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Stasi Der IM wird Rezensent

aus DER SPIEGEL 46/1996

Im März 1990 hatte die Frankfurter CDU-Politikerin Erika Steinbach eine Vision: Sie behauptete, der Kulturmanager und Bundestagskandidat der SPD, Diether Dehm, sei vor Jahren Stasi-Mitarbeiter gewesen. Dehm ließ die Behauptung auf dem Gerichtswege verbieten. Die Sache ruhte, bis in diesem Jahr eine Stasi-Akte auftauchte, aus der hervorging, daß Dehm als IM »Diether« und IM »Willy« von 1971 bis 1978 die Hauptabteilung XX/5 der Stasi mit Informationen aus dem SPD-Milieu versorgt hatte. Steinbach beantragte die Aufhebung des Maulkorbs, am 1. August gab das Frankfurter Landgericht ihrem Antrag statt. Dehm legte Berufung ein, über die das Frankfurter Oberlandesgericht am 6. November verhandeln wollte. Dazu kam es nicht. Dehm beantragte, die Frankfurter Richter wegen »Befangenheit« abzulehnen, ohne Erfolg. Dann versuchte er, die Herausgabe seiner Stasi-Akte durch die Gauck-Behörde an das Oberlandesgericht Frankfurt mit einer einstweiligen Anordnung zu verhindern, scheiterte damit jedoch ebenfalls. Am 31. Oktober nahm Dehms Anwalt die Berufung zurück, da sein Mandant in dem Verfahren »keine Möglichkeit sieht, seine Interessen adäquat gewürdigt zu sehen«, und außerdem befürchten müsse, »weitere Rufschädigungen zu erleiden«. Dehm macht außergerichtlich auf seine Art weiter. In der Wochenzeitung Freitag vom 1. November rezensierte er Biermanns neueste CD. Schon als IM »Willy« hatte er sich kritisch mit dem Dichter beschäftigt - in ausführlichen Berichten für die Stasi.

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