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Der große Gatsby des Rock'n'Roll

Der Show-Unternehmer Ahmet Ertegun über das 50. Jubiläum seiner Plattenfirma Atlantic Records, sein Glück mit den Stars im Rock-Zirkus und seinen Versuch, die Amerikaner mit Franz Beckenbauer für Fußball zu begeistern
aus DER SPIEGEL 13/1998

Ertegun, 1923 in Istanbul geboren, gilt als legendärer Strippenzieher der Musikbranche. Der Sohn des türkischen Botschafters in Washington studierte Philosophie und gründete 1948 die Firma Atlantic Records, für die er Künstler wie Ray Charles und Aretha Franklin entdeckte. Bei der Aufnahme des Rock''''n''''Roll-Klassikers »Shake, Rattle and Roll« sang er die Background-Stimme. Ertegun kaufte 1971 den Fußballclub Cosmos New York und betreibt seit 1985 die »Rock''''n''''Roll Hall of Fame«.

»Der Kerl konnte nicht singen, die Texte holperten, und seine Gitarre war nicht gestimmt«

»Wären die Beatles zu uns gekommen - ich glaube, sie wären heute noch zusammen«

»Mick und Keith sprechen wegen irgendeines Blödsinns manchmal Jahre nicht miteinander«

SPIEGEL: Mr. Ertegun, Sie werden bald 75 Jahre alt, trotzdem sind Sie noch jede Nacht unterwegs. Gefällt es Ihnen zu Hause nicht?

Ertegun: Solange meine Frau und ich eine Party geben, ist alles in Ordnung.

SPIEGEL: Und ohne Party?

Ertegun: Dann bleiben noch zwei bis drei Abende im Jahr, an denen wir viel Freude haben und allein im Wohnzimmer sitzen.

SPIEGEL: Sie sind einer der wenigen Bosse in der Plattenindustrie, von dem nicht nur die Buchhalter und die Vorstandsmitglieder sagen, er sei in Ordnung, sondern auch Künstler wie Ray Charles, die Rolling Stones, Led Zeppelin oder Aretha Franklin. Was lieben die an Ihnen?

Ertegun: Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, daß ich Menschen, denen ich einen Vertrag gebe, von Anfang an, auch wenn sie noch völlig unbekannt sind, für Stars halte und sie auch so behandle. Und ich werde ihr Fan. Menschen, die ich für nicht so gut halte - na ja, mit denen unterhalte ich mich gar nicht erst.

SPIEGEL: Haben Sie viele Freunde unter den anderen Plattenbossen?

Ertegun: Ein paar sehr gute - aber das sind dann auch nicht irgendwelche Kaufleute, die sich den ganzen Abend über Verkaufszahlen oder Verträge unterhalten wollen. Als ich anfing, war ein Vertrag mit einem Künstler genau eine Seite lang. Heute sind es 50. Ich habe keine Lust, so etwas zu lesen. Wozu habe ich meine Anwälte?

SPIEGEL: Der Hollywood-Mogul David Geffen, der Sie als seinen Mentor sieht, hat vor kurzem gesagt: »Ahmet Erteguns größtes Kapital ist sein Charme. Er ist so charmant, daß es Leuten manchmal gar nicht auffällt, wie sie über den Tisch gezogen werden.«

Ertegun: Wenn ein Mann mit dem Charme von David Geffen das sagt! Aber im Ernst - wenn er gemeint hat, einen über den Tisch ziehen heißt, das Beste aus ihm herauszuholen und manchmal trotzdem ziemlich viel Geld zu verlieren, dann bin ich David Geffens Meinung.

SPIEGEL: Er hat wohl gemeint, daß Sie Ihren Künstlern selten mehr als fünf Prozent vom Verkaufspreis der Platte gezahlt haben.

Ertegun: Fünf Prozent war lange Zeit die Norm. Die Sache war nur: Wir haben die fünf Prozent nicht nur versprochen, wir haben sie auch bezahlt. Wenn also ein Künstler sagte: »Aber die Konkurrenz bietet mir 15 Prozent«, dann war meine Antwort: »Wir bieten dir 25 Prozent, und wir zahlen genauso pünktlich wie die anderen - nämlich gar nicht. Du hast die Wahl.«

SPIEGEL: Hat es geholfen, daß Sie mit vielen Ihrer Künstler erst mal einen tranken?

