Zur Ausgabe
Artikel 73 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHAUSPIEL Der Herr Direktor

Matthias Hartmann ist der neue Intendant des Wiener Burgtheaters und hat gerade seine erste Spielzeit eröffnet. Das traditionsreichste Theater der Welt und ein umstrittener deutscher Regisseur: Ob das gutgeht? Von Philipp Oehmke
aus DER SPIEGEL 37/2009

Dass alles scheitern könnte, prophezeite Matthias Hartmann zum ersten Mal in einer Nacht Ende August, da waren es noch zehn Tage bis zur Premiere. Er hatte ein paar Stunden zuvor die Proben abgebrochen und mit den Schauspielern Einzelgespräche geführt: So gehe es nicht.

Weit nach Mitternacht wollte er im Palmenhaus, einer Bar mit Blick auf die Wiener Hofburg, noch ein Glas Wein trinken, wobei ein Glas Wein trinken an diesem Abend bei Matthias Hartmann heißt, er bestellt zwei Flaschen Rotwein auf einmal, seine beiden Lieblingsrotweine aus dem Südburgenland, die, die so eisenhaltig sind.

»Wollen Sie mittrinken?«, fragt er. »Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, ich trinke die auch allein.«

Sie kennen diesen Mann im Palmenhaus schon, die Kellner, obwohl Hartmann erst seit ein paar Wochen in Wien ist. Sie nennen ihn »Herr Direktor«. Der Herr Direktor komme oft im Moment, sagen die Kellner, fast jede Nacht.

Eigentlich ist es nichts Besonderes, dass Regisseure kurz vor der Premiere vor dem Chaos stehen und überzeugt sind, alles absagen zu müssen. Das passiert ständig.

Doch Matthias Hartmann, 46, ist seit ein paar Wochen der Direktor des Burgtheaters und hat damit den wohl meistbeachteten Theaterjob der Welt. Der Intendant der Burg ist der Welttheaterdirektor, schrieb die »Frankfurter Allgemeine« einmal. »Eine Lebensperspektive« hat Hartmann seinen neuen Job genannt, als er erklärte, warum er das Schauspiel Zürich nach nur vier Jahren als Intendant schon wieder verlassen wollte.

Zehn Tage waren es an diesem Abend im Palmenhaus noch bis zur Premiere am vergangenen Freitag, und Matthias Hartmann wartete auf ein Wunder, er hatte Angst, dass diese Lebensperspektive Makulatur sein würde und sich die vielen Kritiker bestätigt fühlten. Dass dieser Einmeterdreiundneunzigmann mit dem kurzrasierten Seitenresthaar es eben nicht kann.

Hartmann ärgert die Skepsis der Kritiker, und um sie zu widerlegen, hatte er sich vorgenommen, seine Intendanz mit einem Paukenschlag zu eröffnen: Nein, nicht mit einer Inszenierung von ihm selbst, sondern gleich mit zweien, hintereinander weggespielt, sieben Stunden Theater. Aber Hartmann hat sich nicht irgendein Stück ausgesucht, sondern »Faust I« und »Faust II«, das bedeutendste Großwerk im deutschsprachigen Theaterkanon und das schwierigste.

Schwierig, weil »Faust I« ziemlich ausgespielt ist und kaum noch ein Zugang zu finden ist, der nicht ins Knattertheater führt. Und weil »Faust II« eine Textgroßbaustelle ist, eine Aneinanderreihung von Allegorien und Phantasiebildern, die Goethe selbst bis zu seinem Tod unter Verschluss gehalten hat, weil er wusste, dass man das nicht aufführen kann. Hartmann denkt, er kann.

Doch bei den Proben zu »Faust I« gehorchten ihm die Schauspieler nicht, und »Faust II« war ein Wust aus Technikchaos mit vier großen Videoleinwänden.

