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Der Held als Amokläufer

SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek über den New Yorker Anwalt und Krimi-Autor Andrew Vachss
Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 24/1989

Das Ende der Aufklärung kommt leise - als Invasion der Bilder. Die Mythen haben sich den Alltag zurückerobert, und Helden und Monster kämpfen wieder den alten Kampf zwischen Gut und Böse.

Travis, ein kleiner, schüchterner Junge aus Brooklyn, hat mit seiner Hand ein Brett durchgeschlagen. Er hatte ein Monster daraufgemalt, das er in einer TV-Serie gesehen hat, und er hat es durchgeschlagen, um sich wieder stark zu fühlen. Er spielt mit rund 20 anderen Kindern in einer sonnendurchfluteten Turnhalle im Greenwich Village. Sie alle lernen spielend, wie man überlebt - in einer Therapieeinrichtung für mißhandelte Kinder.

Sie sind Opfer oder Zeugen eines Verbrechens, das, nicht nur in den USA, schrecklichen Alltag darstellt und dessen Tatort meistens die Familie ist: Verbrechen an Kindern, den Schwächsten der Schwachen. Travis und die anderen Kinder, die Monster erschlagen, nehmen Zuflucht zu magischen Praktiken, da Vernunft und Gesetze sie offenbar nicht schützen können. Sie üben rituelle Gegenwehr.

Flora Colao, die Therapeutin, eine energische, rundliche Mittdreißigerin, die viel Wärme ausstrahlt, klatscht in die Hände. »Heute werde ich euch zeigen, wie man sich aus einem Würgegriff befreit, auch wenn man viel kleiner und schwächer ist.« Alle spielen begeistert mit. Auch Tracy, die mit Lisa Steinberg befreundet war. Lisa Steinberg war von ihrem Adoptivvater gequält und erschlagen worden. Der Prozeß gegen ihn wurde live übertragen - ein Medienmonster mit hohen Einschaltquoten.

In Flora Colaos Büro hängen Kinderzeichnungen. Oft können die Opfer nicht reden über das, was ihnen angetan wurde. Aber malen können sie es. Die Bilder tragen Titel wie: »Mein Vater verwandelt sich in ein Monster, und selbst die Sonne weint.« Eines zeigt bunte Striche, die durch quer geklebte Streichhölzer getrennt sind. Es heißt: »Der zerbrochene Regenbogen.«

Wer diese Bilder sieht, den überfällt hilflose Traurigkeit. Und womöglich der Wunsch nach einem Helden, einem Rächer, der all diese Monster in der Wirklichkeit besiegt. Aber: Was ist ein Held? Welchen Preis bezahlt er dafür, ein Held zu sein? Und welchen die Gesellschaft?

Einige Kinder sind von einem finsteren Mann ins Village gebracht worden. Für sie ist er ein Held. Sie bewundern ihn und haben Angst vor ihm. Er trägt eine schwarze Augenklappe und ist ein Spezialist für Rache. Das Irritierende: Er scheint, auf den ersten Blick, völlig leblos.

Er ist Anwalt, 46 Jahre alt, kinderlos und heißt Andrew Vachss. Er vertritt Kinder und Jugendliche vor Gericht. Es gibt viele Anwälte, die das tun. Doch erst Vachss hat aus einer moralischen Entscheidung, die schon das Stammhirn trifft - die Schwachen zu schützen -, eine düster schillernde Show gemacht. Er hat seinen Job für die durchs Fernsehen kretinisierte Couch-Potatoe-Gesellschaft, die immer nur bis zum nächsten Werbespot empörungsbereit ist, auf den archaischen Instinktkern reduziert.

Er tingelt durchs Land als »letzter zorniger Mann Amerikas«, und er sieht mit seiner Augenklappe aus, als sei John Carpenters apokalyptischer Kämpfer »Klapperschlange« direkt von der Leinwand in die Wirklichkeit geklont worden. Nahezu jeder US-Talkmaster hat ihn, den Rächer, mittlerweile zu Gast gehabt und lauscht mit ernster Faszination den Sex-and-Crime-Geschichten von Kinderschändern, die er wie ein regloser Roboter von sich gibt.

Er führt einen Kreuzzug gegen liberale Richter und spricht ausdauernd vom »Bösen«, was im Lande der Fernsehprediger besonders gut ankommt. Für Medien und Publikum ist er der Western-Mythos der neunziger Jahre, der Electric Cowboy.