Ertegun: Nicht nur mit den Künstlern - vor allem mit den wichtigen Diskjockeys, die die Radioprogramme bestückten. Einer von ihnen hieß Bill Drake, und ich mußte mit ihm immer erst mal vier Wassergläser voll Jack Daniels leeren, bevor wir über meine Platten reden konnten.

SPIEGEL: Es gibt das Gerücht, daß Sie eine spezielle chinesische Kräutermischung hatten, die die Wirkung des Alkohols dämpfte.

Ertegun: Das war eine Pille, die der Leibarzt von General Tschiang Kai-schek entwickelt hatte, ein Bekannter aus Taiwan brachte mir die immer hierher mit. Angeblich hilft sie gegen Schnupfen genauso wie gegen Schmerzen bei Amputationen im Krieg - gegen alles eben. Ich habe damals in den wilden Zeiten einfach jeden Tag eine genommen. Zur Vorbeugung gegen was auch immer.

SPIEGEL: Auch wenn Sie mit manchen Leuten gern einen trinken - formal haben Sie stets Distanz gewahrt. Selbst auf Fotos aus den sechziger Jahren sieht man Sie unter lauter bekifften Hippies im Maßanzug herumstehen. Fühlten Sie sich nie komisch?

Ertegun: Nein, angezogen »out of place« - das stört gar nicht. Aber »out of character« - das ist eine Katastrophe.

SPIEGEL: Können Sie sich als Chef von Atlantic Records so etwas wie Charakter auf die Dauer leisten? Sie behaupten ja selbst, über zwei Arten des Hörens zu verfügen. Die eine sagt Ihnen, was sie lieben. Die andere, was sich verkaufen läßt.

Ertegun: Atlantic ist ein Laden, den es seit über 50 Jahren gibt - weil er immer viel mehr Geld verdiente, als er verloren hat.

SPIEGEL: Das lag auch daran, daß Sie anfangs selbst Hits komponierten, allerdings gern anonym. War Ihnen das peinlich?

Ertegun: Ich kann keine Musik schreiben, und spielen kann ich sie auch nicht. Aber manchmal steckt eine Melodie plötzlich drin in meinem Kopf. Früher bin ich dann immer zum Times Square hinuntergegangen. Dort stand neben dem Glücksspielautomaten eine Plattenmaschine. Ich warf einen Vierteldollar hinein und sang. Nach ein paar Minuten warf der Automat eine kleine Platte heraus. Im Büro haben sie dann die Melodie auf Papier geschrieben.

SPIEGEL: Wie haben Sie die erste Art des Hörens gelernt?

Ertegun: Mein Vater war der türkische Botschafter in Washington. Zusammen mit meinem Bruder Nesuhi, der in Paris studiert und dort viele schwarze Jazzer kennengelernt hatte, veranstalteten wir Konzerte für Schwarze und Weiße in der Botschaft. Es herrschte damals Apartheid, und deshalb war es kein Wunder, daß ein paar Senatoren aus den Südstaaten sich darüber beschwerten, was in unserer Botschaft so getrieben wurde. Vor allem ärgerte sie, daß die Schwarzen den Vordereingang benutzen durften. Mein Vater antwortete nur: »In der Türkei dürfen sogar Bettler vorne rein«, und wir machten weiter.

SPIEGEL: Wurden Ihnen die ersten Platten auch in die Botschaft gebracht?

Ertegun: Die besorgten wir uns schon selbst. Oft ging ich in einen Plattenladen in einem der schwarzen Viertel der Stadt. Und da kamen diese Vertretertypen herein, die sagten: »Wollt ihr noch mehr von der Nummer 6237?« Und ich sagte: »6237 - das ist doch diese Blues-Nummer, auf der Charlie Parker spielt.« Musik war für diese Leute nur eine Nummer. Also sagte ich dem Besitzer, welche Platten er bestellen sollte und welche besser nicht. Zum Dank hat er mir dann ein Abendessen geschenkt - und ich begann zu ahnen: Aus meinem Geschmack kann man Geld machen.