»Was soll ich jetzt zu Hause?«, sagte Hartmann in jener warmen Nacht, »da würde ich nur senkrecht im Bett sitzen.«

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Person Matthias Hartmann, dass einerseits seine Einschätzung der Lage ziemlich realistisch erscheint. Die Proben funktionierten wirklich überhaupt nicht. Andererseits aber glaubt man ihm seine Angst keine Sekunde lang. »Matthias behauptet seit zwei Monaten, dass er scheitern wird«, sagt der neue Dramaturg Plinio Bachmann, den Hartmann aus Zürich mitgebracht hat. »Er braucht das, das gibt ihm seine Energie.«

Hartmann ist jemand, der sich in der Position des vom Scheitern Bedrohten nicht unwohl fühlt. Denn das macht ja einen Künstler aus. Und er hat in den vergangenen 20 Jahren als Theaterregisseur immer wieder gezeigt, dass er schwere Dramenbrocken zum Schweben bringen kann; dass sein Theater heiter ist, klug, manchmal poetisch, aber für die meisten Kritiker ist Hartmann trotzdem nur ein »Richtigmacher«, ein »Erfolgsempfänger«, ein »Regie-CEO«. Sie werfen ihm vor, dass er gefälliges Theater mache, der größtmögliche Vorwurf in dieser Welt.

Hartmanns Problem ist es, dass das Theater die letzte Kunstform ist, in der die Kritikermeinung noch die härteste Währung ist. Eine Jury aus Theaterkritikern bestimmt, welche Inszenierungen jährlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden, und jeder Regisseur, der in der obersten Liga mitspielen will, muss es mit seinen Inszenierungen dahin schaffen, nur das zählt. Ein von Hartmann in Szene gesetztes Stück war das letzte Mal vor elf Jahren in Berlin. Selbst Mitglieder der Jury sagen, dass dies eigentlich eine Ungerechtigkeit sei.

Hartmann hat zwei sehr erfolgreiche Intendanzen hinter sich, zuletzt in Zürich, wo er Rekordzuschauerzahlen erreichte, davor in Bochum, wo er einem Stadttheater wieder zu nationaler Bedeutung verhalf. Er inszenierte, kaum 30-jährig, schon hier in Wien am Burgtheater während der Peymann-Zeit, davor in München und Hannover, das war Anfang der neunziger Jahre, und der Kritiker der »Süddeutschen Zeitung« schrieb ihn damals zum neuen Theaterwunder hoch. Nun ist er tatsächlich ganz oben. Er hat es geschafft, auch gegen den Meinungsmarkt. Doch als seine Ernennung vor drei Jahren bekannt wurde, hieß es, ein Theater-Yuppie und kein Visionär übernehme die Burg. Es ist nicht so, dass Hartmann dieser Ruf nichts ausmacht, aber seinen Porsche-Cabrio, Zürcher Kennzeichen, parkt er trotzdem jeden Tag auf einer der Vorfahrten der Burg.

Kunst oder Porsche, das ist das Spannungsfeld, in dem Hartmann seine Intendanz hier begonnen hat. Er hat viel zu beweisen.

Hartmann hat die Mephisto-Rolle in »Faust I« mit Gert Voss besetzt, eine Traumbesetzung eigentlich. Voss ist nicht nur der unbestrittene Star des Burgtheater-Ensembles, er ist wahrscheinlich der größte lebende Theaterschauspieler, und meistens weiß er mehr über das Stück und die ihm zugedachte Rolle als sein Regisseur.

Doch Voss ist inzwischen 67 und hat schon als King Lear mit Herzproblemen kämpfen müssen. Jetzt will er es noch einmal beweisen, er hat sich genau überlegt, wie er den Mephisto spielen will. Er möchte auf die Bühne gehen, sich selbst wie eine Lok auf die Schienen setzen, die er sich vorher im Geiste ausgelegt hat, losfahren und nicht mehr anhalten. Doch dann steht immer dieser Hartmann auf den Gleisen und will ihn umleiten, möchte Dinge anders, kritisiert ihn, wenn auch äußerst vorsichtig.