Eingeladen zu diesen Shows wird Vachss nicht als Anwalt, sondern als Autor. Nachts nämlich schreibt der Mann mit der Augenklappe Krimis, um »endlich einmal Geld zu verdienen«. Das Besondere an ihnen: Vachss benutzt tatsächliche Fälle. Er bietet den »wirklichen« Stoff. Und arbeitet, fatalerweise, an der Entwirklichung der verstörenden Realität, weil er aus Fakten Fiktion macht. Das scheint er selbst zu ahnen. Er will nicht Bewußtsein wecken, sagt er, sondern »Wut erzeugen«. Und das schaffen seine Bücher, die sich lesen wie Gebetbücher für Amokläufer: In ihnen macht ein Exsträfling mit Killerhund, Napalm und Handgranaten Jagd auf Pornohändler und Kinderschänder. Auch Flora Colaos Kinderladen im Greenwich Village taucht in ihnen auf, als verkitschte strahlende Insel inmitten eines gigantischen Schlangennests - und der Kitsch wirkt wie ein bequemer, klebriger Ersatz für wirkliche Anteilnahme.

Im vernunftmüden Milieu des neuen Fin de siecle kommen Vachss' Abenteuergeschichten an. Sein Erstling »Flood« wurde mehr als 200 000mal verkauft, und schon für den Folgeroman »Strega« kassierte er einen Vorschuß von 175 000 Dollar. Mittlerweile hat er zwei weitere Romane vorgelegt. Zu seinen Bewunderern gehört nicht nur »Rambo«-Autor David Morrell, sondern auch Robert Gottlieb, Chefredakteur des linksliberalen »New Yorker«. Rezensenten von »The Washington Post« bis »People«, von »Playboy« bis »Männer Vogue« inhalieren ungefiltert den harten »wirklichen« Stoff des Mannes mit der Augenklappe und lassen begeistert Dampf ab: »Wenn Dostojewski Mike Hammer wäre, würde er schreiben wie Vachss.«

Im angesehenen New Yorker Literaturverlag Knopf, wo Vachss neben Autoren wie John Updike erscheint, redet die Pressedame nicht gern über die Bücher. »Wir verkaufen den Mann«, sagt sie strahlend, »ist er nicht wunderbar. Er kämpft für eine gerechte Sache. Er trägt diese Augenklappe, den Verband, den Dreitagebart . . .« Knopf verkauft keine Literatur, sondern den »Rächer«, eine Kunstfigur. Das Verrückte: Andrew Vachss spielt keine Rolle. Er lebt sie. In einem Horrorfilm, den New York für ihn inszeniert hat.

Sein Büro liegt am Ende eines langen Korridors, in einem Hochhaus am Broadway, einen Steinwurf vom Familiengericht entfernt. Die Tür mit der Messingplakette steht ständig offen. Wenn er an seinem Schreibtisch sitzt, eine tiefschwarze Silhouette im Gegenlicht vor dem Fenster, ist er im Vorteil. Er sieht jeden, der hier im 21. Stockwerk den Fahrstuhl verläßt, ohne selbst erkannt zu werden.

Im Ernstfall bleiben ihm gute 20 Sekunden, um durch einen »Geheimgang zu verschwinden« und sich aufzulösen »wie Rauch im Nebel«. Pornohändler und Kinderschänder, murmelt er dunkel, hätten ihn auf der Abschußliste. Selbst Mitarbeiter kennen seine Privatwohnung nicht; Verlagslimousinen müssen ihn an penibel vereinbarten Treffpunkten in Queens abholen.

Seine Hände sind oft bandagiert. Diesmal ist es die Linke. An anderen Tagen ist es die Rechte. »Das ist auf dem Weg zum Büro passiert. Eine Schlägerei.« Wie geschah es? Wo? Er weiß es nicht mehr. Es ging alles so schnell.

Sein linkes Auge starrt dabei leer ins Nichts. Seine Lippen sind hart und schmal. In die Mundwinkel hat sich tiefer Ekel eingegraben. Er trägt Jeans und schwarze Lederjacke. Er sieht haargenau so aus wie der Typ, den sich Comic-Freaks zum Freund wünschen. Hart. HART. Mit ihm zu reden ist wie der Schluß von »Roger Rabbit« - man weiß nicht, ob man es mit einem Menschen zu tun hat oder mit einem Cartoon.

