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Der heilige Waldschrat aus Ostpreußen

Carl Amery über den Roman »Exerzierplatz« von Siegfried Lenz Der Münchner Schriftsteller und Sympathisant der Grünen Carl Amery, 63, veröffentlicht in diesem Herbst den Essayband »Die ökologische Chance«. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Um es gleich zu sagen: Lenz überrascht, und zwar aufregend. Ein etablierter Erzähler, seiner Mittel sicher; aber Gott sei Dank mehr als dies: einer, der nach Neuem Ausschau hält und schwer daran arbeitet. Ob das in allen Aspekten gelungen ist, darüber wird zu handeln sein.

Zuerst - wie sich's gehört - das Was und Wie von »Exerzierplatz«. Es ist die Geschichte eines Haushalts von ostpreußischen Flüchtlingen, der sich 1945 in Schleswig-Holstein ansiedelt. Der Wille und das überlegene Wissen des Patriarchen, eines wissenschaftlich gebildeten und praktischen Gärtners, schafft auf einem aufgelassenen Exerzierplatz die ihm angemessene Version des Wirtschaftswunders: eine musterhafte Pflanz- und Baumschule, die zum wichtigsten Betrieb des kleinen Ortes wird und den Bau einer eigenen Verladerampe der Bundesbahn notwendig macht. Die Geschichte der Familie folgt nun der üblichen Kurve, Auflösung kündigt sich nicht nur an, sondern hat voll eingesetzt.

Berichtet aber wird dies alles von einem (um es verdrängungsdeutsch auszudrücken) geistig Behinderten, einem Knaben und Mann namens Bruno, der dem »Chef« bewundernd-bedingungslos ergeben ist, bis Altersdebilität das große Monument zum Einsturz bringt.

Das Ganze ist also eine Ich-Erzählung - und eine Ich-Erzählung besonderer Art. Hier, so scheint mir, ist Lenz in eine Gegend vorgestoßen, die er bisher gemieden hat. Dieser Bruno ist nämlich nicht nur Sancho Pansa oder Simplicissimus; er ist heilig, eindeutig sacer nicht im ethischen, sondern im archaischen Sinne, der geschlagene-erwählte Heilige Tor. Seine Behinderung stammt von einem Schiffbruch bei der Flucht über See, bei dem er die Eltern verliert und vom Huf eines ertrinkenden Pferdes an der Stirn getroffen wird. Sein Lebensretter ist eben der »Chef«, der ihm unentbehrlich ist und dem wiederum Bruno unentbehrlich wird - wegen seines fast symbiotischen Verhältnisses zum Wesen der Pflanzen.

Auch Brunos andere Eigenschaften entsprechen solcher Erwählung: Er vermag in entscheidenden Augenblicken die innere, unbewußte Sprache anderer Menschen zu hören; er ist unfähig, die normale Verschlagenheit, den alltäglichen hundsgemeinen Faschismus, der schon in der Schule beginnt, von sich abzuwehren - höchstens in einem Anfall verzweifelter Amokstimmung; er empfindet seelischen Angriff als körperlichen Schmerz, den er durch selbstzugefügten, stärkeren Schmerz zu bändigen sucht; er vermag sich der spukhaften Präsenz seiner toten Eltern nicht zu entziehen.

All dies macht ihn natürlich in den Augen der Welt zum Trottel - spirituell gesprochen, zum »Lamm« (um einen älteren Topos von Heinrich Böll zu gebrauchen) in einem eher ostchristlichen als abendländischen Sinn. Wenn er zum Schluß in eine unbekannte Welt aufbricht, sind seine Chancen wohl jammervoll. Es ist nicht vorstellbar, daß er außerhalb der Landschaft, die er mitgeformt hat, etwas anderes als eiskalte Ausbeutung erleben wird - und wenn er sich wehren sollte, dann nur mit den Waffen panischer Gewalttätigkeit.