SPIEGEL: Akzeptieren die Künstler Ihren Geschmack?

Ertegun: Nicht immer. Einer meiner erfolgreichsten, ich möchte seinen Namen nicht nennen, kam einmal mit vier Stücken in mein Büro und sagte völlig begeistert: »Das sind die vier Hits zu meinem neuen Album. Ich habe sie meinen Freunden vorgespielt, und sie finden''s toll.« Ich sagte: »Auf Freunde sollte man sich in solchen Fragen nie verlassen - das werden niemals Hits.« Am selben Tag war eine Platte in der Post gewesen, die mir meine Mitarbeiter zum Amüsieren hochgeschickt hatten, weil sie so unfaßbar schlecht war. Der Kerl konnte nicht singen, die Texte holperten, und seine Gitarre war nicht einmal gestimmt. Ich lege also dieses Stück Dreck auf den Plattenteller und hole zwei Mädchen vom Gang, irgendwelche Sekretärinnen, und sage: »Das ist die neue Platte von unserem sehr berühmten Künstler hier. Wie findet ihr die?« Und die Sekretärinnen sagen: »Toll, wunderbar, Gratulation.« Als sie wieder draußen waren, sagte ich zu unserem sehr berühmten Star: »Verstehst du jetzt, was passiert, wenn einer wie du Leute fragt, wie sie deine Platten finden? Du bekommst alles - nur eine ehrliche Antwort bekommst du nie.«

SPIEGEL: Dieser sehr erfolgreiche Künstler - das muß Mick Jagger gewesen sein.

Ertegun: Nein, der war es nicht, aber er hätte es sein können.

SPIEGEL: Funktioniert Ihr zweites Ohr auch noch, außer bei sehr erfolgreichen Künstlern mit sehr berühmten Lippen, wenn es um moderne Musikstile wie HipHop oder Techno geht?

Ertegun: Mit HipHop ein wenig, aber bei Techno, da bin ich komplett im dunkeln. Es ist schwer zu erraten, welche Sorte Geräusche den Leuten besser gefällt. Aber das brauche ich auch nicht: Ich bin fast 75 Jahre alt und habe einen Chef des Musik-Departments, der ist 30 und hat noch nie von Charles Aznavour gehört.

SPIEGEL: Nach einer Krise steht Atlantic jetzt wieder glänzend da. Mit 750 Millionen Dollar Umsatz ist das Unternehmen eine der erfolgreichsten Plattenfirmen der Welt. Was sind die Gründe für das Comeback?

Ertegun: Glück.

SPIEGEL: Nach 50 Jahren im Geschäft sagen Sie, daß Glück der wichtigste Faktor ist?

Ertegun: Glück spielt die größte Rolle überhaupt. Jahrelang haben wir unseren Laden innerhalb des Hauses nur »Lucky Records« genannt.

SPIEGEL: War auch Glück dabei, als Sie es schafften, Ende der Vierziger als erster mit schwarzer Musik ein größeres weißes Publikum zu erobern und so die Grundlage für den Rock''n''Roll zu legen?

Ertegun: Es war eine Art Unfall. Ich weiß nur noch, daß wir in New York saßen und kein Geld hatten, um Platten woanders aufzunehmen. Die schwarzen Blues-Sänger aus den Südstaaten waren nach Chicago gezogen. Die aus Texas waren in Los Angeles, und hier saßen ein paar völlig versnobte Jazzer herum, die sich Konzerte von Debussy anhörten. Also mußten wir denen unsere Musik aufdiktieren, da kam dann eine komische Melange heraus, ganz nett, nur wirklichen Soul hatte das alles nicht. Bis Ray Charles kam. Ich hörte eine Platte von ihm, und es haute mich um.

SPIEGEL: Sie kauften seinen Vertrag für 3000 Dollar. Hielten Sie das damals für ein großes Risiko?

