des Essens war ich sehr erschöpft gewesen, wurde aber nachher stärker, als ich mit Bermann auf die deutschen Dinge zu sprechen kam, sie in großem Stil betrachtete, die gegenwärtigen ab. eine neue Form der alten deutschen Kultur-Quertreiberei charakterisierte und die verringerte Chancen für das Gelingen dieser Unternehmung ins Auge faßte. Eine verlorene Sache. auch wenn es sich wieder wie beim Kriege, von dem sie die klare Fortsetzung ist, um eine Reihe von Jahren handelt. Ein großes Ablenkungsmanöver, eine Riesen-Ungezogenheit gegen den Willen des Weltgeistes, ein kindisches Hinter die Schule laufen. Das Eigentliche wird durch noch einmal entfachten nationalistischen Rausch aus dem Bewußtsein verdrängt: Das Problem des Kapitals und der Arbeit, der Güterverteilung, das vom Nationalen her nicht zu lösen ist.

Neue Enttäuschung, neue bittere Lehren müssen kommen. Werden sie dies Volk endlich klüger machen, das ein Dorn im Fleische Europas, des Abendlandes ist?

Ich konnte nicht schlafen bis 3 Uhr, gequält von Altem u. namentlich von der Affaire des Koffers, hinter der mörderische Tücke lauert. K. nahm Teil u. redete mir zu. Evipan ist ein schlechtes Mittel, es taugt nichts, übte gar keine Wirkung. Erst das bewährte bittere Phanodorm, um 3 Uhr genommen. führte Schlaf bis nach 8 Uhr herbei.

Der Tag ist windig, aber heller, sonniger und frischer. Wir nehmen die Baseler Geschäfte in Angriff.

Beim französischen Consul: größtes Entgegenkommen, Passierscheine für die Grenze u. besonderer Empfehlungsbrief; »Cher Maitre«. Ach, ja! -- Beim Chef des Polizei-Departments in Sachen unserer Niederlassung. Größtes Entgegenkommen, Dispens von der Beibringung üblicher Papiere. Schon beim Empfang bedankte er sich für unseren Besuch. Ach, ja! --

Wir fanden uns mit Bermanns im Hotel und gingen hinüber zu Spitz, wo wir auf der Rheinterrasse zu Mittag aßen ... Ruhe nach der Heimkehr. Um 3 Uhr Anruf von Dr. Heins, München: Es sei festgestellt u. ohne jeden Zweifel gewiß, daß der Handkoffer sich nicht mehr auf deutschem, sondern auf Schweizer Boden befinde. Ein Telegramm mit der Anzeige, wo die Sendung hängengeblieben, soll folgen. Wahrscheinlich liege sie in Lugano. Bedeutende u. tiefe Erleichterung. Das Gefühl, einer großen, ja unaussprechlichen Gefahr entgangen zu sein, die vielleicht keinen Augenblick bestanden hat. --

Thee mit Bermanns u. Annette Kolb in der Halle ...

Berichte der Zeitungen über die gestrige Mai-Feier in Deutschland. »Ohne Haß.« Aber gerade dieser ist alleinherrschend. Hitlers Rede, von der man große Dinge. besonders sozialer Art erwartet hatte, -- null und nichtig. Straßenbau, das ist alles. Es ist erbärmlich und wird erbärmlich enden

Bandol, Mittwoch, den 31. V. 33

Stiller, dunstiger Morgen. Ziemlich unruhig geschlafen. Der bevorstehende Umzug erregt mich, und mein Mut wird durch die Beobachtung beeinträchtigt, daß K. sich nicht auf der gewohnten Höhe ihrer Energie befindet. Sie hat in diesen Monaten II Pfund an Gewicht verloren ...

Heins plötzlich in Berlin erschienen: Man hat in München mein auf den Banken liegendes bares Geld (40 000 Mark) beschlagnahmt. Die allgemeine Folgerung in Berlin daraus war die Herausschaffung der 60 000 Mark durch die franz. Botschaft, wodurch freilich ohne Zweifel für lO0 000 Mark Wertpapiere, das Haus etc, verloren und die Brücke endgültig abgebrochen ist. Zu hoffen, daß Golo rechtzeitig die Grenze überschritten hat. Sein Brief bleibt abzuwarten ... Ich blieb naturlieb ruhelos, aufs neue erschüttert, fast wie zu Anfang der Krise. Was wird aus den sechs Kindern werden?

Die idiotische u. besessene Tücke u. Feindseligkeit gerade Münchens gegen meine Person. Wahrscheinlich ist vom Berliner Auswärtigen Amt ein Druck dort auszuüben versucht worden, auf den die Vermögenskonfiskation die Antwort sein kann.

Ich wäre gern in Frieden von dem Lande geschieden, mir wäre wohler dabei -- es wäre mir gemäßer gewesen.