Der Ansatz, der inhaltliche wie der formale, ist klar und stark. Er ist auch konsequent. Das Buch heißt nicht »Der Chef« oder »Die Zellers«, sondern »Exerzierplatz«, ist also die Geschichte eines Ortes mehr als ein Bericht über Personen. Dieser Ort wird aus einem historischen Kontext der Schändung, die buchstäblich nur Schrott (und Leichen) hinterlassen hat, in eine natürliche Erlösung überführt; wird »Biosphäre« im wörtlichen Sinne. Der Prozeß des Romans ist der Prozeß der Arbeit am Boden, an den Bäumen, der Landschaft; ein Prozeß, der unter (oder über) dem gesellschaftlichen liegt.

Ob dieser Arbeit Dauer gelingt, ist mehr als fraglich - Lenz macht das klar. Die unersättliche Appetenz des Staates, das heißt des Militarismus, dem Leben unerträglich ist, bleibt auf diesen Fleck Erde gerichtet, den sie nur unter dem Zwang der Niederlage aufgegeben hat. Die angemaßte Legitimität der Welt-Beherrschung wird wieder versuchen, sich des Exerzierplatzes zu bemächtigen, und wird damit höchstwahrscheinlich Erfolg haben. Die Pacht lautet zwar auf neunundneunzig Jahre - aber was hat dies gegenüber den »höheren Belangen« der »Verteidigung« zu bedeuten?

Auch dies gehört zur Stärke des Ansatzes: Naturgeschichte, in die verkorkste deutsche Machtgeschichte verwoben und mit ihr konfrontiert. Nackt kommen die ostpreußischen Flüchtlinge übers Meer, mächtig durch ihr Wissen von Baum und Boden, entreißen auf eine Generation die Exerzier- und Manöver-Erde der schlimmen Historie, schaffen einen Garten Eden, dämmen im Einverständnis mit der Biosphäre die Entropie; der Verfall des Clans, der Krebs der auf Tod hin organisierten Staatlichkeit, dringt dann wieder vor - mit den Waffen der Habgier, der Entfremdung, der Sachzwänge; treibt den Chef in die Senilität und den Heiligen Idioten in die Fremde, die so fremd ist wie die Oberfläche eines fremden Planeten.

Ein Mythos.

Aber eben als Mythos ist es nicht geschrieben, das Buch »Exerzierplatz«. Und das ist sein, ist Lenzens Problem.

Wiederholen wir: So, wie es geschrieben ist, ist es gut geschrieben; der Erzähler ist sich seiner Mittel sicher. Die Frage, die zu stellen ist: Sind es die

Mittel, die dem (nicht mehr anthropozentrischen) Mythos entsprechen?

Überspitzt könnte man sagen: Hier hat Thomas Mann versucht, den »Idioten« zu schreiben - oder umgekehrt: Parzival erzählt die Buddenbrooks. Man sollte es nicht so verkürzen, denn der Gegensatz zwischen Heiligem Idioten und Familiensaga ist nicht das Hauptproblem. Der entscheidende Widerspruch ist der zwischen der Geschichte eines Platzes, d.h. eines Flecks Biosphäre, und dem üblichen Werkzeug des neuzeitlichen Erzählers.

Da ist Bruno. Er rekapituliert die ganze Geschichte des Abenteuers Exerzierplatz und der Familie Zeller seit 1945 - mit Zeit-Montagen, die uns seit der Odyssee bekannt sind. Er erzählt intelligent, er beobachtet scharf, er verfügt über das volle Vokabular eines guten deutschen Romanciers. Mit diesen Mitteln beschreibt er aber auch seine eigenen Entrückungen, sein eigenes Ausgeliefertsein an den Darwinismus der Mitwelt; er beschreibt als souveräner Erzähler Bruno den Waldschrat Bruno, den Fresser von Samen und Nadeln, das Gefäß biosphärischer Erwählung. Immerfort verkauft er sich über Wert (oder darunter, je nach Standpunkt). Daß dabei auf 460 Seiten ein schönes Stück Leben entsteht, ehrt den Autor - macht aber den Gegensatz zwischen dem Erzähler Bruno und dem Erleider Bruno nicht weniger problematisch.