Ertegun: Wenn man jemanden hört, der so gut ist, dann ist es völlig egal, was andere Leute sagen. Jemand, der so gut ist, gehört unter Vertrag. Sonst hat man in diesem Geschäft nichts verloren.

SPIEGEL: Gibt es Leute, die Sie sich nicht leisten konnten?

Ertegun: Elvis hätten wir damals, in den fünfziger Jahren, gern gehabt, und wir boten ihm 25 000 Dollar, aber sein Manager Colonel Parker wollte 45 000. Soviel hatten wir nicht. Anfang der Sechziger suchten die Beatles jemanden, der sie in Amerika vertreten sollte, und mein Anwalt, der damals die Verhandlungen führte, kann mir bis heute nicht erklären, warum es damals nichts wurde. Wären die Beatles zu uns gekommen - ich glaube, sie wären heute noch zusammen.

SPIEGEL: Frank Sinatra wollten Sie nie?

Ertegun: Frank benimmt sich manchmal ungezogen. Einmal sah ich den deutschen Komponisten Bert Kaempfert vor einem Konzert Schlange stehen. Ich wußte, daß Frank oben in seiner Garderobe Fernsehen schaute, weil dort ein Mädchen, auf das er scharf war, auftrat. Ich schleppte Kaempfert, der Sinatras Hit »Strangers In The Night« geschrieben und Sinatra noch nie getroffen hatte, nach oben und stellte ihn vor. Sinatra starrte weiter auf den Bildschirm und sagte: »Nice to meet you - ich habe gerade zu tun.« Aber Kaempfert hat das gefallen.

SPIEGEL: Wie konnten Sie sich, auch mit wenig Geld, schon damals im Rolls-Royce vorfahren lassen?

Ertegun: Meine damalige Freundin, ein Topmodel aus Kalifornien, hatte in meinem Aston Martin bei 90 Meilen pro Stunde den Rückwärtsgang eingelegt, und da die Aston-Martin-Händler gute Freunde von mir waren, konnte ich sie überreden, mir anstatt des ruinierten Aston einen vier Jahre alten Rolls-Royce zu überlassen. Als Chauffeur nahm ich einen 78jährigen Ex-Polizisten namens Frank - er bekam eine schwarze Mütze, 75 Cents pro Stunde -, der hatte vier Söhne, die auch alle Polizisten waren, und so konnten wir ab sofort auf New Yorks Straßen tun und lassen, was wir wollten.

SPIEGEL: Ihr Haarausfall setzte schon sehr früh ein. Woher hatten Sie trotzdem nie versiegenden Nachschub an schönen Models?

Ertegun: Es gibt drei Dinge, die jedes Mädchen gern hat. Nummer eins: Macht und Geld. Die hatte ich nicht wirklich. Nummer zwei: Gut aussehen - das war auch nicht meine Sache. Nummer drei: Spaß. Wenn es einem gelingt, ein Mädchen zum Lachen zu bringen, then you have her. Mädchen wollen nicht weinen.

SPIEGEL: Irgendwann fuhren Sie mit Ihren Mädchen nur noch in einem Greyhound-Bus durch Manhattan.

Ertegun: Wieder ein Unfall. Wir hatten eine kleine Party im Hotel Algonquin, und ein Model mußte zum Flughafen, zurück nach Kalifornien. Auf einmal wollten alle zum Flughafen, und als ich ein paar Limousinen bestellte, fragte ich im Scherz, ob sie dort im Limousinenverleih auch einen Bus hätten. »Ja«, hieß es, »für drei Dollar pro Stunde.« Ich ließ mich mit diesem Bus ins Büro und auf Cocktail-Partys fahren, und es war Platz für alle. Auf einer Party las ich ein paar traurige Vögel auf, einer spielte Akkordeon und war Italiener; einer spielte Geige und war Grieche; und woher der dritte kam, habe ich vergessen, er spielte Gitarre. Ich kaufte jedem einen Smoking und stellte sie fest an, für den Bus. Ich richtete eine Bar ein, Champagner, freie Drinks - ein großer Irrsinn.