Zum Thee abgeholt vom Wagen Mr. Seabrooks, des Afrika-Reisenden u. Schriftstellers in der Nähe. Man saß mit ihm, einem unreinlichen Mann, seiner Freundin u. der Tochter der Frau Marchesani in dem hofartigen Garten mit Platanen. Er hat mit Kannibalen gelebt und einmal Menschenfleisch gegessen. -- Nervös und verfroren. Ich hatte aus Vergeßlichkeit meine Hausschuhe anbehalten, so daß wir nicht zu Fuß zurückgehen konnten, sondern uns wieder fahren lassen mußten

Nach dem Diner musizierten Medi und Bibi in Gegenwart von Heinrich. Ilse D. und dankbaren Engländern: Beethoven, Händel und die Cavatina von Ralf Rührung.

Ich will die Lenzerheide »Kombination« nehmen, Adalin und Phanodorm, es ist nötig.

Bern, Sonntag, den 4. 11.34. Hotel Bellevue.

Gestern Abend nach Schlafengehen arger Erregungs- und Erschöpfungszustand, den ich mit einer Tablette Phanodorm allmählich besänftigte. Wahrscheinlich war das Filmsehen ("Abel mit der Mundharmonika«. d. Red.) daran schuld, das erfahrungsgemäß anstrengend ist und sich unter den gegenwärtigen Umständen nicht empfehlen mag. Ich bereue es dennoch nicht; es ist ein großes, eindrucksreiches Vergnügen, nicht sehr geistig -- weil das Wort fehlt, oder, soweit es knapp und sparsam vorhanden, nur durch halb erheiternde, halb peinliche Durchschnittsmenschheit wirkt -, aber seelischsinnlich.

Wobei mir wieder auffiel, daß die deutschen Filme mir etwas entgegenbringen, was die anderer Nationalität kaum aufweisen: die Freude an jugendlichen Körpern, namentlich männlichen in ihrer Nacktheit. Das hängt mit der deutschen »Homosexualität« zusammen und fehlt unter den Reizen französischer und auch amerikanischer Produkte: das Zeigen jungmännlicher Nacktheit in kleidsamer, ja liebevoller photographischer Beleuchtung, sobald sich Gelegenheit dazu bietet. Balhaus (sich den Oberkörper waschend) ist hier besonders ergiebig. Aber auch sein brünetter Partner (der Capt'n) wurde so oft wie möglich mit bloßem Oberkörper gezeigt, was dieser durchaus verdiente. Die Deutschen, oder die deutschen Juden, die das stellen, haben sehr recht: es gibt im Grunde. nichts »Schöneres«, und der Gedanke, daß dies »Schönste« das allergewöhnlichste ist und »alle Tage vorkommt«, den ich im »Joseph« ausdrückte, ließ mich wieder lächeln

Schrieb einen längeren Brief an Prof. Böök in Lund, worin ich wieder Hesse herzlich für den Nobel-Preis empfahl ...

Sonntag, den 11. 11.34

Der li. Februar erscheint als Sonntag, mit rotem Kalenderblatt. Es ist nicht nur unser Hochzeitstag, sondern auch der Jahrestag unserer ahnungslosen Abreise von München zu den Wagner-Vorträgen: es kam Den Haag-Amsterdam, Brüssel und Paris, die Schlafwagenfahrt nach Chur und Arosa, die Nachricht des Reichstagsbrandes, die »deutsche Revolution«, die Verbarrikadierung des Heimwegs

Dann Lenzerheide, Lugano-Montagnola, die Fahrt an die Grenze zur Begegnung mit Heins, Basel, Le Lavandou, Bandol und Sanary, der Sommer dort, dann Zürich und dieses Heim ... Alles dieselbe Reise ohne Wiederkehr, ein Jahresrundlauf, der K. und mich um mehr als zwölf Monate älter gemacht und uns tiefer zugesetzt hat, als man den dummen und rohen Mächten zugestehen möchte, durch die er es tat.

Ich habe viele Briefe geschrieben in der Zeit, das liegengebliebene Nachwort zum Wagner-Aufsatz und andere Versuche, jenen Mächten zu antworten, was sich aber, nicht zu ihrer Ehre, als unmöglich erwies ...

Diese Tagebuchaufzeichnungen. wieder aufgenommen in Arosa, in Tagen der Krankheit durch seelische Erregung und durch den Verlust der gewohnten Lebensbasis, waren mir ein Trost und eine Hilfe seither, und gewiß werde ich sie fortführen. Ich liebe es, den fliegenden Tag nach seinem sinnlichen und andeutungsweise auch nach seinem geistigen Leben und Inhalt festzuhalten, weniger zur Erinnerung und zum Wiederlesen als im Sinn der Rechenschaft. Rekapitulation, Bewußthaltung und bindenden Überwachung ...

Die Wiedergewinnung der einzelnen Möbel, der Bücher, des Musikapparats und der Garderobe bildete ebenfalls Epoche in diesem Jahr der Abenteuer. Zum Schluß habe ich auf der eben zurückgelegten Reise, wenn auch oft unter Zagen, meinen Mann gestanden.

Gestern Abend stellte, nach der Musik, worunter der Schluß der »Götterdämmerung« das wirksamst Erregende war, hitzige Übermüdung sich ein. Ich las etwas Don Quijote im Bette, schlief dann, träumte quälend und sinnlich, erwachte, fühlte mich fieberhaft und erkältet, nahm Phanodorm und schlief bei Licht bis zum Morgen. Bin nicht, wie ich dachte, krank geworden ...