Wenn er das Telephon überhaupt abnimmt, sagt er nur »nein« oder »ja« oder »okay«. Er hat keine Freunde, sagt er, sondern »Kampfgefährten«. Oder »Feinde«. Über die Kindheit des eher schmächtigen Anwalts liefert die Pressemappe Versionen, als seien Schnipsel aus alten James-Cagney-Filmen aneinandergesetzt. In harten Schnitten, ohne Zwischentöne. Sie besteht aus Zweikämpfen, Mutproben, Heldenträumen.

Er wuchs unter den Street kids der Lower West Side auf. Sein Vater, ein ehemaliger Footballprofi, ein Riese, war selten zu Hause. Andrew wurde von der Mutter erzogen, die eine »Heldin« war. Sie konnte wunderbar kochen und nähen und verteidigte einst »ein Nachbarskind« mit dem Messer in der Hand vor dessen großem, zornigem Vater. Über die Schlägerei, in der er sein Auge verlor, gibt er nur vage Auskunft - sie bleibt, wie die Vorgeschichte vieler Helden, in mythischem Dunkel.

Mit 17 bewarb er sich bei den Marines, die ihn jedoch wegen seines Augenleidens ausmusterten. Er verachtete die »Hippiewichser und ihr Getue um Vietnam« und meldete sich, nach einem Job für die Gesundheitsbehörde, für einen Sondereinsatz in Biafra, um nach dem Verbleib von Spendengeldern zu suchen, und er ging, sagt er, »um ein Held zu sein«.

Im Anschluß daran übernahm Vachss die Leitung von Andros II, eines Hochsicherheitsgefängnisses für jugendliche Straftäter. Heute ist er Spezialist für den Bau von Jugendgefängnissen. In einem Artikel, den Knopf der Pressemappe beilegte, schildert Vachss den heldenhaften Kampf mit dem tobsüchtigen Häftling Allen, einem Geschöpf »wie aus einer Stephen-King-Horror-Story«. Der Junge brach ihm zwei Rippen, bevor er k.o. ging. Doch als Allen die Augen aufschlug und erfuhr, daß er Vachss die Rippen gebrochen hatte, weinte er.

Da wußte ich, er ist ein menschliches Wesen . . . Gott stattete mich nicht mit einem tödlichen Schlag aus! Gott gab mir keine Millionen oder politische Macht. Aber wenn ich über die Runden komme und am Ende immer noch stehe, dann habe ich mehr geschafft als alle jene, die anfingen und wieder ausgestiegen sind, alle, die mit Talenten gesegnet sind. Dann habe ich wirklich einen Unterschied gemacht.

Fazit dieser schwarzweißen Hollywoodschnulze: Man kann die Welt erretten, man muß nur einstecken und zuschlagen können. Noch heute schickt ihm Allen Briefe aus den Gefängnissen des Landes. Einen davon hat Vachss über seinem Schreibtisch hängen. »Damit ich nicht vergesse, wofür ich arbeite.«

Im Anschluß an seinen Job als Gefängnisdirektor studierte er Recht. Schließlich hatte er es geschafft. Er hatte sich von der Lower West Side zum Anwalt hochgeboxt. Und nun trat er an, das Gesetzbuch im Halfter, um das »Böse« zu bekämpfen, unter dem er als Kind zu leiden hatte. Er zeigt auf die Rechtsdiplome, die an den getäfelten Wänden seines Büros hängen, als zeige er auf Sheriffsterne.

Darüber, auf einem Bücherbord, zwischen zerlesenen Taschenkrimis und Gesetzestexten, sitzt eine Stoffpuppenfamilie. Es gibt nichts Unschuldigeres als Puppen. Diese hier sind monströs. Sie haben plumpe Gesichter, vage Proportionen, aber exakt nachgebildete Geschlechtsteile. Er braucht die Puppen, sagt er, um von den Kindern zu erfahren, was passiert ist. Sie können oft nicht sprechen. Aber sie können es vormachen an seinen Puppen.

Die Puppen mit ihren Geschlechtsteilen aus Stoff, eingeklemmt zwischen den Fiktionen von Thrillern und den nüchternen Fakten des Rechts, symbolisieren Vachss' Obsession seit 20 Jahren. Eine Besessenheit, die weit über die seiner Anwaltskollegen hinausgeht.

