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John le Carré über Greville Wynne: "Der Mann aus Moskau" DER HUT STAMMT VON BOND

Der britische Ex-Diplomat und Romancier John le Carré (bürgerlich: David Cornwell), 36, schrieb die Bestseller »Der Spion, der aus der Kälte kam« und »Krieg im Spiegel. -- Der britische Exportkaufmann Greville Wynne, 48, wurde als Kontaktmann des sowjetischen Geheimdienst-Obersten und Verräters Oleg Penkowski 1963 in Moskau zu acht Jahren Gefängnis verurteilt und 1964 gegen den sowjetischen Spion Gordon Lonsdale ausgetauscht.
aus DER SPIEGEL 44/1967

Warum Spione nicht die besten Autobiographien schreiben, hat naheliegende Gründe. Daß ein Mann, dem man stets einschärft, nie freiwillig Informationen zu liefern, nie unnötigen Gebrauch von seinen Kommunikationsmitteln zu machen, immer seine Spuren zu verwischen, die Wahrheit immer als seinen natürlichen Feind zu betrachten und immer den Geschmack und die Haltung einer völlig langweiligen Person anzunehmen, falls er nicht schon derart langweilig sein sollte -- daß ein solcher Mann also eine Geschichte gut erzählt, selbst wenn es sich um ein außergewöhnliches Thema handelt, ist wenig wahrscheinlich,

Als Schriftsteller muß der Spion noch ein weiteres Problem lösen. Bevor sie zur Feder greifen, fragen sich viele von uns Schriftstellern, in welcher Haltung sie erzählen, hinter welcher Maske sie sich verbergen wollen. Für den Spion jedoch ist die Verkleidung eine Frage des Überlebens. Als was wird er auftreten? Wie soll er sich einer feindlichen Welt am besten darstellen? Als Mönch? Als Soldat? Mr. Wynne hat in seiner Autobiographie »Der Mann aus Moskau« einen ganzen Kleiderschrank voller Kostüme bemüht.

Mr. Wynne hat eine großartige Geschichte zu erzählen. Als Ostwesthandels-Kaufmann war er das wichtigste Bindeglied zwischen dem sowjetischen Verräter Oberst Oleg Penkowski in Moskau und einem angloamerikanischen Geheimdienst-Team mit Sitz in London. Die Informationen. die Penkowski beschaffte und Wynne weitergab, führten zu der zweifellos größten moralischen Niederlage, die je eine der beiden Parteien im Kalten Krieg erlitt: zu Chruschtschows Entschluß, seine Raketen von Kuba abzuziehen. Seine Story war vom Hauch der Weltgeschichte umwittert, von Anfang an. Klar erzählt, hätte sie durch die Beschreibung der Qual der historischen Entscheidung und durch die Beschwörung von Präsident Kennedys Schatten noch spannender gemacht werden können.

Außerdem: Obwohl er verhaftet, verhört und eingesperrt worden war, überlebte Mr. Wynne. Das aber ist in Wirklichkeit gar nicht so überraschend. Wer heutzutage hinter den Eisernen Vorhang geht, geht sicherer, wenn er vorher den heimischen Geheimdienstvertreter konsultiert. Anders als Gerald Brooke, hatte Mr. Wynne diese Vorsichtsmaßnahme getroffen, und deshalb konnte er gegen Gordon Lonsdale ausgetauscht werden. Vielleicht werden wir eines Tages ein Kreditsystem haben: Nehmt Kroger gleich, zahlt, wann Ihr könnt. Bis es soweit ist, möchte ich jedoch lieber in Mr. Wynnes als in Brookes Schuhen stecken. Und da Mr. Wynne vor seiner Rückkehr öffentlich verhört worden war und da die sowjetische Staatsanwaltschaft einen detaillierten Bericht über seine Spionagetätigkeit in Moskau, London und Paris angefertigt hatte, konnte man in Whitehall herzlich wenig tun, um Wynne daran zu hindern, den Bericht zu bestätigen. Aber Mr. Wynne hatte spezifische Handikaps zu überwinden. Erstens war man ihm durch die posthume Veröffentlichung von Oleg Penkowskis Tagebüchern zuvorgekommen. Viele seiner wichtigsten Behauptungen werden darin in einer von offizieller Seite inspirierten Einleitung offen in Frage gestellt. Zweitens scheint Wynne sowohl als Schriftsteller wie auch als Spion einer von den Leuten zu sein, die nie etwas auf sich beruhen lassen können. Als der Spion Wynne das Gewand des Schriftstellers Wynne anlegte, wählte er irrtümlich das Habit des Romanciers. Und dabei noch nicht einmal das eines beliebigen. Die Geister John Buchans und lan Flemings sind ihm allzu nahe.