SPIEGEL: Mitte der sechziger Jahre begannen Sie, neben Ihren Soul- und Rhythm''n''Blues-Stars große weiße Rockbands wie die Rolling Stones zu umwerben. Ahnten Sie, daß das solche Bands waren, die bald Fußballstadien füllen konnten und aus einem hübschen, kleinen Plattenlabel ein Milliardenunternehmen machen würden?

Ertegun: Die Rhythm''n''Blues-Szene war einfach zu gefährlich geworden, die Diskjockeys wurden von der Mafia bestochen. Und auf einmal kamen diese dünnen weißen Jungs aus England daher, die Beatles, die Who, die Rolling Stones. Wir engagierten also einen Talentsucher in London, der hieß Robert Stigwood, wurde später mit dem Film »Saturday Night Fever« selbst ein kleiner Hollywood-Tycoon - nur damals schleppte er nur Mist an.

SPIEGEL: Warum feuerten Sie ihn nicht?

Ertegun: Er hatte Glück. Ich gab in London eine Party für unseren Soul-Star Wilson Pickett in einer Bar namens »The Scotch of St. James«. Ich nahm mit Wilson einen Drink an der Bar, und da höre ich diese unglaubliche Gitarrenmusik, so, als spiele da Gott persönlich. Ich sage zu Wilson: »Junge, eins steht fest. Dein Gitarrist kann den Blues spielen.« Und Wilson schaut mich an und sagt: »Mein Gitarrist trinkt gerade einen an der Bar.« Ich drehe mich also um und sehe auf der Bühne einen Jungen mit geschlossenen Augen und einem Gesicht rein wie ein Engel. Ich rufe Stiggie zu, so hieß Stigwood damals: »Das ist die Art Musik, die wir brauchen, gib ihm einen Vertrag.« Der Junge war 18 Jahre alt und hieß Eric Clapton.

SPIEGEL: Sie hatten Riesenerfolg. Warum haben Sie dann Ihre Firma Ende der sechziger Jahre an Warner verkauft?

Ertegun: Mein Bruder und Jerry Wexler, denen der Laden mit gehörte, wollten Sicherheit. Wir nannten uns immer noch »Lucky Records«, und wir hatten Angst, daß sich das Glück einmal ändern könnte. Außerdem bot man uns Konditionen, zu denen wir nicht nein sagen konnten. Niemand machte uns Vorschriften, es blieb alles beim alten, nur daß wir jetzt auch noch einen Firmenjet hatten. Wir kamen gerade zurück von der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko, und da fragte er, was er noch Gutes für uns tun könne. Mein Bruder Nesuhi sagte, er hätte gern eine Fußballmannschaft, und so kamen wir zu Cosmos New York. Nur Gott weiß, wieviel Warner damit verloren hat, aber Nesuhi und ich, wir hatten eine großartige Zeit.

SPIEGEL: Woher kam diese Obsession für Fußball?

Ertegun: Oh, aus Bern. Bevor mein Vater nach Washington berufen wurde, waren wir in Bern, London und Paris. In Bern spielten mein Bruder und ich im Garten der Botschaft gegen die zwei Söhne des Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy - Türkei gegen die Schweiz -, und danach lasen wir zusammen den »Kicker«.

SPIEGEL: Zu Cosmos lockten Sie die alternde Elite des damaligen Weltfußballs: Pelé, Beckenbauer und Cruyff. War das schwierig?

Ertegun: Nein, ich war ja Rock''n''Roll-Stars gewohnt. Ich wußte, wie man mit schwierigen Typen umgeht. Cruyff spielte zweimal für uns, dann stellten wir fest: Wir werden zu gut. Es macht keinen Spaß mehr. Laßt ihn uns nach Los Angeles schicken.

SPIEGEL: Wieviel haben Sie für Beckenbauer bezahlt?

Ertegun: Sieben oder acht Millionen Dollar für die Ablöse und zwei Jahre Gehalt.

SPIEGEL: Brachten Sie dem Jungen aus Giesing die Manieren der Großstadt bei?