Langsam, zunächst von Tag zu Tag, nun aber von Stunde zu Stunde, entsteht ein Psychokrieg zwischen Schauspieler und Regisseur, auf dessen Höhepunkt Voss zu Hartmann sagt: »Matthias, wenn du nicht möchtest, dass ich diese Rolle spiele, trete ich gern zurück. Aber denke daran: Ich habe mit großen Regisseuren gearbeitet: Tabori, Zadek.«

Große Regisseure. Offenbar zählt Voss seinen neuen Chef nicht dazu. Das muss man erst einmal aushalten.

Doch das Voss-Problem überschattet diese Tage, und natürlich ist es eine große Gefahr für Hartmann. Wenn Voss schlecht spielt, wird es heißen, Hartmann könne noch nicht einmal aus den größten Schauspielern etwas herausholen. Er muss Voss also hinkriegen. »Wenn er es überhaupt bis zur Premiere schafft«, sagt Hartmann. »Ich sehe ein Chance von 50 Prozent, dass er sich noch krankmeldet.«

Eines Abends, wieder beim Rotwein, diesmal im Vestibül, dem Restaurant im Burgtheater, fängt Hartmann, kaum hat er den ersten Schluck genommen, unvermittelt an, von seinen Eltern zu erzählen und von seiner Kindheit. »Ich dachte, das geht so«, sagt er. »Sie wollen mich doch verstehen.«

Er erzählt von einer höchst gestörten Familie, in der er aufwuchs, von seinem Vater, der Teile einer Textilfabrik in Osnabrück geerbt hatte und sie später verkaufte, sich einen Bart wie Karl Marx wachsen ließ und dann den ersten Dritte-Welt-Laden Deutschlands aufmachte. Und er erzählt von seiner Mutter, die esoterisch war, Künstlerin irgendwie, und in einer Ente herumfuhr. Er erinnert sich an Urlaubsreisen in den siebziger Jahren, in denen die Familie stundenlang zu fünft im Auto saß und nicht miteinander reden konnte und die Mutter ständig ausflippte. Der Vater schickte ihn nach England auf ein Internat, dort lernte er, ein Spätzünder, sich überhaupt sozial zu verhalten, sagt er. Er kam wieder, brach die Schule kurz vorm Abitur ab, ging auf Reisen in Südeuropa, kam erneut zurück und machte schließlich Abitur. Anschließend versuchte er zweimal, sich zum Kaufmann ausbilden zu lassen, beide Male brach er ab.

Warum erzählt er das? Will er beweisen, dass eine dysfunktionale Jugend ihn zum Künstler gemacht hat?

»Im Gegenteil«, sagt Hartmann. »Ich will Ihnen meine Sehnsucht nach Bürgerlichkeit erklären, die mir ja immer vorgeworfen wird. Meine Sehnsucht, mit meiner Familie in einem Haus zu leben und einen Range Rover in der Einfahrt zu parken.« Das seien die Kinder gewesen, die er in der Schule immer beneidet habe, die von ihren blonden Müttern abgeholt wurden in diesen großen, grünen, schönen Range Rovern.

Es ist vielleicht diese Unentschiedenheit zwischen Bürgerlichkeit und Künstlerstreben, die Hartmann zu jenem Anti-Ideologen gemacht hat, der er ist, und was ihn verdächtig macht in der Theaterwelt. Er hatte während seiner Zeit in Zürich keinerlei Furcht, Regisseure zu engagieren, die den Erfolg bei der Kritik hatten, den er eigentlich für sich erhoffte. Er ließ sie inszenieren, obwohl er ihre Arbeiten eigentlich furchtbar fand und ihre Vorstellungen manchmal vorzeitig verließ. Dem Theater hat das gutgetan, aber Hartmann natürlich auch, weil die Akzeptanz dieser Regisseure auch auf ihn abstrahlte. Er schließt rasch Bündnisse und zertrümmert sie genauso schnell. In Zürich wusste am Ende niemand mehr, mit wem Hartmann sich gerade wieder überworfen hatte.