Am Schreibtisch ist er in jeder Situation ein Held. Das tragische Opfer eines Scheinprozesses gibt es nicht mehr; an seiner Stelle steht eine Mischung aus Richard Hannay, James Bond und dem heiligen Georg. Mr. Wynne behauptet, er habe keinen materiellen Lohn für seine Arbeit erhalten; im Gegenteil, er habe alle kleineren Ausgaben aus seiner eigenen Tasche bezahlt. Dem Image des Gentleman-Spions getreu, spricht Mr. Wynne kein Russisch; ja, alle Fremdsprachen kommen ihm ein bißchen spaßig vor.« Ich kann einfach seinen langen Russki-Namen nicht aussprechen«, sagt er; und sein Französisch reicht gerade, um Penkowskis Prostituierte in Paris fortzuschicken. Immer sind seine Gegner ihm unterlegen. Obwohl sie ihm Tonbandaufnahmen seiner Unterhaltungen mit Penkowski vorspielen und ihm Filme von ihren heimlichen Verabredungen zeigen, führt er sie immer noch bei jeder Gelegenheit hinters Licht:

»Er lächelt wie eine Schlange. »Wir haben Filme, auf denen Sie Päckchen in Empfang nehmen. Seien Sie doch nicht so töricht, das zu leugnen!« Hier muß ich sehr rasch denken.«

Ich kann mir gut vorstellen, was Mr. Wynne gerade in diesem Augenblick. langsam oder schnell, dachte. Er hatte Angst und verfluchte den Tag, an dem er diesen Job übernommen hatte.

Wenn er jedoch über das Leben in Rußland berichtet, führt ihm statt Buchan Fleming die Feder. Was das Leben in Rußland ja so schwer macht, sind schlechte Restaurants und schlechte Körperpflege. Zwar dürfen Mädchen im Büro weiße Kittel tragen, aber die Kittel sind nicht gebügelt; »Büstenhalter und Deodorant kennen sie nicht«, klagt Wynne. In Moskau muß man schrecklich lange auf das Essen warten, und Ermittlungsbeamte riechen schlecht. Kein Wunder, daß Reader's Digest das Buch in Fortsetzungen druckte.

Gott sei Dank also, daß es den westlichen Geheimdienst gibt, der in Paris nicht nur das beste Essen der Welt spendiert, sondern in einem schicken Hotel gleich eine ganze Etage mietet und durchreisende russische Spione mit einem ganzen Schwarm schmucker, kesser Käfer bedient.

Würde dieser Bond wirklich umsonst gearbeitet haben?

Penkowskis »Geheime Aufzeichnungen«, so anrüchig sie sein mögen, erzählen (in Frank Gibneys Ausgabe) jedoch eine ganz andere Geschichte, wie Mr. Wynne in diese Affäre verwickelt wurde: Als sich Penkowski entschlossen hatte, Verräter zu werden, bemühte er sich sechs Monate lang vergebens, die westlichen Geheimdienste für seine Waren zu interessieren. Bei seinen Versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wandte er sich an eine Anzahl amerikanischer Studenten in Moskau. Da er überall auf Ablehnung stieß, wandte er sich schließlich an Mr. Wynne, einen zugelassenen Ostwesthandels-Kaufmann mit ein wenig Geheimdiensterfahrung aus dem Krieg. Durch einen makabren Zufall sei Wynne so Kurier des wichtigsten Spions der Geschichte geworden. Die Story klingt wahr und macht Mr. Wynne durchaus Ehre: Schließlich hat ja jeder, der dem Vaterland ehrlich dient, sein Päckchen zu tragen, wenn Geschichte gemacht wird.

Aber davon will Mr. Wynne durchaus nichts wissen. Mr. Wynne besteht auf der Behauptung, der allwissende britische Geheimdienst habe ihn fünf Jahre lang für seine Aufgabe vorbereitet und Penkowski vorher als potentiellen Überläufer ausgewählt, als Penkowski melancholisch vor einem Cafe in Ankara auftauchte. Mr. Wynne behauptet auch, er sei lange vor Beginn der Operation, die er als das »größte voraus geplante Unternehmen in der Geschichte der Spionage« beschreibt, über die Maßen gut ausgebildet worden. Mit einem Wort, der Super-Spion Wynne arbeitete für Super-Spione. Seine Kenntnis des britischen Geheimdienstes scheint manchmal so groß, daß es höchst gefährlich anmutet, ihn überhaupt freigelassen zu haben.