Ertegun: Franz Beckenbauer war bereits ein vollendeter Gentleman auf dem Spielfeld. Ob einer ein Gentleman ist, das hat mit Geld überhaupt nichts zu tun. Ich kann Ihnen jede Menge reiche, rohe Kerle zeigen. Ein Gentleman wird einer nicht, weil sein Vater ein König ist, sondern weil er echten Respekt hat vor anderen Leuten und eine unauffällige Art der Demut dazu.

SPIEGEL: Wie ist Beckenbauer mit Amerika zurechtgekommen?

Ertegun: Oh, am Anfang war es nicht leicht. Ich lieh ihn gleich nach seiner Ankunft für einen Zehn-Minuten-Einsatz nach Fort Lauderdale, Florida, aus, weil deren Manager mich anbettelte und meinte, dann kämen dreimal soviel Zuschauer. Ich sitze also zu Hause in meinem Fernsehsessel und schaue mir das Spiel an, als Beckenbauer mit dem Ball aufs Tor zurennt und auf einmal stehenbleibt und nicht mehr weiterläuft. Ich dachte: »O Gott, jetzt hat er einen Herzinfarkt.« Als er wieder in New York war, fragte ich Franz, was los war. Er sagte: »Wissen Sie, Ahmet, ich lief mit dem Ball aufs Tor zu, und das ganze Spiel über hatte der Stadionsprecher die Regeln laut erklärt, und es hatte mir nichts ausgemacht. Aber jetzt hörte ich auf einmal: ,Da läuft Franz Beckenbauer. Und vergessen Sie nicht, der einzige, der den Ball mit der Hand berühren darf, ist der Torwart.'' Wissen Sie, Ahmet, das war der Augenblick, wo ich stehenblieb und nachdachte, ob es richtig war, nach Amerika zu kommen.«

SPIEGEL: Warum ist Beckenbauer geblieben?

Ertegun: Wir saßen wenig später in einem Restaurant in New York City. Herein kam Woody Allen. Und noch ehe ich Franz vorstellen konnte, schrie Woody strahlend durchs Lokal: »Franz Beckenbauer!« Da wußte Franz, daß er angekommen war.

SPIEGEL: Als Sie Anfang der Siebziger die Rolling Stones unter Vertrag nahmen, war Mick Jagger sehr von Ihnen beeindruckt. Besonders muß ihm gefallen haben, daß Sie während der Verhandlungen in einem Rockclub in Los Angeles nach Unmengen von Bourbon am Tisch eingeschlafen sind.

Ertegun: Mick mag eben keine Leute, die Druck machen. Außerdem wollte er damals auf ein hippes Label, am liebsten auf ein kleines Funk-Label namens »Excello«. Wir waren dann das, was am nächsten lag, und konnten ihm trotzdem noch fünf Millionen Dollar zahlen.

SPIEGEL: Bald darauf hatte er die Nase voll vom wilden Rock''n''Roll-Leben. Er wollte ein Gentleman des Jet-set sein - so wie Sie.

Ertegun: Mick und ich - wir waren wie Brüder. Er kannte schon vor mir viele Maler und Geldmenschen, die absolut nichts mit Musik zu tun hatten. Er ist sehr sophisticated, er liest Bücher und spricht sogar Französisch. Wir waren zusammen bei vielen Olympischen Spielen und Fußballweltmeisterschaften.

SPIEGEL: Lernte er nicht durch Ihren Einfluß, seinen drogensüchtigen Rebellenfreund Keith Richards abzulehnen?

Ertegun: Mick und Keith sind seit ihrer Schulzeit Freunde. Niemand kann zwischen ihnen stehen. Das erlauben sie nicht. Aber wie bei vielen alten Freunden sprechen sie wegen irgendeines Blödsinns manchmal jahrelang nicht miteinander.

SPIEGEL: Sie haben über die Jahre sicher mehr als genug Konzerte der Band gesehen. Schauen Sie heute noch vorbei, wenn die Stones auf Tournee gehen?