Gespräch mit Reisiger über die lähmenden Hemmungen, die einer literarischen Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen entgegenstehen, u. unter denen Grauen und Verachtung eine große Rolle spielen. Es widersteht mir ja schon, den Namen des historisch« gewordenen, erfolgverklärten Popanzes überhaupt in den Mund zu nehmen, Und wie sich auseinandersetzen mit den steineren Stehsärgen des Konzentrationslagers Oranienburg ...? Wenn der Roman nicht wäre und das Verlangen nach künstlerischer Freiheit, nach Distanz, nach Zeitgewinn. Schließlich auch die Neigung, eine Welt, die zu beurteilen man vielleicht seinen Jahren nach nicht mehr berufen ist, ihren Gang gehen zu lassen.

Auf dem Abendspaziergang dachte ich wieder an die Faust-Novelle und sprach auch zu R. davon. Ein solches freies Symbol für die Verfassung und das Schicksal Europas wäre vielleicht nicht nur glücklicher, sondern auch richtiger u. angemessener als ein redend-richtendes Bekenntnis.

Sehr müde und schlafbedürftig.

Dienstag, den 31. VII. 34

Um 8 Uhr auf. Es war wieder sehr warm und wurde gewitter-dunstigschwül im Laufe des Vormittags.

Ich versuchte, weiterzuschreiben am Joseph, kam aber nicht über wenige Zeilen hinaus. -- Müdigkeit, Zerstreutheit, Erregung bildeten das Hindernis. Zu sehr liegt mir Anderes im Sinn. Der Gedanke, über Deutschland zu schreiben, meine Seele zu retten in einem gründlichen offenen Brief an die »Times«. worin ich die Welt und namentlich das zurückhaltende England beschwören will; ein Ende zu machen mit dem Schand-Regime in Berlin, -- dieser Gedanke, wach geworden oder wieder erwacht in den letzten Tagen, läßt mich nicht los, beschäftigt mich tief. Vielleicht ist es wirklich die rechte Stunde dafür, vielleicht kann gerade ich zur notwendigen Wende und zur Wiedereinführung Deutschlands in die Gemeinschaft gesitteter Völker mit verhelfen?

Ich ging bei großer Schwüle eine Stunde spazieren. Nach Tisch sprach ich andeutungsweise von dem Vorhaben. -- Medi hat von einer Freundin: In München hat ein Literatur-Professor von seinen Studenten abstimmen lassen, von welchem modernen Schriftsteller die Rede sein solle. Drei Viertel haben meinen Namen genannt. Die Vorlesung ist verboten worden ...

Die N. Z. berichtet über den Geisteszustand des deutschen Publikums, sein bedrUcktes Erstaunen über die isolierung des Landes aus Unwissenheit. Die drastischsten ausländischen Angriffe auf das Gangster-Regime sind ein paar Tage durchgelassen, um die ehrliche Entrüstung zu erwecken, auf die bei sonstiger Unwissenheit zu rechnen ist. Es ist wie im Kriege: Deutschland vertritt die Wahrheit gegen die Lüge. Die Welt schweigt in Gemeinheit, Deutschland leidet edel.

Ich bat Erika, mir ein Gespräch mit dem jungen Kommunisten zu vermitteln, der im Konzentrationslager war.

Zum Abendessen Frau Giehse. Man erwartet durchs Radio die Nachricht vom Tode Hindenburgs zu hören, die aber ausblieb ...

Die Kinder musizieren zur Nachfeier von K's Geburtstag ... Nachher in der Halle bei etwas Burgunder; Gespräche über verschiedene Personen, u. a. die alte Lasker-Schüler.

Montag, den 31. XII. 34

Der letzte Tag des zweiten außerdeutschen Jahres, -- sonderbar. Der Kopf träge beim Arbeiten und nachher sehr angegriffen. Allerlei Post, darunter von Schickele eine alte Ausgabe Freiligrathscher Gedichte als Neujahrsgruß.

Mittags zu Oprechts, die uns alle ... zum Essen eingeladen hatten. Hübsches altes Haus, angenehme Bewirtung.

Nachher waren Besorgungen zu machen. Ich war angegriffen und ruhte eine Stunde.

K. sehr optimistisch in politischer Hinsicht auf Grund von Nachrichten aus dem Saargebiet und aus Deutschland, wo der Verfall und nahe Umsturz unverhüllbar sei. Geh' es Gott. Auch ich zweifle nicht an der fortschreitenden Abhalfterung der Partei, aber daran, daß die »Bewegung« -- auch außerhalb Deutschlands -- wirklich schon niedergebrannt ist, und daran, daß man sie preisgeben wird.

Leidend, Darmaffektion, Nerventiefstand. Ging nicht mehr aus, da es überdies regnete. Schickele hat den Freiligrath hübsch gewählt: Mir ist, als müßt' ich auch von hier Den Stab hoch in die Weite setzen; Als würden auch aus Teils Revier Die Launen dieses Spiels mich hetzen! ·

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