An einem Donnerstagnachmittag, acht Tage vor der Premiere, hat er seinen ersten öffentlichen Auftritt als Burg-Direktor, ausgerechnet bei einer Trauerfeier - für den Schauspieler Professor Heinrich Schweiger, Ehrenmitglied des Ensembles. Es scheint etwas sehr Österreichisches zu sein.

Manche Burgschauspieler werden Ehrenmitglieder des Burgtheaters, das bedeutet, dass sie, wenn sie sterben, auf der Feststiege des Burgtheaters, durch die früher nur der Kaiser das Haus betreten durfte, aufgebahrt werden. Hartmann beendet die Probe zu »Faust II« ein bisschen zeitiger, bindet sich eine schwarze Krawatte etwas schief um seinen Hals und bewegt sich steif Richtung Feststiege.

Dort tritt er hinters Rednerpult, blickt die gewaltige, mit Blumen geschmückte Treppe hinab und hinauf zu den Deckengemälden von Gustav Klimt. Er müsste nun diese Zeremonie eröffnen, doch bevor er zu reden beginnt, stockt er. Zum ersten Mal scheint ihm bewusst zu werden, auf was er sich hier eingelassen hat: Da sitzen sie alle in Schwarz in dieser Prunkhalle, die alten Burgschauspieler, manche sind 30, 40, 50 Jahre hier, sie haben die Intendanten kommen und gehen sehen, die Bedächtigen wie Benning, die Zampanos wie Peymann, die Konsolidierer wie Bachler und nun also dieser Hartmann, aber woher kennt man den noch mal? Aus Zürich? Na, schön. Ach, in Bochum war er auch? Gibt es dort ein Theater?

Junge Ensemblemitglieder sind kaum da bei dieser Feier, aber fast alle alten, ihnen läuft der Schweiß über das Gesicht, sie fächeln sich Luft zu. Der verstorbene Heinrich Schweiger hat 1949 zum ersten Mal an der Burg gespielt, also 14 Jahre bevor Hartmann überhaupt geboren wurde. Der hat sich heute vernünftigerweise dafür entschieden, bescheiden aufzutreten, fast demütig.

Dass Hartmann sich seine erste Rede als Direktor zu einem erfreulicheren Anlass gewünscht hätte, sagt er, und dass er den Kammerschauspieler Professor Schweiger nur ein paarmal erlebt habe bei einem seiner ersten Besuche hier am Theater und wie der Kammerschauspieler Professor Schweiger ihn dabei fotografiert habe, sehr schöne Fotos seien das geworden. Und dann ist die Rede nach wenigen Minuten vorbei. Hartmann ist von sich selbst ausgegangen, niemand mag ja lange Reden hören, erst recht nicht bei 35 Grad. Doch da hat er sich getäuscht.

Als Nächster schreitet der Kammerschauspieler Michael Heltau hinter das Rednerpult, auch er ein Ehrenmitglied des Ensembles, auch er hat hier in den vergangenen rund 40 Jahren so ziemlich alle großen Rollen gespielt. Seine Rede handelt von der Tradition und plötzlich auch vom Regietheater und erinnert darin an die Rede, die der Schriftsteller Daniel Kehlmann zur Eröffnung der Salzburger Festspiele gehalten hat. Vertrat Kehlmann die Meinung, dass nicht nur die Kunst, sondern auch sein Vater, ein Regisseur, am Regietheater zugrunde gegangen sei, so erfährt man nun, dass nicht nur die Kunst und Kehlmanns Vater, sondern auch das Burgtheater und besonders der nun verstorbene Kammerschauspieler Professor Heinrich Schweiger sehr darunter gelitten haben, dass Regisseure sich heutzutage wichtiger nehmen als das aufzuführende Werk oder gar die großen Schauspieler. Sie lassen Schauspieler absurde Dinge tun und kritzeln in den großen Texten von Schiller und Shakespeare rum.