Ertegun: Natürlich. Vor ein paar Jahren habe ich den Ballett-Superstar Baryschnikow mitgenommen, und er war nach der Show ganz still, bis er gesagt hat: »Auf dieser Welt können nur zwei Menschen so tanzen. Der eine ist Baryschnikow, und der andere ist Mick Jagger.«

SPIEGEL: Nach 50 Jahren im Geschäft sind Sie zu der Erkenntnis gekommen, daß Sie viele große Künstler herausgebracht haben, aber kein Genie. Genies, haben Sie gesagt, gab es in diesem Jahrhundert nur zwei: Picasso und Louis Armstrong.

Ertegun: Picasso hat uns die Moderne geschenkt, er hat das gesamte Konzept der Kunst verändert. Und Louis Armstrong brachte der Welt das Konzept des Swing. Er veränderte die

* Mit Redakteur Thomas Hüetlin und Mitarbeiter Christoph Dallach in seinem New Yorker Büro.

Art zu singen und die Art zu spielen. Seine ersten Platten mit dem King Oliver Orchestra beweisen es, man muß es sich immer wieder anhören. Das King Oliver Orchestra war eines der besten Orchester in New Orleans, aber der Rhythmus plätscherte so vor sich hin, bis Louis Armstrong kommt: Er spielt nur ein paar Phrasen - aber das ganze Ding hebt ab wie eine 747. Das ist lange her. Aber es gibt zwei Genies, die noch leben: Ray Charles und Aretha Franklin.

SPIEGEL: Tut es Ihnen manchmal leid, daß Sie Ihre Firma Ende der sechziger Jahre verkauft haben?

Ertegun: Nein, ich habe etwas gegen Reue als solche. Was immer passiert ist, man kann es nicht mehr ändern. Nichts langweilt mich mehr, als Leuten zuzuhören, die mir erzählen: »Oh, wenn mein Vater damals beim Börsencrash nicht soviel Geld verloren hätte, dann könnte ich ...« Das ist nicht interessant. Wenn wir den Laden damals nicht verkauft hätten, wer weiß? Vielleicht wären wir jetzt bankrott. So gehört mir Atlantic zwar nicht mehr, aber es ist immer noch mein Laden.

SPIEGEL: Als ein Mann, der noch fast jede Nacht unterwegs ist, fällt Ihnen das Älterwerden leicht?

Ertegun: Natürlich bin ich heute nicht mehr so oft auf wilden Partys, wo sich die Mädchen ausziehen. Es gibt ohnehin nur zwei Möglichkeiten: Älterwerden oder sich erschießen. Aber Älterwerden heißt nicht Resignieren. Vor zehn Jahren war ich auf einem Klassentreffen in Washington, und siehe da, alle anderen lebten schon als Rentner. Sie waren alt, alt, alt, verheiratet mit sehr alten Frauen, die wie Großmütter aussahen. Man redete nur noch über die Vergangenheit: »Oh, ich war einmal ein Doktor, habe aber vor zehn Jahren aufgehört zu arbeiten. Wir leben jetzt in Florida.«

SPIEGEL: Und da waren Sie stolz auf sich und Ihre schöne Frau Mica ...

Ertegun: ... nein, die anderen taten mir ein wenig leid. Wissen Sie, die sind immer in Washington geblieben. Sie gingen auf teure Schulen, ihre Eltern hatten Geld, sie machten Karriere als Ärzte oder Anwälte, aber große Abenteuer haben sie nicht erlebt. Die sind alle in ihrer Welt geblieben.

SPIEGEL: Und Sie?

Ertegun: Ich wollte raus. Das war schon damals klar, als wir alle 15 oder 16 Jahre alt waren und die mir dauernd erzählten, wie unglaublich toll Glenn Miller sei. Ich hab'' schon damals den Kopf geschüttelt und gesagt: »Freunde, alles schön und gut, aber please, darf ich jetzt endlich richtige Musik für euch spielen?«

SPIEGEL: Mr. Ertegun, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Redakteur Thomas Hüetlin und Mitarbeiter ChristophDallach in seinem New Yorker Büro.

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