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FESTSPIELE Der Grüne Hügel im Kugelhagel

Im Bayreuther Erbfolgekrieg beginnt die Entscheidungsschlacht: Nächste Woche wollen die Politiker die Satzung der Stiftung nutzen, um den ewigen Festspielchef Wolfgang Wagner endlich loszuwerden. Von Klaus Umbach
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 12/2001

Treffen sich vorletzte Woche die beiden Stars der beliebtesten deutschen Kultur-Soap zufällig im Berliner Westin Grand Hotel: Ach, guck an, »Sie auch in der Hauptstadt«, rufen sich die Herren zu, begrüßen sich mit scheinbar herzlichem Händedruck und stecken sogar kurz die Köpfe zusammen. Ja, so sieht man sich wieder, die Welt ist klein. Wirkt ganz wie ein trautes Wiedersehen.

Alles Theater, alles nur gute Miene zum schnöden Spiel. Denn zu sagen haben sich die beiden Herren nichts mehr. Der bayerische Kunstminister Johannes Baptist Zehetmair, 64, und der Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner, 81, sind total über Kreuz: Im Streit um die Zukunft des Grünen Hügels haben sich die einst einträchtigen Kämpen verzankt wie die Kesselflicker.

Kurz vor dem peinlichen Renkontre in Berlin-Mitte hatte die Schlammschlacht zwischen den zwei Kulturträgern ihre bislang heißeste Phase erreicht - hochdramatisch wie eine Wagner-Oper und deppert wie der Komödienstadl.

Wolfgang Wagner fühlt sich von Zehetmair, der über ihn »frei erfundene Behauptungen« verbreite und dabei »die Grenzen des guten Geschmacks weit« unterlaufe, »in unglaublicher Weise verleumdet«. »Erstaunt und empört« schnaubt der Greis gegen das »Kesseltreiben«, die »gezielte Diffamierungskampagne« und die »Demontage meiner Persönlichkeit« durch ein »Mitglied der Staatsregierung«. Und als geradezu »absonderlich« bezeichnet er Zehetmairs »Gebaren«, seine »ganz persönliche Variante eines sentimentalen Rührstücks über familiäre Tradition und Geblüt gleichsam als Erkenntnis staatsmännisch-politischer Weisheit der Öffentlichkeit einzureden«.

»Man kennt ja die Entwicklungen, die mit erhöhtem Alter eintreten«, kommentiert der christsoziale Minister mit hinterfotzigem Taktgefühl den Kugelhagel vom Grünen Hügel, »offensichtlich« lasse dessen greisen Statthalter »sein Gedächtnis im Stich«. Die »Unbeweglichkeit und der Starrsinn« des amtierenden Festspielchefs machten »Konsequenzen« unvermeidlich; was der Herr Wagner, der die Bayreuther Festspiele als sein »Privattheater« betrachte, von sich gebe, gehöre längst »in die Abteilung Rumpelstilzchen": »Müss' ma sehen, wie ma den alten Bock loswerden.«

Nächste Woche soll der Bayreuther Rüpel-Krimi allerdings wieder als seriöses Staatstheater auf den Spielplan: Kommenden Donnerstag trifft sich der Stiftungsrat der Festspiele im Bayreuther Rathaus zur angeblich entscheidenden Sitzung über die Nachfolgefrage; selbst Berlins Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin will eigens einfliegen, der Fall Wagner wird Chefsache. »Wir können uns nicht länger hinhalten lassen«, so Zehetmair zum SPIEGEL, »und ich spreche auch keine leeren Drohungen mehr aus": »Diesem Bub müssen wir endgültig die Bomben aus der Hand nehmen.«

Ob, wie und wann der groteske Ringelpiez um die Macht über die 125 Jahre alten Richard-Wagner-Festspiele tatsächlich beendet werden kann, ist allerdings nach wie vor offen.

Seit der Festspielchef Wolfgang Wagner Anfang 1999 dem Druck des Stiftungsrats nach- und die Diskussion um seine Nachfolge freigeben musste, traten alle Mitwirkenden mit kindischem Trotz auf der Stelle. Wolfgang Wagner beharrte auf der Kandidatur von Frau Gemahlin Gudrun und, da die Dame nicht stach, ersatzweise auf seinem lebenslangen Recht als alleiniger Geschäftsführer der Festspiele und als alleiniger Mieter des Festspielhauses; so war es, so bleibt es, basta.

Seine Tochter Eva Wagner-Pasquier, seine Nichte Nike Wagner und sein Neffe Wieland Lafferentz, als »Abkömmlinge« der diversen Wagner-»Stämme« bei der Nachfolgekür von der Satzung bevorzugt, hielten sich - durch rasch wechselnde und wieder platzende Partnerschaften verbandelt - vor allem kraft Blutsbande für die einzig geeigneten Thronerben und blockierten damit die Chancen eines außerfamiliären Aspiranten für den Bayreuther Hochsitz.