Damals in Ohio, als er für die Gesundheitsbehörde in Rotlichtbezirken fahndete, stieß er zum erstenmal auf das »Böse«. Er entdeckte »neun Monate alte Babys, die mit rektaler Syphilis infiziert waren«. Seitdem, sagt er, hat er nur ein Thema. Dieses. Er redet von Kindern, die als bandagierte Bündel zu ihm in die Praxis getragen wurden, von Babys, die von ihren Vätern mißbraucht wurden, bis ihr Rektum prolabierte, er redet ohne Punkt und Komma, und seine Stimme liegt wie eine dunkle Bleiplatte über seinen Gefühlen. Ein Mensch, der möglicherweise vor langer Zeit irre geworden ist an dem Elend, in dem er arbeitet. Nun hat er die Ruhe einer tickenden Bombe.

Seine Stimme wird erst weich, als er über seine Hunde spricht, den Rottweiler, den Mastiff, den Schäferhund. Auf die Tiere ist Verlaß. »Es ist wundervoll, diese Hunde zu haben. Du hörst jemanden nachts an deinem Haus, und du kannst schon mal die Ambulanz rufen. Keine Macht der Welt könnte diese Hunde stoppen.«

Dann ist er wieder bei seinem Thema. Auf Sex abgerichtete Babys, Inzestopfer. Seine Fixierung hat er offenbar in eine erfolgreiche Waffe verwandelt. Einmal vertrat er ein Baby, dessen Becken gebrochen war. Die Angeklagten behaupteten, das Kind sei ihnen aus den Händen gefallen, und auch der Sachverständige war sich nicht sicher, ob die Verletzung von einem Schlag herrührte, wie Vachss vermutete. Ein anderer Anwalt als Vachss hätte vielleicht ein Gegengutachten beantragt. Doch Vachss holte im Gerichtssaal aus und schlug mit der Hand gegen eine verkleidete Betonwand. Um zu demonstrieren, sagt er ohne mit der Wimper zu zucken, »wie man mit einem Schlag sehr wohl das Becken eines Babys zertrümmern kann«! Er brach sich die Hand und gewann den Prozeß.

Trotz seines engagierten Kampfes entgehen manche Täter ihrer gerechten Bestrafung. Nachts aber rollt er all diese Fälle, die er in seinem Computer gespeichert hat, erneut auf. Nachts schreibt er an seinen Romanen - ein Tastendruck genügt, und er wechselt von den Fakten zur Fiktion. Der Gesetzeshüter darf zum Outlaw werden, der Held zum Monster.

Als Anwalt war er an das Recht, den Mythos der Aufklärung gebunden. Als Outlaw darf er zurücksinken in die Natur, in den Dschungel der Stadt und den Dschungel dunkler Triebe, wo Menschen Sexmaschinen sind und zerstümmelt und zerschnitten werden wie in den Visionen von Hieronymus Bosch. Nachts, wenn Porno-Freaks und religiöse Irre und Rächer durch die Straßen ziehen und eine Armee von fürchterlichen Gerechten die Stadt übernimmt, dann schlägt die Stunde seines Krimihelden Burke.

»Der Tag ist nahe«, bellt der schwarze Straßenprediger Isaac, und es ist der Gott des Alten Testaments, der Gott der Rache, der da durch ihn spricht, nachts, im Nieselregen am Times Square, wo der glatzköpfige Prophet umringt wird von finsteren Lanzenträgern mit nassen Gesichtern, die im Neongeflacker der Pornoshops glänzen und immer wieder verschwinden unter den Dampfschwaden, die aus einem Kanalgitter steigen. »Der Tag ist nah«, brüllt Isaac, »daß dieses Schweinevolk von Perversen und korrupten Politikern vom Erdboden getilgt wird.« Und es ist klar, daß er damit alle Weißen und alle Reichen meint, hier, mitten in Manhattan, das doch eine Wagenburg gegen das Elend ist.