Der Mann sagt nicht, dass ohne das Regietheater der Kammerschauspieler Professor Schweiger noch leben würde, aber trotzdem hat man genau diesen Eindruck.

Hartmann schwitzt jetzt auch stark. Diese Rede ist offensichtlich an ihn gerichtet. Sie erwarten von ihm, ein Bewahrer zu sein, dass er ein schönes, ein publikumsverträgliches Theater spielen lässt, schon ein bisserl modern, aber nicht so sehr.

Nach der Zeremonie, nachdem Matthias Hartmann, direkt hinter dem Sarg und den Fackeln herlaufend, zu den Klängen der alten Kaiserhymne das Burgtheater in sengender Hitze einmal umrundet hat, fragt er sich, ob seine Berufung nicht vielleicht ein Missverständnis war. Was reden die denn da? Er möchte hier modernes, politisches Theater machen, sagt er, sein »Faust II« zum Beispiel arbeitet mit Projektionen, die die auf der Bühne gefilmten Vorgänge in Echtzeit verfremdet wiedergeben: eine Technik, die er schon in seiner vielleicht besten Inszenierung, der Bochumer Adaption von Christian Krachts Roman »1979«, so ähnlich angewandt hat. Das ist sicher nicht, was sich der Ehrenschauspieler Heltau vorstellt, und auch nicht das, was sich jener Mann wünscht, der vor drei Jahren Matthias Hartmann im Alleingang zum Direktor ernannt hat: Franz Morak, ehemaliger Kunststaatssekretär der damaligen rechtskonservativen Regierung, der Königsmacher.

Auch er ist zur Trauerfeier gekommen. Er sitzt in der letzten Reihe vor der Marmorwand, das Gesicht merkwürdig fahl und ebenso marmorfarben wie die Wand. Morak ist begeistert von Heltaus Rede. Und von der Rede Kehlmanns. Ob man die auch gelesen habe? »Ich bin mir sicher, ich habe mit Hartmann den richtigen Mann ausgewählt«, sagt er.

Morak war selbst 20 Jahre lang Burgschauspieler, in den neunziger Jahren rieb er sich als Vertreter des Ensembles auf in Kämpfen mit dem damaligen Intendanten Claus Peymann. Irgendwann gab Morak frustriert auf. Er wurde Politiker.

Im Jahr 2000 machte ihn der Kanzler Schüssel zum Kulturstaatssekretär. Und als dieser durfte Morak den nächsten Direktor des Burgtheaters bestimmen: Franz Morak hatte die alleinige Macht über das Theater.

Und er wollte nur Hartmann. Er hätte auch Ulrich Khuon fragen können, der mit dem Hamburger Thalia Theater inzwischen zweimal zum »Theater des Jahres« gewählt worden ist. Oder Martin Kusej, der sich, selbst Kärntner, in seinen Inszenierungen oft an seinem Heimatland abarbeitete. »Der Hartmann«, sagt Morak, »kann nicht nur inszenieren, der kann auch so ein Haus leiten. Zürich: äußerst erfolgreich. Bochum: eine Sensation. Es gibt momentan keinen erfolgreicheren Intendanten.«

Also hat er mit den anderen gar nicht erst gesprochen. Viele Kritiker hatten Kusej gewollt. Hartmann, ganz Hartmann, reagierte darauf bei seiner Antrittspressekonferenz, er erklärte den Wienern: »Sie haben das Beste gewollt, das haben Sie verdient, und das kriegen Sie auch.«

Die Tage vor der Premiere gehen dahin, das Chaos wird größer. Gert Voss verausgabt sich während der Proben, spürt Vorhofflimmern, die Proben müssen unterbrochen werden.