Zwei Jahre hat der Stiftungsrat - lange Zeit ein Schnarchverein aus nibelungentreuen Bayreuthianern - der Groteske des heillos zerstrittenen Clans ohnmächtig zugesehen. Jetzt hat er das Fingerhakeln satt.

»Wir lassen uns nicht länger an der Nase herumführen«, zitierte die »Bunte« den oberfränkischen Regierungspräsidenten Hans Angerer; man entscheide notfalls »eben ohne Wagner«, ermannte sich auch Bayreuths Oberbürgermeister Dieter Mronz; jetzt müsse es, so Nida-Rümelin in der »Woche«, endgültig »zum Generationswechsel kommen«. Die öffentliche Hand scheint zum Schwur erhoben.

In diskreten Zirkeln und Kontakten haben die Stiftungsräte mittlerweile verschiedene Szenarien durchgespielt, die dem störrischen Komponisten-Enkel »den verdammten Ernst seiner Lage demonstrieren« und ihn »so unter Druck setzen sollen«, dass er weich wird und »in einem schwachen Moment endlich nachgibt« (Zehetmair). Erwogen wurden, neben dem Köder einer saftigen Abfindung, die Kürzung der staatlichen Festspielsubventionen, eine außerordentliche Kündigung des Mietvertrags über das Festspielhaus und die Einsetzung eines kommissarischen Festspielleiters oder Notvorstands.

Oppositionsführer Zehetmair hat bereits diverse Rechtsgutachten eingeholt, die ihm »Hoffnung machen, dass wir die Sache auf die eine oder andere Weise aushebeln können«. Für diese Chance nimmt er auch kokett den Ruch eines Königsmörders in Kauf, der »in der Öffentlichkeit den bösen Buben spielt und den Zorn der weltweiten Wagner-Sekte erntet«. Der Präsident der Richard-Wagner-Gesellschaft von Hawaii hat ihm jedenfalls schon einen 206-zeiligen Protestbrief übermittelt: »Wir beschwören Sie, diese Angriffe zu stoppen!«

Abgerückt ist Zehetmairs Fraktion allerdings bislang nur von dem Gedanken, Bayreuth die öffentlichen Gelder zu kürzen oder zu streichen: »Damit würden wir letztlich bloß die Wagner-Konsumenten bestrafen.« Was der Minister nicht sagt, aber weiß: Abstriche bei den staatlichen Zuschüssen würden vor allem im Ausland als Frevel fränkischer Krämerseelen empfunden und sofort die mächtigen Wagner-Vereine als Mäzene auf den Plan rufen. Die Folge: Bayreuth hinge, vom deutschen Fiskus im Stich gelassen, am Tropf fremder Mächte - eine nationale Schande, eine internationale Blamage; also: Hände weg.

Die anderen »Daumenschrauben auszuprobieren« (Zehetmair), hat das Gremium offenbar weniger Skrupel. Dabei ist die Rechtslage höchst zweifelhaft: Dem amtierenden Festspielchef mit Karacho an den Karren zu fahren ist in der Satzung der Stiftung nicht ausdrücklich vorgesehen. Was immer der Stiftungsrat nächste Woche beschließen will, kann er allenfalls mit einer akuten Gefährdung des Stiftungszwecks (Paragraf 2) motivieren. Der sieht vor, dass »das Festspielhaus Bayreuth dauernd der Allgemeinheit zu erhalten und zugänglich zu machen und stets den Zwecken dienstbar zu machen (ist), für die es sein Erbauer bestimmt hat«. Ist da einer, der diesen hehren Zweck torpediert?

Wer Wolfgang Wagner als Mieter aus dem Festspielhaus werfen will, muss ihm vertragswidriges oder zumindest vertragsschädigendes Verhalten schwerwiegender Art nachweisen; wer ihn als lebenslänglich abgesicherten alleinigen Geschäftsführer der Festspiele stürzen und an seiner Stelle einen Kommissar einsetzen möchte, muss Zweifel haben und belegen, dass der Alte nicht mehr Herr seiner Sinne und seines Amtes ist.

»Was die da vorhaben, sehe und erwarte ich ganz gelassen«, gestand Wagner letzte Woche dem SPIEGEL. Dass ihn der Stiftungsrat ständig dränge, endlich einen Termin für seinen Abgang zu nennen, bestätige nur, »dass die Herrschaften ihren eigenen juristischen Tricks misstrauen": »Würde ich mich auf das Jahr 2002 als Ende meiner Amtszeit festlegen, um Ruhe in den Saftladen zu bringen, wären die Herren ja mit einem Schlag aus dem ganzen Rechtsschlamassel raus, den sie sich selbst eingebrockt haben.« Da wird er sich hüten, »ich will mich doch nicht selbst kastrieren«.