Unter den Zuhörern, unter denen Scorseses amoklaufender Taxidriver Travis Bickle stehen könnte, jungen durchtrainierten Parkatypen, Drogen-Irren mit ihren stumpfen Blicken und abgerissenen Obdachlosen, kommt das heisere Echo »Yeah«. Isaacs Stimme überschlägt sich: »Wir werden das Feuer sein, das vernichtet«, und die Menge in dieser Operette, in diesem Gospel der Wut brüllt »Yeah«. Und vielleicht träumen sie wie Vachss davon, daß am Ende unseres Jahrhunderts die Stunde der Survivors schlagen wird, der durch die Stadtsteppen ziehenden Horden, und dann wird die Kampfform nicht die Revolution sein, sondern der Amoklauf.

Vachss, der Rächer, sitzt in einem alten Ford und raucht Kette. Er glüht. Vor Jagdeifer. Ganz anders als die Polizeioffiziere des Precinct Midtown South, die am Abend zuvor die gleiche Runde machten, ein bißchen mit Rotlicht durch die Stadt fuhren, einen Ladendieb festnahmen und über Baseball redeten, gemütliche Familienväter, für die Verbrechen Routine ist und die zur Polizei gingen wegen der »sicheren Arbeitsplätze«.

Vachss dagegen raunt aufgeregt: »Da standen mindestens 100 Jahre Gefängnis rum. Waffen, Drogen, Kinderschändung.« Aussteigen möchte er nicht. Man könnte ihn erkennen. Er zeigt sein Revier. Das Revier seines Zwillingsbruders, seines Krimihelden Burke. Die 42. Straße mit ihren Pornoshops, die er in der Lyrik Burkes besingt: »Dort kannst du alles kriegen, was ein menschliches Hirn nur auswürgen kann - Sex mit Tieren, Sex als Folter, Sex mit Kindern.«

Einen Block weiter der Port-Authority-Busbahnhof, wo Teenager aus allen Landesteilen ankommen und Zuhälter warten »wie Haie auf rohes Fleisch«. Manchmal kommt ihnen Burke zuvor und schafft die jugendlichen Ausreißer ins Village zu Flora Colao, die in seinen Abenteuern Lily heißt.

Als Anwalt muß Vachss identifizierbar bleiben. Als Burke darf er seine bürgerliche Identität aufgeben. Seine Tarnungen sind perfekt. Seitenlang werden komplizierte Telephonketten und konspirative Wohnungen beschrieben, Adressen als Postfächer, von denen Briefe weitergeleitet werden in verlassene Lagerhäuser, wo schweigsame mongolische Krieger und Blutsbrüder sie irgendwann entgegennehmen. Mit Max dem Stillen, taubstumm und »stark wie zehn Männer«, verständigt sich Burke in Zeichensprache, in kindlichen Scharaden, die über Seiten hinweg beschrieben werden.

Klopfzeichen beherrschen seine Welt. Burke ist maulfaul wie ein unartiges Kind. Oft zuckt er einfach mit den Schultern. Doch es gibt eine gute Mama. In ihrem Restaurant in Chinatown, wo ein Tisch nur für ihn reserviert ist, füttert ihn Mama Wong mit Suppe. Jeden Tag Sauerscharf-Suppe, und die Suppe wird immer wieder beschrieben. Mama Wong sagt: »Damit du stark wirst.«

Burkes regressive Wunschwelt wird bevölkert von Riesen, Kobolden und Feen: Da ist der erwähnte Hüne Max, da ist der kleine Gnom Prof auf seinem kleinen Wägelchen, und da ist Michelle, der Transsexuelle mit dem Herzen aus Gold. Schließlich Mole, der Albino und Tüftler, der sich in einen Schrottplatz vergraben hat. Vachss' Bücher sind unschuldig wie Walt Disneys Dschungelbuch, und tatsächlich ist der »Dschungel« eine überstrapazierte Metapher: »Wenn man im Dschungel lebt, muß man die Tiere kennen.«

Doch da ist auch das Böse im Dschungel, das Vachss' pubertären Survivor-Phantasien den Ruf eingetragen hat, »knallhart und realistisch« zu sein, eine »Mischung aus Beton und Stacheldraht«. Mit voyeuristischer Kälte schildert er sexuelle Verbrechen an Kindern und Frauen, um sich sodann, mit Napalm und Killerhund, in barbarische Sühneschlachten zu stürzen - halluzinogene Metzeleien, die von Buch zu Buch wahnhafter werden.