Wenn man seine Geschichte für bare Münze nimmt, dann wurde die Operation Penkowski, ob es einem gefällt oder nicht, in erschreckendem Maße unter Mißachtung aller Sicherheitsregeln durchgeführt. Wir lesen von nachlässigem Transport des Spionagematerials; als Penkowski nach Rußland zurückkehrte, war er mit der magischen Ausrüstung des Spions buchstäblich beladen: Kameras, Funkgerät, Film, präpariertes Schreibpapier und was sonst noch dazugehört. Die westlichen Geheimdienstagenten spazieren nicht einzeln, sondern scharenweise herum, wie eine Filmgruppe. Trotz aller Vorausschau und seinen fünf Jahren Vorbereitung hatte Wynne selber zweimal beim Verlassen Rußlands große Umschläge voller Dokumente »in seinem Mantel«.

Da fragt man sich, welche Bewandtnis es eigentlich wohl mit jenen acht westlichen Diplomaten hatte, die nach Penkowskis Verhaftung ausgewiesen wurden? Könnten sie nicht behilflich gewesen sein? Mr. Wynne hatte Zugang zur Botschaft, und wie wir wissen, haben Botschaften Zugang zum Diplomatengepäck. Seine eigene Ausbildung scheint recht flüchtig gewesen zu sein. Hatte man ihm nicht gesagt, daß Hintergrundgeräusche aus Tonbandgesprächen heraussynchronisiert werden können? Oder daß man Autos mit Abhörgeräten versehen kann? Hätten sie ihm in diesen fünf Jahren nicht ein paar Worte Russisch beibringen können?

Unser Glaube an seine Lehrer wird auch nicht gerade bestärkt, wenn wir die Stelle lesen, wo Mr. Wynne beschreibt, wie aus Amerika und »den vier Ecken Englands« 20 wichtige sowjetische Überläufer nach London gebracht wurden, um Penkowski zu treffen und ihm Mut für den nächsten Schritt seiner Mission zu machen: »Wir haben die Leute hergebracht, Oberst Penkowski, damit Sie das Gefühl haben, sich unter Freunden zu befinden und uns willkommen zu sein.

Penkowskis Antwort ist nicht festgehalten. Ich vermute, er sagte: »Jungs, das könnt ihr euch an den Hut stecken;«

Seit der Militärzeit hat sich Mr. Wynnes Wissensdrang auf sehr merkwürdige Art und Weise entwickelt. Dem wirklichen Mr. Wynne, glaube ich, begegnen wir nur zweimal. Zuerst, als er seine Beziehungen zu Penkowski beschreibt. Hier werden wir durch die Aufrichtigkeit ihrer Freundschaft gerührt. Es ist klar, daß diese gegenseitige Bindung beide auf vertrackte Art und Weise stützt: Sie gingen zusammen auf Schürzenjagd (Mr. Wynne spielte dabei nur den Zuschauer), sie tranken zusammen, spionierten zusammen und standen zusammen vor Gericht; so entstehen Freundschaften. Und das ist an Mr. Wynne seltsam und liebenswert zugleich, weil Spione eigentlich keine guten Freunde abgeben, aber Mr. Wynne war natürlich eine Ausnahme.

Was war Wynne also für Penkowski? Mr. Wynne erzählt uns nichts über seine Vergangenheit; seine Kindheit, Erziehung und Familie bleiben im dunkeln. War er der ältere Bruder? Der jüngere? Buchan oder Fleming? Für mich liegt die Antwort in jenem anderen Hinweis auf die Wahrheit, dem Gruppenbild gegenüber Seite 49. Hier sieht man Mr. Greville Wynne, den bekannten englischen Spion, als Begleiter einer Handelsdelegation in Rußland. Er trägt einen Robin-Hood-Hut, eine Fliege und eine Schaffelljacke. Die Jacke stammt von Buchan, der Hut von Bond, und die ganze prekäre Mixtur stimmt mitleidig.

Ich habe das Buch niedergelegt, und

plötzlich habe ich das furchtbare Gefühl, Mr. Wynne, seine Verkleidung und der ganze Rest würden nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun.

Die Spionage ist ein einsames Geschäft. Die Loyalität ist zu oft einseitig. Nach dem Erscheinen von Mr. Wynnes Buch wußte das Außenministerium folgendes zu sagen: »Das Außenministerium distanziert sich voll und ganz von dem Inhalt dieses Buches. Gewisse Passagen über angebliche Tätigkeiten britischer Behörden und über Mr. Wynnes Beziehungen zu diesen Behörden wären gewiß aus Sicherheitsgründen beanstandet worden, hätten sie der Wahrheit entsprochen.«

* Mit einer britischen Handelsdelegation 1960 vor dem Bolschoi-Theater.

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