Da sitzt er, ein rüstiger, rosiger Greis, der nicht müde wird, in syntaktischem Holterdiepolter seine Verdienste und Sorgen um Opas Erbe aufzuzählen, »die systematische Zersetzung meiner Frau« durch politische Widersacher anzuprangern, den »totalen Alleinvertretungsanspruch« seiner kandidierenden Tochter Eva zu konterkarieren und pflichtschuldig darauf hinzuweisen, dass er »natürlich weit in die Zukunft« plane, planen müsse, »weil es ja sonst keiner tut und kann«. Derzeit jettet er durch die Wagner-Welt, um den nächsten Bayreuther Nibelungen-»Ring« zu besetzen. Den Dirigenten hat er schon: Christian Thielemann, bei den Regisseuren beobachtet er noch »einige interessante Persönlichkeiten«. Premiere ist 2006, »da wird es Zeit«.

Liebend gern - die bockige Lust sieht man ihm an - lässt er seine Gegner weiter schmoren, schließlich hat auch er schon mit seinen Rechtsbeiständen zusammengehockt, nein, »so auf die krumme Tour wird mich der Stiftungsrat nicht los«.

Und doch, ganz so stur, wie er sich lange gegeben und gefallen hat, ist der Alte nicht mehr. Der Aussitzer bewegt sich, neuerdings findet er - Einsicht? Taktik? Muffensausen? - auch Töne von fast pastoraler Sanftmut.

Letzte Woche betonte er jedenfalls, dass er »nicht ausschließlich auf Gudrun Wagner als einzig möglicher Nachfolgerin bestehe«, dass »auch andere Lösungsmodelle denkbar« seien und »durchaus ein Kandidat von außen in Frage kommt, wenn die Familie Wagner die Sache nicht schafft«. Er strebe »eine einvernehmliche Regelung innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens« an, und die sei »allemal kurzfristiger zu erzielen als ein juristisches Ergebnis nach lang andauernden Rechtsstreitigkeiten«.

Ist das die Wende? Jedenfalls kommt Wolfgang Wagner mit den Schalmeien seinem grantigsten Gegenspieler entgegen. Denn auch Zehetmair, der sich offiziell immer für Eva Wagner-Pasquier stark gemacht hat, guckt sich längst auch außerhalb des Wagner-Clans nach geeigneten Kandidaten um. Sein Intimus Peter Jonas, Intendant der Bayerischen Staatsoper, hat bislang abgewinkt, aber »mit anderen Theatermännern« sei er noch im Gespräch.

Anders als der amtierende Festspielchef, der einen Nicht-Wagner auf Bayreuths heiligem Stuhl wohl nur akzeptieren würde, wenn er dadurch eine Inthronisierung seiner ungeliebten Tochter Eva verhindern könnte, spekuliert Zehetmair eher auf eine Festspielleitung im Doppelpack: Das Amt auf dem Grünen Hügel sei schließlich »kein Fulltime-Job, sondern eine Art Sommerresidenz und damit nur das Sahnekrönchen auf einem bewährten Haupt«; deshalb ließe sich Frau Eva guten Gewissens mit einem erfahrenen Bühnenmann liieren.

Und wenn Wolfgang Wagner, der Rachegott, den Stiftungsrat so lange zappeln lässt, wie die von ihm verstoßene Eva dort Liebkind ist? Dann wird sich wohl auch Zehetmair von seiner Favoritin lossagen und mit einem Nicht-Wagner auf dem Wagner-Thron anfreunden müssen: »Ich bin«, sagt er, »durchaus nicht völlig auf Eva fixiert.«

Ehrlich? Schon geistert die Vision durch die Szene, Zehetmair habe Eva - allein oder im Tandem - dazu ausersehen, ihrem Vater als Nebenregentin an die Seite gestellt zu werden und so in dem Betrieb mitzumischen, dessen der Papa nicht mehr Herr werde. »Wenn eine solche Konstellation bei der anstehenden Sitzung herauskommen sollte«, sagt Wolfgang Wagner, »dann geht auf dem Hügel demnächst alles drunter und drüber, und dann hat der Stiftungsrat nur eins erreicht - Bayreuth und seine Tradition kaputtzumachen.«

Und diesem Vorspiel zur Götterdämmerung kehrt er den Rücken. Wenn die Politiker nächste Woche in Bayreuth über ihn zu Gericht sitzen, wird er sich in Korea Großvaters »Rheingold« ansehen - auch ein Stück um Macht, Intrigen und krumme Touren.

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FAMILIENFESTSPIELE Die Bayreuther Intendanten von 1876 bis heute

M Richard und Cosima Wagner

1876 gründete Richard Wagner die Festspiele und leitete sie bis 1882. Nach seinem Tod übernahm Witwe Cosima das Erbe bis 1906.

M Siegfried Wagner

Der Komponistensohn war von 1908 bis zu seinem plötzlichen Tod während der Festspielsaison 1930 Herr des Grünen Hügels.

M Winifred Wagner

Die gebürtige Engländerin war als Witwe Siegfried Wagners von 1931 bis 1944 Herrin von Bayreuth und Hitlers »Hohe Frau«.

M Wieland und Wolfgang Wagner

Die beiden Söhne Winifreds begründeten 1951 »Neu-Bayreuth«. Seit Wielands Tod 1966 ist Wolfgang dort Alleinherrscher.

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