Burkes Haß ist wie ein Reaktor, der schließlich außer Kontrolle gerät. Auf dem Siedepunkt kippt er um - aus dem Kinderfreund wird der faszinierte Beobachter einer Kinder-Massenvernichtung: In seinem letzten Roman »Hard Candy«, der jetzt in den Staaten erscheint, jagt ein Killer eine Schule mit 200 Kindern in die Luft. Der Killer ist Burkes Freund und Idol. Er inszeniert seinen Amok für die TV-Kameras und für Burke, den er vorher, geheimnisvoll lächelnd, gebeten hat, die Nachrichtensendung zu verfolgen. Wesley, der Killer, macht Burke ein »Geschenk«. Den »wirklichen Stoff« als Live-Reportage.

Der Reporter las die Liste der berühmten Leute herunter, deren Kinder drinnen waren, die Richter, Politiker, Mobster von morgen. Die Samen, die Wesley aus dem Boden brennen wollte . . .

Burke verfolgt den Amoklauf seines Freundes zusammen mit seiner Dschungelbuch-Familie aus Mamas guter Stube. Und stellt eine kindlich-verzagte Frage.

»Glaubst du, daß Wesley in die Hölle kommt?« fragte ich den Prof. Er glaubt an das Zeug. »Wenn ja, dann sollte sich der Teufel auf einiges gefaßt machen.« »Amen.«

In Vachss' zwanghaft verengtem Tunnelblick auf die Welt gibt es nur pornographische Exzesse und Gewaltausbrüche. Dann werden die Bösen zertreten, werden Arme herausgerissen oder, immer wieder, Hände verstümmelt. Trotz aller Gewaltausbrüche aber sind die Figuren leblos. Untote, die unerlöst über einen Friedhof laufen, den Burke New York nennt.

Wo Burke ist, »in einer schwärenden Wunde voller Maden«, können Frauen nur Monster sein. Alle Bücher Vachss', »Flood«, »Strega« (beide auf deutsch im Ullstein-Verlag), »Blue Belle« (deutsche Ausgabe in Vorbereitung) und »Hard Candy«, tragen die Namen von Frauen, die den Weg des Helden kreuzen. Sie sind todbringende Kampfmaschinen, frigide Vampire, die seine Manneskraft aussaugen, Superhexen mit monströser Oberweite (eine alltägliche amerikanische Männerphantasie) oder Huren. Sie sind in ihrer Kindheit verstümmelt und mißbraucht worden, stammen aus Inzest (und müssen dann im Kugelhagel der Polizei für Burke sterben). Oder sie haben Burke in seiner Männlichkeit gekränkt. Sie müssen sich dann ein Hundehalsband umlegen, ihm die Leine in die Hand drücken und um Bestrafung betteln. Burke, Hundebesitzer wie Vachss, nimmt sie von hinten.

Es gibt aber auch Engel, geschlechtslose Wesen. »Oben, wo das Licht für Menschen wie mich nicht leuchtet.« Frauen wie Staatsanwältin Wolfe, die schön und grausam ist, in deren »glänzendem Haar silberne Kämme schimmerten« und die ebenfalls »keine Gefangenen macht«.

Im wirklichen Leben heißt Wolfe Alice Vachss, ist Staatsanwältin für »besondere Aufgaben« und Ehefrau des Autors. Die beiden sehen sich selten. Kinder will er nicht, kann er nicht bekommen, seit er sich die Samenleiter hat durchtrennen lassen. Sein Krimiheld Burke kann keine Kinder bekommen, seit ihm in der Jugend die Hoden zertrümmert wurden.

Vachss' Bücher sind eine beklemmende Krankengeschichte. Seine Texte zerfallen zunehmend und werden von Fieberbildern überflutet. Sie steuern den Amok an, ein Finale im Blutnebel, ein Nichts. Nur fünf Bücher wolle er schreiben, hat er einem Freund anvertraut. Sein viertes hat er jetzt fertiggestellt. Das endlose sadomasochistische Martyrium seines Helden Burke ist ein Opfertod. Burke, der letzte Gerechte, stirbt stellvertretend für die Nation und ihre Sünden: »Vampire wollen mein Blut, und Geier warten auf mein Fleisch.« Nehmet hin und esset alle davon . . .