Ein zweites. Bruno und sein Chef sind Gärtner, und sie reden begeistert von ihrer Arbeit. Hier liegt eine sehr kunstvolle Falle für die Rezeption des Buches: Solche Leute reden natürlich von ihrer Arbeit, aber es geht dabei nicht um Dinge, sondern um Leben - auch wenn unsere trostlose Juristerei Bäume und Pflanzen als Sachen definiert. Die Leute reden über ihre Werkzeuge. Lenz ist den Fakten dieser Arbeitswelt mit erheblicher Akribie nachgegangen; ihm das vorzuwerfen wäre absurd. Das manchmal Volkshochschulhafte der Darstellung, die Auflistung von Schneidegeräten, der Nachhilfe-Unterricht in Botanik - all das ist kaum etwas anderes als die Auskunft eines traditionellen Erzählers, der dergleichen Leuten beibringen muß, die Milch für ein Fabrikerzeugnis halten.

Zu dieser entfremdeten Welt gehören wir natürlich alle; und damit erreichen wir das zentrale Problem. Die Figuren, mit der möglichen Ausnahme Brunos (nicht des Erzählers, sondern des Heiligen Idioten Bruno), stehen schief in dieser Landschaft - notgedrungen schief wie wir alle. Eine intellektuell wie ökonomisch besitzergreifende Haltung, die uns seit Jahrhunderten bestimmt, begegnet hier, an ihre Grenzen gelangend, einer viel umfassenderen, heimisch-unheimlichen Welt, der wir angehören und die uns zurückweist.

Scheitert Lenz also? Scheitert er trotz aller Verfügung über die erzählerischen Mittel? Ja und nein. Denn wenn er an der »stummen Gleichgültigkeit der wahrhaft großen Dinge« (Bertrand Russell) scheitert, dann teilen wir dieses Scheitern - der »Exerzierplatz« bezeichnet diesen Stand unserer Erfahrung. Markant ist etwa das Wort »Baumschule« - die Anmaßung nicht nur gärtnerischen, sondern menschlich-pädagogischen Herrschaftswissens.

Und sollte es Manfred Wörner wirklich gelingen, diese Baumschule zugunsten eines Nato-Manövergeländes zu vernichten, wäre nur der zusätzliche Beweis unserer Ohnmacht und Borniertheit geliefert.

Bruno und sein Chef Zeller (und, so meine ich, ihr Schöpfer Siegfried Lenz) sind wenigstens den wahren Verhältnissen der Biosphäre auf der Spur; wenn diese Spurensuche nur in den traditionell-literarischen Formen »zwischenmenschlicher« Erzählweise vermittelt werden kann, so liegt das am Stand der Kultur, in der wir stehen - und durch die wir verstehen.

Aber gerade deshalb ein Letztes: Es ist richtig und wichtig, daß dieser Mythos nicht von einem Mythenrauner, sondern von Siegfried Lenz erzählt wird. Der Mythenrauner (insbesondere der germanische) hätte unterderhand aus diesem Clan, seinen Beziehungen zu sich selber und seiner botanischen Umwelt einen höchst reaktionären Roman-Gobelin weben können. (Man erwäge nur das

potentiell nicht nur knechtische, sondern hündische Verhältnis Brunos zum allmächtigen Chef.) Dergleichen haben wir, wenn ich mich recht erinnere, schon gehabt, und dieses Erbe von Björndal dürfte noch existieren. Ich erlaube mir zagend die Ansicht, daß das rechtzeitige Erkennen der Signale, die an uns alle ergehen, durch einen demokratischen Moralisten wie Lenz ein Grund zur Hoffnung ist.

Carl Amery
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