Am folgenden Tag meldet er sich krank, er sei im Spital. Hartmann reagiert auf die Frage, wie es ihm gehe, nur noch mit dem Satz: »Das kann keine ernstgemeinte Frage sein«, aber in Wirklichkeit ist am Theater niemand ernsthaft besorgt, man kennt ja diesen Vorpremierenirrsinn. Auch scheint es nicht so zu sein, als trete diese Situation - Voss krank, kurz vor der Premiere - zum ersten Mal auf. Die stellvertretende Direktorin Karin Bergmann prophezeit, dass Voss am Montagabend wieder bei der Probe sei. Hartmann fragt, woher sie das denn wisse.

Sie zieht vielsagend die Achseln hoch, sie glaube das halt, sie wisse das.

Hartmann sagt: »Merkwürdig. Jeder hier scheint genau zu wissen, was das zu bedeuten hat, wenn Voss ausfällt. Nur ich nicht.«

Doch dann entdeckt er noch ein echtes Problem, das ihn die nächsten Tage umtreiben wird: Es ist die Hitze. Was, wenn es am Tag der Premiere immer noch so heiß sein wird in Wien? Hartmann will schnell noch eine Klimaanlage ins Burgtheater einbauen lassen. 35 Grad im Zuschauerraum, heiße Luft und Schweiß, das verdrießt den Zuschauer, und ein Zuschauer, der verdrossen ist, lässt sich nicht so schnell begeistern. »Kein Theater kann so gut sein, dass man sieben Stunden schwitzen will«, erklärt Hartmann der kaufmännischen Direktorin des Theaters. Das klingt ein wenig irre, ist aber in Wahrheit ziemlich gerade gedacht, da ist er wieder, der Theatermanager.

Die kaufmännische Direktorin sagt, eine gemietete Klimaanlage koste 70 000 Euro, das gehe nicht. Außerdem sei es ja auch 130 Jahre lang so gegangen.

Am Tag der Premiere, am vergangenen Freitag, steht Hartmann auf dem Balkon seines Direktorenbüros, eine halbe Stunde noch: Es tröpfelt. In der Nacht sind die Temperaturen von 29 Grad auf 17 gefallen. Wenn Hartmann nicht so nervös wäre, könnte er dem Himmel danken. Voss wird auch spielen, natürlich. Einer Kritikerin hat Hartmann gestern noch einen bösen Brief geschickt. Sie hatte geschrieben, eine Eröffnung mit »Faust I und II« sei großkotzig.

Während der Vorstellung rennt Hartmann hin und her zwischen seinem Direktorenbüro, wo es einen Monitor gibt, und dem Zuschauerraum. Nach vier Minuten kriegt Voss den ersten Lacher. Im zweiten Prolog von »Faust«, ruft er plötzlich: »Stadttheater! Scheißtheater! Burgtheater!« Gejohle. Das steht so nicht im Goethe-Text. Ist das Hartmann oder Voss?

Hartmann sagt: »Drücken wir es so aus: Bei 'Faust I' gehorcht die Aufführung dem Stück und den Schauspielern. Bei 'Faust II' gehorcht sie meinem Gestaltungswillen.«

Als der Vorhang nach sieben Stunden fällt, steht Hartmann Hand in Hand mit Voss auf der Bühne. »Faust I« war ein typischer Hartmann: Konzentration auf den Stoff, verblüffende Effekte. Mit dem unerzählbaren »Faust II« raste er durch Raum und Zeit. Großer Applaus, wahrscheinlich werden ihn die Kritiker trotzdem nicht mögen. Es ist ihm egal, da oben auf der Bühne.

Später will er ins Vestibül, Rotwein trinken. Den, der so eisenhaltig ist.

Zur Ausgabe
Artikel 73 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.