Vachss, der Erlöser, berichtet stockend von der erschreckenden Rückkehr eines amerikanischen Mythos. Er erzählt vom Sheriff, der, zwölf Uhr mittags, ganz allein loszieht, um das vielköpfige Böse zu besiegen, welches das kleine Städtchen - die ganze Welt - bedroht. In seinen Romanen allerdings ist es immer zwölf Uhr nachts. Und Gary Cooper hat sich in den amerikanischen Werwolf verwandelt.

Während wir in dem alten Ford durch Manhattan kurven, kurven wir durch Dreck. Überall Dreck. Zumindest ist es das, was Vachss sieht. Er wirkt wie sein eigener Gefangener. »Schauen Sie sich den Typen da an, vor der Flipperhalle.« Ein Mann mit Baseballmütze. »Warum hat er wohl diese kindische Mütze auf?« »Aber hier trägt doch fast jeder . . .« »Nein, nein, er will sich an die Kleinen ranmachen, die dort flippern.«

Plötzlich sieht er müde aus. Wie ein Schauspieler, der dazu verdammt ist, ewig auf der Bühne zu bleiben. Die Maske bröckelt, die letzten Zuschauer sind gegangen, und der kleine Burke steht mit einer zerrupften Stoffpuppe in der Hand an der Rampe und muß weiterspielen. Immer weiterspielen. Seine Kunstfigur kostet Kraft. Die Welt zu retten kostet Kraft. Phantasie und Wirklichkeit auseinanderzuhalten kostet Kraft. Wie lange wird sie noch reichen? Irgendwann setzen wir ihn im mitternächtlichen Manhattan ab, in der Nähe seines Büros. Klein und grau geht der Mann über die Straße. Dann verschwindet der »Rächer« um eine Hausecke.

Im Besucherraum von Sing-Sing, der New Yorker Gefängnisfestung auf den Felsen von Ossining, sitzt Häftling Nr. 87-A-6172, ein Mann aus Vachss' Vergangenheit - Allen Settles, den Vachss vor Jahren, als Gefängnisdirektor von Andros II, »wie ein Raubtier« zähmte. Allen hat seitdem nur ein paar Wochen auf freiem Fuße verbracht. Zur Zeit sitzt er wegen schwerer Körperverletzung. Er zieht an einer selbstgedrehten Zigarette. Er verschwendet keinen Blick auf den Fetzen blauen Himmel vor den Fenstern, auf die Möwen, die schlapp über den Stacheldrahtrollen hängen.

Er fixiert die Tür, durch die fortwährend Häftlinge in den Besuchsraum strömen. »Wenn der Nigerianer, dieser Motherfucker, hier auftaucht, bringe ich ihn um.« Und die Wärter, die an der gelben Linie aufgereiht sind und gelangweilt mit ihren Stöcken spielen? »So schnell sind die nicht. Vorher hat der Scheißkerl einen Stuhl im Schädel. Scheiß auf die Entlassung.«

Der Motherfucker hat ihm das halbe Ohr abgebissen. Es hängt am gesunden Rest wie ein schlampig vernähter schwarzer Knopf. »Das Ding wird morgen abfallen.« Er hat die Schnauze voll. Von seinen 32 Jahren hat er 18 in Heimen und Knästen zugebracht.

An Andrew Vachss kann er sich gut erinnern, aus der Zeit, als er Andros II übernahm. Andrew hat erst mal für neue Möbel gesorgt. »Aber ein Kampf mit mir? Nee, Mann, gekämpft haben wir nicht. Das hätte ich ihm auch nicht geraten.« Andrew, sagt Allen, war immer fair zu ihm. Vor acht Jahren, als er für kurze Zeit draußen war, hat er den Anwalt mal in dessen Büro besucht. »Allen«, sagte der, »du siehst ja aus wie ein Monster.« Das hat ihn gefreut.

Vachss' Bücher kennt er nicht. Er liest keine Bücher, sondern »True Detective«. Ein Blatt, das echte Vergewaltigungen, echte Morde covert. »Das ist der wirkliche Stoff«, sagt er und grinst. Und er ist entschlossen, seine Rolle in diesem »wirklichen Stoff« weiterzuspielen. Er ist das Monster, Vachss der Held. Was er machen wird, wenn er wieder rauskommt? Settles zieht an seiner Zigarette und sagt langsam: »Ich werde mich rächen. Was sonst?«

Monster und Helden sind schwer zu unterscheiden.

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